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Design-Ausstellung

Wohn mal anders

Von Jasmin Jouhar
 - 10:56
Das Haus der Zukunft (1956): Einblicke in den Neuen Brutalismuszur Bildergalerie

Das neu gestaltete Haus von Kim Kardashian und Kanye West in Los Angeles sorgt für Aufregung in der einrichtungsaffinen Internet-Gemeinde. Mit Social-Media-Posts und Homestories in Online-Magazinen gewährt das Promipaar Einblicke in sein erwartbar großzügiges Zuhause. Überraschen mag dagegen, dass die Celebrities mit ihren vier Kindern in strahlend-hellen, spartanisch möblierten Räumen leben. Für dieses vermeintlich minimale, aber in Wahrheit maximal aufwendige Interieur verpflichteten sie niemand Geringeres als den belgischen Interior-Guru Axel Vervoordt, von Kanye kumpelhaft „Axel“ genannt. Mithelfen durften die ebenso bekannten Fachkräfte Claudio Silvestrin und Vincent van Duysen. Die Welt weiß nun, dass Kanye für dieses eine Vintage-Sofa von Jean Royère seinen Maybach verkauft hat. Und Kim führt per Smartphone-Video bereitwillig vor, dass die scheinbar dysfunktionalen Waschbecken im Masterbad sehr wohl funktionieren.

Der Hype um das Haus spiegelt die gegenwärtige Konjunktur des Themas Wohnen in den sozialen Medien – vor allem auf Instagram, wo manche Menschen mit Fotos ihrer lichtdurchfluteten Altbauwohnung Zehntausende Follower anziehen. „Man könnte annehmen, wenn wir als Gesellschaft mobiler, individualistischer und digitalisierter werden, dass das Zuhause als Konzept oder tatsächlicher Ort nicht so wichtig oder notwendig wäre“, sagt Oona Horx-Strathern, Trendforscherin und Autorin des „Home Report 2020“, „aber interessanterweise können wir das Gegenteil beobachten.“

In psychologischer Hinsicht etwa bleibt demnach das Zuhause weiterhin ein Ausdruck von Identität. „Man kann sagen, das Zuhause ist immer noch wichtig, denn es erinnert uns daran, wer wir eigentlich sind“, schlussfolgert die Trendforscherin. Im Falle von Kim und Kanye lautet die Identitätsbotschaft wohl: „Wir sind zwar reich, aber wir haben einen viel zu guten Geschmack, um zu Hause billig herumzuprotzen.“

Bei aller Präsenz des Themas Wohnen: „Es gibt nur wenig ernsthaften Diskurs darüber“, sagt Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein. Zwar werden Hunderte von Coffeetable-Büchern veröffentlicht, aber kaum seriös recherchierte Publikationen, die der Bedeutung des Themas gerecht würden.

Diese Diagnose hat das Team um Kries als Auftrag begriffen: Mit der nun eröffneten Ausstellung „Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs“ will das Museum „die Forschung und Diskussion über die Räume, in denen wir leben, neu starten“, hat Kries das Ziel auf der Pressekonferenz zur Eröffnung beschrieben. Weil sich Architektur eins-zu-eins allerdings kaum ausstellen lässt, vermittelt die Schau ihren Gegenstand mittels Fotos und Filmen, mit Modellen, Plänen, Moodboards und Möbelstücken. Lediglich Verner Pantons berühmte Wohnlandschaft Visiona 2 und ein Hexacube, ein wohnwagenartiges Modul von Georges Candilis und Anja Blomstedt, stehen zur unmittelbaren Raumerfahrung bereit.

Über die Bedeutung des Themas besteht – trotz des zuletzt flachen Diskursniveaus – kein Zweifel: Das Zuhause mag zwar privat sein, aber es ist keineswegs eine Privatangelegenheit. Auch wenn wir an unserem Rückzugsort Veränderungen oft nicht sehr schätzen, steht das Wohnen doch unter dem Druck, sich gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen anzupassen. Kries nennt exemplarisch den Kampf um bezahlbaren Wohnraum, Fragen der Nachhaltigkeit und die „Versprechen und Herausforderungen der digitalen Welt“. Projekte aus den vergangenen Jahren, etwa Arno Brandlhubers Wochenend- und Atelierhaus „Antivilla“ bei Potsdam oder das Gemeinschaftsprojekt „Granby Four Street“ in Liverpool vom Architekturkollektiv Assemble, stehen in „Home Stories“ für diese Herausforderungen der Gegenwart.

Der Blick zurück bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts offenbart weitere Momente, in denen Konventionen des Wohnens überwunden und neue Ideen in den Wohnraum Einzug hielten. So ist Kurator Jochen Eisenbrand in den umstürzlerischen Sechzigern und Siebzigern fündig geworden: Der französische Architekt Claude Parent hatte offensichtlich den rechten Winkel satt und entwickelte gemeinsam mit dem Philosophen Paul Virilio die Idee einer „architecture oblique“, einer schrägen Architektur, was sie durchaus ganz wörtlich meinten.

Auf Fotos aus Parents eigenem, 1973/74 in Neuilly-sur-Seine erbauten Haus sieht man Männer mit Vollbärten und Schlaghosen und Frauen in quietschbunten Kleidern auf einer schiefen Ebene mehr kauern als sitzen. Statt des herkömmlichen Essplatzes gibt es ein angeschrägtes Gestell, in das man sich klemmen muss, um zu speisen. Offensichtlich keine Lösung für den Massenmarkt, aber ein Modell, das wunderbar zeigt, wie sich damals traditionelle Formen und Rituale des Wohnens zugunsten eines entspannten, informelleren Lebensstils auflösten. Sich zum Essen mit Gästen einfach mal auf das Sofa oder sogar den Boden zu setzen anstatt an den Tisch, wäre in den fünfziger Jahren undenkbar gewesen.

Schön auch die Gegenüberstellung zweier Interieurs aus den fünfziger Jahren: Allerdings waren weder das „House of the Future“ noch die Villa Arpel jemals bewohnt. Das Zukunftshaus richteten die britischen Architekten Alison und Peter Smithson 1956 für die „Ideal Home Exhibition“ in London ein, als radikalen Prototypen, mit dem neue Technologien in unseren Alltag einziehen sollten. Es gab einen elektrostatischen Staubsammler und eine selbstreinigende Badewanne, einen versenkbaren Tisch und eine Gegensprechanlage, mit der die Bewohner untereinander kommunizieren sollten. Futuristisch gekleidete Schauspieler belebten die Installation während der Ausstellung.

Dass das Leben in einer derart technisierten modernen Architektur seine Tücken haben kann, offenbart wiederum die Villa Arpel, kein tatsächlich errichtetes Haus, sondern das Set des Films „Mon Oncle“ von Jacques Tati. Gestaltet von Jacques Lagrange nach dem Vorbild der weißen Villen der Moderne, erweist sich das sterile Haus als kaum bewohnbar. „In langen Einstellungen zeigt Tati die Tücken einer modernistischen Einrichtung, die sich ihre Bewohner zu Untertanen macht, statt sie zu bedienen“, heißt es im Ausstellungskatalog. Der Fortschrittsoptimismus der Smithsons wendet sich hier zu einer Skepsis, die liebevoll-hintersinnig inszeniert wird. Und von der aus sich der Bogen durchaus in eine Gegenwart schlagen lässt, in der uns Techkonzerne und Haustechnikhersteller unisono ein Smart Home verkaufen wollen, in dem erst recht die Geräte beziehungsweise die Algorithmen die Kontrolle übernehmen. Zum Wohl der Bewohner – oder doch eher zur Gewinnmaximierung der Anbieter?

Die Ausstellung führt die Besucher auch zu einigen alten Bekannten der Moderne: zu Adolf Loos’ Villa Müller in Prag, Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brno oder Lina Bo Bardis Casa de Vidro in São Paulo. Sogar im Original aufgebaut und von außen durch Tür und Fenster zu betrachten: eine der „Frankfurter Küchen“ von Margarete Schütte-Lihotzky. Das Vitra Design Museum hat das Exemplar kürzlich für seine Sammlung angekauft. Interessanter als diese oft gesehenen Hauptdarsteller der Architekturgeschichte sind vielleicht die weniger kanonischen Interieurs, die auf den Nebenwegen der Moderne zu finden sind.

Cecil Beatons Landhaus Ashcombe im Südwesten Englands zum Beispiel, das der Fotograf von 1930 bis 45 in ein exzentrisches, vom Surrealismus beeinflusstes Gesamtkunstwerk verwandelte. Es gab ein einem Zirkuszelt nachempfundenes Himmelbett, üppige Draperien, Teppiche und antike Möbel. Mittendrin Beaton, der sich als Dandy und queer Lebemann inszenierte, wahlweise im Morgenrock oder Zirkusjacke. Er gilt als Erfinder des bis heute so beliebten Genres der Homestory, des voyeuristischen Blicks in die Wohnräume der Reichen und Berühmten. Beaton habe, sagt Jochen Eisenbrand, als Erster die Idee entwickelt, dass Menschen ihre Persönlichkeit durch ihr Interieur ausdrücken können. Mit dieser Idee dürften sich knapp neunzig Jahre später auch Kim Kardashian und Kanye West in L.A. noch identifizieren können.

Die Ausstellung läuft bis zum 23. August im Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

Quelle: F.A.S.
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