Grüne Gemeinschaft

Das pralle Gartenleben

Von Ina Sperl
12.07.2019
, 10:04
Die Prachtlibelle schätzt den Gilbweidrich.
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Im Sommer kann man das geheime Zusammenspiel der Tier- und Pflanzenwelt im heimischen Garten besonders gut beobachten. Und es wird klar, dass es nicht egal ist, welche Pflanzen man sich zulegt. Ein Auszug aus dem Buch „Das Grüne Wunder“.
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Himbeeren, Stachelbeeren und Süßkirschen reifen, auch Johannisbeeren sind längst rot. Äpfel beginnen, Farbe anzunehmen. Jetzt, im Hochsommer, ist der Lavendel voll aufgeblüht, und auch die Wilde Möhre öffnet ihre Dolden. Wo Linden stehen, verbreitet sich ein süßer Duft: Sie blühen. Die Sonne hat viel Kraft. Es ist heiß, Zeit für Liegestuhl und Planschbecken. Der Garten scheint jetzt auf dem Höhepunkt zu sein mit seinen Rosen, Erdbeeren und vielversprechend rankenden Bohnen. Doch ist hier, für menschliche Augen verborgen – oder übersehen, da ungeahnt – noch viel mehr Leben, zwischen den Pflanzen und in der Erde.

In manchen Beeten blüht jetzt, intensiv gelb, der Gilbweiderich. Mal wird er geliebt, mal gar nicht gerne gesehen. Denn die Pflanze vermehrt sich von alleine und macht sich breit. Das kann ein Fluch sein, wenn im Garten Zartes steht, das sich nicht gerne von Durchsetzungsstarkem bedrängen lässt. Ein Segen ist der Gilbweiderich allerdings für manche Insekten wie die Schenkelbienen. Zwar produziert die Pflanze keinen Nektar, bietet aber, was außergewöhnlich ist, an ihren Staubblättern außer den Pollen auch Öl an. Das benötigen diese Bienen. Sie nisten sehr verborgen unter der Erde und stellen aus den mit Öl vermengten Pollenkörnchen, die an den Beinen abtransportiert werden, kleine Proviantballen her. Von diesen ernähren sie die Larven. Das Öl verwenden sie möglicherweise auch dazu, um die Brutzelle gegen Wasser abzudichten.

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Von einer Biene, die ihr Nest baut

Am Wollziest sind an Hochsommertagen andere Tiere zu beobachten. Schwarz-gelbe Insekten, die von der Zeichnung entfernt Wespen ähneln, fliegen zwischen den Blütenständen umher: Große Wollbienen. Kommen sie sich in die Quere, wird auch schon mal geschubst. Wollbienenmännchen bewachen ihr Territorium. Diese Solitärbienen – sie gründen keinen Staat – fliegen auf Pflanzen mit weichem, behaartem Laub, denn sie benötigen die Fasern, um ihr Nest zu bauen. Nicht nur der Wollziest, sondern auch Kranz-Lichtnelken sowie Quitten gehören dazu. Das Weibchen schabt die feinen Haare vom Laub dieser Pflanzen ab, formt sie zu einer Wollkugel und transportiert sie an einen sicheren Ort, eine Ritze, Spalte oder einen Hohlraum. Dort baut sie ein Nest daraus. Den Nektar und Pollen holen sie ebenfalls von Pflanzen wie diversen Ziest-Arten, aber auch Silberraute, oder Ysop. Männchen verteidigen diese Pflanzen gegen andere Insekten, die sie in der Luft attackieren.

Der Wollziest versorgt die Wollbiene mit Fasern.
Der Wollziest versorgt die Wollbiene mit Fasern. Bild: mauritius images / Flowerphotos

Ebenfalls am warmen, sonnigen Platz wächst der Wiesensalbei. Tief in seinen blauen Lippenblüten sitzt der Nektar, der für Fliegen und Bienen schwer zu erreichen ist. Hummeln dagegen haben einen Rüssel, der hineinreicht. Damit sie aber auch genügend Pollen mitnehmen, um andere Pflanzen zu bestäuben, hat sich beim Wiesensalbei eine ganz spezielle Technik herausgebildet: Kriecht die Hummel in die Blüte, so drückt sie mit ihrem Kopf gegen die Staubblätter, die ihr den Eingang versperren. Die anderen Enden der Staubblätter ragen, halbrund gebogen, aus der Blüte hinaus. Durch einen Mechanismus werden nun diese Enden, die den Pollen enthalten, gegen den Rücken der Hummel gedrückt. Dort bleibt der Pollen kleben und wird zur nächsten Blüte transportiert. Ist diese schon länger geöffnet, kann sie befruchtet werden. Dann drücken sich nicht mehr die Staubblätter gegen den Rücken des Bestäubers, sondern die Narbe, die den Pollen vom Rücken der Hummel aufnimmt.

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Ameisen pflegen gerne Beziehungen zu anderen Insekten

In Gärten, in denen der Große Wiesenknopf wächst, lassen sich mit Glück der Helle oder Dunkle Wiesenknopf-Bläuling beobachten – blau schimmernde Falter. Zusammengeklappte Flügel sind bräunlich und tragen schwarze Flecken mit einer feinen weißen Umrandung. Wiesenknopf-Ameisenbläulinge haben ein ungewöhnliches Leben. Ein Falter, der jetzt fliegt, hat sein Dasein im vergangenen Sommer auf einer roten Wiesenknopf-Blüte begonnen. Dort ist er als Raupe aus einem Ei geschlüpft. Er hat sich von den winzigen Blütenblättern und den angelegten Samen ernährt. Nach einigen Häutungen hat er sich zu Boden fallen lassen, um in sein Winterquartier zu gelangen: den Bau der Roten Gartenameisen.

Ameisen pflegen gerne Beziehungen zu anderen Insekten, etwa den Blattläusen, von deren Honigtau sie profitieren. Mit dem Bläuling gehen sie allerdings ein Risiko ein. Seine Raupe imitiert den Geruch der Ameisen, so dass diese sich seiner annehmen und ihn in ihr Nest tragen. Dort lässt sich die Raupe über den Winter bringen und von den Ameisen pflegen, die im Gegenzug ein süßes Sekret bekommen. Nebenbei frisst sie aber, wenn ihr die Verpflegung nicht ausreicht, auch Hunderte von Ameisenlarven, ehe sie sich verpuppt. Brenzlig wird es für den Schmetterling erst, wenn er im Sommer als Falter schlüpft. Dann muss er ganz schnell sein, sonst erkennen die Ameisen in ihm plötzlich einen unbekannten Räuber, dessen Tarnung aufgeflogen ist. Dann behandeln sie ihn eher als Futter denn als Gast. Nur eine Woche oder ein paar Tage länger fliegen die Wiesenknopf-Ameisenbläulinge, in dieser Zeit paaren sie sich, und die Weibchen legen Eier an die Blüten. In wenigen Wochen schlüpfen die Raupen, die dann den Weg zu den Ameisen antreten. Wenn sie Pech haben, fallen sie allerdings einem Parasiten zum Opfer, einer Schlupfwespenart: Dieses Insekt injiziert ein Ei in die Raupe, die auf der Blüte sitzt und der schlüpfenden Larve als Nahrung dient. Da ihre Futterpflanze in der Natur selten geworden ist, gelten die Wiesenknopf-Ameisenbläulinge als gefährdet. Glücklicherweise ist die Staude so dekorativ, dass sie gerne in den Garten geholt wird.

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Ist der Schmetterlingsflieder wirklich ein Gewinn

Stachelig hochgeschossen ist in den vergangenen Wochen die Wilde Karde. An Weg- und Waldrändern wird sie wegen ihrer markanten Struktur geschätzt, ist aber immer öfter auch in Gärten zu sehen. Nach Regen besitzt diese Pflanze ihren eigenen Wasservorrat. Die langen, spitzen Blätter bilden, wo sie am Stiel ansetzen, eine Vertiefung. Hier entstehen bei Regen richtige kleine Tümpel, etwa so groß wie Eierbecher. Vögel trinken daraus, es landen Blütenblättchen darin, zum Beispiel vom Storchschnabel. Hin und wieder ertrinken aber auch Insekten in der Flüssigkeit. Welchen Nutzen die Karde von diesem Wasservorrat hat, ist noch nicht genau geklärt. Möglicherweise nutzt die Pflanze den Stickstoff, den sie aus den verwesenden Insekten zieht. Karden mit vielen gut gefüllten Wasserbecken sollen mehr Samen ausbilden als andere.

Was wäre der Wiesenknopf-Amseisenbläuling ohne, genau, den Wiesenknopf?
Was wäre der Wiesenknopf-Amseisenbläuling ohne, genau, den Wiesenknopf? Bild: Picture-Alliance

Zu den am üppigsten blühenden Gehölzen gehört jetzt der Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii). Mit seinem Namensvetter, dem Flieder (Syringa), ist er nicht verwandt, denn der ist ein Ölbaumgewächs, das in Südosteuropa und Asien heimisch ist. Der Schmetterlingsflieder dagegen gehört zu den Braunwurzgewächsen und stammt ursprünglich aus China und Tibet, ehe er als Zierpflanze nach Europa geholt wurde. Seine langen, violetten Blütenrispen ziehen viele Insekten an, vor allem Schmetterlinge. Bei Umweltschützern ist die Pflanze umstritten, denn sie gilt als potentiell invasiv. Der Schmetterlingsflieder breitet sich schnell aus und kann andere Pflanzen verdrängen. Gerne wächst er aber auch auf Brachen, keimt in Ritzen und sogar Mauerwerk von Gebäuden. Auch im Garten ist das Gehölz beliebt. Die hiesigen Tiere schätzen es allerdings nur wegen des Nektars, für Raupen scheint das Laub nicht interessant zu sein. Mancherorts lässt sich aber das Taubenschwänzchen am Schmetterlingsflieder blicken. Der Schwärmer, der an einen Kolibri erinnert, fliegt aus Afrika ein, um bei uns den Sommer zu verbringen. Mehr als 3000 Kilometer können die kleinen Tiere zurücklegen. Mit ihrem langen Saugrüssel trinken sie Nektar in vielerlei Blüten, auch am Labkraut, Rittersporn und Phlox. Finden sie gute Bedingungen vor, vermehren sie sich auch hier. Einige Tiere überwintern in warmen Regionen, andere kehren wohl in die Heimat zurück.

Eine auffällig bunte Zeichnung hat der Distelfalter, der auch gerne auf dem Schmetterlingsflieder sitzt. Er fliegt ebenfalls aus dem Süden ein und ist ab dem Frühsommer zu sehen, er pflanzt sich bei uns fort. Die Raupen fressen mit Vorliebe an Disteln, aber auch an Gemüsepflanzen wie Kürbissen. Einen Rückweg treten die Distelfalter nicht an, sie sterben, wenn es kälter wird. Auch der Admiral ist häufig am Schmetterlingsflieder zu finden, später im Jahr auf Fetthennen und am Efeu. Der Admiral ist ebenfalls Wanderfalter, der aber inzwischen - vermutlich wegen des milderen Klimas - durchgängig in Deutschland vorkommt. Viele der Falter ziehen im Sommer nach Norden und kehren im Herbst zum Überwintern ins südliche Deutschland zurück, wo sie überwintern.

Noch scheint der Sommer gerade erst richtig begonnen zu haben. Aber es dauert nicht mehr lang, bis die ersten Zwetschgen reif werden – ein erstes Anzeichen, dass der Spätsommer anbricht. Dann blühen Herbstanemonen und Goldruten auf, die Beeren der Ebereschen röten sich, und im Garten wird es allmählich ruhiger.

Auszug aus „Das Grüne Wunder. Das geheime Zusammenspiel der Tier- und Pflanzenwelt im Garten entdecken“
von Ina Sperl. Gräfe und Unzer, Juli 2019

Quelle: F.A.S.
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