Bilanzskandal

Wo steckt der frühere Wirecard-Vorstand Jan Marsalek?

Von Christoph Hein, Singapur und Henning Peitsmeier, München
29.06.2020
, 16:18
Nach ihm wird gefahndet: Jan Marsalek.
Ist Jan Marsalek über die Philippinen nach China gereist – oder ist das alles nur ein Ablenkungsmanöver? Stellen will sich der ehemalige Wirecard-Vorstand jedenfalls nicht.
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Jan Marsalek ist verschwunden. Gegen den fristlos gekündigten Vorstand der Wirecard AG liegt ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft München vor. Ob sich der 40 Jahre alte Österreicher der deutschen Justiz stellen möchte, um zur Aufklärung des Bilanzskandals beizutragen, ist derzeit unwahrscheinlicher denn je. Denn noch ist nicht einmal sein Aufenthaltsort bekannt. Ist er in Asien untergetaucht? Besitzt der Mann, dem gute Kontakte in die Geheimdienstszene nachgesagt werden, inzwischen gar eine neue Identität?

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Alles scheint möglich bei jenem Manager, bei dem die Fäden zusammenliefen in dem obskuren Asiengeschäft, das der Münchner Zahlungsabwickler mit Partnerfirmen in Schwellenländern betrieb und das angeblich für ein Vermögen von 1,9 Milliarden Euro gut war, das es wahrscheinlich aber nie in der Bilanz des Dax-Konzerns gegeben hat.

Treuhänder Tolentino sieht sich als Opfer

Während der frühere Wirecard-Chef Markus Braun sich den deutschen Strafverfolgern stellte und gegen eine Kaution von 5 Millionen Euro wieder auf freiem Fuß ist, hat sein langjähriger Weggefährte Marsalek wohl andere Pläne. Er werde sich nicht der Justiz stellen, meldete am Montag die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Prozessbeteiligte, nachdem die Zeitung vor einer Woche berichtete, Marsalek habe über seinen Anwalt ausrichten lassen, er werde nach München kommen, um sich dort vernehmen zu lassen.

Marsalek war in München ein Phantom: Obwohl er jahrelang als Organisationsvorstand (COO) für das vorgeblich so wachstumsstarke und margenträchtige Asiengeschäft zuständig war, blieb er Pressekonferenzen meist fern. Marsalek, der kein Abitur und angeblich auch keinen Führerschein haben soll, war manchem Mitarbeiter im Konzern verdächtig: „Er war der Typ, der immer sein Notebook zugeklappt hat, wenn man ihm zu nahe kam“, erzählt ein Manager.

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Dass Marsalek noch in München ist, scheint ausgeschlossen. Angeblich soll er am Dienstag vergangener Woche auf der philippinischen Insel Cebu eingereist sein. Das zumindest weisen die Papiere der Behörden am Mactan-Cebu International Airport aus. Allerdings ist der Mann mit den kurzgeschorenen Haaren auf den Videos des Flughafens nicht auszumachen. Offen ist auch, woher er kam – in Asien, und auch auf den Philippinen, sind Einreisen aufgrund von Corona in vielen Länder noch fast unmöglich.

Der philippinische Justizminister Menardo „Boy“ Ilasco Guevarra wies darauf hin, dass der Österreicher eine philippinische Ehepartnerin habe – und ihm damit eine Einreise zu Corona-Zeiten genehmigt wäre. Zudem warnte die Regierung gerade davor, dass Cebu City aufgrund der stark steigenden Ansteckungen das neue „Epi-Zentrum für Corona“ auf den Philippinen sei. Schon am nächsten Morgen soll Marsalek dann von Cebu aus nach China weitergereist sein, erklärte der Justizminister. Doch wieder ist Marsalek auf keinem der Videos des Flughafens auszumachen und es gab keinen Flug nach China an jenem Mittwoch. Guevarra sprach deshalb auch von „möglichen Ablenkungsmanövern“, mit denen Marsalek eine Flucht habe verschleiern wollen. Allerdings soll der Österreicher schon am 3. März tatsächlich kurz auf den Philippinen gewesen sein. Über zwei Tage hielt er sich in einem Hotel im Geschäftsbezirk Makati in Manila auf.

Auch mit der Aufklärung der finanziellen Verbindungen tut sich der Inselstaat schwer: Die Notenbank der Philippinen hatte schon sehr schnell erklärt, dass keinerlei Geld von Wirecard den Inselstaat erreicht habe. Die beiden lokalen Banken Bank of the Philippines Islands und Banco de Oro Unibank, deren Mitarbeiter Zahlungen abgezeichnet hatte, erklärten ebenfalls, keine Konten mit dem Geld der Deutschen zu führen. Mel Georgie Racela, der die Anti-Geldwäsche Behörde (AMLC) in Manila führt, erklärte, die Ermittlungen richteten sich zunächst gegen Centurion Online Payment International, Payeasy Solutions und Conepay International. „Es könnte sein, dass wir noch mehr ins Auge fassen, wenn wir tiefer graben“, sagte Racela. Alle drei Firmen wurden schon vor einem Jahr als obskure Partner von Wirecard genannt. Payeasy etwa wirbt für sich als „globales Bezahlsystem in vielen Währungen“, ist aber nicht zu erreichen.

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Als Opfer von Wirecard sieht sich der philippinische Anwalt Mark Kristopher Tolentino – der frühere Beamte im Transportministerium hatte als Treuhänder gearbeitet. Auf seiner Facebook-Seite erklärt er: „MKT Law weist jeden Verdacht von sich, von einer unterstellten Ungesetzlichkeit um die Zertifizierung der Konten bei BPI und BPO gewusst oder daran teilgenommen zu haben, so wie sie der Ernst & Young GmbH gemeldet wurde“. Tolentinos Firma MKT Law forsche selber nach der Wahrheit. Gegenüber der Agentur Reuters sagte Tolentino, er habe sechs Konten für eine Firma aus Singapur eröffnet, nicht aber gewusst, dass sie für Wirecard gewesen seien.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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Autorenporträt / Peitsmeier, Henning
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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