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Keine Winterruhe für Pflanzen

Ein Hauch von Frühling

Von Ina Sperl
 - 22:58
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Der Rosenstrauch blüht. Nicht nur eine vereinzelte Knospe, die sich öffnet, nein, zehn, fünfzehn zartrosa Blüten hat 'Marie Pavié'. Weit sichtbar sind sie und bilden einen interessanten Kontrast zu den kahlen, dornigen Zweigen einer benachbarten Berberitze. Sie wirken aus der Zeit gefallen, immerhin ist Januar. Zugegeben, das Klima hier im Arboretum Park Härle in Bonn ist mild, wie überall im Rheinland. Doch dieser Winter ist ungewöhnlich. Nicht nur der Dezember war wärmer als üblich - um 1,5 Grad verglichen mit dem Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre. Der Januar, laut Deutschem Wetterdienst im langjährigen Mittel knapp ein halbes Grad über null, lag diesmal im Durchschnitt bei 3,8 Grad - der sechstwärmste Januar seit 1881. So etwas merken auch die Pflanzen. Eigentlich begeben sie sich in Winterruhe, fahren ihren Stoffwechsel herunter. Wird es nicht kalt genug, geht das Wachstum weiter. Vier Wochen früher als sonst ist die Natur dran, hat Michael Dreisvogt beobachtet, der das Arboretum leitet.

So liegt im Park Härle im Januar schon ein Hauch von Frühling in der Luft. Eigentlich erwarten Besucher in dieser Jahreszeit in Bonn-Oberkassel tief schlafende Knospen, vielleicht ein paar Blüten der Zaubernuss und erste grüne Spitzen von Frühjahrsblühern. Doch ein Tag Schnee im Dezember macht noch keinen Winter, und so hat die Natur in den vergangenen Wochen so gut wie gar nicht geruht. Viele Pflanzen gedeihen munter. Wo es im eigenen Garten vor allem bei Unerwünschtem auffällt, bei kriechendem Hahnenfuß und Grasbüscheln im Gemüsebeet, lässt sich im Arboretum Härle aus dem Vollen schöpfen. Hier wachsen auf 4,7 Hektar immerhin 2500 Spezies.

Immer der Nase nach

Im Parkgelände mit seinen geharkten Kieswegen, zwischen Staudenbeeten und stattlichen Gehölzen, geht es immer der Nase nach: Zartsüßen Geruch verbreitet die Mahonie, deutlich stärkeren die Chinesische Winterblüte (Chimonanthus). Ihre Glöckchen - je nach Art und Sorte gelblich oder cremefarben mit dunkelrotem Zentrum - verströmen Duft, intensiv wie Flieder. Betörend ist auch Sarcococca, die Fleischbeere: Ein einziger Zweig in der Vase reicht aus, um eine ganze Wohnung zu aromatisieren. Bis zu acht Meter weit trägt auch der Duft der Edgeworthia papyrifera, des Japanischen Papierbuschs, aus dessen Rinde in Asien Papier hergestellt wird. Die gelben Blüten haben sich im warmen Januar binnen weniger Tage geöffnet und riechen deutlich intensiver als in kühleren Wintern.

Im dunklen Grün fallen leuchtend bunte Blüten auf. Eine Higo-Kamelie hat ihre rosaroten Blütenblätter entfaltet, in deren Mitte goldgelbe Staubfäden wie ein Eidotter sitzen. Für die Kamelie ist das ein etwas gewagtes Spiel: Die vergleichsweise warmen Temperaturen haben den Frühling vorgegaukelt. Käme jetzt ein Frost, würden die offenen Blüten erfrieren. Das wäre aber ein kleiner Verlust gegenüber der Chance, schon durch eine Biene bestäubt zu werden. Immerhin sind noch Hunderte geschlossener Knospen sicher verpackt. Die Kamelie hat sie, wie viele andere Gehölze auch, schon im Herbst angelegt.

Bei den Kletterhortensien grünen die Knospen bereits deutlich. Die großen am Ende der holzigen Triebe beherbergen die Blüten, die kleineren, unscheinbaren die Blätter der neuen Saison. Auch bei den Strauchpfingstrosen ist im Inneren der fest umschlossenen Knospen schon alles vorhanden, was sie für das Wachstum von 15 bis 20 Zentimetern benötigen. Der Salzgehalt darin ist hoch, so dass den Zellen Frost nichts anhaben kann. Werden die Tage wärmer und heller, pumpt die Pflanze Wasser hinein, dadurch entfalten sie sich. Die Knospen schwellen an, bis sie schließlich aufplatzen. Das geschieht nach und nach, so dass ein eventueller Spätfrost nicht alle auf einmal erwischt.

An heimische Gefilde angepasst

Doch Pflanzen sind an die Umgebung angepasst, aus der sie stammen. Die Sibirische Tanne (Abies sibirica) hält Temperaturen von minus 50 Grad aus. Da solche Minusgrade im Rheinland nicht vorkommen, läge es nahe, dass die Tanne zum Beispiel im Arboretum Härle ohne Probleme wachsen kann. Was sie jedoch nicht verträgt, sind späte Kälteeinbrüche. Die gibt es in ihrer sibirischen Heimat nicht, sie würden junge Triebe zum Absterben bringen.

Dass es bisher keinen nennenswerten Frost gab, zeigt sich an den Farnen, die unter den hohen Bäumen wachsen. Sie bilden im Herbst Kronen mit neuen Wedeln, die sich im Frühling langsam ausrollen. Ihr Laub wird normalerweise unansehnlich und vergeht, da Eiseskälte die Zellen absterben lässt. Jetzt sehen die Farne eigentlich noch aus wie im Spätsommer, was ihnen allerdings nichts ausmacht.

Ungünstig ist das milde Klima dagegen für den Echten Lavendel (Lavandula angustifolia), der im neuen Teil des Parks wächst. Er mag es eher sonnig-eisig als feucht-grau, Nässe macht ihn anfällig für Pilze. Fetthennen, die ebenfalls in den Beeten stehen, entwickeln sich üblicherweise kaum merklich weiter, doch haben sie schon ansehnliche Blätter bekommen, in denen sich Tropfen sammeln.

In der Nachbarschaft, unter hohen Bäumen, sind zahlreiche grüne Triebspitzen zu sehen. Funkien schauen aus der Erde, nur ein paar Zentimeter hoch sind sie, kaum vorstellbar, dass sie in ein paar Wochen ihre großen Blätter entfalten. Ähnlich ist es mit den glatten, roten Kappen, die in einem anderen Beet stehen, aus ihnen werden einmal Stauden-Pfingstrosen. Sie schieben sich zusammengefaltet aus dem Boden, richten sich dann auf, bis im Mai eine stattliche Pflanze daraus geworden ist.

Doch nicht alle Gewächse haben Zeit, mehrere Monate auf die Blüte zu warten. Schließlich geht es darum, sich erfolgreich zu vermehren, und dazu gibt es viele Möglichkeiten und Nischen. Die Haselnuss etwa blüht besonders früh, ihre gelben Kätzchen hängen seit Dezember an den Zweigen. Kiefern produzieren sogar vor: Ihre Zapfen haben einen aufwendigen holzigen Aufbau, den der Baum nicht innerhalb eines Jahres hervorbringen kann. So reifen die Zapfen über zwei Jahre heran, um dann binnen eines Sommers Samen zu produzieren.

Bei Frost könnten die Triebe absterben

Geophyten wiederum, Pflanzen mit Knollen, Zwiebeln oder Rhizomen, halten unterirdisch alles bereit, um bei warmen, feuchten Verhältnissen schnell reagieren zu können. Krokusse, Narzissen, Tulpen, aber auch das Vorfrühlings-Alpenveilchen (Cyclamen coum) blühen möglichst zeitig, um wenig Konkurrenz zu haben. Natürlich gibt es Ausnahmen. Die Herbstzeitlose nutzt den September und Oktober, dann überwintert sie. Im Park Härle gucken die Triebe schon als grüne Kegel aus der Erde - gefährlich weit in diesem Jahr, denn würde es stark frieren, könnten sie absterben.

Geht alles gut, tanken sie im Frühjahr Energie über ihr Laub, das im Sommer verschwindet. Ähnlich macht es der heimische Aronstab (Arum maculatum). Er kommt derzeit zögerlich aus der Erde, um im April zu blühen, im Herbst bildet er dann die charakteristischen orangeroten Beeren. Sein Verwandter aus mediterranen Ländern, der Arum italicum, prunkt dagegen seit Monaten mit seinen langen, silberfarben gemusterten Blättern. Denn sein Lebensrhythmus ist ein anderer. Wo er herkommt, ist der Sommer trocken, unser Herbst ist sein Frühling: Er treibt schon im Oktober aus, wächst den Winter über einfach weiter, zumindest im Bonner Klima. Doch selbst in dieser Jahreszeit gibt es Schädlinge, die der Pflanze zu schaffen machen. An einigen Blättern finden sich Fraßspuren. Sie stammen von nachtaktiven Raupen eines Eulenfalters, die sich nur schwer erwischen lassen, da sie tagsüber im Boden schlafen.

Ihre beste Zeit in den warmen Wochen haben aber die Schneeglöckchen. Während das Gartenschneeglöckchen (Galanthus nivalis) sich, wie es seine Art ist, Zeit lässt, stehen einige Sorten längst mitten in der Blüte. Schon im Oktober und November aufgeblüht ist das Galanthus reginae-olgae, eine Art aus dem mediterranen Raum. Es macht sich die späte Jahreszeit ähnlich wie die Herbstzeitlose zunutze. Andere, wie die Galanthus-elwesii-Hybride 'Fieldgate Prelude' blühen in Oberkassel seit der Weihnachtszeit. Besonders prächtig und gut doppelt so groß wie das Garten-Schneeglöckchen ist 'Mrs. Macnamara', ebenfalls eine Galanthus-elwesii-Hybride mit Blüten, die bis zu vier Zentimeter groß werden. Nieselregen macht ihnen ebenso wenig aus wie ein heftiger Graupelschauer. Bei Schnee legen sie sich hin, um sich danach wieder aufzurichten. Käme aber noch einmal ein plötzlicher Wintereinbruch mit schnell und stark sinkenden Temperaturen, würde Michael Dreisvogt, passionierter Sammler, seine Schneeglöckchen-Schätze mit umgestülpten Töpfen schützen. Denn wenn Frost ihr Gewebe zerstört, können Pilze eindringen und die Pflanze schädigen.

Ein ganz anderes Problem verursachen die milden Monate bei der Schneeglöckchenwiese im alten Gartenteil des Arboretum Härle. Hier hat das Gras einfach nicht aufgehört zu wachsen. Mähen ist nur bis Ende November möglich, um die kleinen Zwiebelblumen nicht zu stören. So sind die weißen Glöckchen nun tief zwischen den Halmen verborgen. Und ihre Pracht ist nur zu erahnen.

Quelle: F.A.S.
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