Reichsfinanzministerium

Die große Plünderung

Von Rainer Hank
Aktualisiert am 08.11.2010
 - 12:04
Gesuch eines Schulleiters, der das Vermögen von Juden will
Das Reichsfinanzministerium betrieb zwischen 1933 und 1945 aktiv die fiskalische Vernichtung der Juden und raubte die okkupierten Gebiete aus. Forscher glauben, dass das Finanzministerium in wichtigen Punkten „deutlich einflussreicher“ war als das Auswärtige Amt. Jetzt wird erstmals die Geschichte auch dieses Hauses wissenschaftlich erforscht.

Als der Münchner Universitätsprofessor N. am 24. Juli 1939 nach England emigrierte, war der einstmals vermögende Chefarzt eines großen Münchner Krankenhauses ein armer Mann: 1938 hatten die Finanzbehörden ihn zur "Judenvermögensabgabe" in Höhe von 57.000 Reichsmark herangezogen, vor der Ausreise musste er dann noch fast 40.000 Mark "Reichsfluchtsteuer" zahlen.

Sein restliches Vermögen - rund 200.000 Reichsmark - hatte das Finanzamt durch Sicherungsanordnung blockiert, unmittelbar nachdem es von den Ausreiseplänen der Familie N. erfahren hatte. 96 Prozent davon verfielen beim Umtausch in Devisen dem Fiskus. Nach seiner Ausbürgerung konfiszierte die Finanzverwaltung auch die restlichen vier Prozent. Nicht mehr als der Gegenwert von zehn Mark blieb den Emigranten als Startkapital.

1933 verfügten die deutschen Juden über ein Vermögen von rund 16 Milliarden Reichsmark, nach der Machtergreifung Hitlers konnten sie etwa ein Viertel davon ins Ausland retten. Um den Rest begann ein Bereicherungswettlauf zwischen Privatpersonen, Unternehmen, Verbänden, Partei- und Reichsstellen. "Dieser Ausplünderungszug bezeichnet einen der größten Besitzerwechsel in der neueren deutschen Geschichte", sagt die Münchner Historikerin Christiane Kuller.

Reichsfinanzministerium und die untergeordneten Behörden zählten zu den wichtigsten Akteuren dieses "Arisierungsprozess" genannten Raubzugs. Die Finanzbehörden erfüllten bei der Judenverfolgung eine Schlüsselfunktion bis hin zur Abwicklung von vermögensrechtlichen Aspekten der Deportation. Sie schreckten bei ihrer fiskalischen Judenverfolgung noch nicht einmal vor dem Zynismus zurück, Menschen eine Kapitalfluchtsteuer abzupressen, die man doch mit allen Mitteln in die Flucht treiben wollte. Der Skandal aber ist: Bis heute ist die Geschichte des Reichsfinanzministeriums noch nicht erforscht.

Erst der SPD-Politiker Peer Steinbrück, Finanzminister der großen Koalition, gab im Sommer 2009 einer unabhängigen Historikerkommission den Auftrag, die Nazigeschichte des Hauses am Berliner Wilhelmplatz zu erforschen (zunächst wollte man das im Ministerium intern machen). Der Auftrag: Welche Rolle spielte das Reichsfinanzministerium bei der Ausplünderung der Juden und bei der Finanzierung von Rüstung und Krieg? Welche Handlungsspielräume hatten die Akteure?

"Das Finanzministerium hat Aufrüstung und Krieg finanziert, das Regime über 12 Jahre stabilisiert und es letztlich mitgetragen", sagt Hans-Peter Ullmann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Köln und Sprecher der Kommission. Das Ganze beruhte auf mehreren Säulen: auf Steuern, Kredit, Raub und Plünderei. Erhebliche Mehreinnahmen im Interesse der Kriegswirtschaft brachten nicht zuletzt die finanziellen Beutezüge der Nazis gegen die Juden. "Vor der Deportation in die Vernichtungslager erlitten die Juden den Finanztod", sagt Ullmann.

Gewiss, es gibt eine ganze Reihe von lokalen und regionalen Studien, die sich mit der fiskalischen Judenverfolgung beschäftigen; es fehlt aber eine wissenschaftlich solide Analyse des Reichsfinanzministeriums. Dass eine solche Gesamtdarstellung der Fiskalverbrechen der Nazis über sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch nicht existiert, verwundert und hängt womöglich damit zusammen, dass, erst nachdem die meisten Akteure tot sind, die historische Erinnerung sich der Wahrheit zu nähern traut.

Anstoß des Forschungsprojekts war das Vorbild Joschka Fischers

Direkter Anstoß des Forschungsprojekts war für Steinbrück das Vorbild Joschka Fischers, der 2005 in Auftrag gab, die Geschichte des Auswärtigen Amtes (AA) zu erforschen. Das Außenministerium war "eine verbrecherische Organisation", lautete das Resümee der Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse ("Das Amt") in der vorvergangenen Woche der Öffentlichkeit präsentiert haben (die Sonntagszeitung hat darüber am 24. und 31. Oktober ausführlich berichtet; siehe auch FAZ.NET-Sonderseite: Das Auswärtige Amt und der Nationalsozialismus).

Heute schon lässt sich sagen, dass auch das Reichsfinanzministerium als eine "verbrecherische Organisation" bezeichnet werden muss: "Vermutlich gilt das hier sogar noch in größerem Ausmaß", sagt Historiker Ullmann: "In allen wesentlichen Punkten der Nazipolitik hatte das Ministerium eine mitgestaltende Rolle." Diese aktive Funktion - abermals vergleichbar mit dem AA - wurde von den maßgeblichen Akteuren nach 1945 absichtsvoll heruntergespielt. Lutz Graf Schwerin von Krosigk (1887 bis 1977), der von 1932 bis 1945 an der Spitze des Ministeriums stand, sah sich selbst als eine Art "Hauptbuchhalter der Nation", unpolitisch, regimeloyal, aber auch neutral.

Gab sich von Krosigk als nationalkonservativer Fachmann, profilierte sich sein 1933 ins Amt gekommener Staatssekretär Fritz Reinhardt (1895 bis 1969), ein strammer Parteigänger, als Vorkämpfer für den Nationalsozialismus. Doch auch Reinhardt porträtierte sich bei den Gerichtsverhandlungen im Entnazifizierungsverfahren als reiner Finanzexperte, der sich nur den Reichsfinanzen verpflichtet fühlte, Nachteile für Juden abmilderte und sich ansonsten Entscheidungen anderer Ministerien beugen musste. Ins Amt gekommen war Reinhardt, das muss er 1945 absichtlich vergessen haben, nachdem Arthur Zarden seinen Posten verloren hatte, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Zarden entzog sich 1944 seiner drohenden Folterung in Gestapo-Haft durch Selbstmord.

Die aktive Rolle des Ministeriums bei Raub, Aufrüstung, Krieg und Verbrechen wurde nach 1945 zwar nicht unbedingt beschwiegen, aber doch sehr durch die milde Erinnerung an der Spitze des Hauses geprägt. Während Staatssekretär Reinhardt in der Bundesrepublik als Steuerberater arbeitete, ansonsten aber nicht weiter in Erscheinung trat, wandelte sich Minister Schwerin von Krosigk - im Wilhelmstraßenprozess als Kriegsverbrecher zu zehn Jahren Haft verurteilt, aber schon im Januar 1951 amnestiert - zum Schriftsteller und Publizisten. Der Mann, der 1936 das Standardwerk "Nationalsozialistische Finanzpolitik" veröffentlichte, gab dann 1975 den Band "Jenny Marx. Liebe und Leid im Schatten von Karl Marx" heraus: "Eine Biographie nach Briefen und Tagebüchern."

Zumindest auf der Ebene der westlichen Besatzungszonen sei nach 1945 personell und organisatorisch die Tradition des Reichsfinanzministeriums nicht abgerissen, heißt es im Forschungsauftrag der Kommission, die Anfang 2010 ihre Arbeit aufgenommen hat. Mit anderen Worten: Gepflegt wurde das Selbstbild einer fachlich begründeten, politisch im Grunde neutralen Verwaltung, die sich fortan ganz in den Dienst des Wiederaufbaus stellte und die finanziellen Erfolge des Wirtschaftswunders für den Fiskus einstrich und verwaltete.

Wie freilich die maßgeblichen Karrierewege im Einzelnen nach 1945 verliefen, welche personellen Kontinuitäten es gab (auch welche Brüche), all das ist bis heute nicht bekannt und gehört jetzt zum Arbeitsprogramm der Kommission, der mit 500.000 Euro eine erste dreijährige Forschungsphase bewilligt wurde. "Wir stehen noch ganz am Anfang", sagt Ullmann. Im Unterschied zum Auswärtigen Amt sei über das Finanzministerium wesentlich weniger bekannt, ergänzt Ullmanns Kollege Ulrich Herbert, Historiker an der Universität Freiburg: "Das Finanzministerium war in vielen Punkten vermutlich deutlich einflussreicher als das AA."

Anschlussprojekt bewilligt

Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Ergebnisse des AA-Berichts wurde der Kommission vor ein paar Tagen sogleich ein Anschlussprojekt mit weiteren 650 000 Euro bewilligt, insgesamt also 1,15 Millionen (für das AA standen 1,5 Millionen Euro zur Verfügung). Am morgigen Montag werden im Finanzministerium in Berlin erste Zwischenergebnisse präsentiert.

Konsens herrscht unter den Historikern, dass die Geschichte des Finanzministeriums nicht nur als Institutionengeschichte geschrieben werden muss, sondern zugleich die vom Ministerium verantwortete Fiskalgeschichte der Jahre zwischen 1933 und 1945 einzubeziehen ist. Dahinter steckt die Frage, wie Hitler solch gigantische Summen in die Rüstung lenken konnte und wie es gelang, die Massen trotz der finanziellen Belastungen loyal zum NS-System zu halten.

Bereits in den ersten sechs Jahren zwischen Januar 1933 und 1939 steigerte das Regime den Anteil des Militärhaushalts am Sozialprodukt von einem Prozent auf fast 20 Prozent. Noch nie zuvor war das Sozialprodukt eines kapitalistischen Staats zu Friedenszeiten in einem solchen Ausmaß oder mit solcher Geschwindigkeit umverteilt worden. Alles in allem flossen bis zum Kriegsbeginn mindestens 62 Milliarden Reichsmark in die Rüstung. Im Zweiten Weltkrieg gab das Reich zwischen September 1939 und Mai 1945 1471 Milliarden Reichsmark aus, wovon die "Zivilausgaben" mit 200 Milliarden den geringsten Anteil ausmachten.

Dass es offensichtlich ohne gesellschaftliche Konflikte gelingen konnte, solch große Summen für militärische Zwecke einzusammeln, schreibt die bisherige Forschung der "geräuschlosen Finanzierung" zu. Das Nazi-Regime scheute sich, die Steuerschraube für die breiten Schichten drastisch anzuziehen. Während man die Einkommen der Reichen und die Gewinne der Unternehmen stärker belastete, wurden die Volkseinkommen geschont. Es mag auf dem Hintergrund der Erzählungen der Kriegsgeneration provozierend klingen, aber es ist gleichwohl wahr: "Bis 1944 ging es den Deutschen unter den Nazis nicht schlecht" (Adam Tooze).

Es gelang der Regierung, den Lebensstandard auf dem Niveau der späten Zwanzigerjahre zu halten. Geschickter als im Ersten Weltkrieg, sorgten die Nazis von Anfang an dafür, dass die Familien der Soldaten einen großzügigen Ersatz für das entgangene Einkommen erhielten (28 Milliarden Reichsmark) und zusätzlich der "Wehrsold" für die Truppen durch eine ganze Reihe von Zulagen aufgestockt wurde. All das waren Maßnahmen, die dazu dienten, das Volk bei Laune zu halten und es die finanziellen Belastungen nicht spüren zu lassen. Der Historiker Götz Aly nennt diesen Sozialstaat ("Volksgemeinschaft") eine "Wohlfühldiktatur".

Während die deutsche Bevölkerung geschont wurde, wurden die okkupierten Länder monetär ausgeplündert, freilich auch hier weniger durch direkte Kontributionen oder Requisitionen, sondern ebenfalls auf eine geräuschlose Weise, was erst indirekt spürbar wurde, wenn die Zentralbanken dieser Länder die hohen Geldforderungen der Besatzer bedienen mussten und dafür die Geldmenge erhöhten. Das lief für die Bevölkerung auf eine Art "Inflationssteuer" hinaus. Mit anderen Worten: Um den Lebensstandard der Deutschen zu halten, verarmten Polen, Franzosen oder Niederländer.

Die Theorie der „geräuschlosen Finanzierung“ wackelt

Eine Gesamtdarstellung der ökonomischen Seite der deutschen Besatzungspolitik steht bis heute aus. Vieles ist noch völlig unklar. Während etwa Götz Aly berechnet, dass 70 Prozent des deutschen Sozialprodukts aus den okkupierten Ländern gepresst wurden, beziffert der Yale-Historiker Adam Tooze, der der Kommission des Ministeriums angehört, den Außenbeitrag lediglich auf 17 Prozent. Tooze kann gute Gründe ins Feld führen: Leicht übersehen - und ebenfalls noch lange nicht hinlänglich studiert - wird nämlich der Stellenwert der öffentlichen Schulden. Die Ersparnisse der deutschen Bevölkerung sollten dem Staat zufließen und nicht etwa in private Investitionen oder den Konsum gelenkt werden. Aus Angst vor einer "finanziellen Volksabstimmung" (Schwerin von Krosigk) bediente sich der Fiskus auch hier eines geräuschlosen Verfahrens, indem er die Rüstungs- und Kriegsanleihen (in den Kriegsjahren 1195 Milliarden Mark) am Kapitalmarkt plazierte und sich das Geld, unmerklich für die Bevölkerung, bei Sparkassen, Versicherungen oder Sozialkassen holte. Doch ökonomisch gibt es kein Vertun: Die angehäuften Wertpapiere spiegeln die unmittelbar anfallenden reellen Kriegskosten, die anderweitige Konsum- und Investitionsbedürfnisse verdrängten.

Adam Tooze geht noch einen Schritt weiter und stellt die gängige Theorie der "Geräuschlosigkeit" teilweise in Frage. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, sind hiervon einige der spektakulärsten Forschungsergebnisse zu erwarten. Zwar ist nicht zu bestreiten, dass viele Staatsanleihen am Kapitalmarkt plaziert wurden (was sich auch international als "Abschied vom Rentier" abzeichnete). Doch zugleich wurden solche Rüstungsanleihen auch häufig den deutschen Anlegern direkt verkauft. So emittierte das Reich zwischen 1935 und 1938 zehn separate Anleihen im Wert von über neun Milliarden Reichsmark. Die erfolgreichste Anleihe über 1,6 Milliarden kam direkt unter die Leute und ging zügig weg: 95 .000 Personen zeichneten auf der Stelle mit Kleinbeträgen unter 20.000 Mark.

Wenn dies mehr als ein Einzelfall ist, wäre das spektakulär. Denn es könnte fiskalisch den "Mythos des Nichtwissens" zertrümmern, den die Deutschen nach dem Krieg gerne pflegten. Nicht nur dass niemand von der Vernichtung der Juden gewusst haben wollte.

Dass dieses Verbrechen mit dem verzinsten Geld der kleinen und großen Sparer finanziert werden musste, sei ebenfalls unbekannt gewesen, hieß es. Die Theorie der "geräuschlosen Finanzierung" wäre, sollte sie falsifiziert werden, dann nichts anderes als die akademische Legitimation des Mythos des Nichtwissens.

Tooze hat seinen Kollegen Werbefilme der örtlichen Sparkassen vorgeführt, die die Anleihen unters Volk brachten und keinen Zweifel an dem Kriegszweck des eingesammelten Geldes ließen. Wie stets schufen die Nazis Loyalität offenbar nicht durch Verschweigen, sondern indem sie klar Farbe bekannten. Ihre Absichten mussten die herrschenden Eliten der Volksgemeinschaft nicht verheimlichen, weil sie sich der breiten Zustimmung auch zur Notwendigkeit ihrer Finanzierung sicher waren.

"Warum war die Aufrüstung in Deutschland so populär?", fragt Adam Tooze. Diese "innige Waffenliebe der Deutschen" nennt er eine zentrale offene Frage der NS-Geschichtsschreibung. Der Blick auf das Reichsfinanzministerium könnte ein Schlüssel zu ihrer Beantwortung sein.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot