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Ungewöhnliche Architektur

Ganz schön gaga!

Von Anna-Lena Niemann
 - 14:39
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Das Städtchen Amersfoort in der Provinz Utrecht hat das Prädikat Postkartenidyll verdient. Sein Stadtrecht besitzt es seit dem 13. Jahrhundert, viel mittelalterliche Architektur ist erhalten geblieben. Pittoreske Backsteinhäuschen mit Stufengiebeln reihen sich im Zentrum aneinander, die Wege sind im Fischgrätmuster gepflastert, und über allem thront der Onze Lieve Vrouwetoren, der etwa 100 Meter hohe mittelalterliche Kirchturm. Doch wer im Verzückungsmodus durch die Stadt streift, könnte neuerdings irritiert vor einer bestimmten Fassade innehalten. Von der grinsen, staunen, zwinkern und herzen jetzt nämlich in Beton gegossene Emojis.

Was für die einen endgültiger Beweis des Untergangs der Kultur ist, ist für deren Architekt Changiz Tehrani ein zeitgenössisches Statement. Wirklich zeitlos seien Gebäude ohnehin nie, verkündet der Architekt des niederländischen Büros Attika Architekten. Dann doch lieber gleich der Gegenwart ein Denkmal setzen und Emojis seien nun einmal das ikonische Zeichen der Gegenwart schlechthin. „Vielleicht benutzen wir in zehn Jahren gar keine Emojis mehr – das ist in Ordnung. Sie stehen dann immer noch für unsere jetzige Zeit“, sagte Tehrani dem Magazin „The Verge“.

Braunschweig statt Paris

Das kann man nun schön, schrecklich oder irgendwas dazwischen finden, auf alle Fälle aber wird jeder eine Meinung zu dem Gebäude haben. Genau damit gelingt den skurrilen bis schlicht komischen Auswüchsen der Architektur etwas, was der Großteil der oft uniformen Neubauten nicht schafft.

In Deutschland gehört das „Happy Rizzi House“ in Braunschweig zu den schillerndsten Beispielen abgedrehter Baukunst. Strenggenommen ist das Gebäudeensemble des amerikanischen Pop-Art-Künstlers James Rizzi deshalb auch eine Bauskulptur und kein Haus – trotzdem arbeiten in den kunterbunten Wänden jeden Tag Menschen. Eigentlich wollte Rizzi seine Skulptur in Paris bauen. Galerist Olaf Jäschke und Architekt Konrad Kloster konnten ihn dann aber von der niedersächsischen Stadt überzeugen. Weniger Konkurrenz, die kommende Expo in Hannover bot die passende Plattform für das Projekt – und mit Friedrich Knapp, dem Chef der New Yorker GmbH, konnten sie einen Investor präsentieren. Ihm gehört das Gebäude bis heute, die Firmenzentrale befindet sich hier. Noch zumindest, bald müssen die Mitarbeiter aus Platzgründen umsiedeln.

Ist das wirklich Kunst?

Das Projekt bei den Baubehörden durchzubekommen war wesentlich schwieriger, erzählt Helmut Reise: „Die Statik war ein großes Problem, weder die Geschosshöhen noch die Fenster sind normiert. Jedes einzelne ist anders. Es ist eben kein Haus, sondern eine Skulptur.“ Dazu kommt, dass das Ensemble nicht etwa am Stadtrand oder in einem Neubaugebiet steht. Es befindet sich mitten im historischen Magniviertel. Eine bewusste Provokation, sagt Reise, der Vorsitzender des Happy Rizzi House e. V. ist und sich um die Erhaltung des Braunschweiger Rizzi-Erbes kümmert. „Die Anwohner waren nicht das Problem, aber die Kunsthochschule und die Architekturfakultät haben sich sehr daran gerieben. Daran, ob das Kunst sei. Sie hatten einfach ihre eigenen Vorstellungen.“

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Edinburgh
Das wandelbare Haus von Architekt Richard Murphy

Ob Kunst oder nicht, schön oder kitschig – das Gebäude hat die Stadt über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Touristen aus Asien und Nordamerika wollen nicht das 2007 wiederaufgebaute Schloss besuchen, sondern das Rizzi House, beschreibt Reise. „Vor zwei Jahren ist sogar extra ein russisches Fernsehteam vorbeigekommen.“ Tatsächlich findet sich das Gebäude im Netz auf zahlreichen englischsprachigen Seiten als Sehenswürdigkeit wieder.

China verbietet „seltsame“ Architektur

Ähnliche Effekte gibt es auch in anderen Städten. Die Hundertwasser-Häuser sind wahre Touristenmagneten, genau wie die verspielten Fassaden der Dresdner Kunsthofpassagen oder die futuristische Villa E96, die zwischen traditionellen weißen Villen auf der Hamburger Elbchaussee mittlerweile zum exklusiven Veranstaltungsort geworden ist. In der Masse hat sich ein Baustil mit Augenzwinkern bisher trotzdem nicht durchgesetzt. Das Gegenteil zeichnet sich ab. Bauen wird langweiliger, findet Reise: „Wir haben heute so gute Baustoffe und technische Möglichkeiten wie nie zuvor, aber wir sind so einfallslos und funktional geworden. Das macht die Welt irgendwo trister.“

Zwischen ulkig-naiven Gebäuden mit Spaßfaktor, formal-ästhetischer Baukunst und der Wahrung historisch gewachsener Lebensräume bewegt sich die Architektur in einem dauernden Balanceakt. Dass in dieser Frage sogar politische Brisanz steckt, zeigte sich 2016 in China. Die Regierung erließ kurzerhand ein Verbot für „seltsame“ Architektur, eine Reaktion unter anderem auf den wie eine gigantische Hose geformten Hauptsitz des China Central Television. An Spott mangelte es nicht. Der unbeschränkten Kreativität vor allem ausländischer Architekten entspringt auch der Guangzhou Circle, der an eine riesige Münze erinnert, das Olympiastadion, liebevoll Vogelnest getauft, und sogar eine riesige, bewohnbare Teekanne. Eine Spielwiese für Architekten, die ihre Entwürfe in den Heimatländern wohl nicht hätten umsetzen können. Jetzt ist auch diese geschlossen.

Das Gesamtbild muss harmonisch sein

Und China ist kein Einzelfall, sondern bis zum Verbot 2016 eher die Ausnahme. In Deutschland haben die Behörden einen strengen Blick und sind nicht zu Scherzen aufgelegt, wenn der Häuslebauer mal lustig aus der Reihe tanzen will – und wenn es nur die Dachform oder die Farbe der Fassade betrifft. Speziell im Stadtraum müssen sich Neubauten häufig nach Gestaltungs- oder Erhaltungssatzungen richten, sonst drohen empfindliche Geldbußen. Die rechtliche Wahrung gestalterischer Qualität und eines harmonischen Gesamtbilds in Stadtvierteln ist Anwohnern ein wichtiges Anliegen, nicht bloß architektonische Farbkleckse.

Dabei wenden sich Architekten und Bauherren solch skurriler Bauwerke meistens gar nicht gegen eine historische Substanz oder die Romantik kleiner Mittelalterstädtchen. Sie arbeiten sich vielmehr an dem „Form follows function“- Dogma der Moderne ab. Auf den berühmten Satz von Mies van der Rohe „Less is more“ entgegnete der amerikanische Architekt Robert Venturi nur ganz provokant „Less is a bore!“. Er sah in der reduzierten Bauhausarchitektur und der Moderne eine langweilige und zuweilen unmenschliche Wohnwelt, die den Bedürfnissen ihrer Bewohner einfach nicht gerecht wird. Menschen nähmen ihre Umwelt emotional und nicht intellektuell wahr. Deshalb hat Venturi mit radikaler Reduktion auch weit größere Probleme als mit überkandidelten Imitationen.

Ungewöhnlicher Städtebau polarisiert

Es war doch ohnehin schon alles einmal da. Warum sich dann nicht bei bekannten Elementen bedienen, diese zitieren und so in einem neuen Kontext Sinnzusammenhänge durch Bekanntes für die Bewohner herstellen? Die Piazza d’Italia in New Orleans ist wohl das bekannteste Beispiel dafür. Deren munter komponierte Fassadenstücke und Elemente sind eine Reminiszenz an den römischen Trevibrunnen – und eine Hommage an die italienische Emigrantengemeinde der Stadt.

Venturi ist heute vor allem für den Buchklassiker „Learning from Las Vegas“ bekannt, den er 1972 zusammen mit seiner Frau Denise Scott Brown, ebenfalls Architektin, herausbrachte. Auch diese Stadt polarisiert bekanntermaßen. Aber zumindest im Kleinen, kann man die Las Vegas’sche Ästhetik durchaus liebgewinnen. Was wären Landstraßen und Autobahnen ohne die „What you see is what you get“-Gebilde, die keinen Zweifel daran lassen, was einen dort erwartet? In der riesigen Erdbeere gibt es Erdbeeren, im Spargelkörbchen Spargel und in der Bude im Hot-Dog-Format gibt es, ganz selbstverständlich, die Wurst für den kurzen Imbiss. Eine Disziplin, in der die Amerikaner sicher die unangefochtenen Helden sind. Wer auf der Reise durch den Bundesstaat Idaho ein Bed and Breakfast sucht, könnte im Dog Bark Park Inn vorbeischauen, einem neun Meter hohen Beagle. Natürlich eine Herberge für Hundeliebhaber. Auf der Übernachtungsplattform Airbnb äußern sich seitenweise begeisterte Gäste über die außergewöhnliche Ferienunterkunft.

Häuser mit Spaßfaktor

Vielleicht funktioniert schrullige oder skurrile Architektur immer dann, wenn sie entweder Kunst oder eben Kommerz ist. Im Dazwischen, aus dem Privaten, gibt es wenig Beispiele. In der kommerziellen Sphäre gilt ein ungezwungenes Verhältnis zu Äußerlichkeiten als hilfreich, und die Kunst will probieren und provozieren. Die Debatte darüber, ob unseren Städten der Spaßfaktor fehlt, ist in jedem Fall gut. Helmut Reise findet: „Wenn das Rizzi House niemand mehr wahrnimmt, sich niemand mehr daran reibt, dann können wir es auch abreißen.“

Viele Braunschweiger hätten mittlerweile wohl was dagegen. Kinder lieben die knallige Fassade im Comicstil, und bei frisch verheirateten Pärchen gehört das dreidimensionale Herzfenster zu den beliebtesten Kulissen für die Hochzeitsfotos. Was Rizzi künstlerisch oft negativ angelastet wurde, die kindliche Naivität seiner Bilder, wird im Stadtraum zum positiven Stimmungsaufheller. In der Kommentarspalte eines Artikels zum niederländischen Emoji-Haus warf ein Leser eine interessante Frage auf: Was würden wohl zukünftige Archäologen denken, wenn sie die verrückten Fassaden irgendwann freilegen? Emojis und blinzelnde Comicgesichter als Hieroglyphen der Zukunft? Auf jeden Fall gäbe es weit mehr zu entdecken als bei quadratischen, weißen Bauwürfeln.

Quelle: F.A.S.
Anna-Lena Niemann
Volontärin.
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