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Bauwesen

Haben Einfamilienhäuser eine Zukunft?

Von Birgit Ochs
 - 15:22

Haben Einfamilienhäuser eine Zukunft? Für viele Planer und Fachleute in Siedlungsfragen liegt die Antwort auf der Hand: nein. Sie sehen im Haus mit Garten ein überkommenes Modell, einen Flächenfresser, Landschaftszerstörer und Ressourcenverschwender, der eigentlich verboten gehört.

Zumal es zur drängenden Frage, wie im großen Stil Wohnraum geschaffen werden kann, nichts beizutragen scheint. Doch auch, wenn daran fast alles stimmt, lohnt es sich, das Thema nicht so schnell abzuhaken.

Denn erstens ist diese Wohnform mit Abstand bei der großen Mehrheit der Bevölkerung am beliebtesten, und Anzeichen, dass sich das alsbald ändert, gibt es nicht. Da kann der Bau von Microappartements noch so boomen, die städtische Avantgarde das gemeinschaftliche Wohnen proben und das freistehende Haus im Grünen als überkommen schmähen.

Auch in den Großstädten triumphiert das Haus

Zweitens ist der Bestand an Einfamilienhäusern gewaltig. Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass das Einfamilienhaus alle anderen Wohnformen rein zahlenmäßig deklassiert. Von den annähernd 19 Millionen Wohnhäusern in Deutschland sind – Stand 2016 – 12,5 Millionen Einfamilienhäuser. Dazu kommen noch gut 3 Millionen Zweifamilienhäuser.

Unter den Bundesländern ist Schleswig-Holstein diesbezüglich absoluter Spitzenreiter. Dort sind beinahe 80 Prozent aller Wohngebäude für nur einen Haushalt gebaut. Wer denkt: Ja, so ist das eben in der Provinz, den belehrt die Statistik.

Denn auch in den Großstädten triumphiert dieser Gebäudetyp massenhaft. Es mag überraschen, aber sogar in Millionenstädten wie Berlin und Hamburg machen Einfamilienhäuser mehr als die Hälfte des Bestands aus.

Staatliche Förderung ist grundsätzlich gut, aber...

Die neue schwarz-rote Bundesregierung tut gerade einiges dafür, den Zuspruch für diese Wohnform zu zementieren. Stichwort Baukindergeld. 1,5 Millionen neue Wohnungen sollen durch eine Wohnraumoffensive in dieser Legislaturperiode entstehen.

Bau- und Heimatminister Horst Seehofer (CSU) hat sich zum Ziel gesetzt, sowohl den ländlichen Raum zu stärken als auch Schwellenhaushalten den Schritt ins Wohneigentum zu erleichtern.

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Die beliebte Serie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und der FAZ.NET-Redaktion startet zum achten Mal. Gesucht werden auch in diesem Jahr neue Wohnhäuser privater Bauherren, die durch architektonische Qualität und ein stimmiges Konzept überzeugen.

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Dazu passt die just beschlossene Förderung von Familien, die vom Staat jährlich 10 Jahre lang je Kind 1200 Euro bekommen können, wenn sie sich ein Eigenheim zulegen. Vor allem bei Familien sind die eigenen vier Wände mit Garten beliebt. Und wo sollten die für weniger finanzkräftige Käufer leichter zu erwerben sein als auf dem Land?

Entsprechend skeptisch ist Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer (BAK). Dass der Staat die Wohneigentumsbildung fördere, sei zwar grundsätzlich zu begrüßen, weil dadurch das Risiko verringert werden könne, im Alter zu verarmen.

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Vom Wind geformt
Das Haus ohne Ecken

Doch könne das Baukindergeld das Flächensparziel konterkarieren, weil neue Baugebiete für Eigenheime ausgewiesen werden, fürchtet die BAK-Präsidentin. Eigentlich soll im Sinn der Nachhaltigkeitsstrategie 2020 der tägliche Flächenzuwachs bei 30 Hektar liegen. Doch sind es an die 70 Hektar, die geteert, betoniert oder sonstwie beplant werden.

Schon vor mehr als einem Jahr kritisierten Marktbeobachter wie Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), dass das Bauen häufig am falschen Ort boome. Regional passe es nicht, urteilte der Ökonom, da die allermeisten Wohnungen dort entstünden, wo überhaupt kein neuer Wohnraum gebraucht werde – in kleinen Städten und auf dem Land, wo oft ohnehin schon viele Häuser in den Ortskernen leerstehen.

Ältere Siedlungen machen Probleme

Wenn in Gemeinden die Mitten verwaisen und an den Rändern sich die Neubaugebiete ausbreiten, nennt man das Donut-Effekt. Tritt der ein, schrillen bei Planungsfachleuten die Alarmglocken. Denn die Schieflage bedroht langfristig die Überlebensfähigkeit des Orts.

Auch Christina Simon-Philipp treibt das Thema um. Die Architektin und Stadtplanerin hat sich im Rahmen von zwei Studien für die Wüstenrot-Stiftung mit den Möglichkeiten und Potentialen beschäftigt, die in die Jahre gekommene Einfamilienhäuser bieten.

Besonders groß ist der Bestand der in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren entstandenen Gebäuden. „Jedes dritte Wohngebäude stammt aus dieser Zeit, die kommen jetzt alle in die Jahre“, sagt die in Stuttgart ansässige Planerin. In vielen dieser älteren Siedlungen, oft nach den Idealen der autogerechten Stadt angelegt, tauchen Probleme auf.

„Zu viele Gemeinden kümmern sich nicht“

Die Infrastruktur bricht weg, der letzte Laden schließt, der öffentliche Nahverkehr wird so gut wie eingestellt. Dazu kommt der demographische Wandel, der zum sogenannten inneren Leerstand führt. Davon spricht man, wenn ältere Einfamilienhäuser nur noch einen Bewohner haben.

In der Regel ist das eine betagte Dame, die höchstens 20 bis 30 Quadratmeter des eigentlich 170 Quadratmeter großen Hauses bewohnt. Immer mehr Kommunen stellen sich zwar der Aufgabe, doch „zu viele Gemeinden kümmern sich noch nicht ausreichend darum, diese Gebiete weiterzuentwickeln“, hat Christina Simon-Philipp beobachtet.

Zumal es bequemer ist, ein Neubaugebiet auszuweisen, wo Bauherren ihren Wohntraum von der Toskana-Villa oder dem Schwedenhaus verwirklichen können. Man müsse das Bauen im Bestand attraktiv machen, fordert die Siedlungsexpertin. Wie das gelingen kann? Zum Beispiel, indem man Interessenten berät, wie sich ein solches Haus zeitgemäß umbauen lässt.

Es gibt Kommunen, die übernehmen die Kosten für ein Altbaugutachten und locken Bauherren mit finanziellen Anreizen in den Bestand. Oft aber fehlt es an Planungssicherheit. Denn in vielen Gebieten gibt es keinen gültige Bebauungsplan.

Was dort gebaut werden kann, legt die jeweilige Kommune nach Paragraph 34 des Baugesetzbuchs aus. „Das ist schwierig für den Käufer, der nicht weiß, was er denn nun mit dem Altbau genau machen darf und was nicht“, sagt Simon-Philipp. Ein ähnliches Hemmnis sind die Auflagen des Denkmalschutzes.

„Kleine Häuser – großes Thema“

Der Neubau von Einfamilienhäusern ist also nicht erledigt. Eine interessante Rolle kann er bei der Nachverdichtung bestehender Quartiere, in Hinterhöfen und Baulücken spielen. Dort sind Lösungen gefragt, die sich an den Ort anpassen – und die möglichst flexible Grundrisse bieten, die eine spätere Um- und Neunutzung erleichtern.

Aber „das alleinstehende Haus im großen Garten wird allenfalls fernab der großen Zentren eine Zukunft haben. Ob hier die Digitalisierung und das Internet die Versorgungsnachteile ausgleichen, wird sich zeigen“, sagt BAK-Präsidentin Ettinger-Brinckmann.

Dem Einfamilienhaus widmet sich die Ausstellung „Kleine Häuser - großes Thema“, zu sehen bis zum 1. Juli in der Architekturgalerie Am Weißenhof in Stuttgart.

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Modernes Wohnen am Mittelmeer
Für das gewisse Etwas

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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