Spektakulärer Rückzugsort

Von JUDITH LEMBKE, Fotos FRANK RÖTH

15.01.2019 · Eine Stuttgarter Architektenfamilie verwandelt ihr Haus aus den fünfziger Jahren in ein Plusenergiehaus – und bekommt einen ganz neuen Blick auf die Stadt.

E in Haus aus den fünfziger Jahren, mit niedrigen Decken und in extremer Hanglage soll in eine barrierefreie Villa verwandelt werden, großzügig und luftig und dazu auch noch nahezu energieautark. Keine einfache Aufgabe. Aber wenn die Bauherren nicht nur selbst bekannte Architekten sind, sondern auch noch die ehemaligen Chefs, erscheint die Bauaufgabe im Vergleich zur Arbeitssituation fast als Kinderspiel. Und wie war es wirklich?

Katja Knaus, die als Architektin im Büro der Bauherren Stefan und Petra Behnisch arbeitete, bevor sie sich selbständig machte, lacht: „Genauso, wie man es sich vorstellt. Auf der einen Seite leichter als sonst, weil man gut eingespielt ist, weiß, wie der andere denkt. Auf der anderen Seite ist es aber auch komplizierter.“

Harmonisches Ganzes: Der Holzlattenmantel verbindet Alt und Neu.

Wahrscheinlich hat es geholfen, dass Petra und Stefan Behnisch sich bewusst dafür entschieden haben, für ihr privates Projekt auf die andere Seite zu wechseln. „Wir wollten einmal selbst wissen, wie es ist, Bauherr zu sein. Es war sehr lehrreich“, sagt Petra Behnisch und benennt die Erfahrung, die sie als Architektin oft genug selbst gemacht hat: dass es gute Bauherren braucht, um gute Architektur zu machen. Vielleicht hat es zudem geholfen, dass Architekten und Auftraggeber völlig offen an die Neugestaltung des Hauses herangegangen sind: „Von Abriss bis Umbau war alles möglich“, sagt Behnisch. Es ist ein Umbau geworden. Aber was für einer.

Wer Stuttgart vor allem aus der Binnensicht kennt, sich unten im Kessel bewegt, kann sich gar nicht vorstellen, wie spektakulär diese verbaute Innenstadt von oben aussieht. Wenn man auf der neuen Terrasse im Obergeschoss steht, von Südosten über den Kessel hinweg zum Killesberg auf der anderen Seite blickt, wirkt die schwäbische Kapitale auf einmal so weltläufig wie die Autos, für die sie überall bekannt ist.


„Am Anfang haben wir eher in Richtung Abriss und Neubau gedacht, das dann aber wieder verworfen“
KAJA KNAUS

Dieses Panorama bestmöglich zu inszenieren, ohne ein aufmerksamkeitsheischendes Repräsentationsobjekt zu entwerfen, sondern den Rückzugsort einer Familie, waren die Pole, zwischen denen sich die Architekten Katja Knaus und Benedikt Bosch von Studio Yonder bewegten. Das ursprüngliche Haus bewohnte das Ehepaar Behnisch mit seinen beiden Söhnen, die mittlerweile erwachsen sind, schon seit Ende der neunziger Jahre. 1957 erbaut, war es zwar in den achtziger Jahren in den Hang erweitert und oberflächlich saniert worden, aber „technisch veraltet“, wie die Bauherrin sagt. Es regnete rein, ein Rohr war geplatzt, der Energieverbrauch sehr hoch. Mit Blick auf die Zukunft sollte das viergeschossige Gebäude deutlich nachhaltiger und durch Einbau eines Aufzugs fit fürs Alter der Bewohner gemacht werden, die Räume dabei großzügiger werden.

Blick vom Wohn- und Esszimmer zu Eingang und Treppe

Denkverbote gab es ausdrücklich keine, nur einige liebgewonnene Situationen wollten die Bauherren gerne behalten wie zum Beispiel das „Spion-Fenster“, aus dem man aus der Küche zum oberen Eingang schauen kann. „Am Anfang haben wir eher in Richtung Abriss und Neubau gedacht, das dann aber wieder verworfen“, sagt Architektin Knaus. Ein Neubau wäre nicht nur sehr teuer, sondern auch baurechtlich schwierig gewesen, zudem erwies es sich als energetisch nachhaltiger, den Bestand zu erhalten. Also wurden Dach- und Erdgeschoss des bestehenden Gebäudes abgetragen und als Holzbau neu errichtet, während die unteren beiden massiven Stockwerke bestehen blieben. Eine mehrschichtige Holzlattung umhüllt Alt und Neu und verbindet beides zu einem harmonischen Ganzen. Die grundsätzliche Aufteilung und die Wohnfläche von knapp 300 Quadratmetern wurden beibehalten. Obwohl also manches beim Alten geblieben ist, ist der Eindruck ein ganz neuer. Denn der Schatz, den die Lage des Grundstücks birgt, wurde erst durch den Umbau gehoben, indem das Haus zur Stadt geöffnet und mit einer großzügigen Dachterrasse versehen wurde.

Auf dem Dach der Villa haben die Eigentümer Solarschindeln verlegt.

Auf sie fällt sofort der Blick, wenn man auf das Gebäude von oben kommend zugeht. Zudem fällt auch ein zweites Detail auf, das charakteristisch für das Haus ist: Das asymmetrisch geneigte Satteldach ist mit Solarschindeln gedeckt, die aber diagonal und leicht überlappend verlegt wurden und daher den Eindruck eines normalen Schindeldachs vermitteln. In dieser Villa steckt jede Menge Technik, die man aber fast nirgendwo sieht. „Das Erscheinungsbild sollte sich an keiner Stelle der Technik unterordnen“, beschreibt Architekt Bosch eine Leitlinie der Gestaltung.


„Das Erscheinungsbild sollte sich an keiner Stelle der Technik unterordnen“
BENEDIKT BOSCH

Man betritt das Haus im Dachgeschoss, über einen zweiseitig verglasten Raum, der als Entree bezeichnet und als Büro genutzt wird und in dem nichts vom Blick nach draußen ablenkt als ein Schreibtisch. Die Einbaumöbel aus poliertem Nussbaum und die Kunst an den Wänden geben gleich einen ersten Eindruck von lässiger Eleganz, der sich auch in den unteren Geschossen fortsetzen wird. Im obersten Stockwerk befinden sich auch das Schlafzimmer, eine Ankleide sowie Bad und WC. Die Oberflächen des Badezimmers sind mit braunem spanischen Marmor belegt, der mit dem Nussbaumholz harmoniert. Auch im neu gestalteten Treppenhaus dominiert Holz: Die Einbaumöbel, hinter denen sich oft Stauraum oder Technik versteckt, schaffen die Verbindung zwischen Dach- und Erdgeschoss – der Hauptwohnebene. Auch auf der unteren Ebene wird der Blick auf die Stadt maximal in Szene gesetzt. Am Fuße der Treppe hängt dicker tannengrüner Samt, der wohl nicht nur zufällig an einen Theatervorhang erinnert. Der sehr große offene Raum ist nur sparsam mit einem Esstisch samt Stühlen und einer Sitzecke möbliert – das Mobilar tritt zugunsten der Kunst und des Panoramas zurück. Vor der langen Fensterfront liegt ein schmaler Austritt, neben der offenen Küche liegt eine weitere Terrasse, die in den Hang gegraben wurde. Auch im Erdgeschoss verschwindet die notwendige Technik hinter der Ästhetik: Der Fahrstuhl im Flur liegt etwas zurückgesetzt, statt auf ihn fällt der Blick auf die kleine Holzbank davor.

Den „Kessel“ zu Füßen: Die neue Dachterrasse beschert den Bewohnern bessere Aussicht.

In dieser durchkomponierten Strenge wirkt einzig Stoffdackel Waldi, das grün-blau-gelb gestreifte Maskottchen der Olympischen Spiele 1972 in München, als verspielter Fremdkörper auf der Treppe. Ebenso wie die Olympia-Plakate von 1972, die im Untergeschoss hängen, erinnert er an Günter Behnisch, den verstorbenen Vater des Bauherrn. Als Architekt des Münchner Olympiastadions ist er einer der bekanntesten deutschen Architekten der Nachkriegszeit.

Die untere Wohnetage wird von Gästen genutzt, vor allem von den Söhnen, die mittlerweile anderswo studieren. Sie und der darunter liegende Keller sind weitestgehend unverändert geblieben, und man merkt sofort an der niedrigeren Deckenhöhe, was Petra Behnisch meint, wenn sie sagt, im alten Haus hätte ihr die Luft nach oben gefehlt.

Das Wohnzimmer mit Panoramafenster
Luftig und großzügig: Die Hauptwohnebene ist ein großer Raum.

Die wohl größte Verwandlung, die das Haus erfahren hat, ist jedoch fast unsichtbar: wie aus einem Energiefresser ein Plusenergiehaus wurde, das selbst Strom erzeugt und den überschüssigen ans Netz abgibt. Auch für die drei E-Autos der Familie gibt es meist genug selbstproduzierten Strom. Dafür wurden nicht nur Solarschindeln verlegt, sondern auch Geothermiesonden gebohrt, dank deren über die Böden geheizt und über die Decken gekühlt wird. Die hochgedämmte Fassade hält im Sommer die Wärme draußen und schließt sie im Winter ein.

Petra Behnisch (rechts) und Katja Knaus

Aus dem Erdgeschoss kommt man auch in den kleinen Garten, den die Familie allerdings nur hin und wieder zum Federballspiel nutzt, wie Petra Behnisch erzählt. Sie und ihr Mann sitzen lieber oben und genießen das, was das Grundstück schon immer besaß, aber erst der Umbau freigelegt hat: den offenen Blick auf Stuttgart, das von hier so weltstädtisch wirkt und einem trotzdem zu Füßen liegt.

Das Haus Kurz und Knapp

Baujahr:1957/2016
Bauweise: Holzrahmenkonstruktion auf Betonsockel aus Halbfertigteilen
Energiekonzept: Plusenergiehaus mit Solarschindeln und Geothermie
Wohnfläche: 282 Quadratmeter
Grundstücksgröße: 934 Quadratmeter
Standort: Stuttgart

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15.01.2019
Quelle: F.A.S.