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Von Japan lernen

Warum Moos dem Garten gut steht

Von Christa Hasselhorst
 - 11:56
Der Saiho-ji-Tempel ist auch als Kokedera-Tempel, also Moos-Tempel, bekannt.zur Bildergalerie

Wir Gartenmenschen sind widersprüchliche Wesen. Beim Waldspaziergang bewundern wir mit Moos bedeckte Baumrinden und Wurzeln, Felsen und Steine, die malerische Aura samtgrüner Teppiche. Wenn das samtige Polster Gartenmauer, Steinquader, Trog oder eine Skulptur ummantelt, sprechen wir von „Patina“. Wie romantisch. Im eigenen Garten dagegen rücken wir den grünen Gewächsen mit Chemie zu Leibe, vernichten sie im sakrosankten Rasen und schrubben sie aus sämtlichen Fugen des Plattenweges. Warum eigentlich?

Es gibt gute Gründe, Moos im Garten nicht nur zu dulden, sondern anzusiedeln. Moose sind schon ästhetisch eine Bereicherung. Größere Partien dieses winzigen Schattengewächses vermitteln eine beruhigende, geradezu meditative Atmosphäre. Zu bewundern vor allem in Japan, dem Land der Moosgärten. Dort ist das flauschige fossile Pflänzchen seit vielen Jahrhunderten traditionell ein kostbares und aufwendig gepflegtes Gestaltungsmittel, Moosgärten gelten als höchste Stufe der Gartenkultur.

In den alten Tempelgärten in Kyoto überwältigen gigantische monochrome Polster mit magischen Szenerien. Im wohl berühmtesten Moosgarten der Welt, im „Saiho-ji“-Garten aus dem 14. Jahrhundert, gedeihen auf 35.000 Quadratmetern rund 120 verschiedene Moose, darunter viele Arten Weißmoos (Leucobryum glaucum).

Sehenswert sind auch die Gärten der Tofuku-ji-Tempel-Anlage: Im Sokushin-Garten dürfen Besucher im Herbst die Moosfelder bewundern. Und im Nord-Garten fasziniert der schachbrettartige angelegte Moosgarten von Japans großem Gartenkünstler des 20. Jahrhunderts, Mirei Shigemori, der mit diesem Werk eine Revolution auslöste. Oft wird in der japanischen Gartenkultur spezielles Moos als Ornament an Steinen eingesetzt. Das Weiche vereint sich mit dem Harten. Dieser symbolbeladene Dialog der Natur wird sogar in Japans Nationalhymne besungen: „Bis ein Steinchen zum Felsen wird, an dem Moos wächst“.

In Zeiten von Klimawandel, Waldbaden und neuer Naturliebe rückt die Miniatur-Schönheit auch in der westlichen Welt wieder mehr ins Bewusstsein. Die amerikanische Naturforscherin und aktuelle Bestseller-Autorin Sy Montgomery („Einfach Mensch sein“) geriet auf einer Expedition durch Papua-Neuguinea angesichts uralter hoher Bäume ins Schwärmen, die sie mit gutartigen Hexenmeistern mit Bärten aus Moos verglich.

Montgomery zitierte den britischen Kunsthistoriker und Mitglied der Arts-and-Crafts-Bewegung John Ruskin (1819 bis 1900), der die unscheinbaren urzeitlichen Moose „die erste Segnung der Erde“ genannt hatte. Ruskin verwies damit auf die lange Geschichte dieser winzige Sporenpflanzen, die sich vor etwa 400 bis 450 Millionen Jahren aus Grünalgen entwickelt hatten. Aktuell sprechen Wissenschaftler von rund 16.000 bekannten Arten, die sich in drei Hauptgruppen unterteilen, Horn-, Laub- und Lebermoose. Jenseits komplizierter botanischer Gruppierung sind allein viele Namen wie aus dem Märchenbuch: Schönschnabelmoos, Großer Runzelbruder, Rauhes Kurzbüchsenmoos, Schönes Frauenhaarmoos oder Echtes Goldmoos.

Nicht kaputtzukriegen

Im nordrhein-westfälischen Mülheim hat Linda Zimmermann in ihrem parkartigen Garten eine Partie dem Moos gewidmet. „Schon als Kind beim Waldspaziergang fand ich Moos verführerisch.“ Heute ist diese Moos-Ecke ihr Lieblingsplatz: „Er strahlt kontemplative Ruhe aus, besitzt eine liebenswerte Atmosphäre und kühlere Temperatur.“

Aus ihrem angrenzenden Waldgarten entnahm sie aus den entlegensten Ecken zwei Arten Widertonmoos (Polytrichum commune/formosa) „das schenkt schwellende Hügel“, Rotstengelmoos (Pleurozium schreberi), Ordenskissenmoos, auch bekannt als Echtes Weißmoos (Leucobryum glaucum). Sie fügte einige Farne hinzu, setzte Schneeglöckchen – „die tun es erstaunlich gut im Moos, vielleicht wegen seiner antibakteriellen Wirkung“ – und Hunds-Zahnlilie (Erythronium) hinein, „alles sehr sparsam, um die schöne Wirkung des Mooses zu erhalten“.

Die wird gefördert durch sanftes Dämmerlicht. Gerahmt von Rhododendren, spenden innen asiatische Gehölze wie Japanische Ahorne, Scheinkamelie (Stewartie), Radbaum (Trochodendron aralioides) und der mediterrane Storaxbaum (Styrax officinalis) ein gefiltertes lichtes Blätterdach. Das markanteste am Moos ist für Linda Zimmermann, die den Moosgarten aus rein ästhetischen Gründen schuf: „Es ist unglaublich widerstandsfähig, nicht kaputtzukriegen, selbst nach größter Trockenheit wird es mit wenig Feuchtigkeit sofort wieder lebendig und rasant grün.“

Saurer Boden ist gut

Auch in Rastede in Niedersachsen hat die Bildhauerin Sibylle Stautz den Genius loci ihres schattigen Waldgartens genutzt. Dort gedeihen nun silbergrünes Bäumchenmoos (Thamnobryum), hell- oder olivgrünes Tamarisken-Thujamoos (Thuidium tamariscinum), gelbgrün dichtgefiedertes Federmoos (Ptilium crista-crastensis), sattgrün Steifblättriges Gabelzahnmoos (Dicranum tauricum) und das dichte Polster bildende weiß-grüne Weißmoos (Leucobryum glaucum). „Das Farbspiel der Grüntöne bei Licht und Schatten ist so sinnlich und faszinierend.“

Ihr Plädoyer für die graziösen grünen Winzlinge: „Moose sind einfach in ihrer Art, werden kaum wahrgenommen, doch sie sind von unglaublichem Zauber, in Formenvielfalt und Charakter sehr unterschiedlich.“ Ausladende sattgrüne Polster und mikrokleine Hügelchen verbreiten in ihrem Garten eine verwunschene Stimmung, schmiegen sich in einen Boden aus feingehäckselter Pinienrinde.

„Saurer Boden ist gut, Mutterboden und Dünger sind schlecht“, ist ihre Erfahrung. Und wenn es im Sommer zu heiß wird, erfrischt sie die Moose per Gießkanne mit einer sanften Dusche Regenwasser, „bloss kein kalkhaltiges Wasser, das bringt den Exitus“, warnt die Gartenbesitzerin. Weitere Pflege brauche es nicht, nur aufliegendes Laub solle entfernt werden.

Unter Naturschutz

Auch Stautz kombiniert Moos mit Farnen und schwarzem Schlangenbartgras (Ophiopogon planiscapus niger). Das erzeuge einen frappierend geheimnisvollen Effekt. „Durch Schwarz bekommt das ruhige, ebenmäßige Moos eine ganz andere Präsenz.“ Ihre Favoritin ist das Frauenhaarmoos (Polytrichum formosum), es wächst in den Wäldern vor ihrer Haustür.

Doch Vorsicht, nur wenige Moose dürfen für den privaten Gebrauch, sehr behutsam, aus dem Wald entnommen werden. Der Rat von Moos-Maniac Doktor Martin Hellbach, der über die geheimnisvollen Sporenpflanzen promovierte: „Außerhalb von Schutzgebieten können häufige Arten wie das Schöne Frauenhaarmoos oder das Bäumchenmoos (Climacium dendroides) in kleinen Mengen gesammelt werden.“ Nach der aktuellen Bundesartenschutzverordnung stehen die Moosgattungen Hylocomium, Leucobryum und Sphagnum unter Naturschutz. Also am besten mit Bestimmungsbuch und Lupe auf die Moos-Pirsch! Oder Moos bestellen.

Zahlreiche Fuktionen

Hellbach erläutert, warum es nicht nur aus ästhetischen Gründen sinnvoll ist, selbst im kleinen Garten Moos anzusiedeln: „Aus ökologischer Sicht übernehmen Moose eine Vielzahl von Funktionen im Lebensraum Garten.“ Sie könnten große Mengen an Wasser nach dem Regen speichern, zurückhalten und für ihre Umwelt wieder verfügbar machen. Dies wirke kühlend auf die Umgebung. Zudem seien sie in der Lage, die negativen Auswirkungen extremer Wetterlagen abzumildern.

Hinzu komme, dass Moose als Baumaterial für Hummeln, Vögel und kleine Säugetiere wie Igel dienten. Überdies seien die Pflanzen resistent gegen Bakterien und Pilzbefall. Und Hellmann nennt noch einen Vorzug: „Moose werden von zahlreichen Kleinstlebewesen besiedelt, die weit am Anfang der Nahrungskette eine wichtige Grundlage für unsere Ökosysteme darstellen. Wenn wir uns das bewusstmachen, könnte es in Zeiten von Klimawandel und Artensterben für eine breitere Akzeptanz dieser kleinen grünen Pflanzen im Garten sorgen.“

Mehr zum Thema

Für Einsteiger in die Materie eignet sich das neue Buch „Der Moosgarten“ von Michael Altmoos (Pala Verlag), ebenso Jan-Peter Frahms „Moose. Eine Einführung“ (Weissdorn-Verlag). Für Moos-Liebhaber: „Mosses of Europe“ von Michael Lüth oder „The magical world of moss gardening“ von Annie Martin. Um Moosgärten zu sehen, muss man nicht unbedingt nach Japan reisen, wo „Moss watching“ der neueste Hype ist. In Deutschland etwa gibt es den Moosgarten „Nahe der Natur“ im rheinland-pfälzischen Staudernheim (www.nahe-natur.com). Zudem präsentieren etliche botanische Gärten wie in Berlin und Tübingen Moose aus aller Welt, und im Teutoburger Wald lockt Deutschlands einziger öffentlicher Moos-Erlebnispfad. Mehr Infos zur Bryologie (Mooskunde) bietet ferner die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa .

Quelle: F.A.S.
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