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FAZ plus ArtikelBaumaterial

Sperrholz im Hurrikangebiet

Von Winand von Petersdorff, Washington
Aktualisiert am 05.09.2019
 - 18:36
In manchen Gegenden nicht stabil genug: Holz, der präferierte Baustoff der Amerikaner
Die Amerikaner sind gut darin, Katastrophen zu bekämpfen. Und schlecht darin, sie zu vermeiden: Sie bauen Häuser an bedrohten Standorten und aus dem falschen Material.

Dorian hat die Hurrikansaison eingeleitet und Teile der Bahamas verwüstet. Die Gouverneure der amerikanischen Küstenstaaten von Florida bis Virginia riefen den Notstand aus. Eine gewisse Routine ist dabei. Schließlich produziert die typische Hurrikansaison zwölf Stürme, die eigene Namen bekommen, weil sie stark genug sind. Im Durchschnitt werden sechs davon zu Hurrikanen mit 120 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit und mehr. Wenn die Stürme kommen, wechselt die südöstliche Atlantikküste in den Krisenmodus. CNN findet dann kurz zu alter Stärke, schickt seine Reporter auf die Hafenpiers, lässt sie vom Wind zerzausen, von der Gischt durchnässen und hastig-drängend erzählen, was an schlimmen Entwicklungen noch dräut. Politiker feiern die Einsatzkräfte, Journalisten graben die kleinen Wunder und die großen Geschichten von Selbstlosigkeit und Heldenmut aus. Amerika verfolgt die Ereignisse gebannt über vielfältige Medien und sendet Gebete. In der Krise kommt das Land zusammen.

Amerikaner sind gut darin, Katastrophen zu bekämpfen. Sie sind weniger gut darin, Katastrophen zu vermeiden. Seitdem Harvey den Großraum Houston heimgesucht hat, weiß man, dass viele Häuser auf Grundstücken stehen, die binnen 30 Jahren, der klassischen Hypotheken-Darlehen-Laufzeit, mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent überflutet werden. Das ließen sich Niederländer (und Deutsche) nicht bieten. Hollands Deiche halten mindestens bei sogenannten Jahrtausendfluten. In vielen Regionen ist der Standard, verglichen mit Amerika, um ein Vielfaches höher.

Der Sturm Harvey hatte mehr als 200.000 Häuser im Großraum Houston beschädigt, zwei Drittel aller Häuser in den Florida Keys wurden von Irma in Mitleidenschaft gezogen. Maria wütete in Puerto Rico: Schadensbilanz 1,1 Millionen Häuser. Eingestürzte Veranden, geflutete Keller und abgeräumte Dächer liefern auch aktuell das Standard-Bildmaterial aus den Katastrophengebieten. Das wirft eine Frage auf, die es in diesen emotionalen Zeiten allerdings nur schüchtern zu stellen gilt: Könnten die Amerikaner nicht etwas stabiler bauen? Und vielleicht etwas seltener an den bedrohten Küstenstandorten?

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Hurrikan trifft auf Ostküste
Florida bereitet sich auf „Dorian“ vor

Oft fehlen Kleinigkeiten

Nachdem Katrina New Orleans verwüstet hatte, zog John van de Lindt von der Universität in Colorado los, um die beschädigten Häuser zu analysieren. Er stellte fest, dass oft nur Kleinigkeiten fehlten: Nägel zum Beispiel, die die Schindeln auf den Dächern fixierten. Oft waren die Dächer nicht im ausreichenden Maße mit den Grundmauern verbunden. Veranden stürzten ein, weil die sie haltenden Pfosten nicht im Betonfundament verankert waren. „Hätten die Bauarbeiter ein bisschen mehr Liebe zum Detail gezeigt, hätten viele Häuser gerettet werden können“, sagte der Professor für Bauingenieurwesen. Nachlässigkeit räche sich: Wind sei wie Wasser. Er finde die Schwachstellen.

Auffällig für europäische Augen zumindest ist, dass die Amerikaner selbst in den von Starkwinden gefährdeten Gegenden auf Holz vertrauen. Es ist der präferierte Baustoff im ganzen Land. Selbst die etwas abfällig „McMansion“ genannten gewaltigen Eigenheime werden in der Regel von einer Holzkonstruktion gestützt, an die Sperrholz getackert wird. Die äußere Verkleidung durch Backsteine erweckt nur den Eindruck der Stabilität.

Keiner zweifelt daran, dass Stein- oder Betonhäuser stabiler und sicherer wären, wenn sie nicht gerade in Erdbebengebieten errichtet werden. Doch sie sind auch viel teurer in den Vereinigten Staaten. Schnell wachsende Bäume dagegen, die das geeignete Holz liefern, gibt es reichlich. Zudem seien Fachleute, die richtig mauern könnten, knapp, sagt de Lindt. Der Bauforscher glaubt allerdings, dass gute Holzkonstruktionen starken Winden selbst unter ungünstigen Bedingungen standhalten können.

Trotz Katastrophen ziehen mehr Menschen an die Golfküste

Das Wissen ist da. Selbst die gesetzlichen Bauauflagen sind weniger lax, als das Vorurteil vermuten lässt. Nachdem im Jahr 1992 der Hurrikan Andrew Teile von Florida zerstörte, verschärften die Lokalregierungen im Süden des Bundesstaats die Bauauflagen kräftig: Die neuen Häuser müssen Betonpfeiler haben, bessere Fenster und stabilere Dächer. Für die alten Gebäude dagegen gelten die Regeln nicht. In Mississippi, Texas, Alabama, Georgia und South Carolina seien die Auflagen zudem längst nicht so scharf wie in Miami, berichtet Jeremy Gregory, Forscher und Katastrophenschutzfachmann am Massachusetts Institute of Technology.

Die Meldungen über Naturkatastrophen haben offenkundig keinen Einfluss auf einen Megatrend: Die Leute ziehen an die Küste. Die Bevölkerung in den Küstenbezirken entlang des Atlantiks und des Golfs von Mexiko ist seit 2000 um 8 Millionen Menschen auf 60 Millionen gewachsen. Sie ziehen übrigens auch zunehmend in Forstgebiete und setzen sich der Gefahr von Waldbränden aus. Zwischen 1990 und 2010 sind 13 Millionen Häuser in Waldgebieten am Rande von Städten entstanden, ein Zuwachs von 41 Prozent, besagt eine Studie der National-Akademie der Wissenschaften. 25 Millionen Menschen zogen in der Zeitspanne dorthin.

Warum ziehen Leute dorthin? Sie können Risiken schlecht abschätzen, sagt Katastrophenforscher Gregory. Sie würden zudem nicht hinreichend sensibilisiert für die Gefahren. Gregory vermutet allerdings auch, dass die Interessen von Immobilienentwicklern, die in Amerika oft die Wohngebiete errichten, und ihrer Kunden nicht komplett übereinstimmen. Entwickler ahnten nur, was Eigentümer wertschätzten, und bauten dementsprechend. Aktuell sind das große Häuser, während ihre Widerstandsfähigkeit kaum eine Rolle zu spielen scheint. Der Forscher wünscht sich deshalb ein Ratingsystem, das die Widerstandskraft der Häuser misst und zur Standardinformation für Käufer wird. Das wiederum könnte Entwickler veranlassen, stabiler zu bauen. Kleine Stabilisierungsmaßnahmen machten sich binnen weniger Jahre bezahlt, erklärt Gregory.

Eine unselige Rolle hat bisher die staatliche Flutversicherung gespielt, die von der Katastrophenschutzbehörde Fema verwaltet wird. Ihre Versicherungsprämien reflektieren nicht das Risiko, sie sind tendenziell zu niedrig. Deshalb gerät die Versicherung regelmäßig an den Rand der Insolvenz und muss mit Steuermitteln gerettet werden. Steuerzahler subventionieren damit hochriskante Standortentscheidungen von Hauskäufern. Selbst mehrfach von Naturkatastrophen heimgesuchte Häuser werden immer wieder entschädigt und dann an derselben riskanten Stelle neu errichtet – im Zweifel sogar größer als zuvor. Ein Forscherteam der britischen Universität Southampton hat Satellitenbilder von amerikanischen Küstenorten verglichen, die zwischen 2003 und 2012 von Hurrikanen heimgesucht worden waren. Die Neubauten dort waren deutlich größer als ihre beschädigten Vorgänger.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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