Akustik in Räumen

„Wir werden für Lärm immer empfindlicher“

Von Judith Lembke
27.10.2021
, 15:16
Offenporige Oberflächen dämpfen Lärm: Marie Aigner verwendet für ihre Objekte recycelte PET-Flaschen.
Marie Aigner entwirft Objekte, die für Ruhe sorgen. Ein Gespräch über Raumakustik, den Vorteil mutiger Möbel und wie man eine exzentrische Villa zum Familiendomizil macht.
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Marie Aigner ist Architektin, Ingenieurin und Produktdesignerin. Seit einigen Jahren entwirft sie schallschluckende Objekte, die so gar nichts mit den eintönigen technischen Absorbern zu tun haben, denen man normalerweise begegnet. Ihre akustisch wirksamen Möbel, Bilder und Skulpturen sind inspiriert von der Memphis-Gruppe, dem Art déco oder auch der Kakteensammlung ihres Sohnes. Sie verstecken sich nicht, sondern machen Raumakustik erlebbar.

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Aigner präsentiert knallbunte Objekte in einem Umfeld, das gegensätzlicher kaum sein könnte – in der Diesel-Villa in München-Bogenhausen, die der Erfinder des gleichnamigen Motors 1898 als repräsentatives Wohnhaus erbauen ließ. Ausgestattet wurde sie damals mit modernster Technik wie ausgeklügelten Fensterkonstruktionen, aber auch dem Geschmack der Zeit entsprechend mit viel dunklem Holz. In der geschichtsträchtigen Villa zeigt Aigner nicht nur ihre Produkte, sondern wohnt dort auch mit ihrer Familie.

In der Pandemie ist es bei vielen in den eigenen vier Wänden manchmal ziemlich laut geworden. Alle Familienmitglieder waren zu Hause. Objekte, die Geräusche schlucken, müssen auf einmal echt begehrt gewesen sein, oder?

Das Thema Raumakustik hat nicht erst in der Pandemie, sondern schon in den Jahren davor an Bedeutung gewonnen. Das liegt vor allem an den vielen neuen Großraumbüros. Dort zu arbeiten bedeutet für Menschen, die vorher ein Einzel- oder ein Zweierbüro gewohnt waren, eine viel höhere Lärmbelastung – vor allem, wenn mehrere Leute gleichzeitig sprechen. Dort die Akustik zu verbessern hilft nicht nur dem gegenseitigen Verstehen, sondern auch der Gesundheit.

Ist diese Lärmempfindlichkeit ein deutsches Phänomen? Gerade in Südeuropa geht es oft deutlich lauter zu als bei uns.

Ich habe das Gefühl, dass die Sensibilität generell zunimmt. Aus den USA und Spanien bekomme ich zum Beispiel auch Anfragen aus der Gastronomie. Das ist bei uns bisher eher nicht der Fall.

Der Schreibtisch zieht alle Blicke auf sich.
Der Schreibtisch zieht alle Blicke auf sich. Bild: Andre Kirsch

Seit wann beschäftigen Sie sich speziell mit Raumakustik? Als Architektin ist das bei der Planung üblicherweise nur eines von vielen Themen.

Vor fünfzehn Jahren habe ich den Hauptsitz eines Herstellers von Akustikobjekten neu gestaltet. In dem Zuge haben wir das ganze Gebäude akustisch optimiert. Ich habe dann angefangen, mit dem Material zu experimentieren. Jahre später habe ich den Auftrag bekommen, auch die Produktlinie zu überarbeiten. So ging’s los.

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Wie funktionieren Ihre schallschluckenden Skulpturen?

Das sind Absorber mit offenporigen Oberflächen. Sie schlucken den Schall. Grundsätzlich gibt es auch Reflektoren, die den Schall lenken, aber das mache ich nicht. Die findet man meist in Theatern oder Konzerthallen, um sicherzustellen, dass der Schall auch in die hinterste Reihe oder zu den Seitenrängen dringt.

Und woraus bestehen Ihre Absorber?

Aus recycelten PET-Flaschen. Das Material ist wegen seiner offenporigen Struktur bei gleichzeitig hohem Gewicht ein sehr guter Schallabsorber. Außerdem ist es robust und formstabil. Objekte, die leichter sein müssen, weil sie zum Beispiel von der Decke hängen, fertige ich aus Melaminharzschaum.

Alte Pracht trifft auf  Multifunktionsobjekte.
Alte Pracht trifft auf Multifunktionsobjekte. Bild: Andre Kirsch

Die Absorber hängen nicht nur wie üblich als Platten an der Decke, sondern Sie bauen auch Möbel oder Skulpturen daraus, wie einen großen gelben Kaktus. Wie kommen Sie auf diese Ideen? Normalerweise sehen Akustikobjekte sehr technisch aus, Ihre wirken aber gut gelaunt und verspielt.

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Meine ersten Objekte sahen auch noch aus, als hätte sie ein Ingenieur entworfen und kein Designer, sehr technisch und einfach nur weiß. Aber irgendwann wurde ich immer sicherer und mutig genug, Dinge auszuprobieren. Ich will Akustik sichtbar und für den Nutzer zugänglich machen. Außerdem finde ich es gut, wenn meine Absorber noch andere Funktionen erfüllen.

Was meinen Sie damit?

Sie dämmen nicht nur Schall, sondern dienen gleichzeitig als Stuhl, Tisch, Stauraum oder Leuchtenschirm. Es gibt auch Akustikbilder. Denen soll man auf den ersten Blick aber gar nicht ansehen, dass dahinter ein Absorber ist, sie sollen einfach gut ausschauen.

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Wenn ich das Gefühl habe, in einem Raum ist es einfach zu laut – was kann ich da tun?

Erst mal muss man sicher sein, dass wirklich die Raumakustik das Problem ist und nicht der Lärm von den Nachbarn. Dann muss man die Schallquellen definieren. Wenn es viele gibt, arbeitet man erst mal mit der Decke und der Wand, dann man hat den größten Effekt. Ein Objekt wie der Kaktus bringt sehr viel, wenn man ihn vor eine Ecke stellt, weil sich der Schall in einer Raumecke immer noch einmal verwirbelt.

Was kosten denn Ihre Objekte?

Die kleinen Elemente, die man zusammenstecken kann, beginnen schon ab etwa zehn Euro. Große, individuelle Installationen können aber auch mehrere Zehntausend Euro kosten, das hängt vor allem von der Handarbeit ab, die drinsteckt.

Sie haben Bauingenieurwesen und Architektur studiert, im Moment arbeiten Sie vor allem als Produktdesignerin. Wie kommt das?

Das Produktdesign kam mit dem Kind, weil ich dann nicht mehr so viel reisen konnte. Architektur mache ich nach wie vor, aber nicht mehr diese riesigen Aufträge. Für mich ist Produktdesign wie das geordnete Mittagessen und Architektur wie die große, unübersichtliche Party.

Zu Hause in der Villa Diesel: Marie Aigner mit der Kaktusskulptur
Zu Hause in der Villa Diesel: Marie Aigner mit der Kaktusskulptur Bild: Andre Kirsch

Sie wohnen selbst in einem geschichtsträchtigen Haus in München: In der Diesel-Villa in Bogenhausen, die der Ingenieur Rudolf Diesel sich Ende des 19. Jahrhunderts bauen ließ. Wie lange leben Sie dort schon?

Seit fünf Jahren. Bevor wir einziehen konnten, mussten wir erst mal sehr viel renovieren. Vorher waren hier mehrere Büros drin, das Haus war komplett aufgeteilt. Irgendwann hat auch mal der Komponist Ralph Siegel in der Villa gewohnt und hatte hier im Keller auch sein Tonstudio.

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Wie sind Sie darauf gekommen, als Familie in so ein expressives Haus zu ziehen?

Mein dreizehn Jahre alter Sohn und die jetzt achtzehnjährige Tochter meines Mannes, die hier auch wohnen, waren am Anfang nicht gerade begeistert. Sie fanden das Gebäude erst mal nur dunkel und furchtbar und haben gesagt: „Wir spielen in diesem alten Gemäuer jetzt nicht Harry Potter mit euch.“ Mein Mann und ich haben es trotzdem gemacht, weil man so ein Objekt einfach nicht mehr findet.

Allein die Eingangshalle ist sehr groß und repräsentativ, mit einer Wandvertäfelung und einer Kassettendecke aus dunklem Holz. Wie richtet man so ein Gebäude für eine Familie ein?

Ich habe versucht, die Schwere und Traurigkeit von dem Haus zu nehmen und Licht und Freude hineinzubringen. Wir haben zwar die alten Oberflächen und auch die Holzvertäfelung aufgearbeitet, aber beherzt mit unseren Sachen kombiniert. Ich habe meinen knallroten Schreibtisch hier reingestellt und unter den schrecklichen Kristalllüster in der Eingangshalle den „Wedding Cake“, einen Absorber aus meiner Kollektion, gehängt. Außerdem habe ich viel mit Farbe gearbeitet. Das ist kein Museum, man soll hier wohnen.

Was war die größte Herausforderung?

Die Eingangshalle. Wir haben uns immer gefragt, was wir mit diesem riesigen Raum machen sollen. So entstand die Idee, ihn als Showroom für meine Objekte zu nutzen. Dafür ist die Raumhöhe perfekt.

Ihr Esstisch ist schwarz-weiß gestreift, die Schreibtischplatte knallrot. Die meisten Menschen hätten Angst, dieser knalligen Oberflächen schnell überdrüssig zu werden.

Stimmt, viele haben mich für verrückt erklärt. Das sind eigene Entwürfe, und ich finde, mir gelingen Dinge immer am besten, wenn ich mutig bin. Ich habe schnell genug von Möbeln, die in jedem Wohnzimmer stehen. Diese Exoten haben eine besondere Stellung, die sehe ich mir nicht so schnell über.

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Sie praktizieren ja schon länger, was viele von uns im vergangenen Jahr ausprobiert haben: im Homeoffice zu arbeiten. Wie schaffen Sie es, die Sphären zu trennen?

Entwürfe kann ich gut zu Hause machen, auch Verwaltung. Aber den Teil der Arbeit, der mit Stress und Sorgen zu tun hat, erledige ich außerhalb von München, wo ich auch ein Büro habe. Meine Arbeit konzentriert sich in diesem Haus auf ein Zimmer, und da verschwindet sie dann auch, wenn die Tür zu ist. Meistens zumindest.

Alle Fotos stammen aus dem Buch „Power. Inspirierende Frauen“ von Heide Christiansen und Ute Laatz, das am 18. Oktober im Callwey Verlag, München, erscheint.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lembke, Judith
Judith Lembke
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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