Ökonomie

Was uns glücklich macht

Von Bruno Frey
28.09.2009
, 13:42
Geld macht glücklich - aber nur die Armen. Wenn wir alle mehr verdienen, werden wir nicht zufriedener. Was die Ökonomen von der Glücksforschung lernen können.
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In den letzten Jahren hat die Glücksökonomie einen wahren Siegeszug angetreten. Dieses neue Gebiet der Volkswirtschaftslehre hat nicht nur innerhalb der Wissenschaft große Aufmerksamkeit gefunden, sondern ist auch in der breiten Öffentlichkeit stark beachtet worden. Es hat sogar Eingang in Schulen gefunden, in denen jungen Leuten gelehrt werden soll, wie sie glücklich (oder zumindest glücklicher) werden können.

Die Glücksökonomie hat neben der Bestätigung alten Wissens auch überraschende Ergebnisse gezeigt. Bisher war vor allem umstritten, ob Geld glücklich macht. Für manche Leute - und dazu gehören auch die Volkswirte - ist es offensichtlich, dass ein höheres monetäres Einkommen den individuellen Nutzen (oder eben die Lebenszufriedenheit) erhöht. Andere sind völlig überzeugt, dass Glück nichts mit materiellen Dingen zu tun hat, sondern aus dem Inneren eines jeden Menschen kommt.

Demokratie erhöht das Glücksgefühl

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Sorgfältige empirische Studien mit vielen Tausenden von Personen zeigen, dass Geld in der Tat glücklich macht. Personen mit höherem Einkommen weisen im Durchschnitt eine höhere Lebenszufriedenheit auf als Personen mit niedrigerem Einkommen. Das Gleiche gilt beim Vergleich zwischen Ländern. Individuen, die in reicheren Ländern wohnen, sind im Durchschnitt glücklicher als solche, die in ärmeren Ländern wohnen.

Allerdings muss sogleich hinzugefügt werden, dass ein höheres Einkommen die Lebenszufriedenheit vor allem bei wirtschaftlich schlechtgestellten Personen steigert. Ist ein mittleres Einkommen erreicht, erhöht eine Einkommenssteigerung das Lebensglück kaum noch. Noch wichtiger ist der Gewöhnungseffekt. Individuen freuen sich über ein höheres Einkommen, aber bereits nach recht kurzer Zeit betrachten sie es als mehr oder weniger selbstverständlich. Die Lebenszufriedenheit nimmt unter sonst gleichen Bedingungen im Laufe der Zeit wieder ab. Eine ähnliche Wirkung hat der soziale Vergleich. Menschen haben die Tendenz, sich mit andern zu messen. Wenn alle einen Einkommensanstieg erfahren, erlebt der Einzelne keine sonderliche Steigerung seiner Lebenszufriedenheit.

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Als wichtigste wirtschaftliche Einflussgröße auf das Glück erweist sich die Arbeit. Wer entlassen wird, erleidet einen starken Rückgang der Lebenszufriedenheit, auch wenn das Einkommen gleich bliebe. Das Unglück kommt vom Gefühl, nutzlos zu sein und von der Gesellschaft nicht mehr geschätzt zu werden. Im Unterschied zu einer Einkommensveränderung gewöhnen sich arbeitslose Männer nicht an diesen Zustand; sie sind mit ihrem Leben wenig zufrieden. Arbeitslose Frauen erleiden anfänglich zwar den gleichen Rückgang an Lebenszufriedenheit, sie finden aber durch den Rückzug in die Familie oft eine Tätigkeit, welche die Arbeitslosigkeit für sie erträglicher macht.

Auch soziodemographische Faktoren wie Alter und Familienverhältnisse üben einen nachweisbaren und starken Einfluss auf das Glücksempfinden aus. Besonders wichtig sind die politischen Verhältnisse. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass politische Mitwirkungsrechte die Menschen zufriedener machen. Demokratie ist somit nicht nur eine an und für sich erwünschte Gesellschaftsform, sondern erhöht auch das menschliche Glücksgefühl. Dieses Ergebnis gilt besonders für Demokratien mit direkten Beteiligungsmöglichkeiten mittels Volksabstimmungen, wie sie etwa in der Schweiz, aber auch in einigen anderen Ländern praktiziert wird. Ähnlich glücksstiftend sind dezentrale politische Entscheidungen, wie sie in föderalen Systemen gepflegt werden. Das Glücksgefühl der Menschen steigt, wenn sie politisch ernst genommen werden.

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Die Glücksökonomie ermittelt nicht nur, welche Faktoren günstig für die Lebenszufriedenheit sind, sondern sie erlaubt es auch, bisher vernachlässigte Gebiete der Volkswirtschaftslehre erfolgreich anzugehen. Hierzu zwei Beispiele.

Die Bestimmung des Werts öffentlicher Güter war bisher schwer durchzuführen. Es handelt sich dabei um Güter, die nicht auf einem Markt gehandelt werden, wie zum Beispiel die Umweltqualität, das Kulturangebot oder die öffentliche Sicherheit. Da meist der Staat diese Güter zur Verfügung stellt und dafür Steuern erhebt, ist es relevant zu wissen, wie wichtig den Menschen diese öffentlichen Güter sind. Sollte mehr oder weniger davon angeboten werden, und wenn ja, wie viel? Die Ökonomen hatten sich lange damit beholfen, die Menschen zu fragen, wie viel ihnen ein bestimmtes Mehr oder Weniger an Versorgung wert wäre. Dieses Vorgehen ist jedoch fragwürdig, weil mit einer solchen Frage geradezu suggeriert wird, dass das Gut viel wert sein sollte. Überdies wissen die Befragten, dass sie nicht direkt dafür bezahlen müssen. schließlich ist ihnen oft nicht klar, worum die Frage wirklich geht, denn sie ist ja in der Tat nur spekulativ.

Die Glücksforschung ermöglicht einen andern Zugang. Die Menschen werden in der üblichen Weise gefragt, wie glücklich sie sind. Mit Hilfe statistischer Methoden wird dann eine Korrelation zum bestehenden Angebot an öffentlichen Gütern hergestellt. Es lässt sich daraus ableiten, wie viel Wert den Menschen ein bestimmtes öffentliches Gut ist. Das Verfahren wurde schon verschiedentlich erfolgreich angewandt. Es zeigt sich insbesondere, dass die Leute eine bessere Luftqualität durchaus schätzen, selbst wenn sie selbst nicht über dessen Zustand informiert wurden. Ähnlich konnte gezeigt werden, dass Menschen stark unter der Unsicherheit von terroristischer Bedrohung leiden, das heißt, sie messen der öffentlichen Sicherheit hohen Wert bei.

In der herkömmlichen Wirtschaftstheorie wurde angenommen, alle Menschen würden immer ihren Nutzen maximieren. Mit Hilfe der Glücksforschung lassen sich hingegen die Grenzen menschlicher Rationalität identifizieren. So wurde vor allem gezeigt, dass Individuen den zukünftigen Nutzen materieller Güter - wie etwa eines neuen Autos oder einer neuen Wohnung - zu hoch und relationale Güter - insbesondere Freundschaften und andere soziale Beziehungen - zu gering einschätzen. Daraus resultiert ein allzu sehr am Materiellen orientiertes Konsumverhalten, das die Individuen selbst nachträglich als falsch einschätzen.

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Die ökonomische Glücksforschung gibt den Menschen keine moralischen Ratschläge, sondern untersucht, wie sie gemäß ihrer eigenen Einschätzung ihre Zufriedenheit mit ihrem eigenen Leben erhöhen können. Sie identifiziert die Bestimmungsgründe des Glücks und gibt den Menschen Anhaltspunkte, wie sie ein zufriedenes Leben erreichen können.

Bruno Frey ist Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität Zürich und einer der Pioniere der ökonomischen Glücksforschung.

Quelle: F.A.Z.
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