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Klimawandel zerstört Gärten

„Der Park braucht Fürsorge wie ein nahestehender Patient“

Von Christa Hasselhorst
Aktualisiert am 09.01.2020
 - 12:10
Im Schwetzinger Schlossgarten spürt man die Folgen des Klimawandels.
Michael Hörrmann ist Vorsitzender des Vereins Schlösser und Gärten in Baden-Württemberg. Im Interview spricht er über gestresste Buchen in Zeiten des Klimawandels, lebendige Kunstwerke – und das Positive an einem Hitzesommer.

Ihr Verein „Schlösser und Gärten in Deutschland“ schlägt wegen des Klimawandels Alarm. Wie konkret sind schon jetzt die Schäden?

Durch den Klimawandel sind aktuell Schäden in unseren historischen Gärten entstanden, die einen massiven Verlust an kulturellem Erbe befürchten lassen. Dies ist kein regionales Phänomen, sondern in allen Schlossgärten Deutschlands bedrohliche Realität. Einige Beispiele: Im Schlosspark von Dyck bei Düsseldorf sind von 1500 Bäumen zweihundert geschädigt, sechzig davon mussten schon gefällt werden. Im Potsdamer Park von Schloss Babelsberg sterben momentan 200 Bäume, 50 sind schon abgestorben. Im Schwetzinger Schlosspark sind siebzig Prozent der Buchen beschädigt. Im Großen Park Dresden sind in den letzten zwei Jahren die kranken Bäume von 50 auf hundert gestiegen.

Das sind erschreckende Zahlen. Andererseits: Komplette Wälder sind wesentlich stärker bedroht, sind die nicht vorrangig?

Historische Gärten sind Teil unseres kulturellen Erbes, und sie sind lebende Kunstwerke. Sie sind unersetzbare Sacharchive der kulturgeschichtlichen und botanischen Forschung. Es sind Orte der Erholung, in denen zudem für alle Bürger kulturelles Erbe breitenwirksam vermittelt wird. Es sind Hotspots für den Tourismus. Und zunehmend sind sie auch Refugien der Biodiversität. Die Gehölze sind das Kapital dieser Gärten. Nun werden sie in ihrem Denkmalwert durch den Klimawandel erheblich geschädigt.

Aber kann man geschädigte Bäume nicht ersetzen?

Nein! In historischen Gärten, insbesondere in Landschaftsparks, haben die Bäume künstlerische, bildprägende Wirkung. Sie wurden von den Gartenkünstlern mit großer Absicht und sehr bewusst so geplant. Unsere Erhaltungsstrategien sind also immer denkmalpflegerische Aufgaben. Wir müssen die zentralen Bäume und Baumgruppen einzeln bewerten und für jeden individuelle Pflege- und Erhaltungskonzepte entwickeln.

Viele historische Gärten sind kostbare botanische Sammlungen von exotischen Gehölzen aus dem 18. und 19.Jahrhundert. Wie reagieren diese auf den akuten Stress durch Klimawandel?

Unsere historischen Parks waren die ersten globalisierten Gärten überhaupt, fast Arboreten, also Baumsammlungen. Durch diese Vielfalt an exotischen Altbaumbeständen bietet sich für uns ein enormes Potential für eine langfristige Sichtung klimaresilienter Baumarten. Dank der Sammelleidenschaft früherer Gartenbesitzer und Gartenkünstler können wir in historischen Gärten gut ablesen, welche Arten und Sorten von nicht heimischen Bäumen auf unseren Standorten langfristig gut wachsen. Und welche Bäume auch im Alter gut mit Trockenheit, Hitze oder Stürmen zurechtkommen. Das schafft wichtige Grundlagen für zukünftige Forschungen und Umsetzungen in die Praxis.

Und welche sind das?

Es hat sich erwiesen, dass Gehölze aus Nord- und Mittelamerika wie der Eisenholzbaum (Parrotia persica), die Sumpfzypresse (Taxodium) und der Amberbaum (Liquidambar styraciflua) mit dem aktuellen Klimawandel und dem dadurch bedingten Stress meist besser zurechtkommen als viele unserer heimischen Bäume. Auch der aus Asien stammende Schnurbaum (Sophora japonica) ist eine Alternative. Die beste Lösung ist natürlich, aus dem vorhandenen Genbestand, durch sogenannte Natur-Verjüngung unter eigenen Bedingungen, neue klimaresiliente Jungbäume zu ziehen. Das muss man rechtzeitig angehen, denn es dauert, bis ein Baum die entsprechende Größe hat. Wir müssen also deutlich mehr in Baumschulen investieren.

Heißt das, dass für eine alte Buche, die 200 Jahre lang prägender Blickpunkt eines Parks war, nun ein anderer, stressresistenterer Baum gepflanzt wird? Sich dadurch aber ein gewohntes Bild, das Parkbesucher über Generationen kannten und schätzten, das in Gemälden und Fotos festgehalten wurde, völlig verändert?

Das ist die große Gefahr, und das gilt es, wo immer möglich, zu verhindern! Der Spaziergänger bekommt es nicht über den analytischen Blick mit, aber unterbewusst, weil der Rhythmus des Parks, seine optische Schönheit zerstört ist – und damit der Denkmalwert. Gerade der Landschaftsgarten funktioniert wie ein Gemälde, mit Vorder- und Hintergrund. Wenn da Störungen sind, nimmt man es als Verminderung der Schönheit auch unbewusst wahr.

Welche konkreten Maßnahmen wollen Sie zur Rettung der Parks ergreifen?

Das ist ein komplexes Paket. Wir brauchen Gehör bei der Politik, um unsere Parks mit Geld für Pflege und damit auch mehr Personal auszustatten. Wir müssen eine bundesweite Schadensanalyse erstellen, um Sofortmaßnahmen ergreifen zu können. Parallel brauchen wir langfristige Strategien: Welche Baumarten können, müssen wir zukünftig pflanzen? Und wenn eine alte Buche eingeht, welche sollen wir nachpflanzen? Eine genetische Verjüngung aus der eigenen Baumschule des Schlossparks – oder lieber eine Unterform der gleichen Art?

Aber gibt es ein Patentrezept? In Brandenburg gedeihen andere Bäume besser als in Bayern, der Boden spielt ebenso eine wichtige Rolle.

Richtig, die regionalen Besonderheiten muss man berücksichtigen. Und in manchen Parks nützt mehr Wässern gar nichts, wenn alles durchsickert. Andererseits kommt die Eiche in Brandenburg besser mit Trockenheit zurecht als eine in der Rhein-Ebene. Grundsätzlich müssen wir aber überall die Bodenqualität verbessern. Beim Personal geht es darum, zukünftig eine bessere, spezielle Ausbildung für Pflege in historischen Parks zu ermöglichen. Und schließlich müssen wir auch die Öffentlichkeit, die Besucher unserer Parks, erreichen. Wir möchten sie dafür sensibilisieren, dass sie durch ein lebendiges Kunstwerk spazieren. Ein historischer Park ist etwas anderes als Wald. Denn wenn im Park zum Stress durch Hitze, Trockenheit und Stürme noch eine Übernutzung hinzukommt, wird es wirklich brisant. Ein geschädigter Park verträgt keine so hohe Nutzung wie ein gesunder. Schon in diesem Herbst mussten öfter Teile temporär gesperrt werden wegen der Gefahr durch Totholz und Astbrüche.

Die Folgen des Klimawandels sind schon seit einigen Jahren Thema. Haben Sie und Ihre Kollegen die Brisanz bisher verdrängt?

Ehrlich gesagt, sind wir für die zurückliegenden beiden Hitzesommer dankbar, denn sie haben dem Letzten von uns, wenn auch brutal, die Augen geöffnet. Jetzt kommen wir aus dem Modus der Angststarre in die Suche nach konkreten Lösungen. Wir jammern nicht mehr, sondern bieten Lösungen an.

Wie optimistisch schauen Sie in die Zukunft historischer Parks angesichts täglich neuer negativer Prognosen?

Inzwischen bin ich deutlich optimistischer geworden. Aber es muss uns allen klar sein, dass die Situation in den historischen Parks nur ein kleiner Ausschnitt des großen Phänomens Klimawandel ist. Ohne eine Lösung der großen Aufgabe wird es für uns viel schwieriger, Gartendenkmäler dauerhaft zu bewahren. Von unseren Bürgern wünsche ich mir, das sie sich ihre Liebe zum historischen Garten erhalten, besser noch neu entdecken. Und sich bewusst sind, dass der Park jetzt unsere Sorgfalt und Fürsorge braucht, wie ein uns sehr nahestehender Patient.

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Quelle: F.A.S.
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