Bambus

Ein Gras für alle Fälle

Von Jens Haentzschel
Aktualisiert am 27.10.2020
 - 16:22
Jan Kocourek in seinem Bambuswaldzur Bildergalerie
Mit der Liebe zu Kung-Fu fing es an. Heute betreibt Jan Kocourek in Prag eine in Europa einzigartige Bambusgärtnerei, in der er das vielfältige Süßgras züchtet.

Grün ist die Farbe der Natur. Ihre Wirkung gilt als beruhigend. Mit keiner anderen Farbe verbinden sich so viele positive Assoziationen. Kein Wunder, dass die Psychologie auf Grün zurückgreift. So wird die Farbe eingesetzt, um Menschen mit psychischen Problemen im Heilungsprozess zu unterstützen.

Die Kraft der Farbe Grün spürt Jan Kocourek jeden Tag in seiner Bambusgärtnerei in Prag aufs Neue. Um ihn herum grünt es üppig – und das zu jeder Jahreszeit. Doch während andere auf ein ausgetüfteltes Farbkonzept setzen und akribisch Beete über verschiedene Monate hinweg planen, ist Kocourek tiefenentspannt. Ihm geht es bei seinen Pflanzen um andere Kategorien: Niedrig, halbhoch, groß, riesig sind wesentliche Koordinaten für ihn und seine Kunden. Die immergrüne Pflanze macht sich gut als Gartenbegleiter, denn sie passt zu jeder Anforderung im Garten und ist als Baumaterial so etwas wie ein Wunder. Eine Bambus-Art hat es aufgrund ihres schnellen Wachstums sogar ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Sie wächst bis zu 91 Zentimeter am Tag. Das Süßgras hat mit Blick aufs Klima zudem besondere Qualitäten, bindet es doch Kohlendioxid besser als viele andere Bäume.

Kocoureks Bambusgärtnerei ist renommiert. Seine Süßgräser wachsen je nach Größe mal als Wald, mal als blickdichte Hecke. Kleinwüchsigere Sorten eignen sich perfekt als Beeteinfassung. Andere wiederum machen sich hervorragend als Solitär im Kübel. Bambus kann alles, da ist sich Jan Kocourek sicher. Die Pflanze umgibt nicht nur in der asiatischen Welt die Aura des Magischen. Längst gibt es in Europa immer mehr Bambus-Liebhaber, für die das Süßgras aus dem Garten nicht mehr wegzudenken ist. Entsprechend verwunschen und geheimnisvoll sieht es in Kocoureks Gärtnerei aus, die nicht weit entfernt vom Botanischen Garten in Prag liegt.

Die Vielfalt des Bambus

Die Gärtnerei ist nicht nur Arbeitsort. Das kleine Holzhaus als Wohnort liegt gut versteckt umgeben von Bambushainen. Hier lebt Kocourek mit seiner Frau Laura und den zwei Kindern. Das grüne Labyrinth mit seinen vielen Überraschungen war ein persönlicher Traum von ihm. „Ich habe mich viele Jahre mit Martial Arts beschäftigt und selbst mehr als fünfzehn Jahre intensiv Kung-Fu trainiert“, erzählt er. Alles Asiatische habe ihn in seiner Jugend verzaubert. Dazu gehörte neben grünem Tee auch Bambus. „In meiner Phantasie wollte ich immer ein Martial-Arts-Studio mitten in einem Bambuswald haben.“ Getrieben von dieser Leidenschaft, ist der dichte Wald in den verschiedenen Grüntönen über Jahre gewachsen. Allerdings, für Kung-Fu fehlt dem Gärtner heute die Zeit.

Bambus kommt mit mehr als hundert Gattungen und knapp 1500 Arten vor. Immerhin rund 260 Varietäten stehen in der Prager Gärtnerei im Stadtteil Troja. Fargesia-Sorten, auch als Schirmbambus bekannt, sind in der Überzahl. Sie sind horstbildend ohne Ausläufer, weshalb die sonst so wichtige Rhizomsperre nicht notwendig ist. Als Klassiker gilt Fargesia ’Blue Lizard‘, der eine Höhe von dreieinhalb Metern erreicht und sich perfekt für eine blickdichte Hecke eignet. Das genaue Gegenteil ist die große Gruppe der Flachrohrbambus-Arten, die Gärtnern mitunter Schweißperlen auf die Stirn treiben. Zu diesen rhizombildenden Süßgräsern zählt neben den zahlreichen Phyllostachys-Sorten auch die Gattung Pseudosasa, die in Jan Kocoureks Bambushain die auffälligsten und dicksten Halme bildet. Hier sind Rhizomsperren aus dicker Polyethylen-Folie mit hoher Dichte dringend nötig, damit nicht ungewollt ein Süßgräserwald im Garten wächst.

Beim Erzählen gerät Jan Kocourek ins Schwärmen über die Vielfalt. Mit zielsicherer Hand greift er in die Üppigkeit der grünen Blätter und nennt die Vorteile: Da gibt es die sehr beliebten winterharten Bodendeckerarten wie Sasa kurielensis oder den Zwerg-Bambus ’Distichus‘. Dichtes Blattwerk und ein säulenförmiger Wuchs zeichnet hingegen die aus Japan stammende Gattung Semiarundinaria aus. Wer es viel niedriger mag, dem empfiehlt der Experte Fargesia ’Moontears‘. Der wird regelmäßig geschnitten und bleibt dadurch niedrig. Er eignet sich als winterharter und immergrüner Buchsersatz, denn man kann ihn als Hecke oder Kugel schneiden.

Wer es hingegen waldig mag, dem rät Bambus-Kenner Kocourek zu dem bis minus 20 Grad Celsius winterharten Phyllostachys aureosulcata ’Spectabilis‘ mit seinen teils grün-weiß gestreiften Blättern und den zitronengelben Halmen, die eine wahre Zierde sind. Die Halme können bis neun Meter Höhe und drei bis vier Zentimeter Durchmesser erreichen. Weil die meisten Blätter beim Bambus grün sind, freut sich Kocourek über einen farbenreichen Sämling aus den Vereinigten Staaten. Phyllostachys flexuosa ’Spring Beauty‘ zeigt sich im Frühjahr mit gefärbten Blättern und zählt zu den Raritäten.

Als grüner Ruhepol

Das Stück Land im Stadtteil Troja kaufte Kocoureks Familie 1989 nach dem politischen Systemwechsel der Tschechoslowakei. Einige Jahre später baute der Bambus-Fan auf der völlig zugewachsenen Fläche zwischen gesichtlosen Plattenbauten und einem angrenzenden Naturschutzgebiet die heutige Gärtnerei auf. Die ersten Pflanzen besorgte sich Kocourek in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und England. Über die Jahre wuchs nicht nur die Leidenschaft für Bambus, sondern auch Kocoureks Expertise. Heute ist er als Fachmann führend.

Während die Prager Innenstadt zu Nicht-Corona-Zeiten vom Trubel der Touristen lebt, ist es in der Gärtnerei eher ruhig. Nur das Rascheln der Bambusblätter und Knarzen der oberarmstarken Halme im Wind prägen den Ort. Es ist eine grüne Oase, die auch während der Pandemie für viele Nachbarn aus den Plattenbauten und Freunde der Familie ein Sehnsuchtsort war. Diese Welt der Ruhe und Entschleunigung wird nicht nur von Kocoureks Kunden geschätzt. Seine Frau Laura bietet in den warmen Monaten wöchentlich ihre Yoga-Kurse inmitten der Gärtnerei an.

Jan Kocourek sammelt jede Saison neue Erfahrungen, die ihm helfen, den Bambus besser zu verstehen und ihn perfekt auf den jeweiligen Standort abgestimmt einzusetzen. Auf einer weiteren Fläche außerhalb der Stadt testet er, wie man den hohen Wasserbrauch reduzieren kann. Alle seine Pflanzen kennen die Prager Winter mit kalten Temperaturen und kommen bestens mit den tropischen Sommernächten klar. Dank der vielen modernen Neubauten in und um Prag boomen die Süßgräser wie selten zuvor. Modern und Bambus, das passt für viele perfekt zusammen: als Sichtschutz gegen die Blicke der neugierigen Nachbarn. Als repräsentative Kübelpflanze im Eingangsbereich. Als Heckenelemente zur Gestaltung von Gartenräumen. Als grüner Ruhepol.

Pflegeleicht, beständig und resistent gegen Krankheiten

Bambus ist ein unglaubliches Gras. Es wächst so rasant wie der Markt für Bambusprodukte. In Tschechien wurde aber auch Kritik laut. Im aufkeimenden und spürbaren Populismus im Land gab es einen wahren Feldzug gegen die Süßgräser, eben weil sie sich stark ausbreiten und so heimische und andere Pflanzen schnell verdrängen können. Emotional wurde diskutiert. Für Kocourek ist das Thema ein Ärgernis. Oberflächlich betrachtet, könne er die Diskussion verstehen. „Aber sobald man tiefer gehend diskutiert, merken die Kritiker und Nörgler, dass ihnen die Argumente ausgehen. Denn die Süßgräser haben große Vorteile und sind mit ihrer CO2-Bilanz sogar Klimahelfer. Sie sind alles andere als eine Bedrohung für den tschechischen Hausgarten.“

Seit einigen Jahren kehrt Jan Kocourek zu den alten Gartenbautechniken zurück. Versuche mit In-vitro-Bambus führten nicht zu den gewünschten Erfolgen. Die meisten Süßgräser wuchsen langsamer, verloren schnell ihre Kraft und erschöpften dann den Gärtner selbst mit großer Unzufriedenheit. Heute teilt er Ende März bis Mitte April die Pflanzen mit dem Spaten und erweitert so seine Sammlung. Das Teilen der Wurzelballen verträgt die robuste Pflanze ohne Probleme.

Bambus gilt als pflegeleicht, beständig und resistent gegen Krankheiten. Je älter er wird, desto stärker färben sich die Halme. Zu Beginn ist alles hellgrün, später dann dominieren gelbe und orangefarbene Töne. „Wer also meint, Bambus sei immer nur langweilig grün, der irrt. Die Blätter selbst neigen nicht zu einem großen Farbspiel, aber die Halme können mal bläulich und fast schwarz sein. Das hat einen besonderen Reiz.“ Alle Bambus-Gattungen sind schnittverträglich. Wichtig ist auch, die abgestorbenen Blätter an den Pflanzen zu entfernen. Dann geht die Kraft in die neuen Austriebe, und die Pflanze wird gestärkt. Übrigens nicht nur die. Auch Jan Kocoureks Leben verläuft mit den grünen Alleskönnern weiterhin im grünen Bereich.

Quelle: F.A.S.
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