Camposanto in Thüringen

Im letzten Garten

Von Jens Haentzschel
Aktualisiert am 22.11.2020
 - 19:28
Die Anlage spiegelt die Begräbniskultur aus vier Jahrhunderten.zur Bildergalerie
In einem kleinen thüringischen Städtchen gibt es seit der Renaissance einen Friedhof nach italienischem Vorbild. Über prunkvolle Grabstätten an einem unwirklichen Ort und Menschen, die gegen ihren Verfall ankämpfen.

Manchmal helfen nur Taschenmesser, Scheuerbürste und etwas Kraft, um dem Stein wieder so etwas wie Würde zu geben. Fein säuberlich schrubbt Erich Reiche über die alte Grabplatte, wischt behutsam die Moosreste und Flechten vom Stein und macht langsam sichtbar, was über Wochen und Monate verdeckt wurde. Die Ockerfarbe des Steins schimmert durch, verwitterte Schriften werden sichtbar, das Moos löst sich langsam auf, um an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit wieder aufzutauchen. Auf dem kleinen Gottesacker in Buttstädt rund 30 Kilometer nordöstlich von Weimar scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Umgeben von 90 Grabmalen und weit über 200 Fragmenten von Grabsteinen, verzaubert Erich Reiche bis heute die einzigartige Magie und Ausstrahlung dieser historischen Anlage. Die Toten ruhen hier teils seit Jahrhunderten.

Einige Steinkolosse sind brüchig, einzelne Epitaphe haben feine Risse. Tonnenschwer stehen sie über das gesamte Gelände verteilt. Sisyphos müsste hier viel tragen. Doch er hätte abseits der Last auch Neugier empfunden, denn dieser Friedhof ist an Vielfalt und Atmosphäre kaum zu überbieten. Die Quantität der Zahlen ist schon spektakulär. Hinzu kommt die beachtliche Qualität an Historie. Die Grabplatten und Fragmente stammen von der Renaissance bis zum Klassizismus und versinnbildlichen eine Begräbniskultur von vier Jahrhunderten. Darauf ist Erich Reiche besonders stolz. Seit bald dreißig Jahren ist er Vorsitzender des Fördervereins Alter Buttstädter Friedhof. Gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlern hat er diese Anlage zu großen Teilen aus dem fast schon komatösen Dornröschenschlaf geholt.

Wenn er sich erinnert, wie es hier nach der Wende ausgesehen hat, wird er nachdenklich. „Der Rasen war längst meterhohes Gras, die Flächen waren ungepflegt, die Gebäude überall sanierungsbedürftig, und die Grabmale lagen umgefallen zwischen all dem Unkraut, viele Eisenkreuze zerbrochen am Boden.“ Und er ergänzt mit einem süffisanten Lächeln: „Auferstanden aus Ruinen war hier definitiv nichts.“ Der desolate Zustand des Friedhofs löste bei Reiche und seinen Mitstreitern große Hilfsbereitschaft aus. Allen war klar, dass hier was gemacht werden müsste, und so begannen die ersten Aufräum- und Restaurierungsarbeiten.

Der Gang über den Friedhof ist eine Zeitreise

„Das ist der einmalige Wert und die große Attraktion dieser denkmalgeschützten Anlage“, erklärt Martin Baumann, Thüringens oberster Denkmalschützer für Gartenkultur. „Bereits 1537 diente das Feld als Begräbnisplatz. 1591 wurde die als Gottesacker bezeichnete und zu klein gewordene Fläche durch Ankauf und Abriss angrenzender Häuser erweitert. Mit dem Bau der beiden überdachten und säulenbewehrten Arkadengänge und dem Eingangsportal hat der Ort bis heute den baulichen Charakter erhalten.“

Das dreigeteilte Grabmal der Familie Brickener-Mattern zählt zu den ältesten Objekten. Auf dem Stein steht: „Der erbahre und wohlweise herr clemen brickener ist in Gott selick enttschlaffen.“ Die biblischen Gestaltungen auf dem Grabmal aus der Renaissance sind umfangreich. Engel mit Dornenkronen, Lanzen und Kreuzen, eine Taube im Strahlkranz, der kaum erkenntliche Leichnam Jesu auf dem Schoße Gottes. Wenige Meter entfernt am Ende des Säulengangs findet sich ein weitaus schlichteres Beispiel aus dem Klassizismus. Auf einer Säule steht eine steinerne Urne, die halb mit einem Tuch bedeckt ist. Ein Eichenlaubkranz krönt das Grabmal aus dem Jahr 1782. Ehrensäulen aus dem Spätbarock finden sich wiederum mannigfach auf der Freifläche des Friedhofs. Die obeliskenartigen und üppig verzierten Säulen wurden Mitte des 18. Jahrhunderts oft aufgestellt.

Eine „Zeitreise“ nennt Erich Reiche den Gang über den Friedhof, manchmal bezeichnet er ihn als eine „andere Welt“. In der Tat hat der Ort eine ganz besondere Ausstrahlung. Vieles auf dem Grundstück bleibt geheimnisvoll, anderes lässt sich erst gar nicht beantworten. Zum Beispiel wie die historischen Wege verliefen oder ob es Bepflanzungen gab, um die Toten zu ehren oder das Gelände zu verschönern. Lediglich die drei Eschen mit ihren über zweihundert Jahren und die noch ältere, gewaltige Eiche wüssten aus der Vergangenheit zu erzählen. Wenn sie nur könnten.

Zeigen, was man hat

Beinahe täglich ist Erich Reiche auf dem Gelände unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Der Camposanto ist eine Herzensangelegenheit für den engagierten Buttstädter. Wer den Friedhof besuchen möchte, kommt an dem sympathischen 68-Jährigen ohnehin nicht vorbei. Das graue Flügeltor des Eingangs ist meist abgeschlossen. Der mächtige alte Schlüssel mit dem kleinen Spendenbeutel hängt in Reiches Hof gut 150 Meter vom denkmalgeschützten Gottesacker entfernt. Wer es weiß, der nimmt ihn sich einfach und bringt ihn dann auch zurück. Wer es nicht weiß, der meldet sich telefonisch bei Reiche und bekommt die Infos zum Schlüssel.

Der monumentalste Camposanto befindet sich in Pisa und beeindruckt mit großer Marmorpracht. In Ostdeutschland gibt es diesen Friedhofstypus nur noch in Halle an der Saale und der Lutherstadt Eisleben. Der Hallenser Camposanto gilt als Meisterwerk der Renaissance nördlich der Alpen. Er besteht aus vier Arkadengängen und ist komplett erhalten. In Eisleben waren einst auch vier Flügel geplant, am Ende wurden aber nur Süd- und Ostflügel gebaut. „In Buttstädt gehen wir davon aus, dass aufgrund des abschüssigen Geländes von vornherein nur zwei Arkaden- oder Begräbnisgänge angelegt werden sollten“, mutmaßt Reiche. „Buttstädt bleibt als kleine Gemeinde mit knapp 2500 Einwohnern aber schon besonders, weil man heute nur schwer erfasst, warum ausgerechnet hier so ein würdiger Ort entstanden ist.“

Buttstädts Glanz und Ruhm gründet sich auf Ochsen- und später Pferdemärkte. Bis zu 30.000 Tiere wurden im Spätmittelalter auf den übervollen Marktplätzen vor und in der Stadt verkauft. Es muss ein Gewimmel ohnegleichen gewesen sein. Nicht nur die Steuern für die Tierverkäufe brachten Umsatz in die Stadt. „Die Händler brauchten sicher nicht viel, vielleicht nur Hemd, Hosen, Essen, Trinken sowie eine Herberge für sich und Futter und Wasser für die Tiere“, erzählt Erich Reiche. „Aber das Markttreiben brachte Reichtum in die Stadt.“ Mit dem Friedhof wollten die Buttstädter zeigen, was sie hatten. Bis weit über den Tod hinaus. Wobei es anders als in Pisa nicht das gesellschaftliche „Who’s who“ der Stadt war, das man hier begraben findet. Es sind Ehrenfamilien, aber auch ganz normale Leute.

1861 findet die letzte Beisetzung statt, dann kehrt Ruhe ein. Zwar wird der Gottesacker fast 150 Jahre offen gelassen, etwas gepflegt, aber irgendwann sind die Pfleger selbst Pflegefälle oder bereits gestorben. Der Friedhof wird endgültig geschlossen, ein neuer wenige Meter entfernt angelegt. Nach der Schließung blieb der Camposanto bis heute in seiner Grundform und Gestaltung fast unverändert. Die Mauer hinderte Vandalen daran, die Fläche zu betreten. Lediglich ein Pächter nutzte die Fläche als Weide für Hühner und lagerte sein Heu auf den Dachböden der Begräbnishallen. 1921 war der Zustand der Gebäude und Mauern so baufällig, dass eine Abtretung des Friedhofsgeländes an die politische Gemeinde im Gespräch war. Die Kirchgemeinde lehnte aber dankend ab.

Baulich gab es über die vergangenen Jahrzehnte immer mal größere wie kleinere Reparaturen. „Dass der Alte Friedhof so erhalten ist, muss vor allem dem damaligen Eigentümer, der evangelischen Kirchgemeinde in Buttstädt, zugerechnet werden, welche über Jahrzehnte eine Nutzung durch die Öffentlichkeit verhinderte“, urteilt Martin Baumann. „Hinzu kommt das große ehrenamtliche Engagement in Buttstädt. Ohne diese Hilfe wäre die denkmalgeschützte Anlage längst zerfallen.“

Mit der Wende wurde das Denkmal zu großen Teilen wiederhergestellt. Erich Reiche selbst war damals als Bauleiter tätig und bemühte sich mit Leibeskräften, den Friedhof vor dem Verfall zu bewahren. Die alten handgestrichenen Bieberschwänze wurden ersetzt, das Dach mit seiner Holzkonstruktion, der Turm und die Sandsteinsäulen in den Arkaden überholt. Dann wurden die ersten Grabsteine und -platten restauriert. „Die frappierenden Schäden hat die aufsteigende Nässe aus dem Erdboden an verschiedenen Grabsteinen verursacht. Vor allem Salze haben Sockel, Füße oder Grabsteine beschädigt.“ Schließlich kamen auch schmückende Vasen, eiserne Kreuze und steinerne Figuren in Werkstätten. Der Zahn der Zeit nagt weiter an diesem bedeutendsten Friedhof Thüringens, aber er wird sich 2021 als ungewöhnlichster Außenstandort der Bundesgartenschau von seiner besten Seite zeigen. Als Kleinod mit großer Magie und als Garten der Erinnerung.

Quelle: F.A.S.
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