Urbanes Crowdfunding

Wenn der Schwarm die Stadt rettet

Von Katrin Groth
30.04.2020
, 09:18
Brücke, Spielplatz oder Flussbad – immer häufiger setzen private Initiativen auf Crowdfunding, um ihre Stadt mitzugestalten. Dabei zahlt sich für den Erfolg etwas ganz besonders aus.

Werde Moviemento Retter*in“ prangt noch immer in großen Lettern auf der Website des 1907 eröffneten Berliner Kiez-Kinos. Es ist das älteste noch betriebene Kino Deutschlands, damals als Teil eines Kreuzberger Eckhauses entstanden. 600 Quadratmeter, die ganze erste Etage, nehmen die drei Kinosäle, Kasse und Filmtechnik ein. Weil aber das Wohnhaus verkauft werden soll, bangen die Betreiber um die Existenz. Die Miete, so fürchten sie, werden sie künftig nicht mehr erwirtschaften können. Das hat sie auf die Idee gebracht, die Immobilie selbst zu kaufen. Die Idee ist nicht ungewöhnlich, der Weg, wie sie das Geld dafür aufbringen wollen, schon: mit Crowdfunding.

Musik, Bücher, soziale Projekte – auf vielen Feldern ist die Schwarmfinanzierung mittlerweile erprobt. Urbane Projekte, die dem Wohl der Stadtgesellschaft dienen, kamen aber erst vor wenigen Jahren dazu. Was sonst an leeren Kassen oder mangelnder Phantasie scheiterte, kann nun realisiert werden. Die Bandbreite reicht vom inklusiven Kinderspielplatz über den Nachbarschaftsgarten bis zum Kulturzentrum.

Das bisher erfolgreichste crowdfinanzierte Stadtentwicklungsprojekt steht in den Niederlanden: die Luchtsingel-Brücke. Eine Fußgängerbrücke, die vom Rotterdamer Zentrum in den Norden führt und seit 2015 drei Stadtteile verbindet, die durch den Zweiten Weltkrieg getrennt waren. Die 390 Meter lange, gelbe Holzbrücke wurde vom niederländischen Architekturbüro ZUS gebaut, finanziert aber haben sie Tausende Rotterdamer. Für 25 Euro konnten die Geldgeber sich eine der Holzplanken sichern – mehr als 17.000 davon wurden verkauft. Das Beispiel aus Rotterdam zeigt, wie diese Finanzierungsmethode funktioniert. Viele Menschen, die Crowd, finanzieren gemeinsam ein Vorhaben. Der Einzelne leistet dazu einen überschaubaren Beitrag und erhält als Gegenleistung ein „Dankeschön“: ein Buch, ein T-Shirt oder eine Patenschaft. Laut einer Studie der Cambridge-Universität wurden 2017 in ganz Europa mehr als 10,4 Billionen Euro über Crowdfunding eingesammelt, davon allein 595 Millionen Euro in Deutschland.

Heute entscheiden die Nutzer mit

Mit dem ersten Crowdfunding, das in Deutschland für Aufmerksamkeit sorgte, wurde 2011 der Film „Stromberg“ finanziert. Und genau wie Filmproduktionen oder Bands versuchen nun auch Initiativen der Stadt- und Quartiersentwicklung, auf diesem Weg das nötige Geld zusammenzubekommen. Die Rede ist dann von urbanem Crowdfunding. Seien es Stadtbäume in Hamburg, ein öffentliches Flussbad in der Spree, die Belebung leerstehender S-Bahn-Bögen in Köln oder die Berliner Initiative „Radbahn“, die unterhalb der U-Bahn-Linie1 einen Fahrradschnellweg bauen will. Durch Projekte wie diese verschieben sich die Machtverhältnisse: Wo früher nur Hersteller oder Planerinnen verantwortlich waren, entscheiden nun die Nutzer mit.

Neben der Startfinanzierung bekommen Initiativen direktes Feedback – überzeugen kann, wer ein durchdachtes Konzept hat. So mussten die Initiatoren der Moviemento-Kampagne immer wieder auf kritische Fragen reagieren. Ähnliche Erfahrungen haben auch die Architekten der Luchtsingel-Brücke in Rotterdam gemacht. Anfangs waren viele Interessenten skeptisch, erst als sie einbezogen wurden, nahm das Vorhaben Fahrt auf.

Mittels Gemeinschaftsfinanzierung kann, anders als bei institutionellen Befragungen, in denen oft die Ablehnung von Planungen zum Ausdruck gebracht wird, die Unterstützung von Projekten erhöht werden. Manche sprechen daher von einem Schritt hin zu einer demokratischeren Stadtentwicklung. Das Internet spielt dabei eine wichtige Rolle. Informationen sind leichter zugänglich, Hürden, sich zu beteiligen, sinken, die Möglichkeit zur Vernetzung steigt. Damit einher kann eine stärkere Identifikation gehen – mit dem konkreten Projekt, aber auch mit der eigenen Stadt.

Die Vermittlung übernehmen Plattformen wie Kickstarter, Spacehive oder Startnext – Marktführer in Deutschland. „Das Thema ist noch jung und in Deutschland noch nicht so weit verbreitet, wir sehen aber, dass es mehr Projekte werden“, sagt Startnext-Sprecherin Anna Theil. Aktuell zeigt sich das besonders deutlich, sind doch laut Theil allein in der ersten Woche des Shutdowns rund 300 neue Projekte auf Startnext angelaufen, Tendenz steigend. Bars, Clubs, Unverpackt-Supermärkte oder kleine Läden bitten nun wegen der Pandemie um Hilfe. Startnext hat dazu eine eigene „Corona Hilfsaktion“ initiiert, bei der bisher 68.000 Menschen rund 3,9 Millionen Euro gespendet haben. Weniger akute Projekte würden dagegen pausieren, abgebrochen oder verlängert. „Wir merken, wie sich die Aufmerksamkeit verschoben hat“, sagt Theil.

250.000 Euro sind für Berliner Clubs in nur einer Woche zusammengekommen

Ähnliches erleben auch andere Plattformen: „Die Solidarität ist sehr hoch, aber Projekte, die gefühlt nicht essentiell fürs Leben und Überleben sind, pausieren“, sagt Björn Lampe, Vorstand von Betterplace. Große Spendenbereitschaft gebe es im humanitären Bereich, aber auch für Kultur und Wirtschaftsförderung. „Manche Cafés sammeln derzeit 10.000 bis 15.000 Euro in einer Woche, das ist ungewöhnlich“, berichtet Lampe. Die Berliner Clubcommission etwa, die zahlreiche Clubs vereint, sammelte in nur einer Woche 250.000 Euro. Auch das ist eine neue Entwicklung: Statt vieler Einzelprojekte schließen sich gerade Clubs, Kinos oder Restaurants zusammen, sammeln gemeinsam.

Im englischsprachigen Raum ist urbanes Crowdfunding schon etablierter, Plattformen können hier neben der Akquise auch als Schnittstelle zwischen Bürgern, Behörden und Politik genutzt werden. Speziell um Projekte im öffentlichen Raum kümmert sich die britische Plattform Spacehive, wo von Spielplatzumbauten über die Idee einer Londoner High Line bis hin zu Events wie einer temporären Wasserrutsche, die in Bristol realisiert wurde, zahlreiche Projekte erprobt wurden.

Doch der Weg zum Erfolg ist weit. So sammelte eine New Yorker Initiative erfolgreich Geld für die „Lowline“, einen stillgelegten U-Bahn-Schacht, der zum unterirdischen Park werden sollte. Doch das Vorhaben scheiterte an nicht erteilten Genehmigungen und mangelnder Kooperation mit den Behörden. Eine frühzeitige Abstimmung mit öffentlichen Stellen, die Einbindung in formale Planungsprozesse und fachliche Expertise sind daher genauso wichtig wie eine erfolgreiche Kampagne.

Unproblematisch ist das Buhlen um Aufmerksamkeit nicht

Nach dem Prinzip „alles oder nichts“ erhalten Unterstützer ihr Geld aber zurück, falls die angestrebte Summe nicht zusammenkommt. Und auch bei nachträglichem Scheitern an fehlenden Genehmigungen müsste das Geld zurücküberwiesen werden, sagt Startnext-Sprecherin Theil. Das komme aber selten vor. Sie rät ohnehin, Unsicherheiten zu kommunizieren und Genehmigungen vorab zu beschaffen. Anders ist es derzeit durch die Pandemie: Weil es bei vielen um die Existenz geht, werde bei Startnext gerade jeder Euro ausgezahlt.

Ganz unproblematisch ist das Buhlen um Aufmerksamkeit via Crowdfunding nicht. Nur Projekte mit einer Vision, deren Macher über reichlich soziales Kapital verfügen, haben eine Chance. Zumal Stadtentwicklung weitaus komplexer ist als ein Startnext-Projekt, wo die Plattform die Spielregeln bestimmt. Wer darf mitmachen, wie läuft die Umsetzung und vor allem: Was wird überhaupt finanziert? „Crowdfunding-Projekte können Impulse setzen, die zeigen: Hier muss etwas getan werden“, meint Theil.

Selbst Kommunen setzten mittlerweile vereinzelt auf die Schwarmfinanzierung. Erfolgreich sind vor allem Bemühungen zum Erhalt von Gebäuden mit symbolischem Wert: Weil alte Schulen oder Kulturzentren von kollektiver Bedeutung sind, finanzieren viele Bürger den Erhalt mit. Gemeinsam mit den Nachbarn die eigene Umgebung gestalten, dieser Tage sogar vom Sofa aus, macht nicht zuletzt auch ein gutes Gefühl. Übrigens, das global erste Crowdfunding gab es schon vor mehr als 130 Jahren: 1885 wurde der Sockel für den Bau der Freiheitsstatue durch 160.000 Einzelspenden ermöglicht.

Die Betreiber des Berliner Kinos Moviemento haben innerhalb von vier Monaten mehr als 130.000 Euro zusammenbekommen. Damit haben die Initiatoren zwar die Mindestkapitalmenge erreicht, für den Kauf der Räume am Kottbusser Damm reicht das aber auch zusammen mit dem Eigenkapital noch nicht. Der Kaufpreis, den die Eigentümerin Deutsche Wohnen verlangt, liegt bei 1,8 Millionen Euro. Aktuell freilich drängt ein anderes Problem. Kinos sind geschlossen, das Überleben – coronabedingt – in Gefahr. „Die Situation ist dramatisch“, sagt Moviemento-Geschäftsführerin Iris Praefke. Ohne staatliche Hilfe sieht sie die Existenz vieler Programmkinos gefährdet. Die Gespräche über den Kinokauf pausieren daher. Geld aus dem Crowdfunding werde aber nicht angetastet, versichert Praefke. In seinen 113 Jahren hat das Moviemento schon viele Krisen überstanden, vielleicht gelingt es mit Hilfe der Crowd auch diesmal.

Quelle: F.A.S.
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