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Im Prinz-Georg-Garten

Lustwandeln zwischen Rosen und Roter Bete

Von Astrid Ludwig
Aktualisiert am 23.07.2019
 - 09:57
Eintritt in eine andere Weltzur Bildergalerie
Der Prinz-Georg-Garten in Darmstadt ist ein in Deutschland einzigartiger barocker Lust- und Nutzgarten. Hier wachsen wie schon im 18. Jahrhundert Rittersporn und Reneklode neben Kopfsalat und Kräutern.

Zwei Löwen tragen das mit einer Krone verzierte Wappen. Grimmig halten sie über den hohen Sandsteinpfeilern Wache über diesen Ort, der aus der Zeit zu fallen scheint. Gerade eben noch toste der Lärm des mehrspurigen Cityrings im Ohr, doch ein paar Schritte weiter nur beginnt hinter dem schmiedeeisernen Tor eine andere Welt. Eine, in der leuchtend gelbe Kanarienvögel in verzierten Holzvolieren zwitschern, Fontänen in kleeblattförmigen Wasserbecken plätschern, Rosenblüten duften und vergoldete Sandstein-Uhren die Minuten zählen.

Ein Garten, in dem Zitronen, Äpfel und Birnen gedeihen und Schnabelsalat, Tomaten und Zucchini in Beeten wachsen, die aussehen wie filigrane Stickmuster. Ein Garten wie eine Prinzessin, die mit gepudertem Haar, hochgeschnürtem Dekolleté und Reifrock daherkommt. Ein filigranes Schmuckkästchen, so ganz anders als der weitläufige „Herrngarten“, den man zuvor durchschreiten muss, um überhaupt hierherzugelangen. Die ausgedehnten Rasenflächen und hohen Bäume des Stadtparkes umgeben den kleinen Prinz-Georg-Garten wie ein großer, grüner Schutzwall. Der naturbelassene Rahmen für ein ziseliertes Werk der Gartenkunst. Barock meets englischen Landschaftspark. Die Gegensätze könnten kaum größer und reizvoller sein.

„Die barocke Bauweise hat mich immer fasziniert“, sagt Andreas Witzel. Der 41-Jährige kennt den Prinz-Georg-Garten seit Kindertagen. Seine Großeltern wohnten gleich um die Ecke, und als Bub kam er zum Spielen her. Die vergoldeten Sandstein-Sonnenuhren hatten es ihm angetan, seit sie in der Schule einmal Unterrichtsthema waren. Schon als Teenager stand für ihn fest, „dass ich hier einmal arbeiten möchte“, erzählt er. Ein Berufswunsch, den Witzel bei der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen verwirklichte. Die Institution kümmert sich um die denkmalgerechte Entwicklung und Pflege hessischer Gartenkunstwerke und ihrer Gebäude, darunter den Prinz-Georg-Garten, den Klostergarten Seligenstadt oder auch das Fürstenlager in Bensheim.

Andreas Witzel sitzt auf einer der weißen Gartenbänke, im Schatten der Hainbuchenhecke, die die barocke Anlage von der dazugehörigen Gärtnerei und den Gewächshäusern trennt. Von hier aus kann er das prächtige Pretlacksche Gartenhaus und die Kräuterbeete des rund 18.000 Quadratmeter großen Gartens überblicken. Vor rund zwanzig Jahren war der Darmstädter am Ziel seiner Wünsche. Witzel begann eine Ausbildung als Geselle im Zierpflanzenbau im Prinz-Georg-Garten, heute ist er Meister und hat die Leitung der Anlage übernommen. Er hat den Wandel miterlebt und mitgestaltet, den der Garten in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchlaufen hat.

Aus der Ruine wurde eine städtische Oase

So schön und authentisch wie heute war die Anlage nicht immer, die Landgraf Ernst Ludwig Ende des 17. Jahrhunderts erwarb und die im 18. Jahrhundert unter Ludwig VIII. und seinem Sohn Prinz Georg zu einem barocken Nutz- und Lustgarten verfeinert wurde, der heute einzigartig in Hessen ist.

Nach den Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges war von der ursprünglichen Küchengarten-Bepflanzung kaum etwas übrig. Statt Salat und Gemüse blühten Einjährige in den Beeten, und kunterbunte Beliebigkeit machte sich breit. Das änderte sich 1995 mit dem sogenannten Parkpflegewerk, mit dessen Hilfe die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen und das Gärtnerteam die Anlage umgestalteten. „Schritt für Schritt haben wir das historische Aussehen des Gartens rekonstruiert“, erzählt der Gartenmeister. So fanden sich ein Grundriss von Jakob Hill aus dem Jahr 1779 sowie alte Pläne und Zeichnungen des Theatermalers Ernst August Schnittspahn aus der Zeit um 1844. Dokumente, die detailliert belegten, wie prächtig die Anlage, das Palais und die Gartenbauten einst ausgesehen hatten. „Auf dem Grundriss von Hill war deutlich zu erkennen, dass im Garten Gemüse angepflanzt worden war“, berichtet Witzel. Im Prinz-Georg-Garten vollzog sich zu dieser Zeit die Kehrtwende des Barocks – von der nach außen gerichteten Machtdemonstration hin zum Rückzug in die ländliche Idylle.

Im 18. Jahrhundert lag der Garten noch vor den Toren der Residenzstadt Darmstadt. Eigentlich besteht die Anlage aus zwei Gärten, die rechtwinklig aufeinanderstoßen. Die fürstliche Anlage mit Palais, Stallungen und Remise, die schon um 1710 entstand, grenzte im Süden an den Besitz der Familie von Pretlack. Generalleutnant Johann Rudolf von Pretlack hatte an der Ostseite seines Anwesens ein langgestrecktes Gartenhaus mit Freitreppe errichten lassen, von wo aus er seinen formal gestalteten Lustgarten überblicken konnte. 1748 kaufte Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt das Nachbargrundstück und vereinte die Teilstücke zu einem großen Garten.

1764 schenkte er die Anlage seinem Sohn Prinz Georg-Wilhelm, der dem Garten seinen heutigen Namen und auch das Aussehen gab. Der Prinz und seine Frau Maria Louisa Albertina verwandelten den Ort in ihre private Sommerresidenz, wo Familienfeste gefeiert und die höfische Gesellschaft sich traf. Es gab kleinere Bälle, Konzerte und Theateraufführungen. Im Frühjahr 1793 feierten die Enkelinnen von Prinzessin Maria Louisa Albertina im Garten sogar eine Doppelverlobung. Darunter war Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz, die den Preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm ehelichte. Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor – ziemlich berühmte sogar. Der Zweitgeborene, Wilhelm I, wurde später erster deutscher Kaiser, und die älteste Tochter Charlotte bestieg als Alexandra Fjodorowna den russischen Zarenthron. In dem schmucken Garten Darmstadt lustwandelten künftige Könige und die Vorfahren gekrönter Häupter Europas zwischen Rosen, Roter Bete und Rhabarber.

Beeindruckende Vielfalt an frischem Obst und Gemüse

Welches Gemüse und welche Obstbäume damals tatsächlich in des Prinzen Küchenbeeten grünten, das lässt sich nicht genau rekonstruieren. „Leider haben wir keine historischen Pflanzpläne finden können“, sagt Chefgärtner Andreas Witzel. Die wurden im Krieg zerstört, wie so vieles in der ehemals prächtigen Residenzstadt. Doch das Gartenteam weiß, „was es gewesen sein könnte,“ und hat seither Kräuter, Obstsorten und Salate angepflanzt, die es auch schon im 18. Jahrhundert gab. Dazu gehören Lavendel, Ysop, Weinraute, Salbei oder grüne und rote Kopfsalate. Alles hübsch in Reihen gesetzt, in Quadraten oder auch mal bunt gemischt. Flankiert von niedrigen Obststämmchen wie „Gute Luise“, „Madame Verte“ oder dem Grünen Fürstenapfel, dem geflammten Kardinal oder Königlichen Kurzstiel. Birnen, Apfel, Sauerkirsche, Reneklode, Quitte, Pflaume oder Mirabelle, rund 270 Obstbäumchen gedeihen im Garten. Hinzu kommen Mangold, Spitzpaprika, Artischocke, Dicke Bohnen, Zucchini, Tomaten und Salate zwischen Rittersporn, Nelken, Fuchsien, Fingerhut, Rosen, Verbenen, Currykraut oder Liebstöckel.

Dreißigtausend Stauden und Einjährige wachsen im Prinz-Georg-Garten und nochmals rund achttausend Gemüsepflanzen, ein Teil davon als Saatgut in den Gewächshäusern selbst gezogen. Rund einen Monat sind die vierzehn Gärtner und Aushilfen in Voll- und Teilzeit im Frühjahr nur mit dem Pflanzen der Setzlinge beschäftigt. Manchmal experimentiert der Gartenmeister auch. Dann landet schon mal ein Gemüse im Beet, das es so vermutlich im 18. Jahrhundert noch nicht gab. Wie die Wassermelonen, die im heißen Sommer des Vorjahres gut und groß geworden sind.

Als Andreas Witzel im Garten als Geselle anfing, war das Pretlacksche Gartenhaus noch weiß und schmucklos. Dabei zeigten mehr als 150 Jahre alte Zeichnungen des Malers Schnittspahn, wie prächtig farbenfroh die Fassade ursprünglich einmal aussah. Seit 2003 strahlt sie nun wieder in Grün-, Gelb- und Ockertönen. Fast wähnt man sich Italien oder sonst wo am Mittelmeer zwischen all den Zitrus- und Olivenbäumchen, die Restauratoren nach den historischen Vorlagen und mit Unterstützung des Denkmalschutzes wieder auf die rückwärtige Gartenwand aufgemalt haben. Über eine geschwungene Sandsteintreppe gelangen Besucher in die kleine Bibliothek, die hier angelegt wurde und wo jeder sich Bücher ausleihen oder selbst dorthin stellen kann. Eine schöne Idee des Gartenteams. An sonnigen Tagen sieht man denn auch häufig Besucher mit einem Buch auf den weißen Gartenbänken sitzen oder in der 2004 kunstvoll rekonstruierten Sitznische aus jadegrünen Holzspalieren verweilen. Ein romantischer Ort, gekrönt mit einer goldenen Sonnenmaske.

Zur Hochzeit ins Teehaus

Viel hat sich in den vergangenen Jahren verändert, „doch der Garten ist nie fertig“, sagt Witzel. Das Unkraut muss in so einer Anlage immerzu in Schach gehalten werden, und auch Krankheiten wie der Buchsbaumzünsler setzten dem Bestand zu. Der Extremsommer 2018 brachte das Team und die drei eigenen Brunnen an ihre Grenzen. „An manchen Tagen war ich schon um vier oder fünf Uhr morgens im Garten, um zu gießen“, erinnert sich Witzel. So manche Pflanze wie die Lobelie oder der Leberbalsam wurden wegen des Klimawandels aussortiert. „Die vertragen die Hitze gar nicht“, sagt Witzel. Und auch die Gartenbesucher gelüstete es nach mehr Plätzen im Schatten, weshalb Hecken versetzt und neue Linden gepflanzt wurden, unten denen nun neue Sitzbänke stehen.

Gedüngt und gepflegt wird mit biologischen Mitteln, denn das Gemüse ist im Prinz-Georg-Garten nicht nur zur Zierde da. Es darf auch gegessen werden. Die Besucher können hier Salate, Zucchini, Bohnen, Tomaten oder Paprika erstehen. „Frischer geht nicht“, findet Witzel. Und auch im Frühjahr verkauft die Gärtnerei Setzlinge für den eigenen Küchengarten daheim. Ein Geheimtipp. So mancher bedient sich nachts jedoch einfach selbst im Beet, bedauern die Gärtner. Diebstahl und zuweilen Zerstörungen gehören zum Gartenalltag.

Des Chefgärtners Lieblingsplatz ist das Teehaus im sogenannten Orangeriegarten. So heißt der mit feinem Kies bestreute Bereich zwischen Hainbuchenhecken und dem Prinz-Georg-Palais, das seit 1908 Museum für die großherzogliche Porzellansammlung ist. Porzellan-Schlösschen nennen die Darmstädter den rosarot verschnörkelten Sandsteinbau. Im Orangerie- und Heckengarten führten der Prinz und seine Gesellschaften Theaterspiele auf, ein Teil des Bodens ist wie eine Bühne erhöht. Eine Allee aus sechsundzwanzig Kübeln mit Limetten-, Zitronen- und Orangenbäumen führt auf das anmutige, aus Holzspalieren gebaute Teehäuschen zu.

Eine romantische Atmosphäre. Begleitet vom Vogelgezwitscher in der nahen Voliere und eingerahmt von den Giebeln umliegender Jugendstilhäuser und dem Kirchturm der St. Elisabeth Kirche, fühlt man sich tatsächlich wie auf dem Land und nicht wie in einer hessischen Großstadt. Eine junge Frau eilt denn auch auf den Chefgärtner zu. Ob man das Teehaus mieten könne, will sie wissen – was Andreas Witzel bejaht. Sie will im Sommer heiraten. „Der Garten hier“, schwärmt sie, „wäre der perfekte Ort dafür.“

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Informationen zum Garten

Der Prinz-Georg-Garten in Darmstadt ist im Sommer täglich von 7–19 Uhr und im Winter von 8–16 Uhr geöffnet. Gemüse wird im Sommer montags und freitags von 10–12.30 Uhr verkauft.

Quelle: F.A.S.
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