Designtrend

Kopflose Kerzen

Von Katharina Pfannkuch
12.05.2021
, 12:22
Der weibliche Torso ist gerade im Interieur allgegenwärtig. Der Frauenkörper als Deko – wie passt das in unsere Zeit?

Manche Trends stellen bisherige Annahmen auf den Kopf – oder verzichten gleich auf ebendiesen. So wie im Falle des weiblichen Torsos, an dem momentan kein Vorbeikommen ist: Ob als große Vase oder als kleine Kerze, üppige Kurven und bloße Brüste haben sich einen festen Platz in der Einrichtung erobert. Dabei, so der spätestens seit der „Me Too“-Debatte augenscheinlich geltende Konsens, sollte doch der weibliche Körper nicht (mehr) als reine Dekoration ausgenutzt und benutzt werden.

Mit dieser Begründung verbannte immerhin die Manchester Art Gallery im Februar 2018 John William Waterhouses Gemälde „Hylas und die Nymphen“ für eine Woche aus seinen Räumen. Fast drei Jahre später musste sich der Bildhauer Luciano Garbati in New York scharfer Kritik für seine – nackte – „Medusa mit dem Haupt des Perseus“ stellen, zeitweise aufgestellt vor einem Gericht in Manhattan (ausgerechnet jenem, in dem der Fall Weinstein verhandelt wurde). Und die Künstlerin Maggi Hambling sorgte im vergangenen Jahr für Unmut, als sie der Feministin und Philosophin Mary Wollstonecraft in London ein unbekleidetes Denkmal setzte.

Nacktheit in der Kritik

Etwa zur selben Zeit bahnte sich ein Interieurphänomen an, das auf den ersten Blick nicht widersprüchlicher zu diesen Protesten anmuten könnte: Erst zierten schlichte, fast schüchtern wirkende Illustrationen stilisierter Brüste so profane Gegenstände wie Blumentöpfe und Kaffeebecher, dann nahmen Vasen die abstrakte Form weiblicher Unterleiber und Kerzen die von ausladenden Dekolletés an. Mittlerweile kommt kaum ein Interieurshop ohne wenigstens eine Kerze in Frauentorso-Form, sogenannte „body candles“, aus.

Einerseits werden Kunstwerke wegen Nacktheit kritisiert, andererseits Wohnaccessoires in Form nackter und auch noch kopfloser Frauenkörper als Trend gefeiert. Wie konnte das passieren? Als eine der wesentlichen Kräfte hinter diesem Phänomen gilt Anissa Kermiche. Die französisch-algerische Designerin, die nach einer Karriere als Softwareingenieurin 2015 ein Schmucklabel gründete und seit 2018 auch Interieuraccessoires entwirft, wurde mit ihren „Love Handles“-Vasen berühmt. Die sind dem weiblichen Körper unterhalb des Bauchnabels nachempfunden, fallen durch einen üppigen Po und eine sehr schmale Taille auf.

Ob mit oder ohne Blumen darin, die Vasen sind Hingucker – und damit ein Segen für Instagram-Nutzer mit großer Reichweite, die ihre Fotos seit der Pandemie statt an Traumstränden und in Luxushotels vor allem zu Hause machen müssen. Ist im Wohnzimmer gleich mehrerer als Stilvorbilder geltender Influencer dasselbe Accessoire zu sehen, entsteht in kürzester Zeit eine Begehrlichkeit. So auch im Fall Kermiche. In der britischen „Harper’s Bazaar“ erklärte sie ihren Erfolg aber auch als eine fast logische stilistische Konsequenz. Illustrationen von Körpern, vor allem im minimalistischen Line-Art-Stil, seien seit einigen Jahren ein häufiges Designelement: „Unsere skulpturalen Stücke sind nur eine neue Interpretation davon.“

Wölbungen statt Bauchmuskeln

Wo die Zeichnungen auf Vasen, Geschirr und Teppichen weibliche Körper nur andeuten, werden Kermiches Vasen, Kannen und Kerzenständer, die es mittlerweile auch in Form von Brüsten und übereinandergeschlagenen Beinen gibt, konkreter und vor allem plastischer. Sie lasse sich von „echten“ Frauen inspirieren, sagt Kermiche, weil Natürlichkeit und Asymmetrie das Auge mehr ansprächen als idealisierte Perfektion. Genau die erkennen aber kritische Beobachter in ihren „Love Handles“-Vasen, die Assoziationen mit der extremen, durch den Kardashian-Clan berühmt gewordenen Sanduhr-Silhouette wecken würden, die wiederum vor allem junge Frauen eher unter Druck setze als zur Selbstliebe ermutige. Den sehr schmalen Taillen und sehr ausladenden Hüften ist eine gewisse Idealisierung tatsächlich nicht abzusprechen.

Dass auch realistischer anmutende Körperformen durchaus idealisierte Vorbilder haben können, zeigt das Beispiel der britischen Marke Caia Candle. Die Antike als Inspiration wird hier schon an den Namen einiger Produkte deutlich. Kerzen in Form üppiger Torsi mit Wölbungen statt Bauchmuskeln heißen „Hera“ und „Aphrodite“; mit „Drusus“ ist auch ein männliches Pendant erhältlich. Das weckt unweigerlich Erinnerungen an die Antikensammlung im Museum, das man seit Monaten nicht mehr besuchen konnte und das wohl auch noch länger ein unbegehbarer Sehnsuchtsort bleiben dürfte. Da wirkt die Idee einer eigenen kleinen, wächsernen Statuensammlung recht attraktiv.

Eine solche Sammlung kann erstaunlich vielseitig sein: Kaum eine weibliche Figur wurde noch nicht in Wachs gegossen und mit einem Docht versehen. Belle Nous, eine weitere britische Marke, hat Kerzen in verschiedenen Formen im Repertoire, vom „Slim Female Body“ mit flachem Bauch und ausladenden Hüften über den „Curvy Body“ mit Marylin-Monroe-Maßen bis zur „Extra Curvy Rubenesque Body Candle“ mit Bauch und Brüsten, die langsam der Schwerkraft nachzugeben scheinen. Sogar eine „Mastectomy ­Breast Cancer Awareness Candle“ gehört zum Sortiment. Kerzen in Form einer schwangeren – und kopflosen – Frau gibt es bei Kali Home.

Mit ihrer betont realistischen und vielfältigen Optik brechen die Objekte mit den sonst öffentlich vorherrschenden Bildern von Frauenkörpern und wirken trotz ihres Deko-Charakters weder herabwürdigend noch vulgär und schon gar nicht sexuell aufgeladen, sondern eher ermächtigend, bilden sie doch ein sich wandelndes Verständnis von Schönheit ab. Eines, in dem auch vermeintlich unperfekte Körper als so ästhetisch gelten, dass sie zum schmückenden Element werden können. Da überrascht es nicht, dass gleich mehrere Frauenmagazine im März „body candles“ als Geschenkidee zum Weltfrauentag anpriesen.

Dass Feminismus auch als Lifestyle-Phänomen funktioniert, ist spätestens seit dem „We Should All Be Feminists“-T-Shirt, das Maria Grazia Chiuri 2016 für Dior entwarf, bekannt. Emporgereckte Fäuste mit rot und pink lackierten Fingernägeln zieren mittlerweile nicht mehr nur Poster, Aufnäher und T-Shirts, sondern dienen – passenderweise – auch als Inspiration für Vasen. Dass „body candles“ und Torso-Vasen eben nicht im Widerspruch zu diesem Popfeminismus stehen und anders als etwa die Statue von Luciano Garbati in New York nicht für Proteste sorgen, dürfte auch daran liegen, dass sie keine spezielle Persönlichkeit abbilden: Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes gesichtslos.

So kann sich jede Frau mit den gezeigten Körpern identifizieren, aber niemandem wird durch die Entblößung zu nahegetreten. Oder durch die ganz praktische Verwendung als das, was die kleinen Kunstwerke vor allem sind: nämlich Kerzen und Vasen. Und die werden nun einmal früher oder später entzündet oder mit Blumen befüllt. Sonst stünde ja auch wirklich alles Kopf.

Quelle: F.A.S.
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