Großbauprojekt

Ein neuer Norden für Madrid

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
Aktualisiert am 29.08.2019
 - 09:52
Grüne Brücken: Durch Parks und über baumgesäumte Boulevards sollen die Wege der Bewohner und Angestellten im neuen Stadtviertel führen.zur Bildergalerie
In der spanischen Hauptstadt startet eines der größten Bauprojekte Europas. Im Norden der Stadt entstehen Wohnungen und ein neues Geschäftszentrum. Autos spielen in dem Konzept nur noch eine Nebenrolle.

Einer breiten Wunde gleich klafft das Gleisbett im Norden Madrids. Links und rechts davon fasert es in Ödland aus. Obdachlose haben neben Industrieruinen Hütten gebaut. Die Gleise, auf denen die Züge zum Bahnhof Chamartín rollen, trennen mehrere Stadtteile voneinander. Sechsundzwanzig Jahre lang wurde in der spanischen Hauptstadt geplant, verworfen und gestritten. Jetzt soll ein neues Stadtviertel die alte Wunde heilen und ein neuer Norden entstehen. Auf Spanisch heißt er "Madrid Nuevo Norte" und wird eines der größten Bauprojekte Europas sein. 7,3 Milliarden Euro soll es kosten. Am Ende stimmten im Madrider Stadtrat alle Parteien zu; das ist eine große Ausnahme in dem Land, das seit Monaten vergeblich um eine neue Regierung ringt.

Wenn über die letzten der mehr als 3000 Einsprüche von Bürgern und Umweltschützern entschieden ist, rücken voraussichtlich Ende 2020 die ersten Bagger an. Das Areal ist riesig: 2,6 Millionen Quadratmeter groß und fünf Kilometer lang. Es reicht vom Ende des Castellana-Boulevards, wo der Bahnhof von Chamartín liegt, bis zum bewaldeten Hügel von El Pardo. Eine "grüne Achse" wird sie verbinden. In den nächsten fünfundzwanzig Jahren werden nicht nur knapp 350 Gebäude und mehrere Hochhäuser in die Höhe wachsen. Der Neue Norden wird über 400.000 Quadratmeter Grünfläche verfügen und das Gesicht der Stadt verändern. Den Masterplan entworfen hat das Büro des britischen Architekten Richard Rogers, der sich in Madrid mit der geschwungenen Dachlandschaft des Terminals 4 auf dem Barajas-Flughafens einen Namen gemacht hat.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten fing alles am Bahnhof Chamartín an, neben Atocha im Süden der wichtigste Fernbahnhof der Stadt. Lange vor "Stuttgart 21" wollte man ihn schon 1993 unter die Erde verlegen und die entstehende Fläche darüber bebauen. "Operación Chamartín" hieß das Projekt zunächst. Jetzt soll der hässliche Betonbahnhof zu einer neuen Drehscheibe für den spanischen Zugverkehr werden. 1967 errichtet, verwandelt sich Chamartín nach dem Willen der Planer in den modernsten Bahnhof Spaniens. Eine wichtige Rolle wird er bei den Hochgeschwindigkeitsverbindungen in Richtung Norden übernehmen. Während Andalusien und Barcelona von Atocha aus schnell erreichbar sind, sind die AVE-Züge bisher noch nicht bis in den Norden gekommen. Für den Bahnhof steht eine Modernisierung und Erweiterung an, bei der die Zahl der Gleise von bisher einundzwanzig auf mehr als dreißig steigt - alles unter einem riesigen Dach.

Mit reichlich Grün gegen die Luftverschmutzung

Der neue "Zentralpark" wird zwölf Hektar groß sein, unter dem dann die Züge durchfahren. Das entspricht der Größe von dreizehn Fußballfeldern. Er reicht dann bis zur Ringautobahn M-30 und schlägt eine grüne Brücke zwischen den Stadtvierteln im Westen und Osten, die Fußgänger dann flanierend erreichen können. Damit schreibt Madrid die Geschichte seiner großzügigen Parks fort. Der Retiro-Park ist die grüne Lunge des Stadtzentrums. Für "Madrid Rio" am Manzanares-Ufer verschwand die Stadtautobahn in einem langen Tunnel.

Im Neuen Norden kann man künftig durch baumgesäumte Boulevards und Parks vom Bahnhof bis zum Stadtrand laufen oder mit dem Fahrrad fahren. Dreizehn Kilometer Fahrradwege sieht der Entwurf vor. Autos spielen in diesem Konzept nur noch eine Nebenrolle: Alle Menschen, die dort arbeiten und leben, werden nach einem Fußweg von höchstens zehn Minuten ein öffentliches Verkehrsmittel erreichen. Dazu werden eine neue U-Bahn-Linie, die eine S-Bahn ausgebaut und eine Expressbuslinie von Norden nach Süden eingerichtet.

Für private Fahrzeuge ist nicht mehr viel Platz. Ziel ist es, dass sie nicht mehr wie bisher die Hälfte des Verkehrs ausmachen, sondern nur noch ein Fünftel. Das ist in Madrid auch dringend nötig: Die Luftverschmutzung in der Hauptstadt ist so schlimm, dass die EU-Kommission Spanien verklagen will, weil zu wenig dagegen unternommen wurde. Im Stadtzentrum existiert seit Ende 2018 eine kleine Umweltzone. Jeden Tag pendeln eine Million Autos nach Madrid. Das hat auch damit zu tun, dass in der Stadt Wohnungen knapp und teuer sind.

Politische Stabilität spricht für Madrid

Auch hier wird das neue Viertel im Norden Abhilfe schaffen. 10.500 neue Wohnungen werden vor allem im nördlichen Teil gebaut. Damit entsteht Platz für 27.000 Menschen. Davon werden 4100 Sozialwohnungen sein, die in Madrid besonders fehlen. Die Stadt boomt. Ein Grund dafür ist auch der Katalonien-Konflikt. Seit 2017 entscheiden sich mehr Unternehmen für Madrid und gegen Barcelona, wo ihnen die politische Lage angesichts der Unabhängigkeitsbewegung zu ungewiss geworden ist. In Madrid stiegen die Mieten im vergangenen Jahr um mehr als elf Prozent, die Immobilienpreise um mehr als zehn Prozent. Die Durchschnittsmiete liegt bei rund 1300 Euro - bei einem typischen Verdienst von 1500 Euro ist das praktisch unerschwinglich.

Um die Wohnungen und die Baufläche hatten Investoren und Politiker lange und erbittert gestritten. Die Zahl der Apartments schwankte zwischen 4000 und 20.000. Erst ganz am Ende wurde die Zahl der Sozialwohnungen deutlich erhöht. Am Ende ist alles etwas bescheidener und grüner ausgefallen. Wieder und wieder haben die Beteiligten die Pläne überarbeitet. Ursprünglich hatte man sie im März 2004 vorstellen wollen. Doch an dem Tag kamen bei dem Terroranschlag auf den Atocha-Bahnhof mehr als hundert Menschen ums Leben; kurz darauf wechselte die Regierung.

Im Jahr 2008 begann die große Wirtschafts- und Finanzkrise. 2015 war endlich eine neue Version fertig. Dann löste die linksalternative Bürgermeisterin Manuela Carmena die von der konservativen Volkspartei (PP) geführte Stadtregierung ab. Sie wollte noch einmal neu beginnen, weil sie das alte Vorhaben für zu groß und zu wenig bürgernah hielt. Ihr kleineres Projekt hieß "Nordtor Madrids", aus dem nach langwierigen Verhandlungen am Ende "Madrids Neuer Norden" wurde - ein Kompromiss, mit dem nun alle leben können. Wenige Tage vor der Kommunalwahl im Mai 2019 war alles unter Dach und Fach. Der neugewählte konservative Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida legte ihn unverändert dem Plenum vor, in dem dann auch alle Parteien zustimmten - die Linke wie die rechtspopulistische Vox-Partei.

Hunderttausende Arbeitsplätze werden geschaffen

Für das Projekt ist die kommerzielle Entwicklungsgesellschaft "Distrito Castellana Norte" verantwortlich. Die zweitgrößte spanische Bank BBVA ist mit 75,5 Prozent beteiligt, das Bauunternehmen San José mit 24,5 Prozent. Vor allem linke Politiker kritisieren, dass man einem privaten Investor die Federführung überlässt. Die öffentlich-rechtliche Bahninfrastrukturverwaltung (Adif), die für das spanische Schienennetz und die Bahnhöfe zuständig ist, hatte den Entwicklern nach einer Ausschreibung die Rechte an den riesigen Flächen zur Verfügung gestellt. Die Einnahmen von mehr als einer Milliarde Euro will Adif vor allem für den Ausbau des Chamartín-Bahnhofs verwenden. Bis zu 240.000 Arbeitsplätze könnten nach einer Studie der Autonomen Universität in Madrid entstehen: 120.000 bei den Bauarbeiten, der Rest, nachdem alles fertig ist, im neuen Finanz- und Geschäftszentrum in der Nähe des Bahnhofs.

Vorbild für dieses Viertel ist die Londoner City - auch Madrid hofft, vom Brexit zu profitieren und für Banken und Firmen attraktiv zu werden, die der englischen Hauptstadt den Rücken kehren. Ein großer Teil der Unternehmen und Kreditinstitute könnte in den drei neuen Hochhäusern unterkommen. Sie werden die Skyline von Madrid verändern. Bisher kann die spanische Hauptstadt mit gut drei Millionen Einwohnern nicht einmal mit dem viel kleineren Frankfurt mithalten. Bisher stehen in Madrid nur vier wirklich hohe Bürotürme in Sichtweite des neuen Baugebiets. Der höchste Neubau, der sich künftig neben dem Chamartín-Bahnhof erheben soll, wird sie alle überragen und mit rund 300 Metern das höchste Gebäude im ganzen Land sein.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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