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Kostbarer Boden

Das verborgene Universum

Von Ina Sperl
Aktualisiert am 14.12.2019
 - 18:51
Lebendige Unterwelt: Die Humusschicht ist besonders wertvoll.
Boden ist wertvoll, nicht nur als Bauland. Unter unseren Füßen tut sich eine ganz eigene Welt auf, die das Leben über der Erde erst möglich macht.

Ein Teelöffel voll Erde. Schwerer als gedacht. Sechs Gramm bringen die braunen Krümel auf die Waage. Die Erde duftet leicht modrig, nach Vergänglichkeit, aber auch nach Wachstum. Sandkörnchen befinden sich darin und kleine Pflanzenstücke, einen Zentimeter lange Halme und Teile von Blättchen, schon braun und weich, im Vergehen begriffen. Zwischen den Fingern lässt sich die Erde zusammendrücken, die Klümpchen kleben zusammen wie trockener Kuchenteig und färben die Finger braun. Partikel, die sich unter die Fingernägel setzen, lassen sich nur schwer wieder wegbürsten. Das Häufchen Erde sieht unbelebt aus. Doch der Eindruck täuscht – auch wenn kein Wurm, keine Assel und kein Springschwanz mit auf den Teelöffel gekommen sind. In diesen sechs Gramm ist unvorstellbar viel Leben. Gut, dass menschliche Augen nicht alles sehen können, denn unser Hirn wäre heillos überfordert: Rund 3,6 Milliarden Bakterien tummeln sich in diesen Klümpchen – 600 Millionen pro Gramm Erde. Bakterien, die dazu beitragen, dass der Boden fruchtbar ist. Winzige Bodenalgen leben in einer Gemeinschaft mit ihnen, und auch unsichtbare Pilzfäden durchziehen die Krümel.

Der Boden unter unseren Füßen lebt. Wer nicht gärtnert, nimmt das kaum wahr. Aber auch wer regelmäßig mit Erde zu tun hat, Gemüse anbaut, Bäume pflanzt oder Häuser baut, erhascht stets nur einen kleinen Einblick in dieses unbekannte Universum. Da springen winzige Tiere weg, Würmer winden sich, Asseln laufen flink unter den nächsten Stein. Wird tiefer gegraben, fallen die Schichten auf. Unter dem dunklen Humushorizont wird es gelb und lehmig, grau und steinig oder sandig-porös. Noch weiter unten liegt das Gestein, aus dem sich der Boden gebildet hat. Ein solcher Querschnitt zeigt, wie dünn die fruchtbare Schicht ist. Manchmal kaum mehr als eine Handbreit Humus, in dem Pflanzen wurzeln können. Im Vergleich zum Durchmesser der Erdkugel ist es eine hauchdünne Hülle, von der alles Leben abhängt.

95 Prozent unseres Essens aus dem Boden

Denn die Prozesse, die weitgehend verborgen vor dem menschlichen Auge in der Humusschicht ablaufen, machen den Boden erst fruchtbar. Verliert ein Baum sein Laub oder stirbt eine Pflanze ab, werden diese Materialien zersetzt: zunächst von größeren Tieren, die noch Nährstoffe daraus ziehen – Schnecken mögen faulige Reste, Asseln fressen modernde Stengel, Würmer ziehen Blätter in die Erde. Was übrig bleibt, ist Nahrung für Springschwänze und Milben, aber auch Pilze und Bakterien. Diese Kleinsten setzen letztendlich Stickstoffe, Phosphate und andere Nährelemente frei. Davon leben wiederum die Pflanzen, die in der Erde wachsen. Je höher der Humusanteil der Erde, desto mehr Nahrung finden die Organismen. Doch Humus vergeht. Daher verschwinden die Herbstblätter im Beet, daher sind gejätete und liegengelassene Kräuter irgendwann weg. Im Ökosystem, aus dem nichts entnommen wird, kommt immer wieder neues Material nach. Doch dem Boden, der für Anbau genutzt wird, muss stetig neue organische Masse gegeben werden. Um ihn zu schützen, gilt es nicht nur in der Landwirtschaft, die unterirdisch ablaufenden Prozesse anzuregen und zu unterstützen. Wird das komplexe Gefüge aus Pflanzen, Bodenpilzen, Kleinstlebewesen in Gang gehalten, können sich Pflanzen – ob als Gemüse, Obst oder zur Zierde – selbst mit den Nährstoffen und Spurenelementen, die im Boden vorhanden sind, versorgen.

Das spielt im Alltag jedoch meist keine Rolle. Boden wird als selbstverständlich hingenommen. Er ist da, trägt Menschen und Häuser. Autos fahren auf ihm, Weizen und Bäume wurzeln in ihm. Keller sind vom Erdreich umgeben, Tunnel führen mitten hindurch. Für die Landwirtschaft ist er die wichtigste Ressource, als Bauland ist er teuer.

Boden wächst unendlich langsam. Für einen Meter braucht es sogar in unseren, für Böden günstigen Breiten ein ganzes Jahrtausend. Immer deutlicher wird heute, wie wertvoll er ist. Denn die Menschheit wächst, im Jahr 2050 sollen 9,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Immer mehr Nahrungsmittel werden benötigt, und derzeit stammen 95 Prozent unseres Essens aus dem Boden. Doch fruchtbares Land wird knapper und knapper. Von den nutzbaren Böden sind weltweit schon ein Fünftel bis ein Viertel degradiert, also in der Leistung eingeschränkt. Hier ist das Bodenleben nicht mehr aktiv. Ein Prozess, der sich nicht rückgängig machen lässt, zumindest nicht in einem Tempo, wie Boden gebraucht wird. Und dieser Prozess schreitet weiterhin fort durch Erosion, die einhergeht mit der industriellen Landwirtschaft. Jährlich degradieren weitere fünf bis zehn Millionen Hektar.

Aber auch Bebauung und Versiegelung reduzieren fruchtbare Flächen. Jeden Tag wird hektarweise Ackerland in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt, also in bebaubaren Grund. Allein in Deutschland waren es im Jahr 2017 rund 51 Hektar täglich oder auch knapp sechs Quadratmeter pro Sekunde. Etwa die Hälfte dieser Flächen wird versiegelt, asphaltiert oder so bebaut, dass kein Wasser mehr von oben in den Boden eindringen kann. Verheerend für die Kleinstlebewesen. Jeden Tag 51 Hektar – das addiert sich im Jahr zu 18.615 Hektar oder auch 2,2 Quadratmeter pro Einwohner Deutschlands auf. Pro Kopf scheint das nicht viel. Aber rein rechnerisch ließen sich auf dieser Fläche zehn Kilo Kartoffeln ernten oder dreißig Salate. In zehn Jahren summiert sich das auf die Größe eines Reihenhausgartens.

Immerhin 14.000 Quadratkilometer

Für Menschen in der Stadt ist Boden ohnehin ein äußerst wertvolles Gut. Als Bauland wird es in Geld beziffert, als Garten mitunter sogar in Zeit: Mancherorts wird jahrelang auf einen Schrebergarten gewartet. Das Stückchen Erde, auf dem nach eigenen Vorstellungen gegärtnert werden kann, lässt sich kaum in Gold aufwiegen. Hier produziert der Boden nicht nur Lebensmittel, sondern auch Glück, wenn die Erdbeeren geerntet oder die Frühkartoffeln ausgebuddelt werden. Wenn der Flieder seinen Duft verbreitet oder der neu gepflanzte Kirschbaum die ersten Früchte trägt. Im Garten ist der direkte Bezug zur Erde möglich. Sie klebt an den Fingern und offenbart ihre Eigenschaften, indem sie manche Pflanzen besser wachsen lässt als andere.

Private Gärten sind meist klein, doch ihre schiere Masse macht’s. Knapp zwanzig Millionen davon gibt es in Deutschland. Privatgärten gehören statistisch zu den Siedlungs- und Verkehrsflächen, die 13,9 Prozent der Fläche Deutschlands umfassen. Entfällt etwa ein Drittel dieser Flächen auf Gärten, rund vier Prozent, sind das immerhin 14.000 Quadratkilometer. Ein David im Vergleich zum Goliath Landwirtschaft, die mit 182.178 Quadratkilometern mehr als fünfzig Prozent der Flächen ausmacht. Und doch nicht zu unerheblich, um Einfluss zu nehmen.

Was also tun mit dem eigenen Stückchen Land?

Zwar ist Garten privater Raum. In Zeiten von Umweltschäden, Insektensterben und Verlust von Biodiversität, schwingt mit dem Besitz eines Stückchen Landes im Grunde eine unausgesprochene moralische Verpflichtung mit, etwas beizutragen – zum Erhalt von Insekten und Vögeln, oder zum Erhalt eines angenehmen städtischen Kleinklimas. Bienenweiden werden gepflanzt und Wildobsthecken. Noch kaum im Fokus ist dabei das Bodenleben. Regenwürmer und Springschwänze, ganz zu schweigen von Algen und Bakterien, haben derzeit keine Lobby. Sie werden nicht in die Überlegungen einbezogen, wenn es darum geht, den Vorgarten neu und vermeintlich pflegeleicht zu gestalten. Dabei gäbe es ohne sie überhaupt kein Leben auf dieser Erde.

Was also tun mit dem eigenen Stückchen Land? In welchem Stil gestaltet wird, ist nebensächlich. Wichtig ist jedoch, dass der Boden lebendig bleibt und nicht verarmt. Schotter und versiegelte Flächen bieten weder Lebensraum noch Nahrung. Nicht nur Vögel, die im Rasen Regenwürmer, kleine Spinnen und Asseln finden, gehen auf solchen Flächen leer aus. Auch die Würmer selbst finden kein organisches Material, um zu überleben.

Lieber einmal genauer hinschauen, anstatt zu versiegeln oder zuzuschütten. So viel Spannendes geschieht hier. Was lebt in der Erde, und wie kann es gefördert werden? Wer ein kostbares Stückchen Boden zur Verfügung hat, kann sich selbst daranmachen, das Leben unter der Erde besser kennenzulernen. Behutsam nur, denn schon ein Spatenstich gleicht dem gewaltsamen Wegreißen einer Hauswand. Das Innere liegt auf einmal schutzlos da, die überfallenen Bewohner krabbeln wild durcheinander. Vielleicht lässt sich auch der Boden als Blackbox verstehen, an dessen Oberfläche sich welke Blätter über Nacht in Regenwurmhäufchen verwandeln und Kompost in neuen Salat. Doch das Wissen um das verborgene Universum, diese für uns so entscheidende Welt, kann der Beginn sein, respektvoller und achtsamer mit ihr umzugehen.

Quelle: F.A.S.
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