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Holzhaus mit Dillputz

Von JUDITH LEMBKE, Fotos: FRANK RÖTH

08.10.2019 · Der Bauplatz ist ungewöhnlich, die Materialwahl vielfältig und die Architektur durchdacht. Das Haus einer Familie in der hessischen Wetterau wartet mit mehr als nur einer Besonderheit auf.

D ie meisten Menschen kennen einen „Was-wäre-wenn-Ort“: Einer, an dem man sich fragt, was wäre, wenn man genau hier wohnen könnte? Doch leider sind solche Plätze sehr oft unverkäuflich, unbebau- oder unbezahlbar.
Auch Dirk und Kathrin Schröder hatten diesen Ort. Am Inheidener See in der Wetterau hat das Paar viele Sommer verbracht, weil Kathrins Eltern direkt am Wasser ein Ferienhäuschen besitzen. Gegenüber davon lag dieses Grundstück – verwildert und unbebaut, das sie dazu anregte, sich „Was wäre wenn?“ zu fragen. Wirklich damit gerechnet, dort jemals bauen zu können, haben die beiden nicht. Schließlich liegt das Grundstück inmitten einer Ferienhaussiedlung. Doch eines Tages steckte ein „Zu verkaufen“-Schild im Boden des erträumten Terrains, und auf Nachfrage kam heraus, dass die Gemeinde es möglicherweise in Bauland umwandeln würde. Der Makler wiegelte allerdings ab. Ob wirklich Baurecht geschaffen werde, sei gar nicht sicher. Doch das Paar blieb hartnäckig, entschloss sich zum Kauf, und ihr Mut wurde belohnt: Seit eineinhalb Jahren wohnen sie mit ihren drei Kindern nun dort, wo sie vorher ihre Wochenenden verbracht haben.

Auch heute hat man noch den Eindruck, in eine Feriensiedlung zu fahren, wenn man Familie Schröder besucht. An einem Werktag im September liegt eine nachsaisonale Ruhe über der Nachbarschaft, nur gegenüber bei den Großeltern herrscht Trubel: Die drei Kinder der Schröders sind zum Spielen zu Oma und Opa hinübergegangen.

Das Waser im Blick: Der Raum im Dachgeschoss dient als Home Office.
Das Gebäude hat drei Giebelseiten.

Aus seinem Büro im Dachgeschoss hat Dirk Schröder den Nachwuchs gut im Blick, ebenso wie den spiegelglatten See dahinter. Auch dieser Ausblick war eher Hoffnung als Gewissheit, als die Familie das Haus plante. „Es wusste schließlich keiner, welchen Blick wir einmal von oben haben würden, denn hier war ja vorher nichts“, sagt Schröder.

Hätte das Paar die erste Idee umgesetzt, stünde nun ein Fertighaus auf dem Grundstück. Doch die Standardlösungen der Anbieter passten nicht zum Lebensmodell der Bauherren. „Da ich meistens von zu Hause aus arbeite, brauche ich eine eigene Büroetage, und das konnten sie nicht anbieten“, sagt Dirk Schröder, der Kletterparks in den Bäumen betreibt. Im Freundeskreis fand man den Architekten Gerald Schnell, der damals noch bei einem großen Architekturbüro in Mailand arbeitete. Der Job des Bauherren brachten den Architekten ebenso wie seine eigenen positiven Erfahrungen mit dem Baustoff dazu, für einen Holzbau zu werben. „Bei Matteo Thun in Mailand habe ich viel mit Holz gearbeitet und konnte mir das für dieses Haus auch gut vorstellen, weil es zur ländlichen Umgebung passt“, sagt Schnell.


„Wir wollten ein einfaches, nachhaltiges und nicht modisches Haus bauen, das gut altert“
DIRK SCHRÖDER

Da das Gebiet hochwassergefährdet ist, ruht der Holzbau auf einem Steinsockel. Das Untergeschoss ist gemauert, die beiden oberen Geschosse sind ein Holzmassivbau. Der erste Stock und das Dachgeschoss sind mit vorvergrauter sibirischer Lärche verkleidet. Diese Holzverkleidung wurde noch etwas weiter nach unten bis über die Fenster gezogen, um den Sonnenschutz zu integrieren und damit der Sockel nicht ganz so wuchtig wirkt.

Von außen fügt sich das Haus trotz seiner Größe von 360 Quadratmetern Wohnfläche gut in die Nachbarschaft aus kleinen Holzhäusern ein. „Wir wollten ein einfaches, nachhaltiges und nicht modisches Haus bauen, das gut altert“, beschreibt der Bauherr seine Vorstellungen. Das Gebäude hat einen quadratischen Grundriss und drei Giebelseiten. Unten öffnet sich das Haus nach Süden zur Sonne, wo der Garten ist. In den oberen Geschossen, öffnet es sich nach Norden zum See, um den Blick auszukosten.

Der Sockel ist gemauert, die oberen Geschosse sind ein Holzmassivbau.

Die gegensätzliche Ausrichtung der Geschosse ist nicht der einzige Unterschied zwischen oben und unten. Innen fällt vor allem auf, wie sehr sich Erdgeschoss und obere Stockwerke in ihrer Atmosphäre und dem Raumklima unterscheiden. Der steinerne Eindruck des Erdgeschosses, den der gemauerte Sockel von außen vermittelt, setzt sich auch drinnen fort. Der Boden ist gefliest, die Wände sind weiß verputzt. Für die Wände wurde ein Lehmputz gewählt, unter den Dill gemischt ist. Das Kraut sorgt für eine besondere Oberflächenstruktur. „Am Anfang hat es hier unten auch richtig nach dem Kraut gerochen“, berichtet Schröder. Durch die großen rahmenlosen Fenster dringt viel Licht von drei Seiten in den offenen Wohn-/Essbereich. Zudem fällt im Treppenraum Licht durch ein großes Dachfenster von oben nach unten. „Mir waren die Durchblicke sehr wichtig, dass man möglichst nicht gegen eine Wand guckt“, erläutert Schnell. Gegliedert wird der offene Wohnbereich von zwei Blöcken: einem freistehenden Kamin, der die Sitzecke mit Sofa abschirmt, und dem Küchenblock.


„Mir waren die Durchblicke sehr wichtig, dass man möglichst nicht gegen eine Wand guckt“
GERALD SCHNELL, ARCHITEKT

Da das Haus keinen Keller hat, verstecken sich Technik- und Hauswirtschaftsraum im Kern des Gebäudes. Nur die weiß lasierte hölzerne Decke und die Einbaumöbel im Wohnzimmer, die aus den Resten von Wand- und Deckenelementen gefertigt wurden, lassen erahnen, wie es in den oberen Geschossen des Hauses aussieht. „Da das Budget begrenzt war, haben wir beim Innenausbau viel in Eigenleistung gemacht“, berichtet Dirk Schröder. Architekt Schnell war seinerseits darum bemüht, die Planung so anzupassen, dass die Arbeiten auch von den Bauherren und ihren Helfern selbst ausgeführt werden konnten.

Der freistehende Kamin gliedert den offenen Wohn-/Essbereich.
Das Bad
Die Küche

Auch beim Aufbau der Obergeschosse war der Bauherr mit dabei: „Der Holzbau war innerhalb von einer Woche montiert“, berichtet er, und man merkt ihm immer noch das Erstaunen darüber an, wie schnell sein Haus dank des hohen Grades der Vorfertigung in die Höhe gewachsen ist.

Während sich Dirk Schröder und Gerald Schnell immer tiefer ins Projekt knieten, der eine täglich auf der Baustelle war, während der andere in Mailand die Planung voranbrachte und während des Baus auch immer wieder änderte, stieg die Bauherrin irgendwann aus. „Meine Frau hatte von der Dauerbeschäftigung mit dem Haus irgendwann genug und hat gesagt: Hauptsache, das Haus gefällt Gerald und dir“, erzählt Dirk Schröder lachend.

Mit dem Resultat ist sie nach eigener Angabe allerdings sehr zufrieden – sogar mit der Konstruktion, obwohl sie am Anfang skeptisch war, in einem zum größten Teil aus Holz gefertigten Haus zu wohnen. Wenn man die Treppe vom Erdgeschoss in den ersten Stock hochsteigt, hat man fast das Gefühl, ein anderes Haus zu betreten. Nicht nur die Materialität ändert sich – statt Putz und Fliesen ist man nun rundum von Holz umgeben – auch das Raumklima und die Atmosphäre sind eine andere. Die Räume strahlen oben mehr Wärme aus als unten.

Das Wohnhaus liegt inmitten von Wochenendhäusern.

Ausgangspunkt für die Planung des Obergeschosses waren die vier von den Bauherren gewünschten Zimmer: Die drei Kinderzimmer und das Elternschlafzimmer sollten sich auf einer Ebene befinden. Jeder der Räume liegt an einer anderen Ecke und wird jeweils von zwei Seiten belichtet. Dazwischen spannt sich zwischen dem See im Norden und dem Lichteinfall im Süden ein großer Raum auf, den vor allem die Kinder eifrig zum Bauen, Spielen und Toben nutzen. Die Wände im Obergeschoss sind von innen gedämmt und verputzt, um den Schall zu dämpfen. „In dieser Hinsicht haben wir mehr gemacht als nötig, weil es mit drei Kindern sonst auch schnell sehr laut werden kann“, sagt der Bauherr. Er hatte mit Blick auf die Holzkonstruktion Sorge, dass es zu hellhörig werden könnte. Doch die hat sich nicht erfüllt: „Wir haben nicht mehr Trittschall als in einem komplett gemauerten Haus“, sagt er.

Und wenn es unten zu trubelig wird, können sich die Eltern immer noch ins Dachgeschoss zurückziehen: Der Raum, den vor allem Dirk Schröder als Home Office nutzt, misst 80 Quadratmeter und hat eine spektakuläre Aussicht auf den Inheidener See, auf dem sich ein paar Boote tummeln. Eigentlich sollte das Büro nur halb so groß werden, doch dann haben sich die Bauherren entschlossen, die komplette Fläche zu nutzen. „Der Holzbauer hatte schon angefangen zu produzieren und war nicht gerade begeistert“, erzählt Schröder. „Aber es hat sich absolut gelohnt.“ Er setzt sich an seinen Schreibtisch, der auch aus Resten der hölzernen Deckenelemente getischlert wurde, und schaut auf die drei Kinder, die bei den Großeltern am Wasser spielen. Aus dem „Was-wäre-wenn-Ort“ ist für die Familie ein Zuhause geworden.

Kathrin und Dirk Schröder mit Lenn, Thea und Raik

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr: 2017
Bauweise: Holzmassivbau auf Ziegelsockel
Energiekonzept:Infrarotheizung, Solarthermie ist geplant
Wohnfläche: 350 Quadratmeter
Baukosten: 650.000 Euro
Standort: Hungen
Architekturbüro: Ferranti Schnell Architekten
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Quelle: F.A.S.