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Schrottimmobilie in Neukirchen-Vluyn: Seit Jahren hoffen Anwohner, dass sich jemand der Ruine annimmt.
Schrottimmobilie in Neukirchen-Vluyn: Seit Jahren hoffen Anwohner, dass sich jemand der Ruine annimmt.

Kaputte Verhältnisse

Von JONAS JANSEN, BIRGIT OCHS, CHRISTINE SCHARRENBROCH und
STEFAN FINGER (Video und Foto)
Schrottimmobilie in Neukirchen-Vluyn: Seit Jahren hoffen Anwohner, dass sich jemand der Ruine annimmt.

23. Februar 2020 · Hochhausruinen, überbelegte Altbauwohnungen, verwahrloste Siedlungen: In Deutschland gibt es zigtausend Problemimmobilien, besonders viele in Nordrhein-Westfalen. Dort nennt man viele Ursachen und immer wieder den Namen eines Unternehmens.

Nicht das Wasser! Bloß das nicht. Anfang des Monats war die Aufregung unter den Bewohnern der Siedlung Tönsholt bei Dorsten groß. Im Briefkasten hatte eine Warnung gelegen. Mal wieder. Sie sehe sich veranlasst, das Wasser abzustellen, schrieb die Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft. Mehrfach habe man den Grundstückseigentümer gemahnt, die Rechnung zu begleichen. Sollte der Vertragspartner nicht doch noch zahlen, bleibe nur, den Hahn abzudrehen. Die Mieter kennen das. Schon im vergangenen Jahr hatte die Wasserwerksgesellschaft angekündigt, die Versorgung in einem der Häuser einzustellen, weil das Immobilienunternehmen das Geld zunächst schuldig geblieben war.


„Ratten knabbern uns die Wärmedämmung raus, Wohnungen stehen leer, in einer hat ein Messi gewohnt, die ist immer noch nicht entrümpelt und stinkt.“
Sabine Bartel*, langjährige Mieterin

Es sind nicht nur die hin und wieder ins Haus flatternden Androhungen, womöglich ohne Strom und Wasser zu wohnen, die das Mieterleben in der Siedlung schwermachen. Tönsholt, eine Ansammlung von Wohnblöcken ohne Straßennamen und mit etwa 200 Einwohnern, hat noch mehr Probleme. Einzelne Gebäude wie die frühere Gaststätte verfallen. „Ratten knabbern uns die Wärmedämmung raus, Wohnungen stehen leer, in einer hat ein Messi gewohnt, die ist immer noch nicht entrümpelt und stinkt“, zählt Sabine Bartel* die Missstände auf. Seit mehr als fünfzig Jahren lebt sie in der Häusergruppe, sie ist hier aufgewachsen. Im vergangenen Frühjahr sei über Wochen ein Teil der Beleuchtung ausgefallen, ergänzt ihr Mann Thomas. „Auch da hat der Verwalter die Zahlung verschleppt.“ Worüber sie sich aber so richtig ärgern, sind die fehlenden Vordächer. Vor anderthalb Jahren habe man die alten abgerissen und einfach auf ein Grundstück in der Siedlung geschmissen. „Eine Frechheit ist das, darüber regen sich hier alle auf“, schimpft die Dorstenerin. Oft schon habe sie sich beim Verwalter erkundigt, aber nie eine genaue Auskunft bekommen. „Die wissen selbst nicht, was los ist, und wirken überfordert.“

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Günter Broschk weist mit seinen Handzetteln auf den Schandfleck in seiner Nachbarschaft hin. Video: Stefan Finger

Mit „die“ meint Sabine Bartel die Mitarbeiter von Altro Mondo. Die Immobiliengruppe aus Ronnenberg bei Hannover verwaltet für die Degag Deutsche Grundbesitz AG Wohnimmobilien in mehreren Bundesländern. Auch für zweiundzwanzig Häuser in Dorsten-Tönsholt ist sie zuständig. Personell sind die beiden Unternehmen verflochten, der Geschäftsführer von Altro Mondo ist zugleich Vorstand der Degag. Auf der Homepage (Motto: Schöner Wohnen mit Altro Mondo) präsentiert sich das Unternehmen mit gepflegten Wohnanlagen, die von hochmotivierten Hausmeistern betreut würden. „Unsere engagierten Mitarbeiter sind für Ihre Traumimmobilie tagtäglich im Einsatz“, heißt es. Die Bartels hingegen sagen: „Es macht uns traurig, dass hier alles immer mehr verkommt.“

Altro Mondo selbst sagt zu alldem nichts. Auf einen ersten schriftlichen Versuch hin, mit dem Unternehmen Kontakt aufzunehmen und etwas zur Lage in Tönsholt zu erfahren, etwa über den Zustand der Häuser bei Übernahme und zu eventuellen Sanierungsplänen, meldet sich ein Medienanwalt. Im Namen seiner Mandantin teilt er mit, dass die Anfrage unzureichend sei und keine ordnungsgemäße Anhörung darstelle. So bleibt es bei allgemeinen Äußerungen zum Unternehmen, zum Beispiel dass Altro Mondo auf die Vermietung im Niedrigpreissegment spezialisiert sei und Tausenden von Menschen mit vorwiegend geringem Einkommen bei einer Durchschnittsmiete je Quadratmeter von 4,60 Euro bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stelle. Zahlreiche Mängel seien die Folge mutwilliger Zerstörung, die Mehrzahl der verwalteten Wohngebäude aber befinde sich in einem guten bis sehr guten Zustand. In den vergangenen Jahren habe man rund 110 Millionen Euro investiert.


„Es macht uns traurig, dass hier alles immer mehr verkommt.“
Sabine und Thomas Bartel*, Mieter in Tönsholt

Die Gaststätte von Tönsholt verfällt.
Die Gaststätte von Tönsholt verfällt.
Die Gaststätte von Tönsholt verfällt.
Viele Bewohner sind hier aufgewachsen und wollen auch gar nicht weg. Die Spielgeräte haben die Anwohner der Siedlung selbst finanziert.
Viele Bewohner sind hier aufgewachsen und wollen auch gar nicht weg. Die Spielgeräte haben die Anwohner der Siedlung selbst finanziert.
Viele Bewohner sind hier aufgewachsen und wollen auch gar nicht weg. Die Spielgeräte haben die Anwohner der Siedlung selbst finanziert.

Verhältnisse wie in Tönsholt gibt es überall, in abgehängten Regionen häufiger als in boomenden, aber doch auch dort. Während in den Metropolen und Ballungsräumen die Bewohner über zu viele Luxuswohnungen, hohe Preise und zu wenig bezahlbaren Wohnraum klagen, haben anderswo Kommunen mit ganz anderen Phänomenen zu kämpfen: verwaisten Bauten ohne jede Perspektive, verwahrlosten Hochhäusern, Siedlungen, in denen die Verwaltung chronisch nicht auf Missstände reagiert, oder mit verfallenden Gründerzeitbauten, die mit Zuwanderern aus Osteuropa überbelegt sind.


„Das Spektrum ist breit, und die Gründe, warum eine Immobilie zum Problemfall wird, sind vielfältig.“
Mathias Metzmacher, Referatsleiter im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Stadtplaner und Behörden sprechen von solchen Fällen als Problem- oder Schrottimmobilien. Vereinfacht erklärt, meinen sie Gebäude, deren „bauliche Verwahrlosung“ und „nicht angemessene Nutzung“ so stark ausgeprägt sind, dass eine Intervention seitens der Behörden erforderlich erscheint. Wie viele solcher Immobilien in Deutschland stehen, ist unbekannt. Aber eine Randerscheinung seien sie nicht, sagen die Fachleute. „Das Spektrum ist breit, und die Gründe, warum eine Immobilie zum Problemfall wird, sind vielfältig“, differenziert Mathias Metzmacher, Leiter des Referats Wohnen und Gesellschaft beim BBSR Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn. Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsrückgang, ein Überangebot an Wohnungen, schwierige Mieter, gleichgültige oder gierige Immobilieneigentümer – jeder Fall ist anders.

Doch bisweilen geraten die Zustände ins Rampenlicht. So wie im vergangenen September in Nordrhein-Westfalen, als unter der Koordination des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung in Düsseldorf zehn Kommunen, darunter auch Dorsten, in einer konzertierten Aktion insgesamt 136 Immobilien kontrollierten – allesamt im Bestand von Altro Mondo beziehungsweise der Degag. Beide sind vielen Stadtverwaltungen schon lange ein Dorn im Auge. In der obersten Landesbehörde hatten die Klagen so unterschiedlicher Kommunen wie Duisburg, Herne, Dortmund und Oerlinghausen Gehör gefunden. Mit dabei war auch Kamen, die Heimatstadt von Ministerin Ina Scharrenbach (CDU). Die sei von den Klagen „ungewöhnlich persönlich berührt“, heißt es aus dem Ministerium. So rückten im September unter anderen Stadtbauräte, Vertreter der Ordnungsämter, der Energieversorger und der Feuerwehr in den Altro-Mondo-Beständen an. Die Ministerin kommentierte die landesweite Aktion in einer Pressemitteilung so: „Zahlungsrückstände für Wasser-, Abwasser-, Strom- und/oder Wärmeleistungen oder Maßnahmen zur Instandhaltung werden oftmals erst auf wiederholtes Tätigwerden von Behörden betrieben oder ausgeglichen. All das passiert auf dem Rücken von Mieterinnen und Mietern.“ Das schädige das Gesamtbild der Wohnungswirtschaft und belaste das Vertrauensverhältnis zwischen Vermieter und Mieter. Und „das wollen wir in Nordrhein-Westfalen nicht.“

Martin Röper ist Anwalt und hat als Vorsitzender des Mietervereins in Dorsten, der gut 1600 Mitglieder zählt, zum Stichwort Vertrauensverhältnis einiges zu sagen. In rund hundert Fällen streite er für seine Klienten mit Altro Mondo. „Seit 2015 habe ich keine Rückmeldung mehr erhalten, aber ich schreibe sie jedes Jahr an.“ Der Ablauf sei immer gleich, Röper beschreibt ihn so: Altro Mondo schickt Betriebskostenabrechnungen, die fehlerhaft und zu hoch sind. Der Anwalt widerspricht. Inzwischen werde es merkwürdig, „da stehen in den Betriebskostenabrechnungen Posten für Hausmeister oder Gartenpflege drin, die nie gemacht, aber trotzdem umgewälzt werden“. Es gehe um Nachzahlungen von bis zu 2500 Euro, aber die Belege fehlten, sagt Röper und wettert: „Ich erwarte von einer Wohnungsbaugesellschaft, dass die das auf die Kette kriegt.“


„Ich erwarte von einer Wohnungsbaugesellschaft, dass die das auf die Kette kriegt.“
Martin Röper, Rechtsanwalt

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Mieteranwalt Martin Röper Video: Stefan Finger

Seit mehr als zehn Jahren ist der Jurist für den Mieterverein tätig. Seine Mandanten haben oft wenig Geld, weshalb er versucht, die Probleme ohne Klagen und Gerichte zu lösen. Früher, als der Bergbau noch florierte und die Dorstener auf dem Pütt gearbeitet haben, seien Reparaturen zackig erledigt worden, erzählt der Anwalt. Früher allerdings war nicht alles besser. Viele Problemsiedlungen von heute sind das Ergebnis einstiger Fehlplanung. Das kann man gerade am nördlichen Rand des Ruhrgebiets studieren, wo im Aufschwung der Nachkriegszeit zahlreiche neue Siedlungen entstanden. „Oft schlecht angebunden und mit für die Gegend überdimensionierten Hochhausbauten“, beschreibt BBSR-Fachmann Metzmacher typische Fehler. Heute stehen viele dieser Häuser im Zuge von Strukturwandel und Arbeitslosigkeit leer.

Auch Dorsten-Tönsholt ist eine abgehängte Siedlung. Wenn der Anwalt vom Mieterverein sich von seiner Kanzlei aus zur Siedlung aufmacht, fährt er gut zwanzig Minuten durch die Stadt, bis Wiesen und Felder die Häuserreihen ablösen. Wie eine kleines gallisches Dorf liegt Tönsholt da, der Bus zum ZOB Dorsten fährt einmal die Stunde. Das macht es leicht, die Siedlung zu vergessen, zumal deren Geschichte von Anfang an nicht glücklich war. Denn zunächst dienten die in den frühen vierziger Jahren gebauten, barackenähnlichen Häuser als Lager für Kriegsgefangene. Danach folgten Soldaten als Bewohner, später Flüchtlinge aus dem Osten, von denen viele blieben und deren Nachkommen dort teils heute noch leben. Tönsholt galt immer als Problemfall. Ein Abriss sei im Rat der Stadt mehr als einmal diskutiert worden, schreibt der Journalist Wolf Stegemann in seiner Online-Publikation „Dorsten Lexikon“. Doch war die Siedlung stets in privater Hand, nicht erst seit die Degag Ende 2014 die Mehrzahl der Häuser übernommen hat – „mit einem ziemlichen Sanierungsstau“, wie Anwalt Röper einräumt.

Mit der landesweiten Kontrollaktion in den Beständen haben die lokalen Behörden nun Druck aufgebaut und demonstriert, dass die Kommune in Härtefällen über das seit 2014 geltende Wohnungsaufsichtsgesetz eingreifen kann. Das Gesetz, das die damalige rot-grüne Landesregierung entwickelt hat, ermöglicht es einer Stadt, je nach Problemlage den Eigentümer aufzufordern, Missstände freiwillig zu beheben, Ordnungsmaßnahmen zu ergreifen oder Mängel selbst zu beseitigen. Die Kosten dafür sind abgesichert. Nach der Begehung im September haben die Städte Altro Mondo zum Beispiel aufgefordert, Aufzüge wieder in Gang zu setzen, Steigleitungen zu reparieren, Rauchschutztüren zu überarbeiten und demolierte Briefkästen zu erneuern. Man setzte Fristen, und vielerorts hat das Unternehmen die Mängel beseitigt. In ganz schweren Fällen hätten die Behörden zudem Wohnungen für unbewohnbar erklären können. Dazu kam es infolge des Aktionstags nicht.

Die Wilhelmstraße in der Stadt Hamm
Die Wilhelmstraße in der Stadt Hamm

In Duisburg, wo es besonders viele Problemimmobilien gibt, ist das unabhängig davon geschehen. Den Angaben der Stadt zufolge steht ein Großteil der mehr als 730 Altro-Mondo-Wohnungen inzwischen leer, auch weil die zuständige Behörde einige Gebäude wegen gravierender Mängel geschlossen hat. Bei Sozialleistungsbezug stimme man einem Einzug in eine Wohnung aus dem Bestand der Immobiliengruppe nicht mehr zu, heißt es überdies auf eine Anfrage dieser Zeitung.

Das betroffene Unternehmen äußert sich auch dazu nicht direkt. Der Medienanwalt bleibt wiederholt dabei, Fragen als zu unkonkret zurückzuweisen. Einige Auskünfte gibt es dann aber doch. Bei den mehreren hundert freien Wohnungen in Duisburg handelt es sich laut Anwaltsschreiben um Hochhäuser, für die eine bauordnungsrechtliche Nutzunguntersagung ausgesprochen wurde. Dazu sei es gekommen, weil das Land zwischenzeitlich die Brandschutzauflagen verschärft hat. Altro Mondo habe daher ein Ingenieurbüro beauftragt, den Bestand den neuen Bestimmungen anzupassen. Das brauche Zeit.

Aber von fehlerhaften Betriebskostenabrechnungen, die Mieteranwalt Röper moniert, wisse Altro Mondo nichts, ebenso wenig von einer leerstehenden, stinkenden Wohnung. Man werde dem Hinweis jedoch nachgehen. Die Außenbeleuchtung in Tönsholt sei nach Informationen des Unternehmens nicht wochenlang, sondern nur für höchstens eine Woche ausgefallen, der Grund dafür unbekannt. Die Erneuerung der Vordächer habe Altro Mondo für März geplant, und eine „Task Force“ sowie zusätzliches Personal sollen die Kommunikation mit den Mietern verbessern.

Zur Kontrollaktion der Landesregierung heißt es, „lediglich vier (!)“ der dabei festgestellten Mängel seien Altro Mondo zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt gewesen und die Mängelbeseitigung längst eingeleitet gewesen. „Aus Sicht unserer Mandantin war die Aktion nicht nur überflüssig, sondern offenkundig rein politisch motiviert.“

Dieses Haus hat die Stadt Hamm aufgekauft und abgrissen.
Dieses Haus hat die Stadt Hamm aufgekauft und abgrissen.

Sosehr das Ministerium in Düsseldorf das Immobilienunternehmen durch die Kontrollaktion kurzzeitig in den Mittelpunkt gestellt hat, wenn es um verwahrloste Immobilien geht, gibt es noch viel mehr und andere Missstände. Duisburg etwa bemüht sich, das Thema Problemimmobilie grundsätzlich in den Griff zu bekommen. Die Stadt hat ein Ankauf- und Abrissprogramm gestartet – ein Weg, den auch Hamm schon länger beschreitet. In der westfälischen Stadt war die prominente Wilhelmstraße früher einmal eine florierende Einkaufsstraße. Heute reihen sich dort Wettbüros, Spielhallen, Handygeschäfte und Imbissläden aneinander. Etliche Ladenlokale stehen leer, die Fenster sind von innen abgeklebt. Die wenig ansehnliche Straße ist das Sorgenkind der 180 000 Einwohner zählenden Stadt. Bei gleich neun Immobilien sah sich die Verwaltung zum Eingreifen gezwungen. Darunter die Hausnummer 19, ein verwahrlostes Mehrfamilienhaus gegenüber einer Industriebrache.

Mit 58 Mietern in sieben Wohnungen war das fünfstöckige Haus überbelegt, es gab Mängel beim Brandschutz, der Müll türmte sich zu Bergen, wie sich Martin Zerle, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft Hamm GmbH (SEG), erinnert. Nach zähen Verhandlungen erklärte sich der Eigentümer – ein Privatmann aus Hamm – bereit, das Haus an die SEG zu verkaufen. Mittlerweile ist das Gebäude abgerissen, nun soll das geräumte Grundstück an einen Investor verkauft werden.

„Wir müssen die Abwärtsspirale durchbrechen“, sagt Zerle, „sonst zieht es das gesamte Viertel nach unten.“ Er hat das Prozedere aus Ankauf, Abbruch und Grundstücksverkauf schon ein paarmal durchgezogen. Zehn von insgesamt achtzig Schrottimmobilien hat die SEG inzwischen gekauft.


„Wir sehen die Gefahr, dass solche Immobilien ein ganzes Viertel weiter nach unten ziehen.“
Thomas Hunsteger-Petermann, Oberbürgermeister der Stadt Hamm

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Thomas Hunsteger-Petermann, Oberbürgermeister der Stadt Hamm Video: Stefan Finger

„Wir haben gerade im Westen der Stadt zu viel günstigen Wohnraum, den keiner haben will und in den nicht mehr investiert wird“, beschreibt Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann (CDU) die Lage, die im Zuge des Strukturwandels entstanden ist. Einst prägte die Montanindustrie die Stadt, 2010 schloss die letzte Zeche. Die Arbeitslosenquote liegt mit 8 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Die Problematik Schrottimmobilien habe sich in den vergangenen Jahren infolge der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien verschärft, sagt Hunsteger-Petermann. „Die Zuwanderer sitzen mitunter unseriösen Vermietern auf, die die Not und Unkenntnis der Menschen ausnutzen.“ Da gab es beispielsweise den Fall, dass ein Dutzend Wohnungen für je 450 Euro im Monat von einer unseriösen Jobvermittlungsagentur angemietet und dann zu horrenden Preisen untervermietet wurde. In jeder Wohnung quartierte man sechs bis sieben Osteuropäer ein, die für einen Schlachtbetrieb in der Region tätig waren und noch im Heimatland Arbeits- und Mietverträge unterschrieben hatten. 300 Euro Monatsmiete musste jeder der Männer zahlen. „Da greifen wir auch aus sozialpolitischen Erwägungen heraus ein“, sagt der Oberbürgermeister. Zudem gelte es zu verhindern, dass soziale Brennpunkte entstehen. „Bei verwahrlosten Gebäuden müssen wir mit öffentlichen Mitteln den Impuls geben und schnell zu einer neuen Nutzung kommen.“


„Die Zuwanderer sitzen mitunter unseriösen Vermietern auf, die die Not und Unkenntnis der Menschen ausnutzen.“
Thomas Hunsteger-Petermann, Oberbürgermeister der Stadt Hamm

Zu diesem Zweck gründete die Stadt vor vier Jahren die Tochtergesellschaft SEG. Finanziell gefördert werden die Ankäufe vom Land Nordrhein-Westfalen mit dem „Modellvorhaben Problemimmobilien“. Im Rahmen des 2017 gestarteten Programms erwarben die elf teilnehmenden Kommunen bisher fünfzig Gebäude, insgesamt sind 155 Immobilien zur Förderung angemeldet. Die meisten Käufe tätigten Gelsenkirchen (zwanzig Häuser) und Duisburg (elf), Hamm rangiert auf Platz drei.

Durch Razzien mit Polizei, Zoll, Ordnungsamt und Meldebehörden erhalte die Stadt Einblicke in die Strukturen bei Problemimmobilien und in die Geschäftspraktiken der Eigentümer, berichtet SEG-Geschäftsführer Zerle. Über die Ordnungsbehörden könne entsprechend Druck aufgebaut werden. So ist es beispielsweise im Fall eines defekten Aufzugs möglich, ein achtgeschossiges Haus vom vierten Stockwerk an aufwärts für unbewohnbar zu erklären. Mit solchen Maßnahmen schaffe man es, auch den unwilligsten Eigentümer an den Verhandlungstisch zu bekommen, sagt Zerle. „Dann zeigt er sich zum Verkauf bereit – oder investiert selbst.“

Warum aber lassen Eigentümer überhaupt zu, dass ihre Immobilie verwahrlost oder ganze Bestände verfallen? Manchmal liegt es daran, dass eine zerstrittene Erbengemeinschaft den Konflikt durch Nichtstun aussitzt. Dann gibt es Fälle wie den einer Vermieterin jenseits der neunzig, die in einer anderen Stadt lebt und gar nicht mitbekommt, dass die Wohnungen ihres Mehrfamilienhauses überbelegt sind – und zu überhöhten Mieten untervermietet werden. Was die professionellen Immobilienunternehmen angeht, nennt Michaela Hellerforth, Professorin für Facility Management an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen und Geschäftsführerin eines Bauträger- und Immobilienmanagementunternehmens, gleich eine ganze Reihe von Ursachen, die zu den Missständen führen. Eine, die alle trifft: „Handwerker zu finden, die zügig einen Auftrag zu vernünftigen Preisen übernehmen, ist momentan schwierig“, sagt die Fachfrau. Besonders bekämen das nun aber Unternehmen zu spüren, die in der Vergangenheit eine laxe Zahlungsmoral bewiesen und Installateure, Aufzugs- und Heizungsmonteure regelmäßig auf ihr Geld haben warten lassen. Zudem sind gute Hausverwalter mit technischem Wissen „Mangelware“, wie Hellerforth sagt.


„Modernisieren kostet, und dass der Vermieter seit dem 1. Januar 2019 nur noch 8 statt bisher 11 Prozent auf die Miete umlegen kann, kurbelt das Engagement gewiss nicht an.“
Michaela Hellerforth, Professorin für Facility Management

Hinzu kommen jene Investoren, die sich bei ihrer Einkaufstour am Wohnimmobilienmarkt übernommen haben. „Da wurden zum Teil schon heruntergewirtschaftete Bestände an unterschiedlichen Standorten gekauft, und nun haben die Eigentümer offenkundig Probleme, die Situation in den Griff zu kriegen“, urteilt Michaela Hellerforth. Und dann ist da noch die Renditeerwartung, die einer nötigen Sanierung im Weg steht. „Modernisieren kostet, und dass der Vermieter seit dem 1. Januar 2019 nur noch 8 statt bisher 11 Prozent auf die Miete umlegen kann, kurbelt das Engagement gewiss nicht an“, sagt sie. Besonders zurückhaltend zeigten sich Eigentümer, die einen Verkauf ihrer Immobilien erwögen. „Wer eine Exit-Strategie verfolgt, wird sich genau überlegen, ob es sich lohnt, Geld in ein Objekt zu stecken.“

Zurück in Dorsten-Tönsholt. Anwalt Röper sitzt bei den Bartels im Wohnzimmer am Esstisch und hört sich an, was dort zuletzt wieder nicht funktioniert hat. Immerhin, das Wasser hat man in diesem Monat doch nicht abgestellt. Angesichts der vielen fruchtlosen Versuche, bei Problemen Hilfe vom Verwalter zu bekommen, sind die beiden zu Selbsthilfe-Profis geworden. So halten sie es mittlerweile immer bei kleinen Problemen. Die Miete haben sie mit Röpers Unterstützung um 15 Prozent gekürzt. Darauf habe Altro Mondo genauso wenig regiert wie auf Nachfragen wegen Reparaturen und Defekten, erzählen sie. Mit dem Duck-und-weg-Prinzip haben sie sich in Tönsholt arrangiert. Doch manchmal wundern sie sich, was dann doch gemacht wird. „Neulich kam einer und hat die Klingelschilder ausgetauscht. Dabei ist das unser geringstes Problem“, sagt Sabine Bartel. Unterkriegen lassen wollen sie sich nicht und versuchen, die Verhältnisse nach Möglichkeit positiv zu beeinflussen. Stolz sind sie auf den begrünten Eingang zu ihrem Haus, den sie selbst bepflanzt haben. „Es ist der schönste der Siedlung“, sagen sie. Eine Bewohnerinitiative hat außerdem in eigener Regie einen Spielplatz angelegt. „Hier sind so viele Nachbarn groß geworden und wollen auch gar nicht weg, wir machen halt das Beste draus.“

*Die Namen der Mieter haben wir auf deren Wunsch hin geändert.


20.02.2020
Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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