Gepflanztes Kunstwerk

Ein Bild von einem Garten

Von Jens Haentzschel
Aktualisiert am 15.11.2020
 - 21:11
Der Garten wächst in die Zukunft und erinnert durch viele Bezüge an die Vergangenheit. zur Bildergalerie
Mit neuen Akzenten und Respekt vor dem Alten: Eine Landschaftsarchitektin aus Erfurt hat ihren kleinen Garten zur großen Bühne gemacht. Gut geplant und das ganze Gartenjahr blühend.

Der Blick auf bunte Flächen und Farben, die auf einer Leinwand verschwimmen – für Carla-Cornelia Bittorf verbinden sich damit tief eingeprägte Erinnerungen. Rot fließt ins Orange. Grün berührt behutsam das Blau des Himmels. Weiße Tupfen bilden Momente der Irritation, bevor das Auge aus allen Details ein großes Ganzes zusammensetzt.

Wenn sie sich an ihre Kindheit erinnert, dann daran, wie sie ihrem Vater, der als Kunstmaler sein Geld verdiente, über die Schulter blickte oder zusah, wie ihre Mutter ihre eigenen kleinen Kunstwerke anfertigte. Kunst war allgegenwärtig. Das hat sich bis heute nicht verändert. Carla-Cornelia Bittorf malt nicht, aber ihre Leinwand ist ein 450 Quadratmeter kleiner Hausgarten. Ihre Pinsel sind Schaufel, Spaten, Grabegabel und ein Pflanzensortiment, das kaum Wünsche offenlässt.

Wie ein Gemälde oder eine Bühne, weil es ja auch um Tiefe geht, hat auch ihr Garten in Erfurt Struktur. Deshalb ist der Verweis auf ein Pflanzentheater nicht abwegig. Am besten nimmt man als Gast den Garten wahr, wenn man auf einer kleinen Terrasse sitzt. Ein Zwischenbereich oder Zuschauerraum, der Haus und Scheune von den Anpflanzungen trennt und gleichsam den besten Blick auf die Bühne bietet. Grün, Weiß und Creme herrschen vor. Alles hier strahlt Ruhe aus. Das Beet teilt sich ein riesiger Oleander im Kübel mit der weißen Strauchrose ’Schneewittchen‘ und Gruppen der Bodendeckerrose ’Schneeflocke‘. Buchsbaumkugeln geben Struktur und ziehen sich als ästhetisches Stilmittel durch alle Bereiche. Zart ist der Abschluss mit der Euphorbie ’Diamond Frost‘ als filigraner Bodendecker.

Mixed Border im Hauptbeet

Das große Theater findet im Hauptbeet statt und erinnert an die berühmten Mixed Border. Es spielt auch mit Reminiszenzen an Arts-and-Crafts-Gärten, die formal, verspielt, bunt und üppig sind, bei denen Grenzen verschwimmen und Pflanzungen ineinanderwachsen. Kunst und Handwerk werden ebenso in Verbindung gesetzt, wie Haus und Garten eine feste Einheit sind. Eine Fachwerk-Scheune aus dem Jahr 1873 ist mit Tuffsteinen ausgefacht, einem Baustoff der Region. Selbst die Scheune hält sich farblich dezent zurück. Vor zwei eckigen Hainbuchenhecken als Raumteiler steht

ein weißer Tisch mit historischen Stühlen und einer Bank. Es sind Logenplätze für Carla-Cornelia und ihren Mann Bernd Bittorf. „Dieser Bereich ist bewusst zurückhaltend gestaltet. Wenig Farbe und viel Ruhe waren mir hier wichtig, denn hinter den Hecken geht es dann als Kontrast zur Ruhe mit dem Blütenfeuerwerk los.“

Als Landschaftsarchitektin weiß sie, wie es geht, mit Stauden, Gräsern und Co. die Bretter, die ihre Welt bedeuten, zu gestalten. Wenn sie irgendwo etwas in die Erde setzt, dann ist ihr bewusst, wie es aussieht, wenn alles gewachsen ist. Das Bild ist längst in ihrem Kopf entstanden.

Herbst ist Tanzzeit im Sonnenbeet. Gräser, Anemone, Gaura und Phlox machen den Wind sichtbar und wiegen sich beschwingt in den Beeten. Es ist ein Auf und Ab, ein Hin und Her mit Partnerwechsel und unterschiedlichem Tanzstilen. Die großblättrigen Funkien schauen aus dem Schattenbereich neidisch, aber träge zu und bieten in Kombination mit den zarten Farnen und den langsam verblühenden ’Rotlaub‘-Schaublättern etwas Urwaldcharme unter einem mächtigen Gravensteiner Apfelbaum, der Anfang 1900 auf dem Grundstück gepflanzt wurde. Im Frühling wächst sich eine mächtige ’Bobby James‘-Ramblerrose durch den Baum und hängt wie eine weiße Wolke im Garten.

Ein kleiner Weg teilt Sonnen- und Schattenbereich. Diese gemulchte Mittelachse ist Jahr für Jahr die größte Herausforderung. Weil die Pflanzungen aus Bodendeckern und Stauden ohne Pflege zerfließen und sich ungeniert ausbreiten, ist Carla-Cornelia Bittorf ständig daran interessiert, die unbotmäßige Lust am Wachsen zu minimieren. Im Sonnenbeet geben die Stauden alles, um aufzufallen. Das Beet wurde gezielt als Farbband angelegt. Es beginnt mit hellen Gelbtönen und endet in einem tiefdunklen Rot an der westlichen Grundstücksgrenze mit einer Schwarzroten Hängebuche, ein Baum wie geschaffen auch für kleine Gartenräume.

Auf der Nordseite verdeckt eine Kulissenpflanzung bewusst das Nachbarhaus. Hier steht ein ungewöhnliches Gehölz, eine schleppenartig wachsende Zapfenfichte. Sie wurde am Ende des 19. Jahrhunderts im schwedischen Uppsala entdeckt und in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts vielfach in Deutschland gesetzt. In jüngerer Zeit erlebt die breit wachsende Immergrüne eine Renaissance. Auf dem Weg zum dunkelsten Punkt im Garten setzt die Landschaftsgestalterin besonders im Herbst mit zwei Klassikern intensive Lichtpunkte. Eine weiße Rose leuchtet ebenso wie eine hoch wachsende Dahlie.

Diese Art der Gestaltung sorgt für punktuelle Überraschungen und weitet den Garten im Herbst optisch auf. Ein „guter“ Garten darf für sie nicht langweilig sein, sondern sollte Abwechslung bieten und zu jeder Tagesstunde oder Jahreszeit seinen eigenen Reiz haben. Diese Philosophie lässt sich in dem Privatgarten gut sehen. Nicht nur sie hat daran Anteil. „Ohne meinen Mann könnte der Garten nie so aussehen, wie ich es plane und in Gedanken entwerfe.“

Durchblühender Garten

Im Frühjahr ist das Gartenbild durch eine Vielzahl von Tulpen, Narzissen und Krokussen geprägt. Den Rahmen geben Obstbäume, Formgehölze, aber auch blühende Solitärsträucher und die Frühlingsrose ’Golden Chersonese‘ mit ihren großen schalenförmigen Blüten, die schon im April blüht. Wenige Wochen später wird es spektakulär. Die verschiedenen Allium-Sorten übertrumpfen sich mit immer neuen Wuchshöhen. Ein Fest für die Augen in Lila. Im Juni leuchten die Ramblerrosen, nun im Herbst zeigen die Stauden, was sie können. „Das Ganzheitliche ist mir wichtig. So muss für mich Garten sein. Da hat Karl Foerster mit seinem Durchblühen schon recht.“

Was ihr noch einfällt zum Thema „gut“: Ein Garten ist immer ein Ort für Gefühle, der deshalb im besten Fall ganz unterschiedliche Emotionen auslösen soll. „Das ist dann die eigentliche Herausforderung bei der Planung. Aber die Palette an Handwerkszeug reicht für mich aus, um das Ziel zu erreichen.“ In ihrem Garten kennen nur Wachsen und Aussamen den Zufall. Alles andere ist strikte Planung, genaues Hinsehen, vor allem viel Handarbeit.

Gartenplanung: Dialog mit der Vergangenheit

Würde und Respekt sind Worte, die Carla-Cornelia Bittorf bei all ihrer Kunstfertigkeit beim Gestalten von Gartenräumen wichtig sind. Ihr geht es darum, die Seele des Raums zu spüren und den Ort in all die Überlegungen mit einzuplanen. Einen Garten zu planen ist für sie immer ein Dialog mit der Vergangenheit. Dabei geht es nicht ums Bewahren, sondern immer ums Weiterentwickeln.

Ihr Wohnhaus war ursprünglich ein Armenhäuschen, ein Fachwerkgebäude mit nur einem Stockwerk. Es steht im alten Ortskern des Erfurter Stadtteils Gispersleben unmittelbar neben einer kleinen Barockkirche. Bittorfs Eltern lebten hier, daher kennt Carla-Cornelia Bittorf die alte Struktur bestens. „Die Mittelachse gab es bereits, aber mein Vater hatte alles sehr formal angelegt. Es gab zwei Stechfichten, zwei Lebensbäume als Säulen, viel Rasen, etwas Erdbeeren an den Rändern, auch schon Stauden, aber zurückhaltender.“

Der Garten ist ein Geschenk, das mit viel Gespür für Pflanzungen bewahrt, gepflegt und weitergedacht wird. Die vormals harten Formen wurden aufgeweicht, so dass die Übergänge weniger spürbar sind. Schließlich hat jede Generation einen eigenen Blick.

Vieles hat sich verändert. Das alte Fachwerkhaus wurde zu DDR-Zeiten aufgestockt und überformt, hat aber doch Charme bewahrt. Die Erfurter Landschaftsarchitektin nennt Haus, Hof, Scheune und Gartenbeete einen „Gegenentwurf zur Postmoderne“, die schleichend, aber immer wahrnehmbarer mit Neubauten samt verschotterten Vorgärten und grauenvollen Folienzäunen als Sichtschutz die Ortsteile verunkrauten. Nach dem Tod des Vaters hat die Tochter gemeinsam mit der Mutter angefangen, den Garten zu bewirtschaften. „Ich weiß es bis heute sehr zu schätzen, was mir meine Eltern vermacht haben. Ich habe großen Respekt und spüre die Verantwortung. In unserem Garten gibt es immer noch Bezüge zu meiner Vergangenheit.“

Da sind die Bergenien, die ihr Vater gepflanzt und geliebt hat. Da macht jedes Jahr aufs Neue der mehr als hundert Jahre alte Gravensteiner-Apfelbaum auf sich aufmerksam. Da rankt sich eine stolze ’David Austin‘-Rose hinter Säulen in die Höhe. Die Rose erinnert an ihre Mutter, die Säulen hat ihr Vater selbst gemauert und mit Kieselsteinen verziert. Der Garten wächst in die Zukunft und erinnert dank vieler Bezüge an die Vergangenheit.

Rosen sind eine eigene Leidenschaft. Gut sechzig Sorten tauchen im Garten an ganz verschiedenen Stellen auf: Rambler-, Kletter-, Strauch- oder Bodendeckerrosen. Dann eine gelungene Mischung aus historischen und modernen Züchtungen. Dabei war die Rose nicht gleich von Anbeginn eine Herzensangelegenheit für sie. „Die Liebe zur Rose habe ich entdeckt, als ich in Bad Langensalza den Rosengarten planen durfte. Ich dachte anfangs, o Gott, Rosen, das wird am Ende ein bunter Garten, aber je mehr ich mich mit den Pflanzen beschäftigt habe, desto mehr entdeckte ich das große Spektrum und die Spannung, die man mit ihnen aufbauen kann.“

Weil ein Garten bekanntlich niemals fertig ist, gibt es auch hier immer neue Ideen und Projekte. Wasser wäre ein Thema, das in der kommenden Zeit noch ein wenig in den Garten integriert werden soll. Gern in Verbindung mit historischen Baustoffen wie Tuff. Darauf legen beide großen Wert. Nachdem eine riesige Stechfichte der Sitka-Laus zum Opfer fiel, soll auch der äußerste Teil des Gartens neue Strukturen bekommen. Auf dem Papier gibt es schon Ideen, aber meist entdeckt Carla-Cornelia Bittorf ihre gewünschten Gartenbilder, wenn sie gedanklich ihre Pflanzen neu sortiert, verschiebt oder letztendlich mit einer Schaufel oder dem Spaten in der Hand beginnt, umzupflanzen. Dann ist aus der Suche schon ein Finden geworden.

Quelle: F.A.S.
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