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FAZ plus ArtikelWie in der Kaiserzeit

So wohnen Chinas Superreiche

Von Hendrik Ankenbrand
Aktualisiert am 21.12.2019
 - 13:07
In der Wohnanlage Amanyangyun in Schanghai wurden alte Dörfer wiederaufgebaut.zur Bildergalerie
Chinas Superreiche entdecken alte Bautraditionen wieder: In Schanghai wohnen sie in der Luxusversion eines historischen Dorfs – inklusive unterirdischer Galerie für die private Kunstsammlung.

Nach sechs Jahren im Land haben wir schon das meiste an Wohn-Exzessen des chinesischen Staatskapitalismus gesehen – dachten wir zumindest: In Peking hatte uns ein Regierungsbeamter sein privates Heim gezeigt, in dessen großzügig geschnittenen Räumlichkeiten unter anderem die eigene Basketballhalle des Hausherrn Platz fand. In Nanjing an der Ostküste hatte uns ein Exportunternehmer zu Hause in sein Studierzimmer gebeten, dessen Bücherwand hinter dem Schreibtisch auf Knopfdruck zur Seite glitt – und den Zutritt freigab in eine private Bar, hinter deren vergoldeter Theke zwei livrierte Schankkellner seit Stunden warteten, um den Befehl zum Mixen eines erstklassigen Martinis entgegenzunehmen.

Doch ein Einfamilienhaus mit eigener privater Kunstgalerie im Keller, deren Ausmaße einem Stockwerk in der Londoner Tate Gallery oder dem New Yorker Museum of Modern Art gefühlt locker Konkurrenz machen? Das ist auch für uns eine neue Dimension des Luxus.

Zwei Stunden lang haben wir uns aus der Schanghaier Innenstadt durch den Stau in den Südwesten dieser von Betonburgen durchzogenen Megalopolis mit 25 Millionen offiziell registrierten Einwohnern gequält. Nun stehen wir hier, im Hotel- und Wohnresort Amanyangyun, fünfzehn Meter unter der Erde unter einem gewölbten weißen Dachhimmel, und blicken auf die von warmem Licht erhellte Papierzeichnung „Flying Lake“ des 1978 in der ostchinesischen Provinz Fujian geborenen Malers Wu Junyong, einem der bedeutendsten chinesischen Künstler der Gegenwart.

Das Werk ist eine Leihgabe. Es soll hier im Keller auf weißer Wand und über grauem Steinfußboden zeigen, was heute möglich ist auf Chinas Wohnungsmarkt für jene, für die Preise von mindestens 180 Millionen Yuan (etwa 23 Millionen Euro) ab einer Wohnfläche von 1700 Quadratmetern kein Problem sind. So viel kostet diese private Kunstgalerie inklusive dem Wohnhaus darüber, das noch spektakulärer ist und dabei gar nicht typisch für das heutige China: Hat es sich doch eher durch den Bau immer gewaltigerer Türme, Glasbrücken und Flughäfen den weltweiten Ruf erarbeitet, das Land der Superlative zu sein. Doch in Amanyangyun geht es um die Rückbesinnung auf alte Bautraditionen – in ihrer luxuriösesten Ausführung.

In den Luxuswohnanlagen bleiben die Fenster auch abends dunkel

Zwar sind in China die Zeiten des zur Schau gestellten sagenhaften neuen Reichtums nicht vorbei, der sich wie auch im Westen zuallererst im eigenen Wohnhaus ausdrückt. Eine Villa in der „Ocean La Vie“ betitelten Anlage im so gar nicht von Meeresflair geprägten Peking erinnert in seinem Pomp an die Geschmacksverirrungen im Amerika der achtziger Jahre und kostet mit 420 Millionen Yuan (53 Millionen Euro) mehr als das Doppelte einer Immobilie in Amanyangyun auf weniger Fläche. Dafür lebt der Hauseigentümer im Ocean La Vie in dem Bewusstsein, sein Heim auf den letzten als Bauland genehmigten Quadratmetern des Bezirks erworben zu haben.

Doch bleiben die Fenster in solchen Anlagen nicht selten auch abends dunkel, denn in China dient der Kauf dieser Prestigeobjekte eher der „Gesichtswahrung“ vor Freunden und Geschäftspartnern als dem eigentlichen Wohnen: „Seht her, ich habe es geschafft!“, sollen sie beweisen. Natürlich wohnt Jack Ma, der es mit der Gründung seines E-Commerce-Kaufhauses Alibaba zu Weltruhm und einem Vermögen von 41 Milliarden Dollar gebracht hat, nicht im ehemaligen Schanghaier Sumpfgebiet Pudong, das heute den Finanzdistrikt, den Flughafen und das höchste Gebäude Chinas beherbergt. Die neun Häuser in der Anlage Jiu Jian Tang nahe dem Century Park, in der Ma vor ein paar Jahren zugeschlagen hat, sind innen wie außen ultramodern gestaltet und haben neben einer Wohnfläche von rund 1000 Quadratmetern auch jeweils einen drei Hektar großen grünen Garten mitten in der Stadt. Doch es ist wohl vor allem der Wert von derzeit rund 140 Millionen Yuan (18 Millionen Euro), auf den Chinas bekanntester Unternehmer spekuliert, denn dieser dürfte im Herzen der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt weiter rasant steigen.

Ma selbst wohnt wie so viele chinesische Reiche in seiner Geburtsstadt, dort wo er sich wohl fühlt und von bekannten Gesichtern umgeben ist, in seinem Fall in Schanghais Nachbarstadt Hangzhou. Auch an Hongkongs Causeway Bay wird der Milliardär oft joggend gesichtet, wo er allerdings ebenfalls in einem modernen Apartment zu Hause sein soll und nicht in dem mehrstöckigen, deutlich angegrauten Haus an der Barker Road auf Hongkongs Hausberg Peak, das er vor ein paar Jahren für angeblich 1,5 Milliarden Hongkong-Dollar (172 Millionen Euro) gekauft hat.

Nicht zum Wohnen gebaut, sondern zum Herzeigen, das ist die Daseinsberechtigung der meisten ultrateuren und sehr ausgefallenen Häuser in China. Das gilt für jene 18 Stockwerke zählende Pyramide in Kunshan nahe Schanghai, deren Wohneinheiten an zwei Seiten versetzt übereinanderstecken wie Legosteine. In Schanghai selbst hat ein Entwickler ein falsches Gebirgsmassiv an ein Hochhaus gebaut, da Chinesen die Berge so lieben. Es gibt in China sündhaft teure Wohnhäuser in Form des amerikanischen Kapitols und Häuser mit aufgemalten Gesichtern, die an lange verstorbene Kaiser erinnern sollen.

Tausende Kampferbäume sind für das Projekt verpflanzt worden

Doch das sind alles nur die Ideen von ein paar Verrückten. Wohin sich der Geschmack der chinesischen Reichen beim Wohnen entwickelt, das lässt sich wohl eher oberhalb der unterirdischen Kunstgalerie im Schanghaier Amanyangyun-Resort betrachten. Hier hat der Unternehmer Ma Dadong sein 800 Kilometer entferntes Heimatdorf als exklusives und streng bewachtes Luxusrefugium für die Superreichen aus China und dem Rest der Welt nachgebaut – aus Originalsteinen. In den Räumen, die sich um einen nach oben offenen Innenhof gruppieren, lebt es sich, abgesehen von den Annehmlichkeiten moderner Küchengeräte, aus hellem Holz gefertigten Designermöbeln und Swimmingpool, wie einst zur Kaiserzeit.

Multimillionär Ma, der mit Immobilienprojekten reich geworden ist, hat seine Geschichte schon oft erzählt: dass er mit 29 Jahren zurück in sein Heimatdorf in Fuzhou in der traditionell als arm geltenden Provinz Jiangxi kam und vernahm, dass etliche der historischen Dörfer sowie ein Wald mit bis zu 1000 Jahre alten Kampferbäumen einem Staudamm weichen sollten. Woraufhin Ma ein paar Jahre später Zehntausende Bäume, Ziegel, Schindeln, Hölzer, Stuck und alle anderen Teile von fünfzig alten Häusern auf Lastwagen verladen und in Schanghai wieder einpflanzen und aufbauen ließ.

Es gibt in China Menschen, die anzweifeln, ob die Erzählung von der Rettung eines Teils der chinesischen Geschichte durch den Millionär Ma tatsächlich zu hundert Prozent den Tatsachen entspricht; ob die Bäume, von denen 2000 den Jahre dauernden Umzug nicht überstanden haben, auch so fachgerecht behandelt wurden, wie es zum damaligen Zeitpunkt möglich gewesen wäre.

Neben einer Kunstgalerie hat jedes Haus auch einen Panikraum

Tatsache aber ist, dass Ma durch den vor einem Jahr verstorbenen australischen Architekten Kerry Hill in Schanghai eine Verbeugung vor der jahrtausendealten Geschichte Chinas gemacht hat – eines Landes, das in seiner Entwicklung so schnell voranrast, dass in ihm Historisches an den meisten Stellen nicht mehr zu finden ist. Hunderte Fachleute haben die alten Gebäude mit Brunnen und kunstvoll geschnitzten Holzreliefs wieder zusammengesetzt.

Während die Luxushotelgruppe Aman aus Singapur Zimmer und manche der 43 Villen für 10 000 Dollar die Nacht an ihre exklusive Kundschaft vermietet, sind in andere der antiken Häuser, deren Ursprünge bis in die Zeit der Ming- und Qing-Dynastie zurückgehen, bereits die ersten chinesischen Milliardäre eingezogen: etwa der Gründer eines auch in Deutschland bekannten Technologiekonzerns. Doch Namen dürfen nicht verraten werden. Die Hauseigentümer schätzen die Diskretion, was sich auch an dem alle paar Meter positionierten Sicherheitspersonal auf dem Gelände bemerkbar macht.

In der Luxusanlage gibt es Kurse in Kalligraphie ebenso wie im Spielen der Guqin, einer vor mindestens 1000 Jahren erfundenen Griffbrettzither. Ein „lebendes Museum“ soll die Anlage sein, was im Einklang steht mit dem wachsenden Interesse von Chinas Oberschicht an den Traditionen des eigenen Landes, das sich neben dem Wohnen auch in der Mode, dem Möbeldesign und der Wiederentdeckung der Teekultur ausdrückt.

Oder auch im Sammeln und Ausstellen chinesischer Künstler in der eigenen unterirdischen Galerie, die sich unter vielen der schon verkauften Villen ebenso findet wie ein durch Panzertür gesicherter Panikraum. Schließlich, so wissen die Hauseigentümer, zählt zu Chinas jüngerer Geschichte auch die Revolution.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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