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FAZ plus ArtikelLondoner East End

Luxuswohnungen gegen Verdrängung

Von Philip Plickert
Aktualisiert am 12.12.2019
 - 18:58
Blick aus dem Hochhaus nach Plänen von David Chipperfield im Londoner Ost End.
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Wohntürme vom Stararchitekten im alten Arbeiterviertel – das klingt nach einer typischen Gentrifizierungsstory. Doch im Londoner East End ist alles ganz anders.

Es ist eine Welt voller Gegensätze: Steigt man an der Old Street aus der U-Bahn-Station, empfangen einen kühn geformte Glas-Hochhäuser und die teuren Bürobauten der „Tech City“. Doch schon ein paar hundert Meter nördlich wirkt die Gegend eher trist. Heruntergekommene graue Sozialbauten, eine Mischung aus Beton und Backstein, liegen wie riesige Schuhkartons verstreut entlang des Weges.

Das Viertel Hoxton im Bezirk Hackney galt früher gar als No-go-Area, zumindest in der Dunkelheit sollte man vorsichtig sein. Auf kleinen Balkonen flattert Wäsche im kalten Novemberwind, mancher hat ein Fahrrad, einer seinen Rollstuhl dort abgestellt. Über die Straße schiebt eine verschleierte Frau einen Kinderwagen.

Am Shoreditch Park angekommen, weitet sich der Blick. Jenseits der Grünanlage erheben sich zwei Türme aus rotem und schwarz-braunem Backstein in den Himmel, der eine sechzehn, der andere zwanzig Stockwerke hoch: feine, zurückhaltende Eleganz, die in starkem Kontrast zu den alten Sozialbauten steht. Man kann förmlich riechen, dass die Apartments hier – bei allem gestalterischen Understatement – ein Vielfaches der Wohnungen in der Umgebung kosten. Entworfen hat die beiden Türme Karakusevic Carson Architects in Zusammenarbeit mit dem Büro des Stararchitekten David Chipperfield, bekannt durch die Kensington Gardens in London, das Museum Folkwang in Essen und das Neue Museum in Berlin.

Bereits 70 Prozent sind verkauft

Was sich in Hoxton abspielt, klingt zunächst nach einer typischen Londoner Gentrifizierungsgeschichte: Abrissreife Nachkriegsbauten werden von Luxuswohnungen verdrängt. Doch hier ist es anders. Der Gemeinderat des Stadtteils hat nämlich bei der Neugestaltung des Areals eine Bedingung gestellt. Die zwei Türme mit privat vermarkteten Wohnungen sind sozusagen die Cash Cows für das Viertel – um sie herum sollen bezahlbare, subventionierte Wohnungen entstehen, die mit den Erlösen aus den Chipperfield-Doppeltürmen quersubventioniert werden.

In den kommenden Jahren sollen auf zwölf Hektar Fläche, dem sogenannten Colville Estate, neue Sozialbauten entstehen, die ebenfalls Karakusevic Carson Architects entwerfen. Nach und nach werden die Betonmonster aus der Nachkriegszeit abgerissen und durch freundliche Neubauten ersetzt. 438 Council-Wohnungen verschwinden, 950 neue sollen an ihre Stelle treten.

Ein paar neue Backstein- und Glasgebäude stehen schon nördlich der Türme, nahe am idyllischen Regent’s Canal, auf dem vermooste Hausboote schaukeln, während im Rosemary Branch Tavern, einem gemütlich-eleganten Pub, die ersten Gäste ein Ale trinken. Die günstigen Karakusevic-Wohnbauten sind modern und ansprechend gestaltet, zwar etwas kantig, aber mit menschlichen Proportionen.

Wie die Wohnsituation in den beiden Türmen ist, lässt sich von außen nur schwer erahnen. Hoxton Press Duo nennt die Baugesellschaft das Projekt, weil auf dem Gelände im späten neunzehnten Jahrhundert einmal die Hoxton Press, eine Papier- und Druckfirma, saß. Vor einem Jahr sind die Türme fertig geworden, inzwischen seien 70 Prozent der 198 Apartments verkauft, sagt eine Dame von der Vermarktungsgesellschaft, die ihr Büro gleich gegenüber hat.

Nach dem Brexit sanken die Preise

Unten im Turm empfängt den Besucher ein großzügiges Entree mit gewölbter Backsteindecke, das allerdings auch etwas an ein anonymes Parkhaus erinnert. Rundum erlauben riesige Glasfenster den Einblick von draußen. Im Inneren fühlt man sich wie in einem wabenartigen Bienenstock mit geometrisch gemusterten Steinböden und dunklen Holzwänden. Jeweils zu drei Seiten führen Gänge zu den Apartments. Mit dem holzvertäfelten Lift geht es in eines der obersten Stockwerke.

Dort oben hat man aus den Wohnungen einen herrlichen Blick über den Park nach Südosten bis zu den Bankentürmen und nach Süden zur Tech City an der Old Street mit dem 134 Meter hohen Atlas-Hochhaus. Die Hoxton-Press-Apartments haben riesige doppelverglaste Fenster, jedes einzelne wiegt 500 Kilogramm, jede Wohnung hat großzügige Balkone, Luxusbad und -küche. Holz, Backstein, Marmor und Granit sowie viel Glas sind die vorherrschenden Materialien.

Die Wohnungen sind nicht gerade billig: 999.000 Pfund (fast 1,2 Millionen Euro) sollen die 75 Quadratmeter großen Apartments in den obersten Stockwerken kosten, die kleinsten, günstigsten Wohnungen mit 55 Quadratmeter kosten mindestens 645.000 Pfund. Das entspricht einem Quadratmeterpreis von 13.500 bis fast 15.500 Euro. Aus deutscher Sicht ist das sehr viel, für Londoner Verhältnisse aber eher oberes Mittelfeld.

Seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 hat sich der Aufschwung des britischen Immobilienmarkts zwar abgeschwächt und in London sind in vielen Vierteln die Preise sogar leicht gesunken, das Niveau bleibt aber hoch. In den feinsten Vierteln wie Kensington and Chelsea kostet schon eine Durchschnittsimmobilie 1,3 Millionen Pfund (1,5 Millionen Euro), so der Immobilienatlas des Maklerhauses CBRE. In Hackney kostet eine mittlere Wohnung fast eine halbe Million Pfund, wobei dieser Durchschnitt durch billige Nachkriegshäuser nach unten verzerrt ist. In den schicken Neubauten kosten bessere Wohnungen schnell eine Dreiviertelmillion.

Turm an Turm

Der Verkauf der Hoxton-Press-Apartments läuft nicht ganz so glatt wie erhofft, gibt die Dame der Vermarktungsgesellschaft zu. „Der Brexit hat nicht gerade geholfen“, sagt sie. „Wir sind schon mit den Preisen runtergegangen, aber die Leute fragen immer noch nach mehr Discount.“

Etwa die Hälfte der verkauften Wohnungen seien an Investoren, überwiegend ausländische, gegangen. Von oben sieht man hinunter auf die umliegenden Sozialwohnungen, einen Kindergarten sowie das Britannia Leisure Center mit seinen Schwimmbädern und Sporthallen. All dies wird die Stadtverwaltung in den nächsten Jahren abreißen und mit Karakusevic-Bauten ersetzen. Ein Wermutstropfen für die Käufer der teuren Turmwohnungen kündigt sich schon an: Direkt vor ihren Turm wird noch ein Hochhaus gebaut – das dann einen Teil der Aussicht auf die Londoner Skyline versperrt.

In ein paar Jahren wird man diesen Teil von Hackney kaum noch wiedererkennen. Die triste Betonwüste, die auch ein sozialer Brennpunkt war, dürfte komplett in eine gehobene Wohngegend verwandelt sein. Der Clou indes bleibt, dass dies nicht zur Verdrängung der bisherigen Sozialmieter führen soll. Sie können dann in die neuen, quersubventionierten Backsteinbauten umziehen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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