Gebaute Gelassenheit

Von JUDIDTH LEMBKE, Fotos RAINER WOHLFAHRT

03.07.2018 · Bauen ist ein Abenteuer, vor allem wenn der Ausgang ungewiss ist. Eine Stuttgarter Familie hat es trotzdem gewagt.

A ls die Entscheidung gefallen war, hat Margit Caesar noch einmal kurz innegehalten und zu ihrem Mann Christian gesagt: „Entweder wir haben jetzt echt einen Glücksgriff getan oder uns gerade ein sehr, sehr teures Gartengrundstück gekauft.“ Die erste Möglichkeit ist eingetreten, ihre Zuversicht hat sich ausgezahlt – nur war das alles andere als sicher, als das Paar vor vier Jahren vom Notartermin kam. Denn an dem Haus, in dem die fünfköpfige Familie seit zwei Jahren wohnt, ist überhaupt nichts gewöhnlich: weder die Lage, noch das Gebäude und schon gar nicht der Optimismus und die Geduld, mit der die Bauherren sich auf das Projekt eingelassen haben.

Wenn man an einem Sommertag im großen Garten sitzt, kann man verstehen, was Margit Caesar empfand, als sie das Grundstück zum ersten Mal betreten hat. Hangabwärts die weißverputzten Einfamilienhäuser des Stuttgarter Stadtteils Gablenberg im Blick, um einen herum nur Streuobstwiesen: Die Bäume hängen voller Kirschen, die Bienen summen, im Hintergrund hört man die jüngste Tochter der Familie spielen. Es fühlt sich an wie Urlaub mitten in der Stadt.


„Als ich zum ersten Mal hier war, hatte ich das Gefühl, ich komme in einen Zaubergarten“
MARGIT CAESAR

„Als ich zum ersten Mal hier war, hatte ich das Gefühl, ich komme in einen Zaubergarten“, beschreibt Margit Caesar ihren ersten Eindruck. Durch einen verwunschenen, mit Rosen berankten Torbogen betrat sie das verwilderte Grundstück, in dem die Obstbäume blühten. Der Name ist geblieben: „Zaubi“, kurz für „Zaubergarten“, nennt die Familie ihr Zuhause heute. Das Haus, das auf diesem Grundstück stand, war weniger magisch. Ein heruntergekommener Bau aus den fünfziger Jahren. Der Makler, der ihr das Objekt präsentierte stöhnte genervt nach dem steilen Anstieg: „Ich war schon mit so vielen Menschen hier“. Alle hätten den Platz zwar schön gefunden, aber am Ende wollte keiner kaufen. Denn der Reiz des Ortes war gleichzeitig sein Risiko: Steile Hanglage, schwer zu bebauen und dazu noch voller Planungsunsicherheit. Das Grundstück, auf dem die Caesars leben, ist das einzige bebaute am ganzen Streuobstwiesenhang, und es war nicht sicher, inwiefern neue Eigentümer in diesem landschaftlich geschützten Gebiet noch Baurecht bekommen würden.

Im großen Garten nisten Fledermäuse und Mauersegler.

Auch Ehepaar Caesar, das gerade nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt nach Stuttgart zurückgekehrt war, verwarf die Idee zunächst und suchte anderswo nach einem Haus. „Doch es war immer ein Haar in der Suppe. Und dieser Ort ging uns nicht aus dem Kopf“, berichtet Christian Caesar. Dann aber kamen zwei glückliche Fügungen zusammen: Der Vorbesitzer ging mit dem Verkaufspreis runter, und Familie Caesar stieß auf Holger Lohrmann und seine Partnerin Stefanie Larson vom Stuttgarter Büro Lohrmann Architekt. Beide Seiten merkten sofort, dass es passt. „Wir hatten kein festes Bild von einem bestimmten Haus im Kopf. Wir haben einfach gedacht, dass dieses Fleckchen so schön ist, dass es nur gut werden kann“, sagt Margit Caesar. Die Begeisterung für dieses besondere Idyll, durch das nachts Füchse und Rehe streifen, teilen auch die Architekten. „Es ist ein Geschenk, wenn man so einen Ort gestalten darf“, sagt Lohrmann, der normalerweise nicht zum Pathos neigt.

Schnell war man sich einig, dass es ein Holzbau werden solle. Das hatte emotionale Gründe, denn vor allem Margit Caesar liebt den Geruch und die Ausstrahlung des natürlichen Materials, wie sie sagt. Es sprachen aber auch ganz praktische Gründe für den Baustoff. „Es ist ein leichtes Baumaterial, das einfach zu fügen ist. Ein Holzbau war die einzige Möglichkeit, die Baukosten niedrig zu halten“, erklärt Lohrmann. Denn – das war bald klar – mit konventionellen Methoden würde man das steile Grundstück voller geschützter Bäume nicht bebauen können. „Wir haben hier gearbeitet wie vor hundert Jahren“, sagt der Architekt. Alle Materialien und Bauteile mussten von der Straße über den steilen Hang zur Baustelle getragen werden, ein Kran wäre zu teuer gewesen. „Es war gar nicht so einfach, Handwerker zu finden, die die Baustelle bespielen können“, fügt er hinzu.

Belebender Konstrast: Im Innenraum trifft Weißtanne auf Beton.

Doch bevor es überhaupt losgehen konnte, mussten administrative Hindernisse überwunden werden. Wegen der besonderen Lage waren die Auflagen sehr restriktiv. Das Gutachten eines ökologischen Fachbüros musste eingeholt werden, deshalb hängen nun auf dem Grundstück Nistkästen für Mauersegler und Fledermäuse zwischen Baumhaus, Schaukeln und Trampolin. Ein Neubau war nicht erlaubt, nur der Umbau des bestehenden Gebäudes. Dessen Untergeschoss wurde erhalten und bildet nun den Sockel für den zweigeschossigen hölzernen Aufbau.

„Wir wollten ein Gebäude schaffen, das mit den ländlichen Architekturen der Umgebung spielt“, beschreibt Lohrmann den Entwurf. Das Haus sollte modern sein, aber doch die Anmutung der Heuschober oder Tabakscheunen haben, die man in der Region häufig findet. Obwohl nur zehn Minuten vom Stuttgarter Hauptbahnhof entfernt, hat sich der Stadtteil Gablenberg seinen dörflichen Charakter bewahrt. Am Hang, wo zwischen den Obstbäumen alte Holzschuppen stehen, spürt man ihn besonders – vor allem, wenn im Garten der Caesars neben den eigenen drei Kindern auch noch die der Nachbarn toben.

Ein Luftraum vom Untergeschoss bis zum Dach

Nicht nur die Fassadenbekleidung aus Douglasie und die hölzernen Sonnenschutzlamellen zitieren die traditionellen Materialien der Region. Auch der Kellenwurfputz am Sockel und die Biberschwanzziegel auf dem Dach verweisen auf ortstypische Bauernhäuser und Schuppen.

Auch im Inneren dominiert Holz. Wand und Decke sind mit Weißtanne verkleidet, auf dem Boden liegen Eichendielen. Roh belassener Beton bildet den Kontrast, „damit es nicht zu sehr nach Zirbelstube aussieht“, sagt Stefanie Larson. Der Beton zeigt noch Spuren seiner Schalung. „Wir mögen es, die Entstehungsgeschichte sehen zu können“, sagen die Caesars. „Andere Bauherren wären ausgeflippt“, sagt der Architekt. Für ihn strahlt das ganze Haus den Optimismus und die Gelassenheit aus, mit der die Auftraggeber das Projekt begleitet haben. „Ich habe vorher noch nie so eine Bereitschaft erlebt, Schwierigkeiten auszuhalten und darauf zu vertrauen, dass am Ende alles gut wird.“ Weder Behördenvorgaben noch Kostensteigerungen oder Bauverzögerungen warfen die Familie aus der Bahn. Auch die ersten Wochen ohne Strom und warmes Wasser im Haus zu wohnen, hat die damals hochschwangere Margit Caesar eher als Herausforderung denn als Zumutung empfunden. „Wir fanden es irgendwie alle aufregend“, sagt sie rückblickend.


„Es ist ein Geschenk, wenn man so einen Ort gestalten darf“
HOLGER LOHRMANN

Obwohl das Haus mit 146 Quadratmetern für eine fünfköpfige Familie nicht riesig ist, haben sich die Bauherren den Luxus eines Luftraums gegönnt: Aus dem Untergeschoss blickt man hoch bis unter den First. Außerdem ist das Haus sehr offen gehalten, die Individualräume sind relativ klein. „In ihren Kinderzimmern im Untergeschoss sind die Kinder sowieso nur zum Lego bauen“, sagen die Eltern. Dafür hat jedes einen eigenen Ausgang zum Garten damit sie als Jugendliche auch unbemerkt hereinhuschen können. Bisher schlafen aber alle gemeinsam auf einem Matratzenlager im Elternschlafzimmer im Obergeschoss, das bei Sommerwetter auch auf die Dachterrasse verlegt wird. Weil die Familie so gerne im Freien nächtigt, hat die obere Terrasse extra noch einen Vorhang zur Verdunkelung bekommen.

Margit und Christian Caesar

Das Erdgeschoss ist komplett offen. Es ist die Herzkammer des Hauses, wo meistens alle zusammen sind, wenn das Wetter es nicht zulässt, dass die Kinder im Garten spielen und die Eltern auf dem 2000 Quadratmeter großen Grundstück arbeiten. Im Erdgeschoss finden sich die Küche, der Ess- und Wohnbereich. In den Ecken und vor den großen Fenstern wurden tiefe Bänke eingebaut. Obendrauf liegen Matratzen und Kuschelkissen, innendrin steckt Stauraum.

Auch der Hausbau war nicht nur ein Projekt der Eltern, sondern der ganzen Familie. Das dokumentiert ein Fotobuch über das Projekt, das mit dem „Kauf des Zaubergartens im Frühjahr“ beginnt. Während Christian Caesar das Bestandsgebäude mit Hilfe von Freunden entkernt hat, sind die Kinder auf den Erdberg davor geklettert. Jeden Baufortschritt haben sie verfolgt, jede neue Situation sofort erkundet und bespielt. Dadurch ist das Haus schon während der Bauzeit zu einem Zuhause geworden – und die Beziehung der Bauherrenfamilie zu ihren Architekten sehr eng. Als die Familie eingezogen war, haben sie Holger Lohrmann und Stefanie Larson noch einmal in ihrem Büro besucht und ihnen ein selbstgemaltes Bild von ihrem Haus geschenkt – das es nicht gäbe, hätten die Caesars nicht Glück und vor allem so viel Zuversicht gehabt.

Ansicht des Hauses von Westen: In warmen Sommernächten schläft die ganze Familie auf der Terrasse im Obergeschoss. Abbildung: Lohrmann Architekt

Das Haus kurz und knapp

Baujahr Fünfziger Jahre/2016
Bauweise massiver Sockel mit zweigeschossigem Aufbau aus Holz
Energiekonzept Gasbrennwertgerät mit Pufferspeicher unter Nutzung von Bio-Erdgas. Ziel war ein möglichst niedriger technischer Aufwand. Stattdessen sollte durch bauliche Maßnahmen der Energieverbrauch minimiert werden.
Wohnfläche 146 Quadratmeter
Standort Stuttgart

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