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Piet Oudolfs Garten schließt

Stille Tage in Hummelo

Von Ina Sperl
 - 17:47
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Einem winzigen geöffneten Etui gleich hängt die Samenkapsel der Färberhülse am trockenen Fruchtstand. Die Saat ist längst herausgefallen und hat sich einen Platz gesucht. Der Samen der Knolligen Seidenpflanze dagegen hält sich mit feinen Härchen noch an seiner Hülle fest, ein Windstoß wird ihn forttragen. Dahinter wiegt sich dunkelroter Wiesenknopf über fahlen Gräsern, die braunen Köpfe der Kugeldisteln ragen wie Trommelschlägel in den Himmel. Astern leuchten violett, Sonnenhüte gelb. Der Sommer ist vorbei in Hummelo, die Saison neigt sich dem Ende zu. Nicht nur sie.

Seit sechsunddreißig Jahren lebt und arbeitet Piet Oudolf in dem kleinen Ort, rund 30 Kilometer östlich von Arnheim. Seit Jahrzehnten ist Hummelo in Gartenkreisen ein Synonym für Oudolf: Sein Garten und die Gärtnerei, die Anja Oudolf bis 2010 betrieb, sind Treffpunkt für Pflanzeninteressierte aus aller Welt. Nun schließen der Designer und seine Frau die Tore. Nach dem 27. Oktober ist ihr Garten nicht mehr zu besichtigen.

„Anja und ich machen alles alleine, es wird uns zu viel“, sagt Oudolf. Daher ist nun Schluss. Allenfalls wenn jemand anrufe, der gerade in der Nähe ist, und es zufällig passe, könne er Besucher hineinlassen. Denn immer mehr kamen in den vergangenen Jahren, und auch die Arbeit wird nicht weniger, eher im Gegenteil: Piet Oudolf ist mit 74 Jahren weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. Ein bisschen ruhiger soll es aber zumindest zu Hause werden.

„Dieses Jahr habe ich Stress“

An den Öffnungstagen parken die Besucher bereits hundert Meter vorher am Straßenrand, auf dem Hof selbst steht Anja Oudolf und weist die Autofahrer ein – „ein bisschen mehr nach links bitte, dann passt noch jemand daneben“. Der Garten ist voller Menschen, höflich lässt man sich auf manch schmalen Wegen den Vortritt oder wartet, bis ein Foto gemacht ist. Im vorderen Bereich tut sich hinter einem Laubengang und einem Rondell voller Chinaschilf eine Staudenlandschaft auf, die im Herbst so hoch gewachsen ist, dass man beinahe dazwischen verschwinden kann: Wedel von Wasserdost und Reitgras, Drifts von Kerzenknöterich und Mannstreu, dazwischen Akzente von Riesen-Haarstrang und Goldbaldrian. Hinter dem Wohnhaus, auf dem Gelände der alten Gärtnerei, gedeiht seit acht Jahren eine Staudenwiese, hier wachsen Wiesenknopf, Süßholz und Seidenpflanzen zwischen Gräsern wie Calamagrostis ’Karl Foerster‘.

Auch in den ehemaligen Mutterbeeten der Gärtnerei, am Ende des Grundstücks, stehen die Pflanzen dicht an dicht, Kugeldisteln, Herbstanemonen und Silberkerzen sind darunter. Gleich daneben, im modernen Backsteinbau, liegt das Studio Oudolfs. Auch an den Wochenenden arbeitet er hier: „Dieses Jahr habe ich Stress“, sagt der Designer. Abgesehen von zahlreichen laufenden Projekten in den Niederlanden, der Schweiz, Dänemark und in den Vereinigten Staaten, hat Oudolf in diesem Jahr Anlagen für die Hampton Court Palace Flower Show und ein Internationales Landschaftsarchitekten-Treffen in Bergamo entworfen und nebenbei noch eine Ehrendoktorwürde der University of Sheffield entgegengenommen. Allein ist das Pensum nicht zu bewältigen, der Vierundsiebzigjährige arbeitet mit Landschaftsarchitekten zusammen. Er entwirft den Masterplan und arbeitet die Pflanzpläne bis ins Detail aus. Vor Ort ist er dabei, wenn es darum geht, die Gewächse in die Erde zu bringen. Will er seinen Privatgarten nun umgestalten, pflegeleichter machen? „Der bleibt so, wie er ist“, sagt Oudolf. Vielleicht vereinfacht er ihn ein wenig, fügt hier und da eine Rasenfläche ein. „Aber die Pflege ist minimal, wenn man es mit einem traditionellen Garten vergleicht.“

Zwei Tage pro Woche hat er Hilfe, denn es gibt viele Hecken, die gepflegt und gestutzt werden müssen. Hummelo ist ein geschichtsträchtiger Ort. Einst Keimzelle eines neuen Gärtnerns, neuer Gestaltung, ist das 1,2 Hektar große Gelände auch heute noch Experimentierfeld, etwa die sich selbst erhaltende Staudenwiese. 1982 kamen Piet und Anja mit ihren beiden Söhnen hierher. Sie hatten in Haarlem gelebt, doch dort wurde der Platz zu eng für all die Pflanzen, die der Gartendesigner für seine Projekte heranzog. Als Sohn eines Restaurantbesitzers hatte er sich mit Mitte 20 gegen den elterlichen Betrieb und für den Beruf des Gartengestalters entschieden. Sein Interesse galt den Pflanzen, vor allem Stauden, die nur schwer zu bekommen waren in der Zeit. Anfangs führte Romke van de Kaa, der auch schon bei Christopher Lloyd in Great Dixter gearbeitet hatte, die Gärtnerei in Hummelo, doch 1985 verließ er den Betrieb und seine Frau übernahm die Pflege und Aufzucht der Pflanzen.

Bald kamen Tausende Besucher

Dem Ehepaar ging es um eine neue Art des Gärtnerns, die sich bald an natürlichen Vorbildern orientierte. Auf der Suche nach interessanten Gewächsen knüpften sie unter anderem Kontakt zum deutschen Pflanzenzüchter Ernst Pagels, der für seine Auslesen von Gräsern, vor allem Chinaschilf, bekannt war. Die Freundschaft mit Henk Gerritsen, der gemeinsam mit seinem Partner Anton Schlepers einen sehr naturnahen Garten in Priona führte, wirkte sich auf Piet Oudolfs Stil aus: Ein neuer Blick für die Struktur von Pflanzen, die auch in den Wintermonaten eine Rolle spielt, kam hinzu. Wichtig für den Austausch unter diesen Gärtnern, die den „Dutch Wave“ und das „New Perennial Movement“ begründeten, waren die „Open Days“, die Piet und Anja von 1983 bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts veranstalteten. Spezialisierte Gärtnereien stellten dort aus, bald kamen Tausende Besucher. Doch so interessiert die Kollegen und die Gartenszene waren, Kunden und Öffentlichkeit taten sich zunächst nicht ganz leicht mit diesem neuen Stil, den sie im neu als Schaugarten angelegten Bereich vor dem Haus kennenlernen konnten. Was Gräser und abgestorbene Pflanzenteile im Beet zu suchen haben, verstanden viele Menschen zunächst nicht.

Über die Jahre hinweg wandelte sich der Stil, näherte sich den naturnahen Bildern immer mehr an, was auch im Vorgarten zu sehen ist. Zunächst war er noch eher formal gehalten mit Beeten in einer Rasenfläche und markanten, wellenförmigen, geschwungenen Eibenhecken, die vor einigen Jahren nach einer Überflutung weichen mussten. Weite Staudenbeete ersetzen heute große Teile des Rasens. Entstanden sind Flächen, in denen man eintauchen kann in die Wogen von Präriegras, Wasserdost und Duftnesseln.

Heute ist Oudolf so gefragt wie nie, sein Stil bekannt und beliebt – auch international. Nicht nur aus Europa, auch aus den Vereinigten Staaten kommen die Kollegen zu Besuch. International sind auch die Auftraggeber. „Ich habe viel zu tun, habe noch viel Energie“, sagt er. Viel Neues könne er nicht mehr annehmen, aber hin und wieder sagt er dann doch ja, am liebsten, wenn es ein öffentliches Projekt ist. Derzeit arbeitet er an Gärten am Singer Museum in Laren, das Kunstwerke aus der Zeit von 1880 bis 1950 zeigt, sowie am Kunstmuseum Voorlinden in Wassenaar. In Leiden gestaltet er die Außenbereiche der Meelfabriek, ein Projekt, in dem alte Industrieanlagen in Lofts und Geschäfte umgewandelt werden. Ganz nebenbei erwähnt er, dass er auch für das Königshaus tätig ist und den Garten am renovierten Palast, Huis ten Bosch im Nordosten Den Haags, entworfen hat. „Das ist natürlich eine Ehre!“

Im Süden Londons plant Oudolf den Garten für ein „Maggie’s Center“ am Royal Marsden Hospital, in Kopenhagen die Grünanlagen für das Sternerestaurant Noma – ein temporärer „pop up“-Garten aus diesem Jahr wird nun in eine dauerhafte Gestaltung umgewandelt. Auch in den Vereinigten Staaten hat er sich einen Namen gemacht. Zu seinen großen Projekten wie der Highline in New York und dem Lurie Garden in Chicago kommt nun ein weiteres: ein öffentlicher Garten auf der Belle Isle in Detroit, Michigan. Im vergangenen Jahr erschien auch „Five Seasons“, ein Dokumentarfilm über sein Leben und Werk. Darin würdigt ihn auch sein amerikanischer Kollege, der Landschaftsarchitekt und Botaniker Rick Darke: Seine Arbeit lehre uns, „was zu sehen, das wir bisher nicht sehen konnten“.

Oudolf hat mit seinem ganz eigenen Stil die Gartenwelt verändert. Hummelo war der Ort, von dem alles ausging. Dass er nun die Tore schließt, hält er für verschmerzbar: „Es gibt ja viele Gärten von mir zu sehen, nicht nur in den Niederlanden.“

Der Garten ist noch bis zum 27. Oktober donnerstags, freitags und samstags von 11 bis 16 Uhr geöffnet. www.oudolf.com

Quelle: F.A.S.
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