Segregierte Städte in Amerika

Wenn die Hautfarbe über den Wohnort bestimmt

Von Anna-Lena Niemann
11.07.2020
, 21:07
Weiße leben in der Vorstadt, Schwarze im Block? Das ist in Amerika kein Zufall, sondern das Ergebnis von Jahrzehnten rassistischer Stadtplanung und Wohnungspolitik.

Das erste Projekt, mit dem sich Stadtplaner Robert Moses in New York verewigen wollte, sollte eines für alle sein. Ein öffentlicher Park in Long Beach. „Jones Beach“, ein zehn Kilometer langer Sandstrand am Atlantik. Moses plante 1928 nicht nur den Park selbst, sondern auch die Zufahrtstraßen dorthin, über die er tiefe Brücken spannen ließ. Gerade mal 2,80 Meter hoch. Zugang zum wunderschönen Jones Beach hatte damit nur, wer im Auto anreiste, denn die Busse des Nahverkehrs passten nicht unter den Brücken hindurch. Nach der Deutung seines Biographen war es Ausdruck von Moses’ sozioökonomischen und rassistischen Vorurteilen. Weil Robert Moses mit seinem Park für alle eben nicht alle gemeint habe, sondern nur alle mit Geld und vor allem heller Haut.

Nun wäre es nichts weiter als ein unglücklicher Zufall, dass ein Rassist zugleich der mächtigste Stadtplaner New Yorks gewesen ist. Nur ist er kein Einzelfall. Diskriminierung in Städten und auf dem Wohnungsmarkt Amerikas war nie bloß eine Sache einzelner Vermieter oder Südstaaten-Bürgermeister, sondern das Ergebnis landesweiter, diskriminierender Gesetzgebung. Damit sind auch die Straßen, durch die die Black-Lives-Matter-Demonstranten ziehen, kein neutraler Boden. Die Städte bezeugen den Rassismus amerikanischer Stadtplanung des vergangenen Jahrhunderts, dessen Ergebnisse bis heute nachwirken.

Wer glaube, die Ungleichheit in einer Stadt wie New York, zwischen der weißen Upper East Side und der schwarzen South Bronx, liege allein am Geldbeutel der Bewohner, der irre, sagt Richard Rothstein. Der Professor und Historiker hat sich im Buch „The Color of Law“ mit den historischen Ursachen der städtischen Segregation in den Vereinigten Staaten beschäftigt. Und er kommt zu dem Ergebnis, dass der vergleichsweise schlechte ökonomische Status schwarzer Amerikaner nicht Ursache der räumlichen Trennung ist, sondern ihr Ergebnis. Rothstein beschreibt, in Detail und Fülle, wie unter jedem Präsidenten seit Beginn des 20. Jahrhunderts Stadtplanung und Wohnungsmarkt als machtvolle Instrumente gedient haben, um Afroamerikaner vom Wohlstand fernzuhalten. „Wir haben ein Kastenwesen erschaffen“, konstatiert Rothstein. „Obwohl fast alle diese Regularien abgeschafft sind, wurden die Betroffenen nie entschädigt und die Effekte dauern an.“

Wie konnte sich ein solches Ungleichgewicht bis heute fortsetzen? Am Anfang stehen zwei staatliche Vorgehensweisen, die den Grundstein gelegt haben: das „Zoning“ und das „Redlining“. „Zoning“ geht schon auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Im Grunde beschreibt es zunächst nichts anderes, als Flächen eine bestimmte Nutzung zuzuschreiben. Ein normaler und sinnvoller Prozess also, um Städte nicht den Interessen der Meistbietenden auszuliefern. Doch das „Zoning“ hat sich als wirksames Mittel erwiesen, um Segregation zu festigen und afroamerikanisch geprägte Viertel systematisch zu benachteiligen.

Mülldeponien und Tavernen zogen nur in schwarze Viertel

Um zu verhindern, dass einkommensschwache, und das bedeutete vor hundert Jahren vor allem afroamerikanische, Familien in weiße Nachbarschaften ziehen können, verfügten Städte, dass die Viertel der Mittelschicht einer Bebauung mit Einfamilienhäusern vorbehalten bleiben sollten. Mehrfamilienhäuser und Apartmentblocks waren verboten. Wer zu wenig verdiente, um sich ein ganzes Haus zu kaufen, wurde aus den Gegenden ferngehalten. Das hat das weiße Gesicht eines Viertels erhalten, wenn auch indirekt.

Zudem haben Behörden in jenen Gegenden, die eine große afroamerikanische Population hatten, Industrie- und Gewerbeflächen ausgewiesen. Oder sie haben die Zuordnung von „Wohnviertel“ in „Industrieviertel“ geändert, sobald afroamerikanische Familien begonnen hatten, sich dort anzusiedeln. Sobald das passierte, durften sich dort nicht nur gesundheitsschädliche Schwerindustrien und Mülldeponien in direkter Nachbarschaft niederlassen, sondern auch Tavernen, Schnapsläden, Nachtclubs und Bordelle – Gewerbe, die in den weißen Gegenden der Mittelschicht nie eine Genehmigung bekommen hätten.

Wer rauswollte, hatte es doppelt schwer: Das Wohnungsangebot in den besseren Wohnvierteln wurde gezielt begrenzt, und als Bewohner eines Industrieviertels mit hoher Kriminalitätsrate war es ohnehin so gut wie unmöglich, seine eigene Kreditwürdigkeit bei der Bank zu belegen. Mit dieser Stadtplanung verfestigte sich das Vorurteil, dass Afroamerikaner die Kriminalität quasi mit sich brächten.

Das rassistische Gesicht des „Redlining“

War das „Zoning“ noch ein eher indirektes Instrument, um Schwarze aus bestimmten Gegenden auszuschließen, zeigte die Stadtplanung nach der Weltwirtschaftskrise über das „Redlining“ endgültig ihr rassistisches Gesicht. „Redlining“ verwehrte Investitionen in vornehmlich schwarze Gemeinden – und damit auch die Möglichkeiten für ihre Bewohner, am Wiederaufbau der Wirtschaft teilzuhaben.

Im Rahmen des New Deal gründete sich 1933 die Home Owners’ Loan Corporation (HOLC). Ihre Aufgabe war es, Hypotheken zu guten Bedingungen zu übernehmen und zu gewähren, damit die in die Krise geratenen Kreditnehmer ihre Häuser nicht durch eine Zwangsvollstreckung verlieren. Zudem hatte durch das Programm endlich auch die Arbeiterklasse die Möglichkeit, zu Wohneigentum zu kommen. Raus aus dem Block, rein ins eigene Häuschen. Doch um zu entscheiden, welche Häuser sich für einen Kredit qualifizierten, fertigte die HOLC nach Farben kodierte Stadtkarten an, die das jeweilige Risiko abbilden sollten. Grün bedeutete wenig Risiko, rot zu großes. Bei der Kodierung spielte der Geldbeutel der Anwohner aber eine weit geringere Rolle, als deren Hautfarbe. Eine Nachbarschaft wurde automatisch dann rot, wenn Afroamerikaner in ihr lebten – auch wenn diese zur Mittelschicht gehört und in Einfamilienhäusern gewohnt haben.

Wohnungsbau förderte die Behörde für „Whites Only“

Nur ein Jahr nach der HOLC gründete Präsident Roosevelt auch die FHA, eine Behörde des Bauministeriums, die den Wohnungs- und Häuserbau mit öffentlichen Mitteln fördern sollte. Wer einen Immobilienkredit haben wollte, brauchte die Absicherung durch die FHA. Doch die Behörde bediente sich dabei nicht nur des „Redlining“, sie formulierte das klare Kriterium, dass Projekte nur dann förderwürdig seien, wenn gelte: „Whites only“. Weder durften Schwarze Eigentümer sein, noch durften Weiße an Schwarze vermieten, wenn sie an einen Kredit kommen wollten. „Rassentrennung“ war damit vielerorts behördlich angeordnet. Integrierte Nachbarschaften seien ein Garant für Instabilität und Wertverlust, schrieb die Behörde 1935. Und neue Hauseigentümer mussten oft genug Vereinbarungen unterzeichnen, die ihnen verboten hätten, ihr Haus später an Afroamerikaner zu verkaufen.

Besonders nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben Immobilienentwickler mit Hilfe der FHA die weiße Suburbanisierung der Metropolen im großen Stil vorangetrieben. Von 1948 an wurde der Großteil des amerikanischen Wohnungsbaus über diese staatlich garantierten Kredite finanziert. In der Zeit gab es – seltener zwar – auch Wohnungsbau für afroamerikanische Familien. Weil aber die günstigen Kreditbedingungen durch den Staat fehlten, musste billiger gebaut werden. Auf Spielplätze, Gemeindezentren und Grünflächen wurde verzichtet. Heute, in Zeiten des Klimawandels, rächt sich das. Ohne Schatten und die Verdunstung durch Pflanzen heizen sich die Straßenzüge widerstandslos auf, wie eine Studie zeigt, die im Januar in der Fachzeitschrift „Climate“ erschienen ist.

Weiße zogen in Einfamilienhäuser in neue Vororte, Schwarze in riesige Blocks in den Innenstädten. Für Afroamerikaner hatte diese Wohnungspolitik handfeste finanzielle Konsequenzen, schreibt Richard Rothstein. „Vermietern und Verkäufern stand es frei, von der hohen Nachfrage, die auf das kleine Angebot traf, zu profitieren.“ Die Folge: Eine Wohnung im heruntergewirtschafteten und überbelegten Mietblock war teurer als das Haus mit Garten in der Vorstadt. Afroamerikaner haben horrende Mietkosten gezahlt, weil es für sie kaum Alternativen gab. Zum Sparen blieb nichts übrig am Ende des Monats.

„White Man’s Road through Black Man’s Home“

Ein solches Ungleichgewicht verschwindet nicht einfach, auch wenn der 1968 erlassene „Fair Housing Act“ die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt schließlich verbot. Bis heute spiegelt sich die Benachteiligung in den Eigentumsquoten. 73 Prozent aller Weißen wohnen in ihren eigenen vier Wänden, aber nur 44 Prozent der Schwarzen. Eine niedrigere Quote findet sich bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Für Amerikaner ist das eigene Haus aber immer noch der wichtigste Weg, um Vermögen zu generieren. Und so überrascht es nicht, dass laut US Census Bureau das mittlere Vermögen eines Schwarzen nur 9000 Dollar beträgt, während das eines Weißen bei 132.000 Dollar liegt. Und noch heute, so zeigen verschiedene Investigativrecherchen, ist es für Afroamerikaner deutlich schwieriger, bei Banken an Kredite oder über Makler an gute Häuser zu kommen.

„Außerordentliche Kreativität“ attestiert Richard Rothstein den amerikanischen Staatsorganen dabei, Segregation und Benachteilung von Schwarzen zu zementieren. Wenn es nicht die Förder- und Kreditprogramme schafften, dann schränkte eine Gemeinde eben den Zugang zu Abwasserkanälen und Strom ein, widmete Land zu Parks um, nachdem Afroamerikaner Interesse bekundet hatten, dort zu bauen, schickte wütende weiße Mobs zur Abschreckung oder nutzte den Ausbau des Highway-Netzes. In Los Angeles zerstörte der Bau des Santa Monica Freeway 1954 das prosperierendste Viertel der afroamerikanischen Mittelschicht, „Sugar Hill“. Unterstützung und Entschädigung waren im Gegenzug gesetzlich nicht vorgeschrieben. Kritiker nannten die Praxis „White Man’s Road through Black Man’s Home“.

Die Behörden schenkten den Protesten damals kein Gehör. Wenn heute aber die Anwohner einer reichen, weißen Vorstadt in Atlanta aufbegehren, weil die Schnellbahn ihren Ort mit den ärmeren Vierteln im Zentrum verbinden will, sind sie erfolgreich. In Amerika verteidigen Hausbesitzer ihre Grundstücke ohne Zögern – auch mit Waffen. Doch die Möglichkeit, überhaupt Hausbesitzer zu sein und sein Eigentum dann behaupten zu können, gibt es nicht wirklich für alle.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Niemann, Anna-Lena
Anna-Lena Niemann
Redakteurin in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot