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Städte von morgen

Visionen aus der Wüste

Von Birgit Ochs
 - 10:51

Stadt der Zukunft – das klingt nach Vision, und je nachdem, wie man sich die Zukunft vorstellt, verheißungsvoll oder deprimierend. So oder so aber schwingt immer das Neue mit, die Idee, dass wir uns in einer Umgebung wiederfinden werden, in der so ziemlich alles anders aussieht und auch anders ist als im Hier und Jetzt. In der Phantasie ähnelt die Welt von morgen dann wahlweise jener düsteren, unwirtlichen Kulisse, wie man sie aus dystopischen Filmen wie „Bladerunner“ kennt. Oder aber sie gleicht den am Computer erstellten Bildern, wie sie Projektentwickler und Architekten produzieren lassen und die eine Umgebung zeigen, in der alles heller, filigraner und leichter wirkt als in den Niederungen des Alltags.

Badya City etwa ist so eine Stadt von morgen. Bisher existiert sie nur auf Plänen und als digitale Version, doch soll sie irgendwann in der Wüste nahe der ägyptischen Hauptstadt Kairo entstehen. Das Frankfurter Büro Albert Speer und Partner hat sie für etwa 150.000 Einwohner und fast 50.000 Arbeitsplätze geplant. Die Architektur, die die Visualisierungen zeigt, wirkt geradezu unspektakulär vertraut und nicht die Spur futuristisch. Trotzdem kann man in diesem Vorhaben Vision entdecken. Denn Badya City (der gekünstelte Werbeslogan lautet: „Where artistry shapes your everyday life“) soll blühender Gegenentwurf zum Moloch Kairo werden.

Verstopfte Straßen, zugeparkte Gehwege

Vollmundige Versprechen gibt es in der ambitionierten Welt der Immobilienentwickler viele. Aber mal angenommen, Badya City wird tatsächlich gebaut. Dann wird in einigen Jahrzehnten jenes knapp 1300 Hektar große Areal in der ägyptischen Wüste nicht nur nicht wiederzuerkennen sein, sondern es wird da eine Stadt stehen, die planerisch dem entspricht, was wir Stand heute für zukunftsträchtig halten: eine nutzerorientierte, grüne und ressourcenschonende Kommune der kurzen Wege – inklusive gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, Elektromobilität, vernetzten Parkanlagen und für Fußgänger und Radfahrer optimierter Verkehrswege, auf denen das Auto nicht mehr dominiert. Die Entwürfe zeigen weder Flugtaxis noch selbstfahrende Limousinen, aber das Versprechen liegt auf der Hand: Phänomene wie der Diesel-Skandal, drohende Fahrverbote, verstopfte Straßen, zugeparkte Gehwege und eine mühsame Überarbeitung in die Jahre gekommener Verkehrskonzepte sind in der Wüstenstadt der Zukunft Geschichte.

Anders zusammenleben
Ein jeder wohne wie er mag

Nun sind brandneue, altlastenfreie Reißbrettstädte außerhalb der Golfstaaten, der ägyptischen Wüste oder China rar. Weshalb es an vielen Orten der Welt im Jahr 2050 vermutlich in vielerlei Hinsicht gar nicht so viel anders aussehen wird als heute. In den Straßen werden die gleichen Häuser aus verschiedenen Epochen stehen, umgeben von denselben Mauern und Zäunen, davor die Bürgersteige mit dem gleichen Pflaster. Das kann zumindest erwarten, wer in einer westeuropäischen Stadt lebt. Denn dort werden weder ganze Viertel mal eben im Hauruckverfahren umgekrempelt noch bei Bedarf neue Idealstädte aus dem sandigen Boden der Mark Brandenburg, einem Acker vor den Toren Münchens oder in der Wetterau wachsen. Zudem sind hier Planungsverfahren langwierig und komplex sowie Beharrungskräfte stark.

Nicht in Ehrfurcht vor der Baugeschichte erstarren

In einem schon ziemlich zugebauten Land wie diesem konzentrieren sich die baulichen Aktivitäten besonders auf den Bestand. Von den insgesamt knapp 215 Millionen Euro, die laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) 2017 für den Wohnungsbau ausgegeben wurden, sind mehr als 66 Prozent in Sanierung, Ausbau und Modernisierung bestehender Gebäude geflossen. In diesem und dem kommenden Jahr dürfte dieser Wert jeweils übertroffen werden. Und nach einer Schätzung der Bundesstiftung Baukultur werden bis zum Jahr 2030 Neubauten nur noch 8 Prozent ausmachen.

Wie die Städte von morgen aussehen, liegt also nicht zuletzt daran, wie die Akteure von heute mit dem Bestand umgehen. 2019 wird das Bauhaus 100 Jahre alt. Schon jetzt nerven die Elogen auf das Wirken von Walter Gropius und seinen Mitstreitern. Aber wenn das Jahr zur kritischen Auseinandersetzung mit den baulichen Hinterlassenschaften nicht nur jener Schule, sondern überhaupt genutzt würde, wäre das ein Gewinn. Den Wert eines alten Gebäudes zu erkennen ist etwas anderes, als in Ehrfurcht vor der Baugeschichte zu erstarren. Es geht um die Fragen, welche Ressourcen im Bestand stecken und darum, wie man ihn weiterentwickeln kann, damit er zu heutigen und vorweggenommenen Wohnbedürfnissen passt. Die ewigen Forderungen, Bauen in Deutschland müsse so viel einfacher werden, wirken vor diesem Hintergrund wohlfeil.

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Welches Erbe tritt man an, welches schlägt man aus? Historische Gebäude prägen den Charakter einer Stadt und können Identität stiften, doch eine historische Kulisse allein macht noch kein zukunftsfähiges Gemeinwesen. Das lebt von den Menschen. Denen, die es bewohnen, denen, die dort arbeiten – und auch von den Touristen. Doch wenn, wie im Zentrum von Lissabon, auf einen einheimischen Bewohner ein ausländischer Übernachtungsgast kommt und die Kommunalpolitik sich zunehmend an „Stadtnutzern“ als an Bürgern orientiert, dann gerät womöglich langfristig mehr aus den Fugen als nur der Immobilienmarkt.

Kurz- und mittelfristig allerdings lautet die Frage angesichts der seit 2008 steigenden Mieten und Kaufpreise, die sich Städter quer durch alle Bevölkerungsgruppen stellen: Haben wir hier noch eine Zukunft? Oder kämpferischer: Wem gehört die Stadt? Vor allem Studenten, Selbständige und Rentner, aber auch Familien finden zunehmend schwerer eine neue Bleibe, die sie sich leisten können. Seit Jahren drehen sich nun die Prognosen der Immobilienfachleute um die Frage, ob die Großstadtmieten weiter steigen, der Quadratmeter Wohnfläche zukünftig noch mehr kostet oder der Preisanstieg vielleicht doch endet. Auch dieser Tage werden die Glaskugeln wieder geputzt. Wer auf sinkende Preise und Mieten hofft, für den sind die Aussichten 2019 eher trübe.

Viele Städte, und längst nicht nur die ganz großen, suchen daher nach Flächen für den Neubau. Häufig sind die Möglichkeiten im Bestand begrenzt, das Reservoir an Freiflächen durch die geographische Lage und die Bodenpolitik vergangener Jahre erschöpft. Aus Sicht des Ökonomen Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft sollte man daher darüber nachdenken, landwirtschaftliche Flächen zu verlagern – weg von den Ballungsräumen hin in weniger dichtbesiedelte Gegenden, um für Neubau Platz zu schaffen. Für die Stadtentwicklung sei das eine entscheidende Zukunftsfrage, sagt Voigtländer.

Doch dass die Stadt in der Fläche weiter wächst, Grüngürtel und Ackerland weichen, ist ein heikles Thema. Auch wegen des Klimawandels. Heiße Zeiten mit Tropennächten von mehr als 20 Grad Celsius, plötzliche Starkregen und ein ansteigender Meeresspiegel, Stürme – je nach geographischer Lage müssen sich die Städte dafür heute rüsten: mit viel mehr Grün und weniger Beton, Sickerflächen und Wasserreservoirs, Schattenspendern in den Straßen und vor allem auch Frischluftschneisen. Bisher, klagen Städtebauexperten, hätten noch viel zu wenige Kommunen das Thema auf der Agenda. Gut möglich, dass in der Stadt der Zukunft die in den vergangenen Jahrzehnten so beliebten Altbauten als Wohnviertel weniger gefragt sein werden. In Karlsruhe, wo Ende des Jahrhunderts ein Klima wie in Tunesien herrschen könnte, hat man die Gründerzeitbauten als potentielle Problemlagen identifiziert. Denn bei anhaltend hohen Temperaturen heizen sich diese Quartiere ganz besonders auf.

Wer weiß, dann wird womöglich nicht nur manch hochmoderne Wüstenstadt zum Sehnsuchtsort, sondern vielleicht sogar das nächste Neubaugebiet. Ist das nun deprimierend oder verheißungsvoll?

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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