Exotische Pflanzen

Tausendsassa für Euphorbien

Von Jens Haentzschel
26.02.2021
, 09:53
Der Thailänder Santiporn Sangchai gilt als begnadeter Züchter von Wolfsmilchgewächsen. Dabei ist der ehemalige Rocksänger und Modedesigner ein Autodidakt.

Noch sieht man wenig, aber echte Kenner haben schon ein erstes Grundgefühl. Santiporn Sangchai ist so ein Mann mit Erfahrung und Kenntnis. Er beugt sich andächtig vor, schaut auf die jungen Pflanzen in den Töpfen und wägt ab. Hier und da huscht ihm ein zartes Lächeln übers Gesicht. Einige der Pflanzen werden es nicht schaffen, andere haben indes große Chancen unter Sammlern, weil die Farbe besonders ist, die Form ausgefallen oder beides einfach vollendet harmonisiert. Die Sorte ’Batman‘ hat so etwas Perfektes. Tiefdunkle Blätter und kompakt eleganter Wuchs. Oder die Sorte ’Pinky‘ in einem betörend schönen matt-antiken Rosé als Farbton. Laura Ashley hätte ihre Freude gehabt.

Der Thailänder Santiporn Sangchai hat als Züchter einiges erreicht und weiß dennoch, dass bei all seinem Ausprobieren die Natur den Takt vorgibt. Das züchterische Gleis teilt sich in Unzufriedenheit und Begeisterung. Nichts ist vorhersehbar, auch wenn seine Erfahrung ihn immer wieder vor allzu großer Enttäuschung schützt. Am wohlsten fühlt er sich zwischen den Tischreihen mit seinen Euphorbien, Kakteen und Sukkulenten, die sich von der Masse abheben und Züchterstolz bedeuten. „Meine ersten Lieblingspflanzen waren Tillandsien und Bromelien. Die erste Pflanze, mit der ich wirklich Geld verdient habe, war eine kleine Huperzia ’Lycopodium‘ nummulariifolia. Ich hatte sie damals für knapp 300 Baht (etwa 8,25 Euro) gekauft. Nach einem Jahr intensiver Pflege verkaufte ich das Exemplar als prächtigen Busch für 4000 Baht (rund 110 Euro)“, erzählt Santiporn Sangchai.

Jede Pflanze ist einzigartig

Ein Anfang war gemacht. Dann merkte er schnell, dass er Talent für Pflanzen hat. Also mietete er 2007 in der Nonthaburi-Provinz im Westen Bangkoks ein Gelände, auf dem sich bis heute seine Gärtnerei befindet. Vier Jahre später schien der Traum bereits ausgeträumt. Ein großes Hochwasser setzte ganze Landstriche und auch seine Gärtnerei komplett unter Wasser. Es folgte ein Neustart, doch die Gefahr von Überschwemmungen schwebt bis heute wie ein Damoklesschwert über dem Ort. Doch Santiporn Sangchai ist kein Mann, der aufgibt. Nicht nur in seiner Heimat ist der immer jugendlich wirkende Züchter ein Star in der Euphorbien-Szene. Er gilt als einer der innovativsten Züchter, der vor allem der Gattung Euphorbia francoisii neuen Schwung gebracht hat. Einer seiner Favoriten ist die Sorte ’The Great‘, die tiefschwarze Blätter mit hellgrünen Blüten kombiniert. Seine vielen Fans erlauben sich gern den Hinweis, er habe die Gattung wiederbelebt und mit seinen Züchtungen in ein neues Universum katapultiert. Was durch seine Hände geht, begeistert Juroren und all jene Sammler, die das Außergewöhnliche suchen. Als Gärtner fühlt er sich angekommen und sehr wohl, was auch daran liegt, dass er seine persönliche Pflanzenkultur gefunden hat und nicht ein Sammelsurium an Gattungen in seiner Gärtnerei anbieten muss.

Die Euphorbia francoisii stammt eigentlich aus dem Südwesten Madagaskars. Nur eine Handvoll natürliche Lebensräume sind bekannt. Die eher kleinwüchsige Pflanze ist deshalb stark gefährdet. Auf der Roten Liste trägt sie die Kategorie „CR“ für „critically endangered“ – vom Aussterben bedroht. Die ersten Arten vom Urstandort hatten feingliedrige und eher länglich-schmale, meist grüne Blätter. Euphorbia francoisii var. crassicaulis rubrifolia war eine spätere Züchtung, die sich schon deutlich von ihrem feinblättrigen Vorläufer unterscheidet und ziemlich deutlich zeigt, was alles bei Kreuzungen möglich ist. Sie hat rot gemusterte eher breite Blätter mit auffälligen Äderungen. Als Färbungen kommen verschiedene Schattierungen von grün, braun, rosa und violett vor. Die in den vergangenen Jahren gezüchtete Vielfalt ist faszinierend. Selbst die Blattformen variieren stark zwischen den einzelnen Individuen.

Für seine extravaganten Züchtungen und innovativen Ideen wird Santiporn Sangchai in vielen anderen asiatischen Ländern bewundert und verehrt. „From zero to hero“ ist das Fazit seiner Follower, die ihm auf seinem eigenen Youtube-Kanal ebenso folgen wie auf Facebook oder Instagram. So modern er virtuell unterwegs ist, so leidenschaftlich verkauft er seine Pflanzen auch persönlich zweimal in der Woche auf dem berühmtesten Blumenmarkt Bangkoks. Auf dem Chatuchak Market hat er einen Shop und den direktesten Kontakt zu Sammlern, Kollegen oder Händlern. Der quirlige Basar ist ein buntes Wunderland für Pflanzenaficionados, zudem eine perfekte Testfläche und idealer Showroom, um neue Hybriden auf den Markt zu bringen. Jüngst wurde er dort von einer Amerikanerin besucht, die nach dem Treffen gleich mehrere Dutzend Pflanzen bestellte, denn er verschickt weltweit mit entsprechenden Genehmigungen.

Dabei wurde ihm das botanische Gen nicht in die Wiege gelegt. Er ist Autodidakt, und wer sich etwas mit seiner Person beschäftigt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Er ist eine schillernde Persönlichkeit, wird von seiner Frau Warita Sinthuyont gern als „Mann mit den hundert Karrieren“ bezeichnet. Der 1966 geborene Sangchai hätte am liebsten für Walt Disney Comics gezeichnet. Talent hat er, aber als er beim Bewerbungsgespräch mitbekam, dass er umgerechnet nur knapp 120 Dollar pro Monat in Thailand verdienen sollte, kam er am zweiten Tag erst gar nicht wieder, sondern arbeitete fortan mit großem Erfolg als T-Shirt-Desi­gner und baute eine eigene kleine Marke auf. Nebenbei gründete er mit Freunden eine Heavy-Metal-Band namens Angel und tourte durchs ganze Land. Nach der Wirtschaftskrise Ende der neunziger Jahre, die auch Thailand stark zusetzte, widmete er sich dem Design von Schmuck, bis er Anfang 2004 merkte, dass Schnelllebigkeit und Belastung im Alltagsjob bei ihm Spuren hinterließen. Also bremste sich der Tausendsassa selbst und setzte auf Ruhe, in der er sich an eine andere Zeit in seinem Leben erinnerte, als er Schlangen und Krokodile verkaufte und Terrarien einrichtete.. Pflanzen kamen ihm in den Sinn, mehr noch die Entschleunigung beim Dekorieren der kleinen Schätze in den Terrarien.

„Seine Entwicklung als Pflanzenzüchter ist rasant verlaufen“, erzählt Warita Sinthuyont, die ihren Mann als Grafikdesignerin für die Gärtnerei tatkräftig unterstützt. „Santiporn hat Geduld und ist mit ganzem Herzen dabei. Er versteht sich als Künstler. Die Pflanzen sind seine Art von Kunst. Er ist auf angenehme Art ziemlich verrückt und kreuzt, was andere nie machen würden.“ Der Erfolg gibt ihm recht. Seine Philosophie ist denkbar einfach: „Ich mache, was ich mag.“, ist seine DeviseAlles andere lässt er weg.Mit diesem Ansatz hat er jede seiner Karrieren begonnen und viele auch beendet, weil er merkte, dass er weiterkommen wollte. Als Züchter und umgeben von tausenden Pflanzen ist er angekommen.

Euphorbien wachsen langsam und haben überraschend wenige Ansprüche. Die meisten Sorten vertragen Temperaturen von 5 bis 40 Grad Celsius, schließlich sind tropische bis subtropische Gegenden ihre Heimat. Weil sie gut Wasser speichern, kommen sie selbst mit gelegentlichem Austrocknen klar. Ein Langzeitdünger hilft, wobei Santiporn Sangchai nie mit Flüssigdünger arbeitet, weil die Blätter sonst fleckig aussehen. Beim Substrat hat er viel experimentiert. Die perfekte Mischung besteht bei ihm aus vier Teilen Torf, drei Teilen Kokosfaser, zwei Teilen Vulkangestein und einem Teil Sand. Zweimal in der Woche bekommen die Pflanzen Wasser, im Sommer fast täglich. Staunässe sollte dringend vermieden werden. Jede Euphorbia francoisii ist ein einzigartiges Geschöpf für ihn. Von der Form, Farbe und Äderung der Blätter bis hin zur Farbe, Größe der Blüten und des Caudex. Mit dieser Vielfalt als Züchter zu arbeiten ist sein großes Vergnügen. Mehrere Stunden täglich widmet er sich seinen Pflanzen und versucht immer ungewöhnlichere Sorten zu züchten.

Seine Gärtnerei ist von Kanälen durchzogen und liegt rund 45 Minuten Fahrzeit vom Zentrum Bangkoks entfernt. Santiporn Sangchai ist penibel, kümmert sich mit viel Erfahrung und großer Akribie um seine Züchtungen. Die Euphorbien machen den größten Anteil aus, aber es gibt noch andere Pflanzen, die hier vermehrt werden. Auch Saatgut gehört in sein Sortiment. Als er mit der Züchtung von Wolfsmilchgewächsen begann, wollte er Pflanzen mit ausgeprägten Stämmen bekommen und verhindern, dass die Hybriden weniger buschig aussehen, sondern von kompakterem Wuchs sind. Er versuchte, Euphorbien mit anderen Pflanzen derselben Gattung zu kreuzen. Drei Qualitäten gibt es für den thailändischen Züchter: A, B und C. Lediglich 10 bis 17 Prozent vereinen für ihn die besten Eigenschaften der A-Qualität, zum Beispiel hohe Stabilität der Blätter, makellose Äderung oder Kompaktheit im Wuchs. Das sind dann wahre Superpflanzen.

In den vergangenen Jahren hat Santiporn Sangchai schon so viel Freude erlebt, dass er Misserfolge mit einem Weglächeln quittiert und sich stattdessen an neue Züchtungen wagt. Es lockt Neugier und am Ende immer auch die Ehre, wenn seine Pflanzen auf internationalen Ausstellungen oder Börsen prämiert werden. Künftig will er mit seiner Frau einen neuen Markt erschließen, denn auch viele Thailänder entdecken gerade den Wert von ornamentalen Pflanzen für Wohnräume. Zimmerpflanzen sollen ein neues Segment werden und können ihm in seiner Gärtnerei helfen, sich breiter aufzustellen. „Wir planen nichts“, sagt er. „Alles kommt, wie es kommt.“

Quelle: F.A.S.
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