Garten des Jahres

Ohne Pflaster und Beton

Von Ina Sperl
20.07.2021
, 13:47
Auch im Garten gibt es oft versiegelte Flächen. Wie man ohne sie auskommt und selbst Terrassen grün gestaltet, zeigt der „Garten des Jahres“.

Keine gepflasterten Wege, keine Terrassenplatten, keine Treppenstufen. Stattdessen Naturstein und jede Menge Pflanzen. Ein Garten in der Nähe von Hannover zeigt, wie sich ohne die sonst üblichen versiegelten Flächen auskommen lässt. Auf Beton wird verzichtet, die Steine sind, zumindest theoretisch, wiederverwendbar, und das Dach des Wohnhauses ist komplett begrünt. Ein Musterbeispiel nachhaltiger Gestaltung?

Rund 1900 Quadratmeter ist das Grundstück groß. Etwas versteckt liegt es in einem Vorort von Hannover. Wo einst ein Bau aus den 1930er Jahren stand samt Blechgarage, Rasen und Obstbäumen, findet sich nun ein Ensemble aus Wohnhaus und Felsenlandschaft. Ein weitläufiges, eingeschossiges Gebäude mit Holzfassade und riesigen Fensterfronten schmiegt sich in einen Hanggarten. Auf der einen Seite fällt er gemächlich zum Wohnzimmer hin ab, rollt quasi hindurch, um auf der anderen Seite sanft auszulaufen. Wer drinnen sitzt, ist trotzdem mitten im Grünen.

Eine einzelne Blasenesche (Koelreuteria paniculata) setzt einen Akzent zwischen den Stauden am Hang, weiter oben bilden Eichen, Rhododendron und ein Walnussbaum eine Kulisse. Über allem thront ein weiteres Bauwerk, ein Baumhaus hoch oben in der Krone einer der Eichen. Der moderne Kubus auf Stelzen macht Sitzen in der Abendsonne und einen weiten Blick ins Umland möglich. Ein Kontrapunkt zur Senke, umgeben von und schwebend über dem Grün.

Felsen als Treppenstufen

Dieses Grün ist, abgesehen von den Wintermonaten, ausgesprochen üppig. Das war der Wunsch von Till und Simone Dammermann, die einen Garten voller Pflanzen, „möglichst ohne rechte Winkel und schnurgerade Mauern“ wollten, mit „wenig Rasen und auf gar keinen Fall Schotter“: „Keine übertriebene Reinlichkeit. Ein Garten muss natürlich sein.“

Das Ehepaar beauftragte Landschaftsarchitektin Petra Pelz, die für ihre reichhaltigen Pflanzbilder bekannt ist. Sie setzte Stauden wie Steppensalbei (Salvia nemorosa), Röhrenstern (Amsonia) und Japanwaldgras (Hakonechloa macra), die die Felsblöcke im Laufe der Saison fast unter den Blättern, Blüten und Halmen verschwinden lassen. Päonien und Indigo-Lupinen (Baptisia), Sonnenhüte (Echinacea) und Astern mischen sich in eine Matrix aus Blaugras (Sesleria). „Hier geht es um das Zusammenspiel von Pflanze und Stein“, sagt die Planerin.

Im Winter allerdings bestimmen die Ocker- und Grautöne der Grauwacke das Bild. Dann ist die Struktur zu erkennen, die Peter Berg geschaffen hat. Denn dies ist ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Designer. Rund 350 Tonnen Gestein terrassieren das Gelände, Felsen fungieren als unregelmäßige Treppenstufen. Mittels einer Drohne wurden die exakten Abmessungen der Steine und die Größe der Beetflächen erfasst.

Stein und Pflanze, darum dreht sich alles. Aber was ist mit den Menschen, die sich auch mal hinsetzen und den Garten genießen wollen? Einige der Felsen laden dazu ein. „Man kann sich immer wieder einen anderen Platz suchen“, sagt Peter Berg. Doch Stühle und Tische? Stehen vor den Wohnzimmertüren direkt auf einer Pflanzfläche: Man sitzt nicht nur im, sondern buchstäblich auch auf dem Grünen. „Terrassen waren kein Herzenswunsch von uns“, sagen die Dammermanns. Statt der üblichen Platten gibt es bei ihnen flache Bodendecker, Fiederpolster (Cotula squalida) und Thymian. Petra Pelz hat mit Dachbegrünungssubstrat einen stabilen, aber durchlässigen Untergrund für die niedrigen Gewächse angelegt. „So etwas funktioniert, wenn der Boden unkrautfrei ist.“ Noch wird sich zeigen, wie langlebig eine solche grüne Sitzfläche ist, denn mit der Zeit zeichnen sich Trampelpfade ab.

Einen Versuch ist es jedoch wert. Denn je mehr begrünte Flächen, desto besser, findet Petra Pelz. „Versiegelte Flächen sind tote Flächen. Das ist auch Raubbau am Boden. Man nimmt den Pflanzen die Chance, zu wachsen, und bringt den Wasserhaushalt im Boden durcheinander.“

Doch haben nicht auch die Felsbrocken versiegelnde Wirkung? Das sieht Peter Berg, der gerne mit Natursteinblöcken ar­beitet, nicht so: „Der Stein führt das Re­genwasser in die Pflanzflächen und zu den Gehölzen.“ Das sei mehr als in den meisten Fällen üblich. Denn oftmals gelange Wasser von Terrassen nicht in den Erdboden, sondern direkt in die Kanalisation.

Im Sommer schwirren Insekten

Die reine ökologische Lehre ist dieser Garten jedoch nicht. Das eingeschossige Haus hat eine vergleichsweise große Grundfläche, die mehr Boden versiegelt als ein mehrgeschossiger Bau, bei dem sich die gleiche Quadratmeterzahl auf die Etagen verteilt. Dafür wurde auch beim Hausbau auf Beton verzichtet, einen Baustoff, dessen Herstellung eine Menge CO2 freisetzt. Allenfalls in der Zufahrt sind befestigte Streifen.

Um die Hausfläche auszugleichen, wurde das Dach begrünt, was ohnehin auf der Wunschliste der Besitzer stand. Dass man sogar ohne Treppenstufen hinaufkommt, ist einem Rasenweg zu verdanken, der hinter den Felsen den Hang hinaufführt und weiter aufs Hausdach. Auf mehr als 250 Quadratmetern ist eine Landschaft mit Pflanzen entstanden, die Trockenheit und Wind vertragen. Petra Pelz setzte Fetthennen in großer Zahl, vom hohen Sedum telephium ’Herbstfreude‘ bis zum niedrigen Mauerpfeffer (Sedum acre). Dazwischen wachsen Kartäusernelken (Dianthus carthusianorum), Orangerotes Habichtskraut (Pilosella aurantiaca) und Wimper-Perlgras (Melica ciliata). Das gefällt nicht nur den Menschen. Im Sommer schwirren hier die Insekten.

Dies ist ein außergewöhnliches, naturnahes und lebendiges Gemeinschaftsprojekt. Es erstaunt nicht, dass es zum „Garten des Jahres 2021“ gekürt wurde in einem Wettbewerb, den der Callwey-Verlag zusammen mit anderen Förderern ausgeschrieben hat. Sicherlich gibt es ökologischere Anlagen als auf diesem Grundstück bei Hannover. Aber es bietet deutlich mehr an Nachhaltigkeit als vieles, was heute als Garten gehandelt wird.

Für die Dammermanns selber standen ökologische Gedanken gar nicht so sehr im Mittelpunkt. „Uns ging es eher um Geschmack und Wohlfühlen.“ Vielleicht ist das ohnehin der beste An­satz für eine gute, nachhaltige Gestaltung.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot