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Ein jeder wohne, wie er mag

Text von LEON IGEL, Fotos von VERENA MÜLLER

07.01.2019 · In Tempelhof leben 150 Bewohner in enger Gemeinschaft. Ärzte treffen hier auf Handwerker, Buddhisten auf Atheisten und Amazon-Kunden auf Konsumverweigerer. Zusammen loten sie andere Formen des Wohnens aus.

T ritt man im Hause Specht ein, überrascht als Erstes das Tageslicht, das dank Plastikkuppel im Spitzdach den ganzen Raum durchflutet. Dann wandert der Blick vom herrlich duftenden Fichtenholzfußboden über die Holzgitterkonstruktion des Baus und die Mandala-Tagesdecke auf dem Bett zu Heizungsrohren und großem Apple-Computer. Willkommen in der Jurte! Komfortabler könnte das imitierte Nomadenleben kaum sein: 30 Quadratmeter Eigentum mit Heizung und Breitbandanschluss, Küche und Bad über den Hof inklusive. „Die Jurte ist total genial. Egal, wo ich stehe, in fünf Schritten bin ich draußen“, sagt Simone Specht. Die Filmemacherin genießt die Nähe zur Natur, auch wenn das bedeutet, bei Nieselregen und Minusgraden vor die Tür zu müssen, wenn die Blase drückt. „Ich bin in einer Mittelstandsfamilie aufgewachsen, habe aber früh bemerkt, dass ich zum Leben nicht so viel Materielles brauche“, erzählt sie. Das Leben in der Jurte – für die Vierzigjährige fühlt es sich richtig an.

Nah an der Natur: Filmemacherin Simone Specht schätzt das Leben in der Jurte.

Damit ist sie nicht allein. Achtzehn Mitstreiter wohnen wie sie in Nomadenzelten, Bauwagen oder Pavillons. Die sind kreisförmig um einen Gemeinschaftsbau angeordnet, in dem sich Badezimmer und eine große Wohnküche befinden. Ihr Zuhause nennen die Bewohner Tempelfeld, denn zum einen ist ihre kleine Siedlung auf dem Feld Teil der Dorfgemeinschaft Tempelhof in der Nähe von Schwäbisch Hall. Zum anderen ist der Kreis der Neunzehn ganz Tempelhof in potenzierter Form: ein experimenteller Forschungsraum für ein neues Wohnen, das den Menschen als soziales Wesen in den Mittelpunkt stellt. Das ist nun mal ein weites Feld.


„Die Jurte ist total genial. Egal, wo ich stehe, in fünf Schritten bin ich draußen“
Simone Specht, Filmemacherin

Video: F.A.Z.

A ngefangen hat alles 2010, als zwanzig Gleichgesinnte das Dorf Tempelhof mit dem Stichwort „Dorf kaufen“ auf Google aufgespürt und für 1,5 Millionen Euro erworben haben. Auf dem zweiunddreißig Hektar großen Areal mit Lustschlösschen waren zuvor verschiedene diakonische Einrichtungen wie ein Altersheim oder eine Behinderteneinrichtung untergebracht. Denen sei Dank, gibt es in Tempelhof viele Gemeinschaftsflächen, zahlreiche Wohnungen in den alten Wirtschaftsgebäuden des Schlosses und zwei ehemalige Schwesternhäuser mit Wohnblock-Charme am Waldrand. Seit der Gemeinschaftsgründung renovieren die neuen Dorfbewohner vor allem die alten Gebäude, die Wohn- und Nutzfläche auf 13.000 Quadratmetern bieten. Im großen Stil neu zu bauen kommt für die mittlerweile einhundert Erwachsenen und fünfzig Kinder nicht in Frage. Denn Neubau heißt Flächenversieglung, und die Tempelhofer möchten der Umwelt möglichst wenig zur Last fallen.

Bewohner der Dorfgemeinschaft Tempelhof essen gemeinsam auf der Terasse zu Mittag.

Das sieht man auch an Tempelfeld, der Siedlung aus Jurten und Bauwagen. Die sind, wo möglich, aus ökologischen Baustoffen gefertigt. Das Gemeinschaftshaus ist zwar ein Neubau. Es zeigt jedoch, wie man alternativ bauen kann: Mit Wänden aus Autoreifen oder Glasfassaden aus Flaschen besteht der Bau weitestgehend aus Müll. Weil er zudem von einem Erdhügel umgeben ist, verbraucht er dank Sonnenwärme statt Heizung, Solaranlagen und Regenwasserzisterne auch langfristig kaum Ressourcen. Trotzdem muss niemand auf eine heiße Dusche verzichten. Das Müll-Haus nennen die Tempelhofer Earthship. Wie ein Raumschiff ferne Galaxien erkundet, so wollen die Dörfler andere Formen des Wohnens ausloten.


„Unsere Gesellschaft ist fragmentiert, und viele Milieus sprechen nicht einmal miteinander. Die führen wir hier wieder zusammen“
Rainer Kaltenecker

Die Tempelhofer eint die Überzeugung, dass Menschen in einem engen Beziehungsnetz zueinander leben sollten. Nur dadurch könne man die Herausforderungen einer immer komplexeren Welt meistern, sagen sie. Und räsonierte nicht schon Aristoteles, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile? Auch in Tempelhof ist das zentrale Philosophie. „Unsere Gesellschaft ist fragmentiert, und viele Milieus sprechen nicht einmal miteinander. Die führen wir hier wieder zusammen“, sagt Rainer Kaltenecker. Der Unternehmer spricht von der Vielfalt im Dorf: Ärzte treffen auf Handwerker, Buddhisten auf Atheisten oder Amazon-Kunden auf Konsumverweigerer. Dogmatisch sind die Tempelhofer nicht. Nur der Wille, Zukunftswerkstatt zu sein, eint sie. Mit ihrem Dorf, das den Anspruch hat, alte und festgefahrene Strukturen zu überwinden, möchten sie Antworten für andere liefern: Wie müssen Menschen Wohnen und Leben organisieren, damit eine Gemeinschaft entsteht, von der alle profitieren?

Blick auf die Anlage Tempelhof

Um das rauszufinden, sind die Bewohner aus der Komfortzone gerückt, die man sich üblicherweise in der eigenen Wohnung einrichtet. Die ist in Tempelhof nicht mehr Schalt-und-walt-Zentrale des Privatlebens, sondern umgekehrt. Nur im Ausnahmefall wird in Tempelhof das Zuhause zur Burg, in der man sich verschanzt. Ansonsten steht es den Dorfbewohnern offen. Oberste Regel in der Dorfgemeinschaft: Schuhe aus. Man macht es sich heimelig beim anderen. Das ganze Dorf wird zur Wohnung. Endet jede gute Feier in der Küche und ist sie Mittelpunkt einer Wohnung, haben die Tempelhofer dafür eine Kantine, in der sie mittags gemeinsam essen. Auch hier streifen viele das Schuhwerk ab, ein Regal mit persönlichen Hausschuhen steht eigens im Foyer. Frühstücken und zu Abend essen können die Dorfbewohner dort auch, bezahlt ist alles mit einem Solidarbetrag. Wer mag, nimmt zum Ausklingen des Tages noch an einer der zahlreichen Gruppenaktivitäten wie Yoga oder Singen teil oder lädt andere spontan per E-Mail-Dorf-Verteiler zu einem Umtrunk ein.


Eine kuschelige neue Welt? Leider nein. „Das Gemeinschaftsleben ist anstrengend. Man muss sich stetig mit anderen auseinandersetzen“, stellt Unternehmer Rainer Kaltenecker klar.
Rainer Kaltenecker

Selbstverständlich kommt es dabei zu Konflikten. Aber davor schreckt in Tempelhof niemand zurück. Im Gegenteil. „Unsere Gemeinschaft ist wie ein Sauerteig: Indem wir Konflikte ehrlich ansprechen und nicht ausklammern, wird sie immer vertrauensvoller und kraftvoller“, ist Agnes Schuster überzeugt. Sie hat vor acht Jahren die Gemeinschaft mitgegründet. Erst indem sich Menschen mit ihren Anliegen gegenseitig ernst nehmen, könne eine Gemeinschaft wachsen. „Konflikte auszuhalten und zu lösen müssen wir als Mensch erst lernen“, sagt Kaltenecker. Auch in Tempelhof ist das so. Nur weil man in einem Dorfprojekt lebe, sei man kein besserer Mensch. „In den ersten Jahren haben sich die Bewohner hier auch kräftig gestritten“, erzählt der gebürtige Münchner lachend.

Gemeinschaftserprobt: Agnes Schuster hat das Wohnprojekt Tempelhof mitgegründet.
Steht für Minimalismus: Unternehmer und Dorf-Vorstandsmitglied Rainer Kaltenecker

Schuster und Kaltenecker sind beide Mitglieder im Dorf-Vorstand und leben im gleichen Mehrparteienhaus am Waldrand. Doch könnten sie den Vielfaltsanspruch Tempelhofs nicht besser verkörpern. Sie ist die linke Buchhändlerin und Sozialpädagogin aus der bayerischen Kleinstadt, die ihr gesamtes Leben in Gemeinschaften gewohnt hat. Er ist der erfolgreiche, kapitalstarke Eigentümer eines Verlages, der in Tempelhof zum ersten Mal in seinem Leben nicht allein wohnt. Ihre Wohnung ist ein warmes Kuddelmuddel, in dem man Grüntee bei Kerzenschein trinkt. Bei dem Neunundvierzigjährigen dominieren minimalistische, kubische Möbel und ein Weinkühlschrank, der kühl, aber willkommenheißend leuchtet.


„Mir gehört hier nichts und doch alles“
Agnes Schuster

Das „Earthship“ dient den Bewohnern als Gemeinschaftshaus.

So unterschiedlich die zwei sind, hat sie beide das Gefühl nach Tempelhof gebracht, dass Leben mehr als Einfamilienhaus, Garten und Vollzeitstelle bedeutet. Und so unterschiedlich ihre Wohnungen als Hort des Privaten gestaltet sind, haben beide etwas gemeinsam: Über viel Platz verfügen sie nicht. Schuster lebt allein in einer Einzimmerwohnung, Kaltenecker mit Freundin und ihren zwei Kindern in einer kleinen Wohnung. In Tempelhof hat jeder Bewohner eine durchschnittliche private Wohnfläche von 24 Quadratmetern, auf Bundesebene sind es 47.

Eine enge neue Welt? Ansichtssache. „Mir gehört hier nichts und doch alles“, sagt Schuster. Eine Wohnung sei immer ein begrenzter Raum. Teile man sich öffentlich Raum, habe so jeder mehr. „Wenn wir teilen, sind wir ökonomisch und sozial unglaublich reich“, meint die Vierundsechzigjährige.

Die Tempelhofer reduzieren die Wohnung daher auf ein Minimum, ohne zu verkennen, wie wichtig der Raum für das Private ist. Jeder hat in Tempelhof ein Anrecht auf ein eigenes Zimmer. So gibt es bei Kaltenecker und seiner Freundin – untypisch für die normierte Familienwohnung – zwei Schlafzimmer. Die bürgerliche Kleinfamilie stört das nicht. In Zeiten von Scheidung und Patchwork ist die ohnehin ein fluides Gebilde geworden. Das beantworten die Tempelhofer mit einem Wohnkonzept, mit dem sie schnell auf sich verändernde Lebenssituationen reagieren können.

Dank WG: Trotz Trennung wohnt Alexandra Schwarzer mit ihrer Familie zusammen.

D a gibt es etwa Alexandra Schwarzer, die mit ihrem Mann, dem elfjährigen Sohn, der dreizehnjährigen Tochter und vier weiteren Erwachsenen in einer Wohngemeinschaft im Schloss lebt. 2012 zog das Paar mit den Kindern ein, mittlerweile sind die Eltern getrennt. Wichtiger Akt dazwischen: Schwarzer zog in ein Zimmer an das andere Ende der Wohnung um. „Trotz unserer Trennung wollen wir den Alltag mit den Kindern zusammen teilen“, erzählt Schwarzer, die wie ihr Mann wieder in einer neuen Beziehung ist. Das Leben in der Wohngemeinschaft, das als Provisorium geplant war, erwies sich als Glücksfall. „Das Zusammenleben mit anderen Erwachsenen entspannt die Situation mit dem Ex-Partner. Konflikte werden so abgepuffert“, sagt die gebürtige Kölnerin. Als Mutter frage sie sich oft, wie man trotz Trennung ein Vorbild für die Kinder sein kann. „Wir ermöglichen unseren Kindern einen gemeinsamen Alltag mit ihren Eltern“, sagt sie und lächelt. Die WG hat das Familienleben gerettet.

Wenn die eigenen vier Wände keine guten Voraussetzungen für Veränderungen bieten, stehen die Tempelhofer füreinander ein. Bald zieht in Schwarzers WG ein Dorfbewohner ein, der sich von seiner Frau getrennt hat. So ermöglichen sie ihm, in seinem Umfeld weiter leben zu können. „Wir ziehen hier an einem Strang. Daher gibt es hier wenig ,Mein‘ und ,Dein‘“, erklärt Schwarzer. Privates Wohneigentum gibt es in Tempelhof in der Tat nicht. Das genossenschaftlich organisierte Dorf tritt als alleiniger Vermieter auf. Wer nach Tempelhof zieht, zahlt eine Einlage von 32.000 Euro, dafür hat er ein lebenslanges Wohnrecht. Die Mieten sind festgesetzt und variieren je nach Qualität der Wohnung. Ein Umzug innerhalb des Dorfes ist daher ohne finanzielle Einbuße leicht möglich. Besitzlosigkeit, feste Mieten und Hilfsbereitschaft dank Wir-Gefühl, all das ermöglicht die schnelle Reaktionsfähigkeit dieses Anti-Wohnungsmarktes.

Eine vollkommen neue Welt? Nein. Wohnen funktioniert in Tempelhof auch ganz klassisch als Familienwohnung mit elterlichem Ehebett, Kinderzimmern und Sofalandschaft in einem Haus mit Satteldach. Für Meike Selig und ihren Mann war von Anfang an klar, dass sie mit ihren drei Kindern zu Hause keine Experimente machen möchten. „Ein Leben in einer WG kam für uns nicht in Frage. Wir haben gespürt, dass die Familie einen Schutzraum braucht“, sagt Selig. Auch getrennte Schlafzimmer wollten sie nicht. In Tempelhof stört sich daran niemand. Warum auch? Gemeinschaft ist in Tempelhof das Ziel, die besteht aus Individuen. Sind die zufrieden, geht es allen gut.

Zieht Grenzen: Für Meike Selig und ihre Familie ist Privatsphäre wichtig.

So richten die einen ihre Anstrengungen auf die Kinder, wie die Mütter Alexandra Schwarzer und Meike Selig. Die anderen nutzen ihr unternehmerisches Wissen und verwalten das Dorf als Betrieb, wie Vorstand Rainer Kaltenecker. Dorf-Mitgründerin Agnes Schuster bringt ihre Erfahrung aus dem Gemeinschaftsleben mit, und Filmemacherin Simone Specht zeigt mit ihrem Leben in der Jurte, dass man auch anders als zwischen festen Wänden wohnen kann.


„Das Leben hier ist ein Experiment“
Simone Specht, Filmemacherin

Selbstversorger sind die Tempelhöfer nicht, geackert wird trotzdem.

„Das Leben hier ist ein Experiment“, sagt Simone Specht. Bei starkem Wind zittert die Jurte, und das Dach mit Kuppelblick auf die Wolken bebt leicht. „In einer Jurte, lebt man in starker Verbundenheit mit Himmel und Erde“, erzählt die gebürtige Allgäuerin. Für sie ist das eine spirituelle Erfahrung, aus der sie schöpft. Das Leben sei in Tempelhof intensiv. Viele tiefe Gespräche mit den anderen, wenig Plaudereien. Man lerne viel über sich. Bei dem Trubel dürfe man sich jedoch in der Gemeinschaft nicht verlieren. Specht sieht sich selbst an einem solchen Punkt: „Impulse entstehen auf dem Weg. Für meine künstlerische Arbeit brauche ich nun einen ruhigeren Ort.“ Im kommenden Jahr möchte sie daher das Dorf auf Zeit verlassen.

Die Filmemacherin schaut auf die Uhr. Sie muss los. Zwei Dorfsitzungen warten an diesem Abend noch auf sie, und morgen in der Frühe backt sie Brot für die Gemeinschaft. Den Computer fährt sie herunter. „Adé!“ Sie läuft los, stoppt und dreht um. „Mein Leben ist hier so, wie ich es mir früher erträumt habe. Es ist wichtig, was in Tempelhof geschieht“, sagt sie lächelnd, bevor sie in der Dunkelheit verschwindet.

Quelle: F.A.S.