Nachhaltige Heimtextilien

Chemikalien im Himmelbett

Von Judith Lembke
19.02.2020
, 10:27
Kuscheldecken aus PET-Flaschen, Handtücher aus alten Jeans und Vorhänge, die auf dem Kompost landen. Die Heimtextilien geben sich nachhaltig. Doch wie grün sind sie wirklich?

Ein Bettbezug, der heute im Wald vergraben wird, hinterlässt noch Jahrhunderte später Spuren: Die Plastikknöpfe sind nicht verrottet, es finden sich Rückstände unterschiedlicher Chemikalien in der Erde. Eigentlich sollen diese dafür sorgen, dass der Verbraucher den Stoff als qualitätvoll wahrnimmt, weil er nicht knittert und die Farbe auch nach fünfzig Wäschen noch strahlt. Aber diese vermeintlich gute Qualität hat ihren Preis, nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Konsumenten. Er schläft in Stoffen, die eher nach Chemielabor als nach Himmelbett klingen: polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Formaldehyd und Kunstharze.

Dass mit den Textilien, die uns umgeben, etwas nicht stimmt, hat Manuel Schweizer vor ein paar Jahren am eigenen Leib erfahren. „Immer wenn ich auf Messen war und viele Stoffe angefasst habe, bekam ich Ausschlag“, berichtet der Unternehmer, der seit mehr als dreißig Jahren in der Heimtextilbranche arbeitet. Um den Wünschen der Verbraucher nach maximaler Bequemlichkeit bei minimalem Preis gerecht zu werden, sind auch Vorhänge, Bezüge und Bettwaren ebenso wie die Bekleidung immer stärker chemisch „ausgerüstet“.

Diese Entwicklung hat nicht nur Folgen für die Gesundheit der Konsumenten, sie schädigt auch die Umwelt. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren nicht nur immer mehr Textilien auf der Welt produziert wurden, sondern auch der Anteil an Kunstfasern an der globalen Produktion zugenommen hat. Zum Beispiel Polyester, das aus Erdöl hergestellt wird: Schon in der Produktion des Textils, aber auch später im Gebrauch, vor allem durch das Waschen, gerät Mikroplastik in die Umwelt, in Wasser und Böden.

Nach wenigen Wochen komplett aufgelöst

Die Reaktion seines Körpers auf den Kontakt mit Stoffen brachte Schweizer vor einigen Jahren auf den Gedanken, dass Textilproduktion auch anders funktionieren müsste, als Raubbau an der Umwelt zu betreiben und Unmengen an Ressourcen zu verschlingen. Zwar ist der Konsum von Kissenbezügen, Handtüchern und Dekostoffen nicht so stark gestiegen wie der von Bekleidung, der sich seit 2000 verdoppelt hat. Aber auch die Heimtextilbranche ist ebenso wie Fashion zunehmend fast geworden: Immer kürzere Trendzyklen, Discountware zu Kampfpreisen, häufigere Umzüge und mehr Singlehaushalte führen auch bei Handtüchern und Bettwäsche dazu, dass ihre Halbwertzeit abnimmt. In Zeiten von Instagram ist die Wohnung zur Visitenkarte geworden, die immer wieder frisch gestylt werden muss – was am einfachsten mit neuen Textilien funktioniert.

Schweizer wollte Textilien herstellen, die nicht nur nachhaltiger sind als die herkömmlichen, sondern die Umwelt gar nicht belasten. „Weil unsere Produkte keinen Abfall hinterlassen sollen, müssen sie wieder in den biologischen Kreislauf geführt werden – es ist das „Cradle to Cradle“-Prinzip, auf dem die Textilien basieren, die Schweizer entwickelt hat. Die Handtücher, Bettwäsche und Vorhangstoffe, die der Unternehmer von diesem Frühjahr an auch in Deutschland unter dem Markennamen „Oceansafe“ vertreibt, sind vollständig abbaubar. „Man kann sie im Garten vergraben und nach ein paar Wochen ist nichts mehr davon übrig“, sagt Schweizer.

Das bedeutet nicht nur, dass die Stoffe selbst zu hundert Prozent biologisch abbaubar sind, sondern auch ihr Zubehör, vom Garn bis zu den Knöpfen. Die Oceansafe-Stoffe werden auf Webstühlen gewebt, die nicht mit Paraffin gewachst sind, um schneller zu weben. Sie werden mit biologisch abbaubaren Pigmenten gefärbt, die Knöpfe sind aus Steinnuss anstatt aus Plastik und sie werden in kompostierbaren Verpackungen ausgeliefert. Am Ende des Lebens nimmt Schweizer seine Produkte wieder zurück, um sie in der Industrie-Kompostierung zu Biogas und Nährstoff umzuwandeln. Der gewonnene Nährstoff ist dann wieder die Basis für ein neues Produkt.

Stoffe aus Abfall

Oceansafe ist der erste Heimtextilhersteller, der den Kreislaufgedanken derart konsequent umgesetzt hat. Dabei setzt das Unternehmen nicht nur Naturfasern wie Bio-Baumwolle ein, sondern auch Kunstfasern. Aber diese wurden so entwickelt, dass sie nach ihrem Lebensende nicht überdauern, sondern verrotten und zu Nährstoff werden.

Auf der diesjährigen Frankfurter Heimtextil-Messe war Nachhaltigkeit das beherrschende Thema. Es gab eine Ausstellung über die Stoffe von morgen, die aus dem Abfall von heute bestehen könnten oder auch aus Material, das man landläufig nicht mit Sofakissen und Vorhangstoffen verbindet, wie Orangenschalen, Bananenblättern oder Meeresalgen. „Wir reden seit Jahren über Nachhaltigkeit, aber 2019 kam in unserer Branche der große Schub, weil es jetzt auch die Konsumenten immer stärker einfordern“, sagt der Designer und Berater Max Gilgenmann, der sich auf dieses Thema spezialisiert hat.

Die Industrie boomt

Das portugiesische Familienunternehmen Lasa forscht an Bettwaren, die mit Rote Bete gefärbt werden, das Unternehmen Biederlack aus Westfalen hat Kuscheldecken aus recycelten Jeans und geschredderten PET-Flaschen im Angebot. Und auch ein Großproduzent wie Clarysse aus Belgien hat sich mit einem Teil seiner Kollektion dem Kreislaufgedanken verpflichtet.

Die deutsche Textilindustrie erwirtschaftete im Jahr 2018 einen Umsatz von 12,4 Milliarden Euro. Etwa ein Viertel davon entfiel auf Heim- und Haustextilien. Während die meisten Kleiderstücke am Ende ihres Lebens in der Altkleidersammlung landen und anschließend sortiert, wiederverwendet oder fachgerecht entsorgt werden können, landen Heimtextilien meist im Hausmüll. „Es wird nirgendwo erfasst, wie viel Müll wir mit Heimtextilien produzieren“, sagt Textilingenieur Kai Nebel, der sich an der Hochschule Reutlingen auf das Thema Nachhaltigkeit spezialisiert hat.

Viele Textilien werden vernichtet

Das zweite Problem ist, dass die meisten Produkte, selbst wenn sie in den Recyclingprozess gelangen, nicht sortenrein zu trennen sind. Das erschwert es, die einzelnen Materialien wiederzuverwerten. Zum Beispiel Matratzen: Die Metallfedern, die in Federkernmatratzen stecken, sind mit einer Vlieshülle verklebt, so dass sich die Stahlfeder nicht wiederverwerten lässt.

„Matratzen, die heute in die Entsorgung kommen, können wir nicht hochwertig recyceln, weil wir nicht wissen, was drinsteckt“, sagt Claudia Wieland vom Matratzenverband. Das soll sich nach dem Willen der Industrie aber ändern. „Wir arbeiten daran, dass Matratzen kreislauffähig werden“, sagt die Verbandsfrau. In Zukunft sollen von jeder Matratze, die produziert wird, die Inhaltsstoffe nachvollziehbar sein – damit sie am Ende ihres Lebens kein Fall für die Müllverbrennung sind.

Nach Ansicht des Textilingenieurs Kai Nebel muss man allerdings schon am Anfang des Lebenszyklus der Textilien ansetzen, und nicht erst an ihrem Ende. „Es werden viel zu viele Textilien hergestellt“, ist er überzeugt. Nur etwa die Hälfte aller produzierten Stoffe werde überhaupt verkauft, der Rest eingelagert oder vernichtet. Da die Produktion nur auf Masse ausgelegt sei, müsse zum Beispiel ein Hersteller von Vorhängen viel mehr Stoff von einem Muster, als er eigentlich braucht, vom Fabrikanten kaufen, um einen guten Preis zu bekommen. „Ressourceneffizienz wird bestraft“, sagt Nebel.

Nicht alles grün, was glänzt

Zudem herrsche bei vielen Verbrauchern in Bezug auf Textilien eine Wegwerfmentalität. „Ein Mikrofaserbetttuch für sieben Euro vom Discounter stopft keiner, wenn ein kleines Loch drin ist, sondern schmeißt es weg.“

Textilien müssten wieder einen Wert bekommen, fordert er, denn jemand zahle den Preis für die Billigware, sowohl ökologisch als auch sozial: Mikroplastik im Wasser, durch Chemikalien vergiftete Böden in den Herstellerländern und Arbeitsbedingungen, die 2013 mit dem Einsturz der Textilfabrik „Rana Plaza“ in Bangladesch, bei dem mehr als 1000 Menschen starben, ins Licht der Öffentlichkeit gerieten.

Allerdings gebe es gerade in Deutschland auch sehr viele „weiße Schafe“ unter den Herstellern, sagt Nebel. „Da sind viele, die sich wirklich um mehr Nachhaltigkeit bemühen.“ Allerdings hält er auch nicht jede Wiederverwertung für geglückt. Der Idee, aus PET-Flaschen Textilien herzustellen, kann er zum Beispiel gar nichts abgewinnen. „Es gibt Unternehmen, die stellen PET-Flaschen her, fahren sie auf die andere Straßenseite, um sie zu schreddern und dann Stoffe daraus zu machen.“ Jede Mode treibt irgendwann skurrile Blüten – auch die Öko-Mode.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lembke, Judith
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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