Vorgarten-Makeover

Das Seerosen-Glück

Von Ursula Kals
22.04.2019
, 09:20
Ist der Teich erst angelegt, kommt der tierische Besuch von ganz alleine vorbei.
Aus dem braunen Rasenfleck soll ein blühender Bauerngarten werden. Viel Kapital braucht es nicht, Phantasie und Einsatz umso mehr. Unsere Autorin Ursula Kals über ihr persönliches Vorgarten-Makeover.
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Der Vorgarten war kein Vorgarten, sondern eine rechteckige, zauselige Rasenfläche, größer als so mancher Reihenhausgarten. Dem vermoosten Gras hatte der Tropensommer den Rest gegeben. Die Vormieter, berufstätig und in rascher Folge wechselnd, mähten das leicht abfallende Stück, und gut war’s. Das Gießen hatten sie eingestellt, um Wasser zu sparen und ein bisschen auch aus Faulheit. Was tun mit der braunen Brache? Schnell einigt sich die neu eingezogene Kleinfamilie: Es soll bauerngartenbunt zugehen und auf gar keinen Fall so zubetoniert wie schräg gegenüber in der Nachbarschaft. Dort ist kein Garten, sondern eine anthrazitdüstere Schotterfläche. Die Bewohner sind stolz ob des kargen Betons und finden ihren kümmerlichen Buchsbaum barock. Es sind freundliche Zeitgenossen, die andere Vorstellungen von Schönheit haben und unser Tun seit Herbst misstrauisch verfolgen, wenn sie uns neugierig mit Gebäck verköstigen.

Am Küchentisch schmieden wir Pläne, so, wie es Fachleute empfehlen, und kommen uns dabei professionell vor: Welche Funktionen soll der Garten erfüllen? Welche Bedürfnisse stillen? Wollen wir dort sitzen, Ball spielen, ernten, soll er repräsentativ sein, oder ist uns das schnurzpiepegal, möchten wir in ihm regelmäßig viel arbeiten oder eher selten – was mit einem Bauerngarten unvereinbar ist?

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Wir werden uns rasch einig, was ehrlicherweise auch daran liegt, dass es hinter der Wohnung noch ein Gartenstück mit Kaninchengehege inklusive Acht-Fichten-Mini-Wäldchen gibt. Im Vorgarten soll zu jeder Jahreszeit etwas Farbenfrohes zu sehen sein. Wir möchten mit Inseln experimentieren, wünschen uns eine Bank als Blickfang, am Wasser führt kein Weg vorbei, sondern seit kurzem ein Rindenmulchpfad. Im vergangenen Herbst haben wir losgelegt. Zuerst wanderte die weiße Holzbank vor die Hauswand. Das sieht gemütlich aus und lockert die öde Fassade auf. Dahinter rankt Wein, vor 40 Jahren angepflanzt als kleiner Rebstock aus der Pfalz. Die Reben tun dem langweiligen Haus aus den sechziger Jahren gut. Aktuell zeigt sich leider nur dürres Holz. Eine kleine Laube, ein Pavillon, ach, das wär’ was, ist aber aufwendig, als viktorianisches Eisengeflecht teuer und wirkt womöglich zu möbliert. So bleibt vorerst die Bank, die mit Kissen bestückt auch Nachbarskinder und -katzen zum Verweilen einlädt.

Steinhart, mit Kieseln und Wurzeln

Und das Wasser? Der Zehnjährige hat Ferien und jede Menge Energie. Im Baumarkt kaufen wir für zehn Euro einen schwarzen Zementbottich, der wird vom Kind eingebuddelt. Das hört sich einfach an, ist aber eine Knochenarbeit, die nur mit Spitzhacke und Einsatzfreude gelingt. Den staubtrockenen Boden hart zu nennen ist eine glatte Untertreibung. Er ist steinhart, mit Kieseln und Wurzeln der Rotbuche des Nachbarn durchsetzt. Endlich klafft das Loch groß genug, der Bottich wird versenkt. Um den Plastik-rand zu verdecken, muss die bunte Keramikfroschsammlung herhalten. Da der Garten – zumindest zunächst – zwergenfrei bleibt, sieht das dermaßen kitschig aus, dass es schon wieder etwas hat. Im Gartencenter wird eine Schwimmpflanze erworben, eine Muschelblume. Die zeigt Blütenrosetten und sieht wunderschön aus. Das Tolle an dem Billigteich – er kostet vor allem Schweiß und macht Kindern Freude. Die bleiben beim Gassigehen mit dem Hund stehen und zählen die Frösche ab. Jedes Mal.

Profis schaffen Gartenräume, komponieren Symphonien in Rot oder Blau und anspruchsvoll angelegte Themengärten. Von diesem Glück wollen wir ein kleines Stück. Den Auftakt macht ein Steingarten in einer Ecke. Wir pflanzen luftiges Zittergras und Blaukissen, bestücken alte Tontöpfe mit Hauswurz. Lampionblume und Erika leuchten gegen den Winterblues an. Dazu suchen wir interessant geformte Steine und schleppen Felsbröckchen an, der Sammeleifer führt dazu, dass wir quasi nur noch mit der Sackkarre spazieren gehen. Im Baumarkt gönnen wir uns drei große Kiesel, die an der Kasse ausgewogen werden, Kostenpunkt 7,20 Euro. Verrottete, nostalgisch bemooste Feldsteine zu arrangieren und neu zu positionieren macht Spaß. Das Kind findet auf einem Ausflug ein Stück Treibholz und verbaut es. Bewohnt wird es seither von einer Plastikeidechse.

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Da es keine Zwölfmonatsblüher gibt, sollen Japan-Anemonen oder Christrosen mit ihren hübschen Blättern in den kalten Monaten das Auge entzücken. Im Übrigen soll uns Jahr für Jahr etwas blühen. So setzen wir auf mehrjährige, robuste Pflanzen. Einjährige Geranien sind schön für die Blumenkästen, aber halt vergänglich. Bauernastern, Löwenmäulchen, Sonnenhüte, Anemonen und zwei Rosenbüsche werden eingegraben und auf zwei „Rondelle“ verteilt, ganz bewusst als farblich einheitliche Kleingruppe, damit es keinen Kraut-und-Rüben-Kuddelmuddel-Effekt gibt. Ohne Hortensien geht nichts, sie lassen jung ihre Pracht erahnen und selbst ihre vertrockneten Blüten verschönern graue Tage. Hauptsache keine Symmetrie, die finden wir unnatürlich. Anfangs sehen die frisch gepflanzten Schätze künstlich aus. „Wie Kuhfladen auf einer ausgedörrten Wiese“, ätzt der Mann. Wir ziehen dennoch unverdrossen unsere Kreise, graben Stücke um, arbeiten Kompost und Blumenerde ein, damit es gute Startbedingungen gibt.

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Die Schwächsten werden die Schönsten sein

Um das Budget nicht zu sprengen, ist es teils dem Zufall geschuldet, was gepflanzt wird, sofern das nicht mit Licht- und Bodenverhältnissen kollidiert. Die Nachbarin spendiert Ableger ihrer selbstgezogenen Tagetes. Ein anderer Nachbar, ein Schöngeist vor dem Herrn, entsorgt seine Begonien, sobald die ersten Blüten schwächeln, und findet in uns dankbare Abnehmer. Im Discounter wird hochgejazzter, stiefmütterlich behandelter Rittersporn zum Spottpreis angeboten. Wir integrieren die halbvertrockneten Rispen auf unsere Krankenstation hinter den Tontöpfen mit wuchernder Pfefferminze. Wir düngen, gießen, pflegen die Verreckerlis und freuen uns am Tierheimeffekt – die einst vernachlässigten Schützlinge danken es später mit üppigem Wuchs. Die Schwächsten werden die Schönsten sein. Basta. An einem trüben Tag versenken wir Zwiebeln, Tulpen, Traubenhyazinthen, Narzissen und freuen uns, bei den Grabungen Schneeglöckchenzwiebeln zu sichten. Vorfreude ist auch eine Freude und wird in diesen frühlingshaften Tagen mit zauberhaften Farbtupfern belohnt.

Nach all der Wühlerei beschenken wir uns mit einem großen Teichbecken, knapp 200 Euro, 1000 Liter Fassungsvermögen. Das Kind plagt sich ab und versenkt sich in die Mammutaufgabe, ein Freund assistiert bei der Grubenarbeit. Ein kleiner Molch, der den Minitümpel besucht hat, sorgt für einen gigantischen Motivationsschub. Zufällig wird die Straße aufgerissen. Ein Mann mit Bagger erbarmt sich des Kerlchens. Am letzten Tag fährt er vor. „Junge, soll ich dir helfen?“ Im Nu finden sich Nachbarn ein und bestaunen das Schauspiel: Die mächtige Baggerschaufel senkt sich, hebt sich, türmt Erdberge in die Einfahrt und erledigt in wenigen Minuten eine Arbeit, die sonst Wochen gedauert hätte. „Sagt das nicht meinem Chef“, mahnt der Baggerführer und auch, die flott gedrehten Smartphonefilmchen zu löschen.

Fortan ist er der Held unserer Straße, der Ärger über den Baulärm verrauscht. Leider ist der Gastmolch weitergezogen. Still ruht der Baggersee in den Wintermonaten. Auf gut Deutsch: Das nackte, schwarze Plastikbecken sieht potthässlich aus. Sobald die Nächte frostfrei sind, werden die Arbeiten beendet und Wasserpflanzen folgen. Sommer mit Seerose – wie herrlich das schon klingt! Mittlerweile schlängelt sich ein Rindenmulchpfad auch zum zweiten Teich. Bald wird er von duftendem Lavendel umsäumt sein. Zur Zeit läuten Bellis und Stiefmütterchen die hellen Tage ein. Einen Birn- und einen Mirabellenbaum haben wir im gerade gepflanzt, für eine Vertikale ist gesorgt. Noch sind das nackte, 1,50 Meter hohe Gehölze, an denen nur das bunt baumelnde Früchtebild verheißungsvoll erscheint. Gärtner brauchen Geduld und ihre Projekte sind nie abgeschlossen. Und das ist ein Glück.

Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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