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Zu Hause im alten Bahnhof

Von JUDITH LEMBKE, Fotos: FRANK RÖTH

21.11.2019 · Eine Winzerfamilie in Rheinhessen zeigt, dass auch ein stillgelegtes Bahngebäude nicht auf der Strecke bleiben muss.


Als Ge­org Fogt En­de der sieb­zi­ger Jah­re ge­bo­ren wur­de, hat­te am Ba­den­hei­mer Bahn­hof schon lan­ge kein Zug mehr ge­hal­ten. Trotz­dem fas­zi­nier­te den Jun­gen das al­te Ge­bäu­de, das Jahr­zehn­te das ein­zi­ge Tor des klei­nen rhein­hes­si­schen Wein­or­tes zur wei­ten Welt ge­we­sen war, auch wenn die ver­ros­te­ten Schie­nen mitt­ler­wei­le ins Nir­gend­wo führ­ten. „Ich bin di­rekt ge­gen­über im Wein­gut auf­ge­wach­sen und im­mer um die­ses Haus her­um­ge­schli­chen“, be­rich­tet Fogt. Er spiel­te am still­ge­leg­ten Gleis­bett und stell­te sich vor, wie die Men­schen da­mals im War­te­saal auf ih­re Ab­fahrt war­te­ten, wo nun der letz­te Bahn­hofs­vor­ste­her mit sei­ner Fa­mi­lie leb­te.

Die letzte Bahn hielt 1973 am Bahnhof Badenheim.
Die letzte Bahn hielt 1973 am Bahnhof Badenheim. Foto: Georg Fogt
Spä­ter über­nahm Vogt den el­ter­li­chen Be­trieb und ver­lor den Bahn­hof nicht aus den Au­gen, weil er ihn vom hei­mi­schen Wein­gut aus di­rekt im Blick hat­te, aber auch, weil ihn das Ge­bäu­de mit sei­ner Ge­schich­te nicht los­ließ.

Ei­nes Ta­ges sah er, wie ein Frem­der um das mitt­ler­wei­le leer­ste­hen­de Haus her­um­ging, es be­gut­ach­te­te und fo­to­gra­fier­te. „Das war of­fen­sicht­lich ein Mak­ler, und bin so­fort hin und ha­be mein In­ter­es­se be­kun­det“, er­zählt Fogt. Er leb­te mitt­ler­wei­le mit sei­ner Frau An­na-Ma­ria auf dem Wein­gut und such­te ein Do­mi­zil für die wach­sen­de Fa­mi­lie. Der Bahn­hof er­schien ihm per­fekt, nicht nur we­gen sei­ner Fas­zi­na­ti­on für das al­te Ge­mäu­er: „Er ist ganz an al­lem dran, aber nicht im sel­ben Ge­bäu­de“, be­rich­tet Fogt, der sei­ne Ar­beits­ta­ge zwi­schen Wein­ber­gen, Kel­le­rei und Bü­ro ver­bringt.
‏‏‎ ‎‏‏‎ ‎Mit Weitblick: Der Anbau besticht durch große Fenster und klare Linien.
‏‏‎ ‎‏‏‎ ‎Mit Weitblick: Der Anbau besticht durch große Fenster und klare Linien.

Das Paar setz­te sich ge­gen meh­re­re Mit­be­wer­ber durch, und auf ein­mal war das Kind­heits­fas­zi­no­sum ganz re­al, und zwar „ein ma­ro­der al­ter Kas­ten“, wie der Bau­herr sagt, in den sie viel Geld in­ves­tiert hat­ten, aber lan­ge noch nicht ein­zie­hen konn­ten. Fogt hat sich beim Um­bau nicht von nost­al­gi­schen Ge­füh­len lei­ten las­sen. „Ich woll­te hier kein Bahn­hofs­dis­ney­land bau­en. Es soll­te auf kei­nen Fall et­was im Land­haus­stil ent­ste­hen“, be­schreibt der Win­zer sei­ne Vor­stel­lung. Zwar soll­te die al­te Funk­ti­on des Ge­bäu­des er­kenn­bar blei­ben, aber durch ei­nen mo­der­nen An­bau in der Ge­gen­wart ver­an­kert wer­den.

Be­vor das Ehe­paar sich aber Ge­dan­ken über den Um­bau ma­chen konn­te, wur­de es zu­nächst ein­mal mit viel grund­le­gen­de­ren Fra­gen kon­fron­tiert. Die Ba­sis des um 1900 er­bau­ten Ge­bäu­des bil­den Bahn­schie­nen zur Be­weh­rung, die mit Be­ton aus­ge­gos­sen wa­ren. Die­se Schie­nen wa­ren von un­ten durch­ge­ros­tet. „Wir hat­ten Angst, dass wir hier viel Geld her­ein­ste­cken und am En­de al­les über uns zu­sam­men­bricht“, er­zählt An­na-Ma­ria Fogt von den ers­ten Ex­pe­di­tio­nen auf die Bau­stel­le.

Die Sonne scheint ins Esszimmer
Die Sonne scheint ins Esszimmer
Blick in die Küche
Blick in die Küche

Nach­dem die sta­ti­schen Pro­ble­me ge­löst wa­ren, ka­men die ge­stal­te­ri­schen Fra­gen zum Tra­gen: Wie soll­ten sie die­ses Haus, das ein­mal für ei­nen ganz an­de­ren Zweck ge­baut wor­den war, in ein mo­der­nes Wohn­haus ver­wan­deln, oh­ne die al­te Funk­ti­on als Bahn­hof kom­plett zu ver­schlei­ern? Schwie­rig sei vor al­lem die Er­schlie­ßung ge­we­sen, be­rich­tet Fogt. Ein nach Os­ten in Rich­tung Wein­gut ver­leg­ter Haupt­ein­gang hät­te die An­sicht des Bahn­hofs zer­stört. Au­ßer­dem hät­te es we­gen der not­wen­di­gen Flur­flä­chen den Räu­men im Erd­ge­schoss künf­tig an Groß­zü­gig­keit ge­fehlt. Das Ge­bäu­de über den Hin­ter­ein­gang zu er­schlie­ßen schied eben­falls aus, schließ­lich soll­ten die We­ge zum Wein­gut mög­lichst kurz sein.

Des­halb ent­schie­den sich die Fogts für ei­nen mo­der­nen An­bau, der durch ei­nen Kor­ri­dor zur Er­schlie­ßung bei­der Ge­bäu­de­tei­le mit dem Alt­bau ver­bun­den ist. Die Maß­ga­be der Bau­her­ren war, dass Alt und Neu har­mo­nie­ren, oh­ne dass sich das Neue beim Be­ste­hen­den an­bie­dern soll­te. Nicht nur räum­lich soll­te sich der An­bau ab­set­zen, son­dern auch op­tisch. Als Kon­trast zur grün­der­zeit­li­chen An­mu­tung des al­ten Bahn­hofs mit sei­nem röt­li­chen Por­phyr-Mau­er­werk hat der weiß ver­putz­te An­bau ei­ne kla­re, sehr re­du­zier­te For­men­spra­che. Die Wei­ter­nut­zung ei­nes schon vor­han­de­nen An­baus, über die zu­nächst nach­ge­dacht wur­de, war nicht mög­lich, da­für war des­sen Ge­bäu­de­sub­stanz zu schlecht.

Einst Wartesaal, nun Küche
Einst Wartesaal, nun Küche
Früher Gepäckraum, jetzt Esszimmer
Früher Gepäckraum, jetzt Esszimmer

Die ers­ten Ent­wür­fe mach­te der Bau­herr selbst, eig­ne­te sich da­für ex­tra ein Zei­chen­pro­gramm an. Spä­ter hol­te er den Ar­chi­tek­ten Tho­mas Gör­gen mit an Bord, der schon öf­ter für das Wein­gut ge­baut hat­te und nun die Vor­stel­lun­gen der Bau­her­ren wei­ter­ent­wi­ckel­te. „Wir sind Dut­zen­de Neu­bau­ge­bie­te ab­ge­fah­ren, um Ide­en zu sam­meln, Ma­te­ria­li­en zu be­gut­ach­ten und vor al­lem auch zu se­hen, wie wir es nicht ha­ben wol­len“, sagt An­na-Ma­ria Fogt. „Und na­tür­lich ha­ben wir uns im­mer in das Teu­ers­te ver­liebt.“

Bei allen Materialien, die fest mit dem Haus verbunden sind, entschieden sich die Bauherren im Zweifelsfall für die hochwertige Variante: Es gibt Holzfenster und massive Schiebetüren aus Holz, auf dem Boden liegen Eichendielen und Zementfliesen. „Um das Budget nicht zu sprengen, haben wir eher bei den Möbeln gespart, nicht zuletzt, weil wir zwei kleine Kinder haben, und da wird das Mobiliar ohnehin ganz schön strapaziert“, sagt die Bauherrin. Während der Bauzeit kam zuerst Johann, der mittlerweile drei Jahre alt ist, und zwei Jahre später Frieda auf die Welt.


„Ich woll­te hier kein Bahn­hofs­dis­ney­land bau­en.“
Bauherr Ge­org Fogt

Weil die Fa­mi­lie ge­wach­sen ist, nut­zen die Vogts den An­bau, der zu­nächst als Vi­no­thek für das Wein­gut ge­plant war, als gro­ßes Wohn­zim­mer. Ge­org Fogt hat auf dem So­fa vor den gro­ßen Fens­ter­flä­chen sei­nen Lieb­lings­platz ge­fun­den: „Am Sonn­tag­nach­mit­tag sit­ze ich am al­ler­liebs­ten ein­fach hier und schaue auf Rhein­hes­sen“, sagt der Win­zer. Auf sei­ne Wein­ber­ge blickt er zwar nicht di­rekt – da­für aber auf wei­te Fel­der und zahl­lo­se sich in der Fer­ne dre­hen­de Wind­rä­der.

Der Kon­trast zwi­schen Alt und Neu lässt sich nicht nur von au­ßen er­ken­nen, son­dern auch von in­nen spü­ren. Wäh­rend das Wohn­zim­mer mit sei­nen rie­si­gen Fens­tern, der spar­sa­men Ein­rich­tung und der abs­trak­ten Kunst an der Wand funk­tio­nal und mo­dern wirkt, lebt der Bahn­hof im Alt­bau in vie­len Ele­men­ten fort. In der jet­zi­gen Kü­che, einst War­te­saal für die Rei­sen­den, hängt im­mer noch ei­ne Bahn­hofs­uhr über der Tür. Und im Ein­gangs­be­reich, der Alt- und Neu­bau ver­bin­det, zie­ren Plä­ne längst still­ge­leg­ter Gleis­net­ze die Wand – ge­rahm­te Fund­stü­cke aus dem Kel­ler des Hau­ses. Auch wenn kei­ne Zü­ge mehr auf Schie­nen am Haus vor­bei­fah­ren, so läuft heu­te im­mer­hin die Schie­be­tür zum Wohn­zim­mer auf ei­ner Me­tall­schie­ne. Ist die gro­ße Holz­tür auf­ge­scho­ben, blickt man vom Ess­zim­mer­tisch im ehe­ma­li­gen Ge­päck­raum durch Kü­che und Flur bis hin ins Wohn­zim­mer.

Der Kamin im Esszimmer
Der Kamin im Esszimmer
Das Esszimmer ist grau gestrichen.
Das Esszimmer ist grau gestrichen.

Von au­ßen wur­de das Rhyo­lith-Mau­er­werk, ein vul­ka­ni­sches Ge­stein aus ei­nem Stein­bruch in der Ge­gend, auf­wen­dig sa­niert, die röt­li­chen Sand­stein­lai­bun­gen neu auf­ge­baut. Die al­te Mau­er konn­te nicht ge­ret­tet wer­den, ein Tor aus Cor­ten­stahl öff­net nun den Weg zum Haus. Da­für hat ein Teil des Gleis­betts ei­ne neue Funk­ti­on be­kom­men: An­na-Ma­ria Fogt, ge­lern­te Gar­ten- und Land­schafts­ge­stal­te­rin, hat die Stel­len zwi­schen den Schwel­len und Schie­nen be­pflanzt. Die Idee kam ihr bei ei­nem Be­such in New York, wo die ehe­ma­li­ge Gü­ter­zug­tras­se, die High Li­ne in Man­hat­tan, zu ei­nem Park um­ge­stal­tet wur­de.

Die Winzerfamilie und ihr Bahnhof: Georg und Anna-Maria Fogt
Die Winzerfamilie und ihr Bahnhof: Georg und Anna-Maria Fogt
Der Gar­ten wur­de auf un­ter­schied­li­chen Ebe­nen an­ge­legt, „da­mit im Gar­ten Räu­me ent­ste­hen“, er­klärt die Bau­her­rin. Ge­pflanzt hat sie vor al­lem ver­schie­de­ne Stau­den­ge­wäch­se, die vie­le In­sek­ten an­lo­cken. Auch im Win­ter wirkt das kei­nes­wegs trist, da vie­le Blü­ten­stän­de noch in den Bee­ten ste­hen. „Mir war es wich­tig, dass der Gar­ten zu je­der Jah­res­zeit in­ter­es­sant aus­sieht“, sagt An­na-Ma­ria Fogt. Im Früh­jahr be­ginnt das Farb­spiel mit zar­ten Weiß­tö­nen, dann kom­men ro­te Tup­fen hin­zu und im Som­mer ein hel­les Vio­lett. Im Win­ter hängt mor­gens der Rauh­reif in den lan­gen Grä­sern.

Nach dem Wil­len der Bau­her­ren sol­len sich die Pflan­zen aber nicht auf den Gar­ten be­schrän­ken: Auch das Dach des An­baus wol­len sie ex­ten­siv be­grü­nen. Das ist nicht das ein­zi­ge Pro­jekt, das die bei­den noch pla­nen: So soll die al­te Bahn­hof­stoi­let­te, die im Mo­ment als La­ger ge­nutzt wird, in ei­nen Raum für Wein­aus­schank um­funk­tio­niert wer­den. Denn von der Idee ei­ner Vi­no­thek am Haus hat sich die Win­zer­fa­mi­lie noch nicht ganz ver­ab­schie­det, auch wenn im ur­sprüng­lich da­für vor­ge­se­he­nen An­bau jetzt Kin­der to­ben und nicht Wein ver­kos­tet wird.

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DAS HAUS KURZ UND KNAPP



Baujahr: 1891/2017
Bauweise: Altbau massiv, Neubau Dachtragwerk Holzbau, sonst auch massiv
Wohnfläche: 220 Quadratmeter
Baukosten: 525.000 Euro
Standort: Badenheim
Architekturbüro: Thomas Görgen
21.11.2019
Quelle: F.A.S.

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