„Hill Top“-Garten

Miss Potter und der Zauber der Gartenwelt

Von Astrid Ludwig
23.08.2019
, 09:30
Die „Hill Top“ Farm in Near Sawrey.
Peter Rabbit, das vorwitzige Kaninchen mit der blauen Jacke, kennt in England jedes Kind. Die Inspiration für ihre Tiergeschichten und Kinderbücher fand Beatrix Potter auf ihrer Farm „Hill Top“.
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Hat sich nicht gerade verdächtig das hellgrüne Blatt des Frauenmantels bewegt? Irgendetwas raschelt doch an der Steinmauer zwischen Goldfelberich und Storchschnabel. Und dann flitzt im nächsten Moment etwas aus den Rabatten rüber zum Apfelgarten - der weiße Fellpuschel war deutlich zu sehen. Wer das "Hill Top"-Anwesen in Near Sawrey durch das Gartentor betritt, der denkt an Bernhard Schnauzbart, Hans Hausmaus oder Jemina Pratschel-Watschel. Begegnungen mit Mäusen, Enten, Hasen oder Igeln sind hier keine Seltenheit. Wer Glück hat, trifft die braune Entendame, die mit ihrem Nachwuchs über die Wege watschelt, oder eben eines der Kaninchen, die über die saftigen Wiesen hoppeln. In "Hill Top" sind sie keine lästigen Eindringlinge, sondern willkommene Gäste.

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Schließlich ist das hier das Reich von Beatrix Potter, der Kinderbuchautorin, die Hasen in blauen Jacken Abenteuer erleben ließ, Katzen Schürzen umband und Igel Tiggy-Winkle taufte. Tierische Statisten gehören dazu, sie sind Teil der Inszenierung des wildromantischen Cottage-Gartens, in dem alles noch so aussieht wie zu ihren Lebzeiten und in ihren Büchern.

„Hill Top“ als Zufluchtsort

Wer als Vierbeiner im Garten erwischt wird, landet nicht im Topf der Gärtnergattin Mrs MacGreggor, so wie in Beatrix Potters erstem Bestseller "Peter Rabbit". Ein wenig, so berichtet der Chefgärtner, hält er die Kaninchen aber dennoch im Auge - "um den Schaden an den Pflanzen so gering wie möglich zu halten". Die vielen Fans der Schriftstellerin und Illustratorin, die jedes Jahr aus der ganzen Welt nach "Hill Top" strömen, sind da vermutlich die größere Herausforderung. In Japan etwa lernen Schulkinder mit Potters Erzählungen Englisch. Ein Grund, warum viele von ihnen später als Touristen in den nordenglischen Lake Distrikt kommen. Die Londoner Kinderbuchautorin hatte sich einst in diese Region verliebt und sich 1905 schließlich das 13,5 Hektar große Anwesen im Dörfchen Sawrey gekauft - vom Erlös ihrer ersten Bücher.

Das Buch „Peter Rabbit“ war Beatrix Potter erster Bestseller.
Das Buch „Peter Rabbit“ war Beatrix Potter erster Bestseller. Bild: akg-images

Sanft steigt der mit Schieferplatten gepflasterte Weg zum Haus empor. "Hill Top", Berggipfel, heißt Beatrix Potters Anwesen, und der von Stauden gesäumte lange Gartenweg ist sicherlich die malerischste Seite des eher schlichten Farmhauses aus dem 17. Jahrhundert. Die Natur übertrumpft die Architektur. Wie schwefelgelbe Wolken schweben die Blüten des Frauenmantels über dem Beet, hier und da leuchten die zyklamfarbenen Kelche des Storchschnabels und des Fingerhuts neben Goldfelberich-Rispen und blassblauen Phlox-Kronen. Der Lavendel blüht und die späte Akelei, Rosen und Stockrosen gedeihen zwischen Stachelbeeren, Mohn und Funkien. An einem Wigwam aus krummen Ästen ranken Wicken empor.

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Hier ist nichts gestylt oder farblich durchkomponiert, sondern ein unprätentiöses Durcheinander altmodischer Stauden: Die ungezähmte Gartenwelt einer bis dahin streng viktorianisch erzogenen Tochter aus gutem Hause. "Hill Top" ist Beatrix Potters Zufluchtsort gewesen nach dem frühen Tod ihres Verlobten, ihre Abkehr vom verhassten London und Protest gegen die strengen Eltern. "Ihr Symbol der Freiheit", wie die Biographin Margaret Lane schreibt. Hier hatte ihr neues, selbstbestimmtes Leben begonnen, das sie sich durch den Erfolg ihrer Kinderbücher leisten konnte.

Als die damals 39 Jahre alte Autorin vor mehr als hundert Jahren das Anwesen gekauft hatte, gab es nur einen kleinen Küchengarten neben dem Haus. Die Farm wurde von John Cannon und seiner Familie bewirtschaftet, die dort wohnen blieben und sich im Auftrag Potters weiterhin um das Land und die Tiere kümmerten. Von Landwirtschaft und Gartenarbeit hatte die Autorin bis dahin keine Ahnung, auch wenn sie seit Kindertagen von der Natur, vom Landleben und der Tierwelt fasziniert war. Beatrix Potter ist in einen Seitenflügel des Farmhauses gezogen. Später hat sie weitere Räume anbauen lassen - und begonnen, den Garten anzulegen.

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„Gestohlene Pflanzen wachsen immer.“

Schon während ihrer Jugend hatte die Schriftstellerin angefangen zu zeichnen. Potter ist als Kind viel allein gewesen, denn sie wurde privat unterrichtet und besuchte keine Schule. Sie hat sich mit Tieren umgeben, hatte einen Hund, eine Katze und ein Kaninchen, das sie an einer Leine spazieren führte. Sie war gescheit, begann früh naturwissenschaftlich zu forschen, und detailgetreu und sehr talentiert Blumen, Vögel, Insekten, Fossilien zu zeichnen. So existieren allein mehr als 300 überaus exakte Zeichnungen von Pilzen.

Pflanzen malen konnte sie, aber selbst Hand anlegen bei der Gartenarbeit? Potter hatte einen Gärtner, aber viele der Stauden und Sträucher hat sie tatsächlich selbst gepflanzt. 1906 schrieb sie an eine enge Freundin: "Ich habe den ganzen Tag hart gearbeitet und gepflanzt - dank eines wohlgemeinten, aber zeitlich unpassenden Geschenks an Steinbrechgewächsen von Mrs Taylor aus dem Corner Cottage." Viele der Stauden sind Geschenke von Nachbarn gewesen, die Phlox, Silberblatt, Rosen, Iris oder auch Storchschnabel mit ihr teilten.

"Ich habe etwas aus fast jedem Garten im Dorf." Potter liebte Cottage Garden Blumen und manchmal hat sie sich auch einfach selbst in den umliegenden Gärten bedient. "Gestohlene Pflanzen wachsen immer. Gestern habe ich Silberblatt gestohlen", gesteht sie freimütig. Körperliche Arbeit hat sie nie gescheut, auch nicht bei Hitze. Bei der Gartenarbeit soll sie sich manchmal einfach die großen Blätter des Rhabarbers auf den Kopf gelegt haben, um sich vor der Sonne zu schützen.

In "Hill Top" ist so manches ungeplant entstanden. Potter hat viele Gewächse gepflanzt, die sich selbst aussäen wie Mohn, Fingerhut oder Schneeglöckchen. Üppig und zwanglos sollte es sein - sie hat das geliebt, was die Engländer "higgledy-piggledy Style" nennen und übersetzt so viel heißt wie Kraut und Rüben. Am Haus wächst eine weiße Glyzinie an der Fassade, eine Berg-Waldrebe (Clematis Montana) und die Kletterrose 'Madame Isaac Pereire' mit ihren dunkelvioletten Blüten, darunter blühen üppig Akelei, Storchschnabel und Felberich. Steinbrech wächst auf Mauern und Fensterbrettern: "Die Blumen lieben das Haus und versuchen hereinzukommen", hat sie in einem ihrer Manuskripte geschrieben.

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Vier Gartenbereiche gibt es rund ums Haus. Die langen Beete entlang des Schieferwegs, einen Obstbaumgarten, eine Koppel mit Blick auf die umliegenden Hügel und den Gemüsegarten. Hier wachsen, herrlich unaufgeräumt und umgeben von Natursteinmauern und einem jadegrünen Eisentor, Bohnen, Kartoffeln, Radieschen, Kohl, Salat oder Erdbeeren. Ein Bienenhaus steht in einer Mauernische und neben großen Rhabarberblättern reihen sich dekorativ Tontöpfe auf, gusseiserne Gießkannen und der verwitterte Stiel einer Grabegabel. Genauso hat es auch im Garten von Mr MacGreggor in Potters erstem Kinderbuch "Peter Rabbit" ausgesehen.

Viele der Inspirationen für ihre insgesamt 23 Kinderbücher sind in "Hill Top" entstanden und in etlichen ihrer Bücher sind die Farm, die Pächterfamilie Cannon, das Haus oder der Garten wiederzuerkennen. Und so manches kleine, liebevolle Detail fällt erst auf den zweiten Blick auf: Die kleinen Metalligel beispielsweise, die nebst Schildern mit Sprüchen überall im Garten zu finden sind.

Die Augen aufhalten sollte man auch im Haus. Unter Stühlen oder in versteckten Zimmerecken sitzen Bernhard Schnauzbart oder Hans Hausmaus, ganz so wie in Beatrix Potters Büchern. In der Eingangshalle brennt in dem gusseisernen Ofen ein Feuer, hier liegen ein Hut und dort Schuhe - fast so, als käme die Schriftstellerin gleich aus dem Garten zurück ins Haus. In jedem Raum stehen Schreibtische, mancher versehen mit Textblättern und Zeichnungen. Eine der freiwilligen Helferinnen berichtet, dass die Autorin in jedem der Zimmer an ihren Manuskripten geschrieben und gemalt hat. Als sie 1913 William Heelis heiratete, ist sie mit ihm in das unweit entfernt liegende Castle Cottage gezogen. In "Hill Top" hat sie trotzdem immer noch einmal am Tag vorbeigeschaut.

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Die Kinderbuchautorin war zudem eine engagierte Naturschützerin. Beatrix Potter hat die Landschaft im Lake Distrikt geliebt und zu bewahren versucht. Im Laufe der Jahre hat sie mit Hilfe ihrer Bucherlöse 15 Farmen, zahlreiche Cottages und mehr als 1600 Hektar Land aufgekauft. Intensiv betrieb sie Schafzucht, um die Kultur dieser einzigartigen Landschaft zu bewahren, die seit 2007 zum Unesco Welterbe zählt. Als sie 1943 starb, fiel ihr Besitz an den National Trust, der größten privaten Denkmalschutzorganisation auf der Insel, die insgesamt mehr als 500 Anwesen und Gärten, fast 800 Meilen Küste und rund 250.000 Hektar Land betreut.

Der National Trust kümmert sich heute auch um "Hill Top". Nach historischen Fotos, Zeichnungen und Briefen hat die Organisation in den achtziger Jahren den Garten restauriert. "Es soll so aussehen wie zu Beatrix Potters Zeiten", schreibt der Trust in einer kleinen Broschüre über das Anwesen. "Keine Pflanze wächst im Garten, die nicht auch schon zu ihrer Zeit hier war", berichtet darin der leitende Gärtner Peter Tasker. Dazu zählt selbst das Unkraut, das an manchen Stellen im Garten sprießt oder die wild wuchernden Sträucher. "Higgledy-piggledy Style" eben - ein Ausdruck, der so klingt, als stamme er direkt aus Beatrix Potters Kinderbüchern.

Quelle: F.A.S.
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