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FAZ plus ArtikelNachhaltiges Bauen

Ein Haus wie eine Mehrwegflasche

Von Judith Lembke
Aktualisiert am 07.01.2020
 - 09:45
Leben im Labor: In der Experimentaleinheit UMAR im schweizerischen Dübendorf wird klimagerechtes Baumaterial erprobt.
Bauen frisst Ressourcen und schädigt das Klima wie keine andere Branche. In Zukunft müssen wir mehr Häuser mit weniger Material bauen – und das schätzen, was schon da ist.

Architektur ist immer ein Entwurf für die Welt von morgen. Ob Architekten im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts vom Leben und Arbeiten in der Höhe träumten oder Mitte des 20. Jahrhunderts von Großwohnsiedlungen am Stadtrand – eines war stets ausgemacht: Die gebaute Zukunft sollte ganz anders aussehen als das Hier und Jetzt. Die Welt sollte neu, und selbstverständlich besser, auf den Trümmern des Alten entstehen.

Und heute? Wer sich mit Visionären des Bauens von morgen unterhält, bekommt den Eindruck, dass Neubau keine Option mehr ist, sondern Architekten und Bauherren sich auf das besinnen sollten, was schon da ist. Allen voran die „Architects for Future“, eine Allianz von Protagonisten aus der Baubranche, die die Zukunft schon im Namen trägt und gegen den Klimawandel kämpft. „Abriss kritisch hinterfragen“ ist gleich die erste ihrer sieben Forderungen, mit denen sie den Wandel in ihrer Branche vorantreiben will. Statt neu zu bauen, sollten Architekten lieber mit dem Bestand arbeiten. Auch der Bund Deutscher Architekten (BDA), der aus ureigenstem Interesse an neuen Gebäuden interessiert sein müsste, fordert in seinem diesjährigen Positionspapier: „Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen!“

Dass die Zukunft weniger von in Beton gegossenen zeitgenössischen Utopien geprägt sein wird als davon, das Bestehende weiterzubauen und anzupassen, ist vor allem erschreckenden Zahlen geschuldet. Was neue Gebäude an Ressourcen fressen und an Kohlendioxid verursachen, stellt die üblichen Verdächtigen wie Flugverkehr und Fleischproduktion locker in den Schatten: Bauen verursacht 40 Prozent aller globalen CO2-Emissionen, die Zementherstellung ist je nach Quelle für acht bis fünfzehn Prozent des Ausstoßes verantwortlich. Das ist mehr als doppelt so viel wie die Emission des gesamten Flugverkehrs. Allein in China ist in den drei Jahren von 2011 bis 2013 mit 6,6 Milliarden Tonnen mehr Beton verbaut worden als in den Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert. Dort waren es „nur“ 4,5 Milliarden Tonnen. Mittlerweile wird Sand knapp, die bauwütigen Emirate importieren ihn aus Australien, da Wüstensand für die Betonproduktion ungeeignet ist.

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Die Mülldeponien sind voll

Doch wer Betonmassen sucht, muss nicht Richtung Osten blicken. Auf jeden Deutschen kommen schon heute 490 Tonnen Baumaterial, verteilt auf Hochbau und Infrastruktur. Auf den durchschnittlichen Weltbürger hingegen entfallen nur 115 Tonnen. Gleichzeitig brauchen immer mehr Menschen ein Zuhause, jede Sekunde wächst die Weltbevölkerung statistisch um 2,6 Menschen. Und auch in Deutschland lautet das Mantra wieder „Bauen, bauen, bauen“, seit immer mehr Menschen vom Land in die Städte ziehen, wo Mieten und Hauspreise steigen.

„Wir müssen mehr Häuser mit weniger Material errichten“, fordert deshalb auch der Architekt Werner Sobek, ein Pionier für nachhaltiges Bauen in Deutschland. Denn Bauen verschlingt enorme Ressourcen, etwa fünfzig Prozent aller verarbeiteten Rohstoffe auf der Welt. Die Kehrseite sind riesige Müllmengen, mehr als die Hälfte des deutschen Abfalls stammen von Baustellen und Abbruch. „Unser Mülldeponien sind mittlerweile voll“, sagt Annette Hillebrandt. Die Architektin lehrt an der Universität Wuppertal Baukonstruktion und Materialkunde und ist eine Vordenkerin des Recyclingbauens. Der unbedachte Umgang mit den natürlichen Ressourcen regt sie auf – vor allem, mit welcher Nonchalance und nach welch kurzer Lebensdauer Bauten abgebrochen, weggeschmissen und neugebaut werden. „Wir haben in Deutschland genug Gebäude, wir müssen den Bestand weiterbauen“, fordert sie daher und auch, dass Häuser künftig nicht mehr so leichtfertig abgerissen werden dürfen.

Ihre Vision vom Bauen in der Zukunft ist es, Gebäude viel stärker als bisher als „urbane Minen“ zu verstehen. Häuser sollen sich von Ressourcenfressern zu Materialbänken entwickeln. Das bedeutet Folgendes: Hat ein Haus das Ende seiner Lebensdauer erreicht, landen die verbauten Rohstoffe nicht auf der Müllkippe, sondern kommen andernorts zum Einsatz – bestenfalls ohne Qualitätsverlust. Entsprechend fordert Hillebrandt, Häuser von Anfang an so zu planen, dass die Bestandteile wiederverwendet werden können. „Das ist wie Leben in einer riesigen Mehrwegflasche.“

Baustoffe wiederverwenden

Zwar rühmt sich die Baubranche schon jetzt für ihre hohe Recyclingquote. Allerdings handelt es sich dabei vor allem um das sogenannte „Downcycling“, wenn zum Beispiel hochwertige Ziegel oder Fliesen zerkleinert als Füllmaterial im Straßenbau zum Einsatz kommen. Sollen unsere Häuser aber Teil eines echten Kreislaufs werden, müssen alle Beteiligten radikal umdenken. Schon der Entwurf muss sich daran orientieren, welches Material zur Wiederverwendung verfügbar ist, und nicht daran, was sich aus Primärrohstoffen schöpfen ließe.

Dabei ist die Idee des Recycling so alt wie die Architektur selbst. Schon die bearbeiteten Riesensteine des Stonehenge, Jahrtausende vor Christi Geburt errichtet, waren eine Wiederverwendung, und in den ersten christlichen Kirchen im alten Rom kamen Elemente aus zerstörten heidnischen Tempeln unter neuen religiösen Vorzeichen wieder zum Einsatz.

In Zukunft müssen Architekten somit lernen, ein Gebäude auseinanderzunehmen, und Bauherren akzeptieren, dass ihr Neubau in Teilen schon einmal anderswo ein Leben geführt hat. Wie das funktioniert, zeigt das belgische Architekturbüro Rotor, das zeitgenössische Bauten in ihre Einzelteile zerlegt und daraus Neues entwirft: Keramikfliesen aus einem Universitätsgebäude wurden in einem Lebensmittelgeschäft wiederverwendet, und die Bar eines Kulturzentrums in Namur diente davor Jahrzehnte als Cafeteria einer Bank in Brüssel.

Ein Materialspeicher

In Deutschland vermitteln sogenannte Bauteilbörsen Treppen, Türen und Fenster aus zweiter Hand. Manche Unternehmen machen aus der Wiederverwertung gleich ein Geschäftsmodell. Der Teppichhersteller Desso zum Beispiel verkauft nicht mehr das Produkt selbst, sondern einen Service: Der Kunde nutzt den Teppich, Eigentümer bleibt der Hersteller. Ist der Belag abgelaufen, bekommt der Kunde einen neuen verlegt, der alte Teppich wird von Desso zurückgenommen und wiederverwertet.

Damit der Kreislauf funktioniert, muss sich nicht nur die Art, zu planen, ändern, auch die Baustoffe müssen sich wandeln. Viele Produkte lassen sich nach ihrem Lebensende nicht mehr sauber in ihre Bestandteile zerlegen und sind somit ein Fall für die Abfalldeponie. „Künftig müssen alle Materialien sortenrein voneinander zu trennen sein“, fordert Architektin Hillebrandt.

Dass das funktionieren kann, will ihr Kollege Sobek mit seinen Mitstreitern in der Schweiz beweisen. In Dübendorf bei Zürich haben sie ein experimentelles Gebäude gestaltet, dessen Einzelteile am Ende seines Lebens entweder wiederverwendet oder vollständig kompostiert werden. Das Haus ist ein Materialspeicher: Das Tragwerk und große Teile der Fassade bestehen aus unbehandeltem Holz, einem nachwachsenden Rohstoff, der auch wegen seiner Eigenschaften als Kohlendioxidspeicher eine große Rolle fürs klimafreundliche Bauen in der Zukunft spielt. Zudem wurden in der Fassade vor allem Kupfer und Aluminium eingesetzt, die sortenrein eingeschmolzen und recycelt werden können. Geklebt ist nichts, um die Einzelteile einfach trennen zu können. In den Innenräumen kamen neben klassischen Rohstoffen wie Holz oder Stahl auch ungewöhnliche Materialien zum Einsatz. Die Bewohner der Einheit wohnen inmitten von Akustikpaneelen aus gebrauchtem Glas, Platten aus zerschredderten Getränkekartons und einem Dämmmaterial, das aus einem Wurzelgeflecht abgestorbener Pilzstrukturen gewonnen wird.

Häuser können auch aktiv das Klima schützen

Werden wir in Zukunft so leben? Wenn nicht in einem Altbau, dann zumindest in einem Neubau, der das Klima nicht schädigt? Andrea Heil ist das noch nicht genug. Die Münchener Bauingenieurin, bei Architects for Future aktiv, ist überzeugt: „Man kann so bauen, dass Gebäude nützlich sind und nicht bloß weniger schädlich.“ Dafür seien geschlossene Materialkreisläufe, in denen jeder Teil des Hauses recycelt oder kompostiert werden kann, sowie der Einsatz von erneuerbaren Energien Grundvoraussetzung. Wenn das gewährleistet ist, kann das eigentliche Manko eines Hauses, dass es den Boden unter sich versiegelt, zum Vorteil werden: Denn „wenn man ein Haus intensiv begrünt, kann die Biodiversität danach höher sein als auf einem unbebauten Grundstück“, sagt Heil. Schließlich sei die Oberfläche des Gebäudes immer größer, als der Grund darunter. Diese intensiv begrünten Häuser sorgten zudem für ein angenehmes Klima in der Stadt. Und noch eine Funktion kommt ihrer Ansicht nach in Zukunft auf die Häuser zu: „Sie sind als dezentrale Kraftwerke mit erneuerbaren Energien Teil der Energiewende.“

Wenn es all diese Ideen schon gibt – warum werden solche Häuser dann höchstens in Ansätzen gebaut? In ihrer eigenen Profession spürt Heil schon einen Bewusstseinswandel: „Immer mehr Architekten und Planer wollen klimagerecht bauen“, sagt sie. Allerdings scheiterten sie meistens an den Kostenvorgaben der Bauherren – und einer Politik, die es nicht schaffe, den notwendigen Rahmen zu setzen. Stattdessen werde oft die günstigste Lösung umgesetzt, was zur Folge hat, dass diese kostenoptimierten Gebäude manchmal nach nur zehn Jahren wieder abgerissen werden: weil sie nur für eine sehr spezifische Nutzung geschaffen wurden, sich nicht umnutzen lassen und schnell und billig hochgezogen voller Mängel stecken.

Auf die richtige Bedienung kommt es an

„Wir müssen wieder anfangen, für die Ewigkeit zu bauen“, fordert auch Thomas Auer. Der Ingenieur lehrt klimagerechtes Bauen an der Technischen Universität in München und ist Geschäftsführer von Transsolar, einem Unternehmen, das Energiekonzepte für Gebäude und Quartiere entwirft. Die Häuser der Zukunft müssten deutlich anpassungsfähiger an verschiedene Nutzungen sein – vom Büro zum Wohnhaus und wieder zurück – als die hochspezifischen Gebäude, die heute entstehen. „Wir müssen Häuser wieder für eine Lebensdauer von hundert Jahren bauen und nicht für fünfzig oder gar dreißig, weil sie zu unflexibel sind“, sagt Auer.

Ein anderes Problem sieht er darin, dass in den Bauten immer mehr Technik steckt, damit sie im Betrieb Energie sparen. Dabei entstehen hochkomplexe Systeme, die häufig falsch bedient werden, was die avisierten Einsparungen zunichtemacht. „Die Folge ist, dass diese Gebäude im Betrieb lange nicht so viel Energie einsparen, wie von den Planern vorab errechnet wurde.“ Je mehr Technik im Gebäude stecke, desto größer sei die Differenz zwischen dem berechneten Energiebedarf und dem gemessenen Verbrauch.

Zudem zeigten Befragungen, dass die meisten Menschen sich in den hochtechnisierten Räumen nicht wohl fühlen. „Auch wenn eine maschinelle Lüftung aus energetischer Sicht besser sein mag, wollen die meisten Mensch das Fenster öffnen“, sagt Auer und folgert daraus: „Wir müssen wieder einfacher bauen!“ Architektur sei schließlich immer auch ein Versprechen in die Zukunft gewesen. „Da müssen wir wieder hinkommen.“

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lembke, Judith
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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