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Solitär auf Linie

Von BIRGIT OCHS, Fotos MARIA IRL

14.03.2018 · Der Künstler Leo Schötz hat sich in seinem Heimatort im Bayerischen Wald ein Atelierhaus nach Maß gebaut. Der Neubau könnte perfekt sein. Wäre da nicht die Liebe aufgetaucht.

Z wischen den Ortschaften Blaibach und Pulling im vorderen Bayerischen Wald gibt es nicht viel zu sehen. Höchstens die Straße, die Eisenbahnlinie, den Fluss Regen, Äcker und Wiesen, den Wald. Dann aber, kurz vor Pulling, taucht in dieser herben Flur ein Haus wie eine Stahlskulptur auf. Langgestreckt und schmal. Gradlinig und rostbraun. Ungewöhnlich ist es, und doch steht es da, als sei es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, das neue Haus von Leo Schötz.

Schötz, 54 Jahre, ist Künstler und Lehrer. Gut 20 Jahre hat er in Regensburg verbracht und in dieser Zeit einen Dreiseithof saniert, in dem er mit seiner Familie lebte. Später, nach der Trennung, ist er in eine Wohnung gezogen. Aber in der Wohnung ist ihm alles zu klein gewesen. Da ist einfach kein richtiges Arbeiten für einen, der auch im großen Format malt. Und selbst wenn die Wohnung riesig ist, sitzt man immer noch in der Stadt, wo man sich nicht ausbreiten kann, sich mit den Bildern unterm Arm und den Malutensilien Stockwerk um Stockwerk durchs Treppenhaus quält und ständig einen Parkplatz sucht.

Schnörkellos: Wie eine Stahlskulptur liegt das Wohn- und Atelierhaus in der Landschaft. Die etwa 270 Cortenstahlplatten hat der Bauherr selbst angebracht.

Irgendwann, als er um die 50 war, hat Schötz davon genug gehabt und beschlossen, zurück aufs Dorf zu ziehen, wo er wurschteln kann, wie er will. Er hat den Vater überredet, ihm die Wiese vor Pulling zu überlassen, auf der er schon als Kind später einmal sein Haus bauen wollte, und bei Fabi Architekten angerufen.

Wenn noch mal bauen, dann jetzt.

Schötz war so entschlossen wie Stephan Fabi skeptisch: ein Wohn- und Atelierhaus auf dem Land, das Grundstück zwischen zwei Orten gelegen, große Künstlerideen und ein kleines Budget. Er hat es dann doch angepackt. Auch weil der Maler so hartnäckig gewesen ist und die Energie, die er sonst in seine Kunst fließen lässt, in das Bauvorhaben gesteckt hat. Also haben sie sich zusammen den Landstrich angesehen, sind dem Verlauf von Straße, Fluss und Eisenbahnschienen gefolgt – und haben in der Folge das Haus als weitere Linie in die Landschaft gesetzt. Wer schon einmal in Japan war, kennt dieses Prinzip, Formen der Umgebung, den Verlauf des Geländes aufzunehmen. Hier im Bayerischen Wald hat es den schönen Effekt, dass der Neubau trotz seiner Andersartigkeit nicht als Fremdkörper in der Gegend steht.

Was er braucht, haben will, selbst gestalten und bauen kann, hat Leo Schötz genau gewusst. Fabi hat sich das alles angehört und das eine oder andere Ansinnen erst einmal sacken lassen. Das Architekten-Ego hat er in Schach gehalten und dann Modelle entworfen. „Starke Bauherren sind ja nicht unbedingt bei allen Kollegen beliebt“, sagt der Regensburger. Aber wenn einer so richtig gedanklich und mit Leidenschaft mitgeht wie Schötz, „dann kann das ein sehr interessantes Zuspiel werden“.

Eiche, Beton, Stahl...
...und jede Menge Raum

Anders als der Planer vermutete, hat der Entwurf der zuständigen Baubehörde auf Anhieb gefallen. „Das war überhaupt kein Problem", erinnert sich Schötz. Mehr noch, „das Feedback war erstaunlich positiv“, ergänzt der Architekt. Das mag zum einen daran gelegen haben, dass ein Einheimischer und kein Zugezogener auf den Plan trat. Zum anderen daran, dass in der Ortsmitte von Blaibach in Gestalt eines Konzerthauses und des neuen Bürgerhauses schon zwei Vertreter zeitgemäßer Architektur den Boden für ein anderes Bauen bereitet haben. So ist das Bauherren-Architekten-Gespann auch nicht mit der Idee angeeckt, den schnörkellosen Bau mit seinem Satteldach ohne Überstand in einen rostbraunen Stahlmantel zu kleiden.

Und Stahl hat es sein müssen, sind sich Künstler und Architekt einig gewesen. Obwohl der Planer auch da gleichzeitig wieder gebremst hat, der Kosten wegen. „Das können Sie nicht zahlen.“ Doch, hat Schötz sich nicht abbringen lassen und beschlossen: Das macht er selbst!

Als es so weit war, hat er ein Jahr lang 35 Kilo schwere Stahlplatten auf das Aluprofil geschraubt, das mitsamt der Dämmung zwischen Außenfassade und Betonwand sitzt. Insgesamt 270. Neben Beton, Eichenholz für den Boden im Wohnteil, geschliffenem Estrich fürs Atelier und Grobspanplatten für die Decken taucht Stahl auch im Innenraum auf. Der große Kaminofen im Wohnraum ist aus diesem Material, ebenso findet man es auf der Galerie, deren Geländer Schötz entworfen hat. Ebenso wie die Treppe, die hinaufführt. Die Ausführung musste einfach sein ohne gefaltete Stufen. „Ich wollte das ja selbst machen“, sagt der Bauherr.

Die Treppe aus Stahl…
...führt hinauf zur Galerie.

Seinen Entwurf hat er aus Pappdeckeln gebastelt, an den Architekten geschickt und danach an einen Freund, der Stahlbaukünstler ist. Der hat ihm geholfen, die richtigen Brennzuschnitte zu bestellen, die Schötz dann vor Ort in seinem Rohbau zusammengeschweißt hat. Ob er sich wirklich so ein rostiges Material einbauen wolle, hätten ihn manche gefragt. Die dreißig, vierzig Jahre, die er noch zu leben habe, werde die Treppe schon durchhalten, hat Schötz darauf geantwortet. Und lacht, wenn er davon erzählt.

Die Bauleitung hat er ebenfalls übernommen. „Aber man muss seine Grenzen schon kennen“, sagt der 54-jährige und fügt an, dass er ohne Architekt nicht hätte bauen wollen. Auch wenn man ihn mehr als einmal gewarnt habe: „So ein Planer, der will doch nur Geld verdienen.“ Aber davon hat er sich genauso wenig abbringen lassen wie vom anfänglichen Zögern der Architekten, den Auftrag anzunehmen.

Es hat sich gelohnt. Um Leben und Arbeiten unter einem Dach zu verbinden – und doch auch zu trennen, ist folgender Grundriss in dem 27 Meter langen und 7,5 Meter breiten Bau entstanden: Gut die Hälfte des Gebäudes nimmt der dem Dorf zugewandte Wohntrakt ein, den ein einziger großer Raum mit Küche, Esstisch und Sofa prägt. Dank der großen Fensterfront öffnet er sich zu Terrasse und Garten hin – und auch zur leicht tiefer liegenden Landstraße. Dass man von dort einen guten Einblick ins Innere hat, stört den Hausherren nicht. Erstens ist auf der Straße nicht so viel los. Zweitens sitze er ja nicht unausgesetzt vorm Fenster, sagt er. Drittens werden die Büsche im Garten wachsen.

Das Atelier mit viel Platz und guter Aussicht

Nicht allein die großen Glasflächen bringen Weite in den Raum. Auch die hohe Decke – bis unter den Giebel sind es mehr als sieben Meter – trägt zur Großzügigkeit bei. Hinter dem großen Hauptraum liegen Schlafzimmer und Bad.

Ein Atelier kann einfach nicht groß genug sein

Die andere, fast ebenso große Hälfte des Hauses gehört dem Atelier. Besucher werden beinahe automatisch in den Arbeitstrakt geleitet, wenn sie den Neubau über den im Nordosten gelegenen Eingang, zu dem ein Fußweg führt, betreten. Denn an den Flur schließt sich nahtlos die Werkstatt an, während eine Tür die Wohnung vom Eingang trennt. Der Flur entsteht durch eine sogenannte Funktionsbox, die Garderobe, WC, eine kleine Teeküche und einen Lagerraum für die Bilder beherbergt. Dahinter beginnt das eigentliche Atelier, mit seinen drei großen Fenstern nach Westen. Von hier blickt der Maler über die Felder hinweg. Diese Ansicht hat er schon als Kind geliebt, auch wenn sich die Landschaft seitdem verändert hat.

Leo Schötz

„So ein Atelier kann einfach nicht groß genug sein“, sagt Schötz, dessen Bilder an den Wänden und auf den Staffeleien den Raum, der zusätzliches Licht durch Fenster im Dach erhält, längst ausfüllen. „Seht zu, dass ihr immer etwas in Arbeit habt“, hat der Professor an der Kunstakademie in München damals seinen Studenten geraten – wohl wissend, dass die meisten von ihnen ihr Geld mit einem anderen Beruf verdienen würden. Leo Schötz hat sich daran gehalten. „I bin scho oana, der produziert.“
Auch die Höhe des Raums bleibt nicht ungenutzt. Eine freigespannte Galerie, an deren Ende im Wohnteil ein über Bad und Schlafzimmer angesiedeltes Zimmer liegt, verbindet die beiden Sphären. Über sie gelangt man durch eine Tür auf die Oberseite ebenjener Funktionsbox, die zum Rückzugsraum geworden ist. Von hier aus hat man einen erhabenen Blick runter ins Atelier. Diesen Blick, den genießt jetzt die Romy.
„Die Romy“ ist eines Tages im Leben von Leo Schötz aufgetaucht, als das Haus gerade fertig war. Die Cortenstahlfassade hat ihr als Kulisse für ein Fotoshooting gefallen. So haben sich der Maler und die Sängerin Romy Börner kennengelernt. Es hat gefunkt, und sie ist bei ihm eingezogen samt ihrer Bühnengarderobe, einem Teil ihrer Möbel, dem Klavier, das jetzt im Atelier steht, wo sie manchmal Unterricht gibt, und ihrem Faible für Grünzeug aller Art. Weshalb Schötz jetzt vielleicht eine Serie über Pflanzen anfangen will.

Seit dem Einzug der Gefährtin ist er um die Erfahrung reicher, dass das mit einem Haus ganz nach Maß und den eigenen Vorstellungen vom Wohnen so eine Sache ist. Aber so ist das mit dem Leben und der Liebe. Das Haus jedenfalls hält sowohl den Leo Schötz als auch die Romy Börner sehr gut aus. Und Platz ist mit immerhin 127 Quadratmeter Wohnfläche ohnehin genug für zwei.

Grundriss: Obergeschoss des Hauses Grafik: fabi architekten
Grundriss: Erdgeschoss des Hauses Grafik: fabi architekten

Das Haus kurz und knapp

Baujahr 2016
Bauweise Massivbau mit Cortenstahlfassade
Wohnfläche 127 Quadratmeter
Atelier 125 Quadratmeter
Standort Bayerischer Wald
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Quelle: F.A.S.