Corona-Krise

Wo es beim Impfen, Testen, Nachverfolgen hakt

Von Britta Beeger, Corinna Budras und Christian Geinitz
24.03.2021
, 10:35
Wenig los: im Impfzentrum auf der Erfurter Messe
Die Politik hatte versprochen, mit diesen Mitteln mehr Freiheit zu ermöglichen – doch es hapert an allen Ecken und Enden. Eine Bestandsaufnahme.
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Am Tag nach dem Bund-Länder-Treffen fand der Düsseldorfer Volkswirtschaftsprofessor Justus Haucap deutliche Worte: „Die #Corona-Politik wird immer mehr zu einer totalen Bankrotterklärung“, schimpfte er auf der Kurznachrichtenplattform Twitter: „Wieso steht #Impfen, #Testen, #Nachverfolgen so weit hinten auf der Prioritätenliste, #Ausgangssperren & #Lockdown so weit vorn?“

Mit seinem Wutausbruch hat er nicht ganz unrecht: In allen drei Bereichen gibt es noch viel Luft nach oben: Beim Impfen liegt es inzwischen weniger an fehlendem Impfstoff als an der Organisation. In den zwei Wochen bis Ostern will der Bund fünf Millionen Dosen an die Länder liefern. Aber deren Impfzentren schaffen kaum 200.000 Spritzen am Tag, in vierzehn Tagen also nicht einmal 3 Millionen. Und das, obwohl sie versichert haben, die Kapazität auf 300.000 bis 400.000 annähernd zu verdoppeln. Passiert ist das bisher nicht. Die Hausärzte kommen erst nach den Feiertagen zum Zug, und das spärlich: Sie erhalten eine Million Einheiten in der Woche, 20 Dosen je Praxis. Die 50.000 Mediziner trauen sich das Fünffache zu, doch die Länder haben durchgesetzt, bevorzugt beliefert zu werden – auch wenn sie jetzt schon nicht allen Impfstoff loswerden.

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17 von 26 EU-Staaten sind weiter

Viel sinnvoller wäre es, da ist man sich in Berlin einig, auf die Haus-, Fach- und Betriebsärzte in der Fläche zu setzen, und zwar mit Vakzinen von Astra-Zeneca und Biontech. Die Impfzentren und Impfteams könnten dann neben Biontech vor allem das schwer zu lagernde Präparat von Moderna einsetzen, und zwar für die Immunisierung größerer Gruppen. Dazu zählen Ärzte, Pflegepersonal, Polizisten, Soldaten oder die Mitarbeiter von Schulen und Kindergärten. Die niedergelassenen Ärzte haben in der laufenden Saison schon mehr als 20 Millionen Grippeinjektionen gesetzt. Die Belieferung erfolgt eingespielt über Großhandel und Apotheken, teilweise mehrfach am Tag. So geräuschlos soll es auch mit dem Covid-19-Vakzin laufen.

Die Impfzentren haben seit dem 27. Dezember nur halb so viele Corona-Schutzimpfungen verabreicht. Bis Montag meldete das Robert-Koch-Institut 11,1 Millionen Injektionen. 9,2 Prozent der Bevölkerung haben eine Erstimpfung erhalten, 4,1 Prozent gelten nach zwei Spritzen als immunisiert. Die Lieferungen nehmen stark zu. Im zweiten Quartal wird dreimal so viel Impfstoff erwartet wie im ersten. In der Zeit nach Ostern sind jede Woche zwischen 3,3 und 5,4 Millionen Einheiten vorgesehen. 17 von 26 EU-Staaten sind beim Impfen weiter als Deutschland.

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Einige Schulen haben noch keine Tests bekommen

Auch bei den Corona-Tests hapert es an der Organisation. Anfang März hatten Bund und Länder beschlossen, die vereinbarten Öffnungen durch umfangreiche Tests abzusichern. Vom 8.März an sollte jedem Bürger mindestens einmal in der Woche ein kostenloser Schnelltest zur Verfügung stehen. Auch Kita-Beschäftigte, Lehrer und Schüler sowie die Beschäftigten in Unternehmen sollten „bis Anfang April schrittweise“ einmal in der Woche getestet werden.

Für die ersten beiden Gruppen vermittelte eine Taskforce den Ländern, die für das Beschaffen und das Organisieren der Tests vor Ort zuständig sind, nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums ausreichend Kontingente: Für März und April stehen demnach mehr als 130 Millionen Selbsttests für die Eigenanwendung unter anderem von Roche und Siemens bereit. Hinzu kämen allein im März 150 Millionen Schnelltests zur Anwendung durch geschultes Personal.

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Vor Ort laufen die Testkampagnen jedoch unterschiedlich gut an, wie sich am Beispiel der Schulen beobachten lässt. Einige Bundesländer wie Hamburg haben schon Mitte März mit dem Testen begonnen, anderswo ging es Anfang dieser Woche los, in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben die Schulen zum Teil noch keine Tests erhalten, in Bayern sollen sie erst nach den Osterferien an allen Schulen zum Einsatz kommen. In einigen Bundesländern sind die Tests verpflichtend, anderswo freiwillig – beides stößt auf Kritik von Elternvertretern. Und: Auch darüber, ob die Tests in der Schule oder zu Hause gemacht werden sollen, wird zum Teil noch diskutiert. In ihrem Beschluss von Montagnacht machen Bund und Länder Druck: „Baldmöglichst“ soll es in den Schulen zwei Tests in der Woche geben.

Hoffen auf die Luca-App

Ähnlich holprig verlief auch der Start der kostenlosen Schnelltests durch geschultes Personal in Testzentren, Apotheken oder Arztpraxen. In vielen Regionen, insbesondere in Ballungsgebieten, steht einem Test etwa vor dem Besuch der Eltern aber inzwischen nichts mehr im Weg. So gibt es in Nordrhein-Westfalen mehr als 2600 Teststellen, in Hessen mehr als 470, in Berlin fast 150. Allerdings läuft es auch jetzt noch nicht überall rund: Im Landkreis Rostock gab es beispielsweise bis Anfang der Woche keine Möglichkeit für einen kostenlosen Schnelltest. Nun sollen zwölf Testzentren aufgebaut werden.

Zur Lage in den Unternehmen wiederum sollen die Wirtschaftsverbände Anfang April einen Bericht vorlegen, wie viele Betriebe ihren vor Ort anwesenden Mitarbeitern Tests anbieten. Einige aktuelle Umfragen von Industrie- und Handelskammern deuten darauf hin, dass der Anteil mit jedem fünften bis sechsten eher gering ist. Zugleich wächst aber der Kreis prominenter, großer Konzerne, die solche Tests für ihre Mitarbeiter anbieten.

Ähnlich schleppend verläuft die Entwicklung bei der Kontaktnachverfolgung. Von einem einheitlichen System, das im ganzen Land funktioniert, kann auch nach einem Jahr Pandemie keine Rede sein, obwohl sich die Politik seit November immer neue Ziele setzt: Bund und Länder hatten vereinbart, die Analysesoftware Sormas flächendeckend in allen 375 Gesundheitsämtern einzuführen, doch viele Gesundheitsämter weigern sich, mitten in der Pandemie umzusatteln, und verweisen auf eigene funktionierende Systeme. Größere Hoffnungen verbinden sich mit der Luca-App, die nun schon in mehreren Bundesländern im Einsatz ist, allerdings sucht man auch hier die Einheitlichkeit vergeblich. Wahrscheinlicher ist, dass mehrere Apps zum Einsatz kommen. Auch die Corona-Warn-App soll im April um eine ähnliche Funktion ergänzt werden.

Quelle: F.A.Z.
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