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Aufpoliertes Erbstück

Von BIRGIT OCHS, Fotos: FRANK RÖTH

08.11.2019 · Ein Frankfurter Bauherr hat sein in den zwanziger Jahren erbautes Elternhaus aus einer Erbengemeinschaft herausgekauft und saniert. Die große Herausforderung: Wie gelingt die Modernisierung eines bewohnten Gebäudes?

Ob er sich wohl noch mal an ein solches Vorhaben wagen würde? Alexander Meinecke hält kurz inne. Als der heute 47 Jahre alte Frankfurter vor ein paar Jahren beschloss, sein Elternhaus umbauen und sanieren zu lassen, hatte er noch keine Vorstellung davon, was es heißt, für Monate auf einer Baustelle zu wohnen. Andere hält schon die Sorge vor Dreck, Lärm und Chaos davon ab, überhaupt nur ihr Bad oder die Küche zu erneuern. Und unter Vermietern und Mietern kommt es regelmäßig über die Frage zum Streit, wie sehr eine wochenlang präsente Handwerkstruppe das Wohlbefinden belastet. Alexander Meinecke aber hat das nicht geschreckt, als er vor der Entscheidung stand, wie es mit der Doppelhaushälfte Jahrgang 1925 weitergehen soll.

Sein Großvater hatte das Haus mit dem damals markant hohen Dach in Sachsenhausen gebaut. In der Nachbarschaft stehen viele Häuser aus dieser Zeit. Nur wenigen sieht man ihr Alter auf den ersten Blick an, denn im Krieg ist kaum eines unversehrt geblieben. Im Vorgarten von Familie Meinecke zum Beispiel landete eine Sprengbombe, und im Dach schlug eine Brandbombe ein. Vor allem sie richtete großen Schaden an. Der Dachstuhl fing Feuer, das Treppenhaus ging in Flammen auf, und die starke Hitze brachte den Kamin zum Einsturz, der auf die Decke schlug. „All das hat das Haus überstanden, die Substanz war einfach gut“, sagt Alexander Meinecke.

In den Jahrzehnten der Nachkriegszeit reparierten die Eigentümer nicht nur Schäden, sondern bauten ihre Häuser aus und um. So gibt in der nächsten Umgebung kaum ein Haus aus der Zeit ohne Anbau. Um den nach dem Krieg dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, erhielten die Gebäude außerdem zusätzliche Stockwerke. Das Doppelhaus der Familie Meinecke bekam ein drittes, etwas niedrigeres Vollgeschoss, und auch das Dach wurde zur Wohnung. „Trotzdem war es ursprünglich höher, das erste Dach war wirklich imposant“, zeigt der heutige Hausherr anhand der historischen und der neuen Bauzeichnung, die in seinem Flur hängen.

Von Kindheit an lebt er in dem Zwanziger-Jahre-Bau. Zunächst bewohnt er mit den Eltern und drei Brüdern die Wohnung im ersten Stock, zu der außerdem noch der rückwärtige Teil des Erdgeschosses mit Zugang zum Garten gehört. Später bezieht er die kleinere Erdgeschosseinheit zur Straße hin. Nach dem Tod des Vaters erbt die Familie gemeinsam. Die Mutter lässt hier und da immer wieder etwas an der Immobilie richten. „Doch wie das so ist, richtig zuständig fühlte sich niemand von uns“, sagt Alexander Meinecke im Rückblick.

Der helle Ockerton der Fassade findet auch in der Nachbarschaft Anklang.
Der helle Ockerton der Fassade findet auch in der Nachbarschaft Anklang.

Doch dann liefert einer der Brüder eines Tages den Anstoß zur Frage, wie es mit der Immobilie weitergehen soll – mit dem Ergebnis, dass Alexander Meinecke das Haus kauft. Er habe durchaus schon mal darüber nachgedacht, selbst zu bauen und nicht immer nur in einer Wohnung zu leben, erzählt er. Aber letztendlich überwiegen für ihn die Vorteile. Mit seiner Mutter lebt er weiterhin unter einem Dach. Die räumliche Nähe macht es einfach, nach ihr zu sehen und sich um sie zu kümmern. „Außerdem liebe ich Altes“, sagt der Finanzexperte – und so ist die Sanierung eines Hauses aus den zwanziger Jahren für ihn das passende Bauprojekt.

Meinecke macht sich mit Elan und nicht ohne Ehrgeiz an die Aufgabe. Was ihn reizt: In seiner Heimatstadt gibt es infolge des Kriegs und des Stadtplanungsideals der Nachkriegsmoderne nur noch wenige historische Gebäude aus der Zeit vor 1900. Reich aber ist die Stadt an Wohnbauten aus den zwanziger Jahren, die in den damaligen Randlagen entstanden sind, über die Jahrzehnte hinweg aber vielfach bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden. Er setzt sich zum Ziel, den Wohnwert auf allen Etagen mit zeitgemäßer Technik zu steigern und gleichzeitig das Haus wieder optisch zum Gewinn zu machen. „So ein Haus bringt doch ein großes Potential mit“, meint er. Es gehe nicht darum, alles zu verändern, sondern den Bestand weiter zu entwickeln, beschreibt er seine Einstellung: „Aus meiner Sicht gehört es auch zur sozialen Verantwortung eines Hauseigentümers, einen Beitrag zur Aufwertung des Stadtbilds zu leisten, und weniger darum, sich mit einem Bau selbst zu verwirklichen.“

Das Lärchenholzparkett im Wohnzimmer stammt aus der Nachkriegszeit.
Das Lärchenholzparkett im Wohnzimmer stammt aus der Nachkriegszeit.

„So ein Haus bringt doch ein großes Potential mit“
ALEXANDER MEINECKE

Über eine Empfehlung findet er die Architektin Barbara Heusinger, deren Büro Denkmalkonzept aus Bad Nauheim auf Altbauten spezialisiert ist. Der erste Entwurf des Büros sei ihm fast noch „zu modern“ gewesen, das habe aber vor allem daran gelegen, dass für die Sanierung des Anbaus auf der Gartenseite eine Lösung gefunden wurde, die, sowohl was die Baumaßnahme als auch die daraus resultierenden Kosten angeht, deutlich günstiger gewesen sei. Denn das stand von Anfang an fest: Die Sanierung des Mehrfamilienhauses sollte finanziell im Rahmen bleiben. Doch wie es so ist, wenn man sich an alte Gemäuer wagt: „Da legt man immer einige Überraschungen frei“, weiß die Planerin aus Erfahrung – und auch mit dem ein oder anderen Wunsch der Bauherren ist im Laufe des Planungsprozesses zu rechnen.

Im Innern bekommt das Haus nicht nur ein neues Heizsystem, Leitungen und Bäder. Überdies lässt der Bauherr im Erdgeschoss die beiden Einheiten zu einer einzigen Wohnung zusammenlegen, die er bewohnt. Die Küche liegt im Anbau – mit direktem Zugang zum Garten. Durch den Zusammenschluss verfügt die Wohnung über einen schönen Flur, in dem teils noch die originalen Fliesen liegen. Deren Farben und Muster greift der neue Bodenbelag in Küche und Badezimmer auf. Das ist mit 5,5 Quadratmetern nicht riesig, aber nach dem Umbau doch größer als zuvor und verfügt nun über Badewanne und Dusche. Außerdem ist nebenan ein kleines, etwas einfacher gehaltenes Gästebad entstanden. Schön ist auch, dass neben den Fliesen im Flur unter anderem im ineinander übergehenden Wohn- und Esszimmer der Lärchenholzfußboden erhalten ist. „Der stammt allerdings aus der Nachkriegszeit“, sagt Meinecke.

Der Bodenbelag in der Küche orientiert sich an Originalfliesen im Flur.

Zu den Details gehört ferner die Bleiverglasung der Flügeltür. Deren Fensterfelder haben exakt die gleiche Größe wie die des einzigen, original erhaltenen Fensters. Überhaupt die Fenster. Ihnen haben Architektin und Bauherr besondere Aufmerksamkeit gewidmet. „Nichts prägt die Fassade so sehr wie die Fensteröffnung, hier kann viel heilen – und viel zerstören“, urteilt der Bauherr.

Um dem Bau wieder zu einem harmonischen Gesamtbild zu verhelfen, müssen daher die Fenster rundherum erneuert und einander angepasst werden. Die Projektpartner bringen im zum Garten hin gelegenen Anbau die Fensteröffnungen in Symmetrie – was zugleich den Lichteinfall verbessert. Auch an der Straßenseite haben sie die Fenster je nach Etage etwas anders, aber aufeinander abgestimmt erneuert. Es sind allesamt mehrgliedrige Fenster, wie im Denkmalschutzstandard, mit Sprossen, Holzwetterschenkeln, Messinggriffen und zeitgemäßer Isolierung. „Da hat sich viel getan, trotz Isolierung kann man heute im alten Maß bleiben“, sagt Planerin Heusinger. Für den Anstrich wählen sie einen Kalkputz. Außerdem wird der rote Sockelklinker an der Vorderseite des Hauses auch auf dessen Rückseite aufgegriffen. Glasbausteineinbauten aus den siebziger Jahren verschwinden.

Das Bad des Hauses.

Das 94 Jahre alte Haus ist kein Baudenkmal, doch die Stadt Frankfurt hat es als besonders erhaltenswert eingestuft, und somit konnte von den sonst üblichen Vorgaben der Energieeinsparverordnung für Sanierungen abgewichen werden. Die Energiebilanz habe sich durch die Modernisierung auch so schon sehr verbessert, sagt Alexander Meinecke. Zu den Maßnahmen zählt auch das neue Dach. Hier war die Ausgangssituation so: Mit der Aufstockung des Gebäudes in der Nachkriegszeit hatte man auch das seitlich gelegene Treppenhaus höher gezogen, dessen Abschluss eine sogenannte Schleppgaube bildete. Eine großzügigere Gaube hat dieses „Notdach“ abgelöst, wie Meinecke die Vorgängerversion nennt.

Das Dach erhält eine Dämmung aus Glaswolle, gedeckt wird es mit dem in den Zwanzigern gängigen Doppelmuldenfalzziegel, der aber in diesem Fall nicht der ursprünglichen Deckung entspricht, sie war aus Schiefer. Doch erstens ist der deutlich teurer, zweitens ist die andere Hälfte des Doppelhauses ebenfalls mit roten Ziegeln gedeckt. „Da muss man sich schon anpassen, schließlich ist das eine Einheit“, findet der Bauherr.

Das Treppenhaus selbst und die Haustür, die die Mutter des heutigen Eigentümers nach der Jahrtausendwende hat erneuern lassen, bleiben unverändert. Bis auf weiteres. Alles auf einmal habe er weder machen können noch wollen, stellt Meinecke klar, dem es neben dem Haus auch wichtig war, den zugewachsenen Garten nebst Einfahrt neu anzulegen.

Bauherr Alexander Meinecke
Bauherr Alexander Meinecke

Ein gutes Jahr dauert der ganze Umbau insgesamt. Von größeren Pannen und Ärger mit den Handwerkern bleiben Meinecke und Heusinger verschont. Aber weil sich gleich zu Anfang eine der Baumaßnahmen verzögert, gerät in der Folge der gesamte Zeitplan ins Stocken, andere Arbeiten verschieben sich, das Gerüst bleibt viel länger stehen als erwartet. „Wir hatten einen ausgetüftelten Plan, vor allem dafür, wann welche Küche und welches Bad saniert werden, damit das für die Bewohner nicht zu anstrengend ist“, sagt die Architektin. Doch der Plan geht nur bedingt auf. Wie nervig es ist, wenn plötzlich über Tage hinweg die einzig verfügbare Toilette ausgerechnet die im Dachgeschoss ist, hat Alexander Meinecke in dieser Zeit erfahren.


„Wir hatten einen ausgetüftelten Plan, damit das für die Bewohner nicht zu anstrengend ist“
BARBARA HEUSINGER, ARCHITEKTIN

Ob er ein solches Vorhaben noch mal wagen würde? Eigentlich habe alles sehr gut geklappt, bilanziert er. Fast alles ist so geworden, wie er es sich gewünscht hat, die Kosten waren so hoch wie in etwa erwartet, und aus der Nachbarschaft hat er viel Zuspruch erfahren. Ein Nachbar hat sich ein Beispiel genommen und die Fassade seines Hauses im gleichen hellen Ockerton angelegt. Er fühle sich sehr wohl, sagt Meinecke. Aber wenn man nicht allein sei, Mieter habe und ältere Menschen im Haus lebten, dann sei der Umbau eines bewohnten Hauses durchaus eine Zumutung, die man sich gut überlegen müsse. 

DAS HAUS KURZ UND KNAPP



Baujahr: 1925/2017
Bauweise: Massiv
Wohnfläche: 338 Quadratmeter verteilt auf vier Etagen
Baukosten: 400.000 Euro
Standort: Frankfurt
Architekturbüro: Denkmalkonzept GmbH


08.11.2019
Quelle: F.A.S.

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