<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
FAZ plus Artikel„Tiny living“ in Hannover

Eine neue Lebensform

Von Reinhard Bingener, Hannover
Aktualisiert am 25.11.2019
 - 16:11
Klötzchen der Zukunft: Workshop-Teilnehmer der „Wunschproduktion“zur Bildergalerie
Das Konzept der Stunde heißt „Tiny Living“: In Hannover soll Europas größte Siedlung für ökologisches, minimalistisches, inklusives und basisdemokratisches Wohnen entstehen.

Wörter sind wie Ziegelsteine. Meist fügt man die Klötze achtlos aneinander, um eine Information von A nach B zu bekommen. Und dann gibt es von Zeit zu Zeit Worte, die schimmern, aus dem Mauerwerk hervorstehen und Phantasien beflügeln. Kaum nennt man das Wort, hebt die Welt an zu singen. Das Wort wird zum Zauberwort. Und wenn nicht alles täuscht, zählt zu diesen Zauberwörtern der Stunde das „Tiny House“.

Hans Mönninghoff saß in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester vergangenen Jahres mit dem Chef von „Transition Town Hannover“ zusammen. Der Verein kümmert sich in der Stadt um Projekte wie „Urban Gardening“, was vor wenigen Jahren auch so ein Zauberwort war. Der 69 Jahre alte Mönninghoff wiederum ist fast ein Vierteljahrhundert lang Umweltdezernent in der niedersächsischen Landeshauptstadt gewesen und gehört zu den wichtigsten Wegbereitern der Grünen in Niedersachsen.

Bei dem Treffen sprach man darüber, wie sich verhindern lässt, dass immer mehr Kleingärten Neubauprojekten weichen müssen. Mönninghoff und der Soziologe von „Transition Town“ kamen auf den Gedanken, die Parzellen für das Wohnen in „Tiny Houses“ freizugeben. Dass sich traditionelle Schrebergärtner mit Deutschlandfahne und Schneckenkorn davon provoziert fühlen könnten, beabsichtigten beide. Für den 24. Januar lud Mönninghoff jedenfalls zu einem Abend in kleinem Rahmen ein.

Eine Idee, deren Zeit gekommen ist

Was seither passiert ist, zeigt die Macht einer Idee, deren Zeit gekommen ist. Zu dem Gesprächsabend erschienen dreihundert Leute. Um die Energien zu kanalisieren, teilte man sich in Arbeitsgruppen auf und setzte für Anfang Juni einen „Visionskongress“ an. Rasch ging es nicht mehr um einige Kleingärten, sondern um den Bau eines neuen Stadtviertels: das „Ecovillage Hannover“.

Auch die Verwaltung und die politischen Parteien konnten sich dem Sog nicht entziehen, obwohl dort nicht jeder begeistert war. Die Stadt bot der Initiative einige Flächen an. Am Ende reservierte man bis zu 50.000 Quadratmeter auf dem Kronsberg. Ganz in der Nähe des alten Expo-2000-Geländes soll nun, wie es heißt, „Europas größte Tiny-House-Siedlung“ entstehen.

Mönninghoff ist Geistesmensch genug, um mit Sprache zu spielen. „Tiny House“, das setzt Phantasien frei von einem selbstbestimmten Leben im Grünen, wo man in der Nachmittagssonne den Lehm von der Süßkartoffel pult, die man sich anschließend auf den Grill legt. Eigentlich mag Mönninghoff den Begriff jedoch gar nicht, viel mehr geht es ihm um „Tiny Living“.

Bewohner sollen über die Gestaltung entscheiden

Der Unterschied zwischen beiden Konzepten wird bei der „Wunschproduktion“ deutlich, die alle paar Wochen stattfindet. Drei junge Architektinnen aus Braunschweig legen bei diesen Terminen Wellpappe aus, auf der Interessierte mit Holzklötzen ihre eigene Vision des „Ecovillage“ entwerfen. Denn das Wohnprojekt soll nicht nur ökologisch, klimaneutral, minimalistisch und sozial sein, sondern auch basisdemokratisch. Nicht Investoren, sondern die künftigen Bewohner sollen über die Gestaltung entscheiden.

Das heißt allerdings nicht, dass es keine Zwänge gibt. Das merkt auch Verena Fix sehr rasch. Die junge Prozessingenieurin lebt seit zwei Jahren in Hannover. Bevor sie an den Tisch mit den Klötzchen tritt, hat sie ihre Ideen für das „Ecovillage“ zu Papier gebracht. Fix schlägt eine gemeinschaftliche Nutzung von Werkzeugen vor. „Es braucht keine acht Bohrmaschinen in einem Acht-Parteien-Haus“, hat sie geschrieben und außerdem, dass sie „dogmafrei“ wohnen möchte.

Fix erzählt, dass sie bis vor einigen Jahren in immer größere Wohnungen gezogen sei. „Irgendwann fiel mir auf, dass man zu viel hat und zu viel braucht.“ Seitdem verkleinert sich Fix von Umzug zu Umzug und findet das nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch befreiend. Derzeit lebt sie auf fünfzig Quadratmetern. Im „Ecovillage“ möchte sie mit einem mobilen „Tiny House“ unterkommen.

Entsprechend legt Fix auch die Klötzchen auf der braunen Pappe ab. Jeder Klotz entspricht der Größe eines Standardcontainers, also einer Wohnfläche von rund 28 Quadratmetern. Fix ordnet die einzelnen „Tiny Houses“ gegeneinander versetzt an. Die Siedlung bekommt dadurch einen aufgelockerten und geräumigen Charakter. Das Problem ist nur: Etliche Klötze bleiben übrig und müssen noch verbaut werden. „Das sind doch mehr, als man denkt“, sagt Fix konsterniert und beginnt, die Klötzchen übereinanderzustapeln. Aus den „Tiny Houses“ wird „Tiny Living“ mit zwei- und dreigeschossigen Wohnblöcken.

Die damit verbundene Frustration ist durchaus beabsichtigt. „Es ist menschlich, dass man zuerst denkt: Ich will viel Platz für mich“, erläutert die Architektin Lena Bruns. Durch das Anordnen der Klötzchen sollen die künftigen Bewohner ein Gespür für die „Flächenrelevanz“ bekommen.

Nicht günstig, aber mit Do-it-yourself-Werkstatt

Auf dem Areal, das die Stadt für das „Ecovillage“ reserviert, sollen rund 500 Einheiten für bis zu tausend Bewohner entstehen, denn „Tiny Living“ meint verdichtetes Wohnen und nicht weitere Zersiedlung. Die Planer müssen aber auch die Kosten streng im Blick behalten. Billig wird das Wohnen auf dem Kronsberg nämlich nicht.

Für den Bau einer Wohneinheit von rund dreißig Quadratmetern muss man mit Baukosten von mindestens 60.000 Euro planen. Interessenten müssen zunächst rund 1000 Euro für die Mitgliedschaft in der Genossenschaft bezahlen, der die Siedlung gehören soll. Hinzu kommt eine „nutzungsbezogene Mitgliedseinlage“, die bei dreißig Quadratmetern rund 6000 Euro beträgt. Und natürlich die Miete, die höher als in einer vergleichbaren Wohnung liegen wird. Mönninghoff rechnet mit einem Preis von deutlich über zehn Euro pro Quadratmeter.

Im Gegenzug haben die Bewohner die Möglichkeit, eine Reihe von Gemeinschaftseinrichtungen zu nutzen. Eine Do-it-yourself-Werkstatt soll dazugehören. Die Bewohner können aber auch die Waschmaschinen gemeinschaftlich nutzen, sich zu Wohngemeinschaften mit gemeinsamer Küche zusammenschließen, Büroflächen teilen und eines der Gästezimmer anmieten, falls sie Besuch bekommen. Bei Problemen soll es einen Concierge als Ansprechpartner geben, der auch Pakete annimmt.

Marlis und Rainer Pollak, beide um die 70 Jahre alt, haben sich bereits in die Genossenschaft eingekauft. Auch eine Siedlung aus Klötzchen hat das Ehepaar schon entworfen. Die einzelnen Riegel bestehen aus bis zu 24 Wohneinheiten plus Gemeinschaftsräumen. „Ein ,Tiny House‘ ist nichts für uns – ,Tiny Living‘, das ist es!“, sagt Rainer Pollak. Bisher lebt das Ehepaar in einem Reihenhaus auf dem Kronsberg. Bis auf weiteres wollen die beiden auch dort wohnen bleiben. Das Ehepaar denkt aber bereits weiter. Für einen von ihnen wäre das Reihenhaus zu groß. Ein Umzug ins „Ecovillage“ könnte zudem das Bedürfnis nach Gemeinschaft stillen. Mit diesem Wunsch ist das Ehepaar nicht allein. „Der Altersschnitt ist hier gar nicht so jung“, berichtet Architektin Bruns. „Ältere Leute leben oft in größeren Häusern und wollen sich reduzieren.“

Junge Radikale, Senioren und Achtundsechziger

Mönninghoff teilt die Interessenten idealtypisch in drei Gruppen auf: „Junge Radikale“, die ganz reduziert leben möchten. Senioren, die Einsamkeit oder Altersarmut aus dem Weg gehen möchten. Und Angehörige der Generation dazwischen, die nach einer neuen Balance zwischen Selbstbestimmung und Gemeinschaft suchen. „In der Regel sind das Frauen, in der Regel bürgerlich, oft in der Achtundsechziger-Tradition“, umreißt Mönninghoff dieses Profil.

Die Genossenschaft, in der all diese Gruppen zusammenfinden sollen, ist vor wenigen Wochen gegründet worden. Inzwischen hat sie 150 Mitglieder. An diesem Samstag findet die große „Kronsberg-Startkonferenz“ statt, auf der verbindliche Eckpunkte für das Projekt beschlossen werden sollen. Hans Mönninghoff weiß, wie aufreibend solche Klärungsprozesse sein können. Die künftigen Bewohner müssen sich etwa der Frage stellen, wie viele Sozialwohnungen entstehen sollen, bei denen die Kommune ein Belegrecht hat. Die damit verbundene staatliche Förderung würde das Projekt billiger machen. Sozialwohnungen entsprechen aber auch dem angestrebten Ideal, nicht nur klimaneutral zu bauen, sondern auch multikulturell und inklusiv. „Aber natürlich sagen Leute: Wir können uns nicht Leute von der Stadt zuweisen lassen, die unseren Idealen gar nicht verpflichtet sind“, berichtet Mönninghoff.

Auch die Frage, inwieweit man Eigentum zulässt, muss diskutiert werden. Klar ist, dass das Ecovillage nicht dazu dienen darf, dass Gutverdiener günstig an eine Eigentumswohnung kommen. „Sonst würden wir auch überrannt“, sagt Mönninghoff. Daher die Lösung mit der Genossenschaft, daher bloß wenige Plätze für Leute, die ihr eigenes mobiles „Tiny House“ abstellen. „Die klare Mehrheit hier ist Anti-Eigentum.“

„Wir sind doch keine Sekte“

Mönninghoff selbst zählt eher zu denjenigen, die vor Übereifer warnen. Während der Planungen gab es beispielsweise den Vorschlag, dass die Bewohner kein privates Auto besitzen dürfen. „Da habe ich gesagt: Seid ihr verrückt? Wir sind doch keine Sekte.“ Man dürfe die ideologischen Anforderungen nicht zu hoch schrauben, mahnt Mönninghoff. Der Grünen-Politiker spricht dabei auch aus eigener Lebenserfahrung.

„Ich habe selbst fünf Jahre in einer Kommune erlebt“, erzählt Mönninghoff. „Ich bin dann aber ausgestiegen, als es mehr als zwölf Personen wurden.“ Wenn Individualisten den Wunsch nach Vergemeinschaftung verspüren, entsteht ein explosives Gemisch. Das lehrt auch die Geschichte der Wohnprojekte, die im Zuge der Lebensreform entstanden. In der gegenwärtigen Konjunktur des „Tiny House“ erkennt Mönninghoff eine Wiederkehr dieser Bewegung. „Die zwanziger Jahre kehren eins zu eins zurück.“

Wieder sind die Zeiten politisiert. Wieder lassen sich Leute von der Idee verzaubern, im Einklang mit der Natur und in enger Gemeinschaft zu leben, wie vor 100 Jahren die Lebensreformer im Tessin. Und wer weiß, vielleicht wird der Kronsberg in Hannover zu einem kleinen Monte Verità in der norddeutschen Tiefebene.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bingener, Reinhard
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.