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Vintage im Garten

Ruinös, aber schön

Von Ina Sperl
 - 10:52
Herzstück des 1400 Quadratmeter großen Gartens, den sich mehrere Generationen teilen, sind die Mauerreste einer Villa. Ursprünglich zum Abriss bestimmt, prägen sie heute den Charakter der sensibel gestalteten Anlage.

Zwei schlanke Säulen markieren den Eingang. Sie flankieren einen Plattenweg, gesäumt von Rosen und Buchshecken. Wer diesen Weg betritt, findet sich auf einmal mitten in einem ummauerten Garten wieder. Feigen wachsen hier, Hanfpalmen, ein knorriger Olivenbaum und sehr viele Rosen. Rechterhand schimmert es grün hinter einem offenen Türrahmen, linkerhand geht es zu einer geräumigen Orangerie, die vor der Ziegelwand steht. Geradeaus öffnet sich der Blick in einen Park – durch große Fenster und Flügeltüren, die hölzerne Läden aus weißen Lamellen haben.

Dies ist mehr als ein ummauerter Garten, dies ist ein Garten in einer Ruine. Ein Innenhof. Drei Wände zeugen noch von dem Haus, das hier einst stand. Da, wo die vierte stand, wachsen nun schmale Eibenhecken, hier befindet sich der Haupteingang.

Mit viel Feingefühl zum Erhalt der Südfassade

Dieser Garten in Düsseldorf entspringt einer Vision. Als der Landschaftsarchitekt Volker das Anwesen das erste Mal sah, erkannte er schnell, was für ein Schatz ein altes Haus auf einem Grundstück sein kann. Zuvor hatte er den Nachbargarten gestaltet, dann bat ihn die Familie, sich auch dieses Teils anzunehmen. Er verbindet die Gärten des Elternhauses und des Neubaus der jungen Generation. Als Püschel den Auftrag annahm, stand hier noch eine rund hundert Jahre alte, dreistöckige Direktorenvilla, die zu einer Ziegelei gehört hatte. Fünfzehn Jahre lang stand die Villa leer und war wegen einer kaputten Wasserleitung marode. „Sie sollte abgerissen werden, der Auftrag war schon erteilt“, erinnert sich Volker Püschel. Viel zu schade, befand der Landschaftsarchitekt. „Denn das Haus hatte den Charme eines verwunschenen Schlosses. Es war nahezu komplett von Efeu, wildem Wein, Glyzinien und Rosen überwachsen.“

Wie es hier einmal aussehen könnte, habe für ihn von Anfang an auf der Hand gelegen, erzählt er. So überzeugte der Planer die Bauherren, den schönsten Teil des Gebäudes stehen zu lassen: die Südfassade, auf deren Terrasse eine ganz besondere Atmosphäre herrscht. Von einer Kletterhortensie überwachsen, trennt sie heute einen Gemüsegarten und Kinderspielplatz vom Innenhof ab. Doch aus statischen Gründen konnte die Fassade nicht ohne seitliche Mauern stehen. So entschieden die Projektpartner, die drei Außenwände bis auf eine Höhe von 3,50 Metern stehen zu lassen. Zwar musste das Gestein behandelt werden, um der Witterung standzuhalten. Doch wurde behutsam und mit viel Feingefühl vorgegangen. Es finden sich hier noch die ursprünglichen Fensterbänke, Details wie Lichtschalter blieben erhalten, und an der alten Eingangstür sind sogar noch uralte Klingelschilder vorhanden.

Ruinen haben eine jahrhundertealte Tradition in der Gartengestaltung. Als in der Renaissance das Interesse an der Antike erwachte, wurden auch bauliche Überreste vergangener Zeiten populär. Auf der Grand Tour reisten junge, wohlhabende Männer nach Rom und Griechenland, besuchten historische Stätten und lernten die romantisch wirkenden Relikte antiker Gebäude kennen. Zurück brachten sie nicht nur Bilder dieser Orte, sondern auch eine Sehnsucht: nach Atmosphäre, nach Tiefe, nach Vergänglichkeit.

Bausätze für künstliche Ruinen

Barockmaler wie Nicolas Poussin und Claude Lorrain griffen antike Themen in ihren Bildern auf und erschufen mit dem Pinsel idealisierte Landschaften. Tempelruinen, Mauerreste, zerborstene Säulen fügten sich in diesen Bildern in die Landschaft ein, bildeten Fixpunkte und klare Kontraste zu den natürlichen Formen der Vegetation. Die Gemälde wiederum dienten als Inspiration für die Landschaftsgärten. Der Brite Capability Brown etwa schuf Gärten und Parks, in denen Tempel oder andere architektonische Elemente den Blick leiteten, Achsen bestimmten und Aussichtspunkte boten.

Künstlich erschaffene Ruinen finden sich auch an Schloss Sanssouci in Potsdam oder in Schwetzingen, wo vor rund 230 Jahren der Merkurturm erbaut wurde. Künstliche Ruinen, im Englischen „Follies“ genannt, Torheiten oder Narreteien, waren lange den wohlhabenden Grundstücksbesitzern vorbehalten. Irgendwann gerieten diese „Verrücktheiten“ als unzeitgemäß aus der Mode. Mittlerweile ist die Ruine wiederentdeckt als eine Möglichkeit, eine romantische Atmosphäre zu erzeugen: Efeu, das sich an Mauern hochzieht, und Kletterrosen, die durch Fenster wachsen, Lavendel, der vor Backstein wogt. Eidechsen, die vielleicht Unterschlupf finden oder sogar Fledermäuse. Und wer keine alten Steine auf seinem Anwesen hat, die er in Szene setzen kann, der greift zum Bausatz. Den gibt es mit allem Drum und Dran – für Torbögen, Mauerstücke mit gotischen Fenstern bis hin zu mittelalterlichen Kapellen.

Damit eine Ruine authentisch wirkt, braucht es entweder altes Material, gebrauchte Steine, oder Zeit. Dann kaschiert eine Patina aus Moos und Algen neue Ziegel und Fensterstürze. Gelingt das nicht, bleibt sie immer ein Fremdkörper im Garten und wirkt häufig einfach kitschig. Eine echte Ruine ist dagegen etwas ganz anderes. Ein Glücksfall, wie er nur äußerst selten vorkommt. Hier braucht es keine Patina, hier ist die Vergangenheit allgegenwärtig.

„Hier herrscht ein geschütztes Kleinklima“

So auch in dem Garten in Düsseldorf. Die Säulen etwa, die den Eingang flankieren, stammen aus der Villa, hatten einst Decken abgestützt und sollten entsorgt werden. „Sie lagen schon auf dem Abrisswagen“, erinnert sich Volker Püschel. Ein ehemaliges Toilettenhäuschen, noch mit den originalen Fliesen gekachelt, beherbergt heute den Kühlschrank mit Getränken. Auch die Pflanzen wurden soweit irgend möglich erhalten. Zu ihnen gehört auch die Kletterhortensie, die die Südfassade im Sommer mit ihren weißen Blüten überzieht, die gewaltige Glyzinie, die sich von der Westfassade in eine Birke hochzieht und im Frühling in eine blaue Wolke verwandelt. Die vorhandenen Gehölze spielen eine Rolle für die Gestaltung. Eine uralte Kastanie, dem Ruinengarten vorgelagert, steht in der Achse des Fensters, das den Blick in den Gemüsegarten und einen am Ende stehenden Duftflieder erlaubt.

Achsen und Ausblicke bestimmen auch die Innenhofgestaltung. Ihn durchziehen Wege, die kleine Räume und Ausblicke erschließen. Die Bepflanzung allerdings stammt von Helgard Püschel. Seit 1972 arbeitet das Ehepaar im Team, sie haben rund 900 Gärten und Anlagen gestaltet – viele Golfplätze, aber auch 500 Privatgärten.

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„Hier herrscht ein geschütztes Kleinklima“, erläutert Helgard Püschel das Ruinen-Projekt. Daher konnte sie wärmeliebende Pflanzen auswählen wie Feigen, Hanfpalmen, Sternjasmin und eine immergrüne Magnolie – der Grundstock für eine mediterrane Anmutung. Hinzu kommen Lavendel, eine Olive und ein ungewöhnlicher Weinstock, der wie ein Baum gezogen ist. In Kübeln wachsen Zitronenbäumchen, Mandarinen, Kumquats und blaue Schmucklilien. Sie verleihen dem Hofgarten inmitten des alten Gemäuers einen besonderen Charme, sind hier vor Kälte geschützt, bekommen aber genügend Luft und Raum, sich zu entfalten. Farbe bringen auch die Rosen hinein, in Pink – die Strauchrose ’Mozart‘ – , Rosa und Weiß. Gräser wie das feine Chinaschilf ’Gracillimus‘ oder Lampenputzergräser steuern feine Strukturen bei, hinzu kommen duftender Salbei, kleine Glockenblumen und verschiedene Storchschnabelsorten.

Rund 1400 Quadratmeter ist der Ruinengarten groß und Teil eines parkähnlichen Grundstücks, auf dem sich außer Gemüsegarten, Spielplatz und Boulebahn ein großer Teich finden. Er gehört zu den ungewöhnlichsten Projekten der Püschels. Für die Eigentümer ist die Ruine ein Gewinn. Kein Folly, sondern authentisch, lässt sie die Vergangenheit, die Vergänglichkeit spürbar werden – auf angenehmste Weise. Entstanden ist ein Treffpunkt der Familie, an dem die Erwachsenen zum Aperitif zusammenkommen, während die Kinder herumtoben.

Quelle: F.A.S.
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