Teures Wohnen in Amsterdam

Magnet mit Grachten

Von Klaus Max Smolka
07.05.2018
, 14:55
Der gemeine Arbeiter kann sich das frühere Arbeiterviertel Jordaan schon lange nicht mehr leisten.
Seit Jahrhunderten zieht die niederländische Metropole Besucher an. Immer mehr bleiben gleich da – und die Immobilienpreise explodieren. Wo bleibt Raum für die angestammte Bevölkerung?

Ein Haus wie aus dem Bilderbuch, das zeigt schon das Entree. Genauer: das nicht vorhandene Entree. Denn die Tür lässt sich soeben noch aufschlagen, da führen gleich 21 Stufen in die Höhe, so steil, dass ausländische Besucher schon mal hinaufstürzen. Oder auch hinab, wie einer erlebte, der wider besseren Rat ein Fahrrad mit nach oben wuchten wollte. Nachts um zwei krachte der Gast samt Rad die Treppe hinunter, zum Unmut eines Nachbarn.

Ein Amsterdamer Vorzeigehaus also, und hier wohnt, im zweiten Stock, Eva van Heijningen. Die 59-Jährige ist professionelle Puppenspielerin, Videoproduzentin und Schauspielerin; Puppen sitzen auf dem Sofa im lichtdurchfluteten Wohnzimmer, Perücken, Hüte sind zu sehen für die Arbeit auf der Bühne. In ihren vier Wänden atmet Van Heijningen jeden Tag Geschichte: Es ist ein altes Kaufmannshaus, die Fassade aus dem 19. Jahrhundert, der Bau dahinter wahrscheinlich viel älter, wie es bei der Denkmalbehörde in Amsterdam heißt. Aus dem Wohnzimmer steigt ein Treppchen ins Schlafzimmer im Dachgeschoss hoch. Van Heijningen öffnet dort eine kaum sichtbare Deckenluke: Der Blick fällt auf ein Holzrad zwischen Staub und etwas Schutt, zwei Meter im Durchmesser: Die Bewohner hievten damit einst vermutlich Kisten mit Gewürzen und anderem nach oben.

Der stolze Bau steht in der Innenstadt Amsterdams – jener Metropole, die seit Jahrhunderten Besucher anlockt. Die nicht Regierungssitz ist, aber trotzdem Hauptstadt. Die mit ihren Theatern, Museen und Kneipen vibriert wie keine andere im Land. Die immer mehr Unternehmen und Organisationen anlockt und auch deswegen immer teurer wird. Aus allen Landesteilen ziehen Niederländer hierher und in Scharen Leute aus dem Ausland.

Touristen verdrängen Junkies

Andere niederländische Städte haben eigene Reize zu bieten, welche Amsterdam verschlossen sind. Das wesentlich kleinere Den Haag bietet die Bühne der großen Politik: Minister und andere Prominente laufen und radeln dem Bewohner über den Weg, gleichzeitig ist der Strand nur eine Straßenbahnfahrt entfernt. Leiden entzückt als pittoreske Studentenstadt. Maastricht im äußersten Süden gibt sich genießerisch, mit französisch geprägter Küche, und ins Umland radelt man umgeben von lieblichen Hügeln. Alles Vorzüge, die so nur diese Städte haben. Aber am Ende zieht kein Ort die Leute so sehr an wie der Magnet Amsterdam: neue Bewohner – und natürlich Abertausende Touristen.

Die merkt auch Van Heijningen. Pulkweise spazieren Reisende durch ihre Straße, die Binnen Bantammerstraat, auf einem Abstecher vom Nieuwmarkt gen Osten ins Lastage-Viertel. Früher, da hatte sie mit einer ganz anderen Klientel zu kämpfen. Drogenabhängige setzten ihren Schuss, lungerten und pöbelten. „Hier bist du über die Junkies regelrecht gestolpert, manchmal hat die Polizei sie in Herden weggescheucht“, sagt Van Heijningen. „Ständig wurde dein Fahrrad gemopst, sogar die Plastikhülle auf dem Sattel.“ Als ihre Familie das Haus 1991 kaufte, war das Sträßchen eine Perle, die ziemlich ranzig daherkam. Inzwischen ist sie herausgeputzt, eine Top-Top-Top-Lage acht Fußminuten vom Bahnhof entfernt. Und geschäftiger denn je. „Es gibt Nachbarn, die sagen: lieber die alten Typen als jetzt die Touristen“, berichtet Van Heijningen. Der Rummel lastet in Amsterdam auch auf dem Wohnungsmarkt, weil Privatleute Apartments als Feriendomizile vergeben. Die Behörden schränken schon die erlaubte Vermietzeit auf Airbnb ein.

Im Erdgeschoss wohnt van Heijningens Bruder: in der „Apotheke“, wie die Familie es nennt, denn hier saß einst eine der bekannten Pharmazien der Stadt. Über der Tür prangt als Standesemblem noch ein „Gähner“, ein Mann mit grimassenhaft offenem Mund – nicht weil er müde wäre, sondern weil er sich anschickt, bittere Medizin zu schlucken.

Aus Arbeiterviertel mach angesagtes Studentenquartier

Smart, wer hier eine Wohnung erwarb, als das noch gut bezahlbar war. Denn die Kaufpreise galoppieren davon und mit ihnen die Mieten. 80 Quadratmeter für 1850 Euro im Monat, das ist in dieser Gegend nicht untypisch, wie das beliebte Immobilienportal Funda.nl zeigt. Bestandsimmobilien kosten in Amsterdam laut dem Statistikamt CBS viereinhalbmal so viel wie 1995 und sie verteuern sich – nach einer Delle in den Jahren der Finanzkrise – immer weiter. Im Herbst raunten die Zeitungen kurz, der Auftrieb habe ein Ende, die Preise fielen gar um ein halbes Prozent. Aber das war eine Momentaufnahme, ein Kurzfristvergleich vom dritten zum zweiten Quartal. Binnen Jahresfrist verteuerte sich der Quadratmeter 2017 um weitere 13,5 Prozent. Die britische Immobiliendienstleister Savills ermittelte in einer Analyse: Unter den untersuchten europäische Städten verteuerte sich in Europa zuletzt keine so sehr wie Amsterdam.

Über die Jahre hinweg sind viele Stadtteile auch außerhalb des historischen Grachtengürtels gentrifiziert: mit als Erstes das westlich angrenzende frühere Arbeiterviertel Jordaan. Die ursprünglichen Bewohner wollten mehr Platz und zogen in nahe Städte, nach Purmerend oder Almere; es waren die Jahrzehnte, als Amsterdam an Einwohnerzahl schrumpfte, was heute kaum mehr vorstellbar ist. Von den siebziger Jahren an zogen dafür Studenten, Künstler, Singles ein, der Jordaan wurde hip. Südlich der Innenstadt zog dann De Pijp viele Jüngere an. Inzwischen folgen die etwas weiter entfernten, aber immer noch zentralen Gegenden: die Indische Buurt im Osten etwa und der Stadtteil Noord, getrennt vom Rest der Stadt durch das IJ, den Ausläufer der früheren Zuiderzee, der Amsterdam wie ein sehr breiter Fluss durchzieht.

Hausboote und Wohnhäuser an der Prinsengracht: Die Innenstadt quillt über, sodass immer mehr Wohngebiete in den Randbezirken aus dem Boden gestampft werden.
Hausboote und Wohnhäuser an der Prinsengracht: Die Innenstadt quillt über, sodass immer mehr Wohngebiete in den Randbezirken aus dem Boden gestampft werden. Bild: Frank Röth

Richtig im Kommen sind in den vergangenen Jahren auch die Ost-Inseln des alten Hafens, angelegt in der goldenen Zeit der Vereenigde Oostindische Compagnie, jener Handelsgesellschaft, die in der Blütezeit der Niederlande vom frühen 17. Jahrhundert an den Handel im Osten beherrschte. Zwei Jahrhunderte lang war dies die Heimatbasis dieses „ersten Multinationals“, wie der historische Handelsriese auch genannt wird. Schiffswerften und Lagerräume entstanden hier. Später fertigten Arbeiter Dampfmaschinen und Lokomotiven. „Niederländische Fabrik für Werkzeuge und Eisenbahnmaterial“, so ist auf einer der alten Hallen noch zu lesen.

Gentrifizierung wohin man schaut

Ihr gegenüber wohnt seit 2014 Marijn van der Pas, 43 Jahre alt, der vor gut zehn Jahren nach Amsterdam zog und heute für die Stiftung des Randstad-Gründers Frits Goldschmeding arbeitet. In der Wohnung hat sich seit einem Besuch im vergangenen Jahr viel verändert: Vier Näpfe stehen jetzt an der Tür, für die Katzen Mixie und Decks. Marijns Freundin Marjolijn van Gool, 39, hat sie mitgebracht, sie alle sind vor ein paar Monaten mit eingezogen. Der Besucher läuft durch die Küche ins helle Wohnzimmer. Zwischen zwei Deckenlampen und dem Fenster hängen Plastikbändchen mit Dutzenden Glückwunsch-Karten und Sprüchen wie „Hurra, ein Sohn, wir gratulieren“. Denn kurz nach Marjolijn und den Katzen kam im November noch ein Bewohner hinzu: Siem. Und so serviert das Paar Zwieback mit blauen und weißen Zuckerkügelchen: „Beschuit met muisjes“, mit dem Gäste traditionell ein neues Baby feiern. Die junge Familie teilt sich 82 Quadratmeter. Eine Treppe windet sich hoch zu drei Zimmern und dem Bad; das alte Arbeitszimmer ist zum Babyzimmer gewandelt, wo Marijn auf der Kommode Siem mit schon geübter Hand wickelt.

Nahe der Wohnung gähnen noch ein paar Brachflächen, die aber auch bald bebaut werden. Ein kurzer Spaziergang führt – über eine Brücke verbunden – zur KNSM-Insel und Java-Insel, die in Wirklichkeit eine Insel formen und heute vollgebaut sind mit Wohnblocks. Die Gegend sei sehr beliebt bei zahlungskräftigen Fachkräften ausländischer Unternehmen, sagt Marijn, während er Siem vor dem Bauch an der frischen Luft trägt: „Da wohnen viele Expats mit viel Geld. Die Mieten sind hoch, und die Wohnungspreise steigen enorm.“ Gentrifizierung, wohin man schaut.

Bild: F.A.Z.-Karte sie.

Selbst weiter weg vom Stadtkern zieht der Markt stark an – auch jenseits des Autobahnrings A 10. In Buitenveldert, sieben Fahrrad-Kilometer vom Amsterdamer Hauptplatz Dam entfernt, wohnt seit zehn Jahren Matthijs Visser. Vor vier Jahren zog der 51 Jahre alte Psychologe innerhalb des Viertels um; inzwischen leben hier auch seine 42 Jahre alte Freundin Mara Yerkes und der gemeinsame Sohn Jonas, 2 Jahre alt. Ein klassischer Vorort-Bau aus der Nachkriegszeit, Jahrgang 1962, Backstein, vier Etagen. Am Eckfenster des Nachbarn im Erdgeschoss hängt eine Fotomontage von Mark Rutte mit Pinocchio-Nase; der Ministerpräsident hat zuletzt wohl einmal zu viel gelogen. Dafür verehrt der Nachbar an der Wohnungstür die Nummer 14 im orangenen Trikot: natürlich geht es um den großen Fußball-Helden Oranjes, Johan Cruijff.

Der Brexit lässt Amsterdam weiter wachsen

Urniederländisch geht es auch in der zweiten Etage zu: Dort servieren Visser und Yerkes gestampfte Kartoffeln und Endivien, klassische Oranje-Cuisine. Lichtdurchflutet auch diese Vier-Zimmer-Wohnung, und es ist völlig still. Bei Westwind ist das anders, dann donnern die Maschinen im Anflug auf Schiphol dicht über das Haus.

Auch dieser Stadtteil ist zunehmend populär. Denn keine zwei Kilometer entfernt pulsiert das neue Geschäftsviertel „Zuidas“ mit immer höherem Schlag: Seit der Jahrtausendwende siedeln sich entlang der Südspange der A 10 Finanz- und Industriekonzerne an, reckt sich ein Hochhaus nach dem anderen in die Höhe. Das zieht kaufkräftige Leute an, die in der Nähe wohnen wollen. Visser und Yerkes merken das nicht zuletzt an ihrem Ladenzentrum Gelderlandplein um die Ecke. „Es gibt immer mehr exklusive Geschäfte – die preisgünstigen Läden gehen nach und nach verloren“, sagt Visser. Längst hat „Marqt“ eine Filiale eröffnet, die angesagte Lebensmittelkette mit grünem Anstrich.

Als Nächstes kommt noch die Europäische Arzneiagentur Ema an die Zuidas. Weil die Briten aus der EU wollen, muss die Behörde ihren Sitz an der Londoner Canary Wharf bis Ende März 2019 verlassen. Amsterdam lobbyierte und erhielt den Zuschlag. „Es kommen hier zunehmend hochqualifizierte Leute her – mit so etwas wie der Ema noch mal besonders“, sagt Visser.

Über 1000 neue Wohnungen im Knastviertel

Die Stadt reagiert und hat Bauland im großen Stil ausgewiesen. In Noord sollen auf einem alten Industriegebiet 6500 neue Wohnungen entstehen, 1350 weitere im Südosten im Bajes Kwartier, dem „Knastviertel“, genannt nach dem 2016 aufgegebenen Gefängnis. Im Osten auf dem Zeeburgereiland sind 5500 Wohnungen geplant. Das größte Projekt aber liegt im Nordwesten: Dort widmet die Stadt ein Areal um, vornehmlich alte Hafenflächen, die „Haven-Stad“. Maschinen rammen schon Stahlrohrpfähle in den weichen Boden. Bis zu 70 000 Wohnungen sollen entstehen. Amsterdam hätte dann in der Nähe der Stadtmitte mal eben beinahe den Wohnbestand der nahen Stadt Haarlem neu errichtet.

Angrenzend daran ein weiteres Neubauprojekt, der „Houthaven“ (Holzhafen). Auch Bewohner aus einem anderen alten Hafengebiet haben dort schon zugegriffen: Marijn van der Pas und seine Freundin von den östlichen Hafeninseln haben eine Wohnung reserviert, welche sie wohl in zwei Jahren beziehen können. Sie wollen mehr Platz und greifen vorsorglich zu. Ihre Prognose: Die Preise sind bis dahin noch einmal gestiegen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
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