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Gartengestaltung

Farbenrausch zu Pfingsten

Von Jens Haentzschel
Aktualisiert am 01.06.2020
 - 13:11
Züchter Steffen Schulze in seinem Schaugarten in Wettin-Löbejün in Sachsen-Anhalt.zur Bildergalerie
Die Pfingstrose begeistert im Frühjahr Gartenliebhaber. Für den Züchter Steffen Schulze hat sie noch ganz andere Vorzüge als ihre opulente Erscheinung.

Dieses Jahr war mal wieder alles etwas anders. Schon Anfang April, als Narzissen und Tulpen noch mit erhobenen Köpfen im Beet ihren Auftritt genossen, zeigten sich in einigen Privatgärten die ersten Knospenansätze bei den Pfingstrosen. Mal zartrosa, mal kräftig rot, drückten sie sich aus dem Blattgrün. Ein Anblick, der Gärtnerherzen höherschlagen lässt. Wie immer wunderschön anzusehen, aber insgesamt zu zeitig. Wenige Wochen später explodierten die einfachen wie gefüllten Knospen dann in den Gärten in einem Farbspektrum, das von Mandelweiß über Chiffongelb bis hin zu Korallenrot reicht.

Die Pfingstrose, botanisch Päonie, hat eine lange Kulturgeschichte. Benannt ist sie nach Paian, dem Gott der Heilkunde, der mit einer Pfingstrose die Wunden des Gottes Pluton geheilt haben soll. In China wird sie seit mehr als 2000 Jahren kultiviert und zählt zu den betörendsten Pflanzen der kaiserlichen Gärten. Man sagt ihr heilende und magische Wirkungen nach. Sie verzaubert durch Eleganz und Opulenz, gehört zu den schönsten Blühern im Mai. Sie kann die Massen in hysterische Begeisterung versetzen und dennoch dem Einzelnen das stolze Gefühl vermitteln, dass nur er allein versteht, wie grandios diese Pflanzengattung ist.

Bei allen Geschichten rund um die Pfingstrose fällt dem Züchter Steffen Schulze im sachsen-anhaltischen Wettin-Löbejün ein eher pragmatischer Ansatz ein: Für ihn ist die Päonie eine Pflanze für faule Gärtner. Was irritiert, wenn er in seinem großen Schaugarten rumwirbelt und alles andere als träge wirkt. Denn Arbeit gibt es genug. Den Boden hacken und fräsen, die einzelnen Sorten pflegen und immer mal wieder bewässern. Alles Handarbeit auf mehr als zwei Hektar Fläche.

Der Mai ist für Steffen Schulze nicht nur ein arbeitsintensiver Monat, denn er fühlt sich wonnig wohl inmitten der leuchtenden Pracht: Hier unzählige Staudenpäonien oder die begehrten Intersektionellen, also Kreuzungen zwischen Strauch- und Staudenpäonien, dort Strauchpäonien der Gattungen Lutea- und Rockii-Hybriden oder die beliebten Suffruticosa-Hybriden aus Asien, Europa oder den Vereinigten Staaten mit so wohlklingenden Namen wie ’Chateau de Courson‘, ’Princess Amelie‘, ’Ezra Pound‘ oder ’Leuchtende Verführung‘. Auf letztere Sorte ist Schulze besonders stolz, denn es ist eine seiner vielen eigenen Züchtungen.

Wenn er übers Züchten spricht, leuchten seine Augen. Dann spürt man die Innigkeit zwischen Gärtner und Kultur. Dabei hat Schulze in den ersten Jahren noch unzählige Pflanzen dazugekauft. Nach und nach wagte er selbst erste Versuche, bevor er dann aus Neugier und mit immer mehr Elan mit der eigene Züchtung begann. Sorten wie ’Daniela‘, ’Friederike‘, ’Verrücktes Zebra‘ oder ’Emisa‘ sind längst Klassiker und lassen Schulze selbst aufblühen. Doch Züchtung kann man schwer planen. Sie braucht Zeit und ist ein Glücksspiel.

Bei Strauchpäonien vergehen vom Samen bis zur ersten Blüte gut sechs Jahre. „Die erste Blüte ist wie ein Adrenalinrausch“, sagt Steffen Schulze. Wobei er nicht weiß, ob er diesen Rausch auch mit anderen teilen kann, denn vorerst ist die Züchtung noch sein privates Glück. Schon die Vorfreude auf den möglichen Erfolg ist ein Vergnügen. Es folgen Jahre der Beurteilung, des Umpflanzens, der erneuten Beurteilung. Erst nach sechs bis sieben weiteren Jahren kann Schulze dann die Marktreife erkennen, bevor es noch einmal drei Jahre dauert, bis er die ersten Pflanzen verkaufen kann. Bei Staudenpäonien geht das ganze Prozedere etwas schneller.

Züchter brauchen Forschergeist

In Steffen Schulzes Gärtnerei unweit der Autobahn A 14, die Leipzig mit Magdeburg verbindet, stehen unzählige Pflanzenreihen dicht an dicht. Drei Reihen mit jeweils 120 Meter Länge sind wahre Schatztruhen. Hier wachsen Sämlinge, quasi die Zukunft der Päonie. Einige Exemplare sind noch ungeöffnet, andere fallen schon aus dem Raster der Weiterentwicklung. Wenn sich die Blüte zu sehr unter den Blättern versteckt, hat die Pflanze keine Chance. Auch die Farbe ist ein Argument, manche gibt es eben schon dutzendfach.

Doch einige Kreuzungen haben Potential, auch wenn sie noch namenlos sind. Den Überblick verliert der Gärtner nicht. Alle Kreuzungen sind genau notiert. Auf was er beim Züchten von Strauchpäonien großen Wert legt, ist die Robustheit und eine längere Blütezeit. Besonders viele japanische Päonien verlieren schon beim ersten Wind ihre Blüten. Deshalb will Schulze mehr: Besserer Wuchs, längere Blüte, Kompaktheit und Duft sind wichtige Kriterien. Rosa als Farbe ist bei ihm ein Trend, und gefüllte Päonien sind ihm verlässlicher als die einfachen, die auch als Schnittblume eher schlappmachen.

Züchten bedeutet für ihn ein Stück Forschergeist neben dem Alltagsidealismus in seiner Spezialgärtnerei. Von hundert Versuchen sind am Ende gerade einmal zehn Sorten vermehrungswürdig. Doch es gibt einige Pflanzen, bei denen er ein gutes Gefühl hat und die in den kommenden Jahren die Gärten der vielen Pfingstrosenliebhaber erobern sollen. Rote Bänder signalisieren ihm: Hier wächst ein Volltreffer.

Die schweren Böden in dieser Gegend machen es Steffen Schulze leicht, seinem Können zu vertrauen. Die Lehmböden der Börde-Ausläufer sind schwarz, schwer und saftig. Wichtiger noch, sie sind extrem ertragreich, auch wenn es einmal längere Zeit trocken ist. Hier fühlt sich die Königin ohne Dornen, wie die Pfingstrose genannt wird, sichtlich wohl. Sie trotzt dem Klima, mag es sonnig, ist ausdauernd und bei guter Pflege sehr langlebig. Im Herbst verschickt Schulze seine wurzelnackten Rhizome an seinen Kunden, dann ist die beste Pflanzzeit.

Das Gärtnerblut hat Steffen Schulze von seinem Vater, der Nebenerwerbsgärtner war. Doch der Sohn wollte nicht sofort in die väterlichen Fußstapfen treten, sondern lieber mit Pflanzen planen. Also studierte er Landschaftsarchitektur. Umwege führten ihn wieder zurück vom Planen am Rechner zur Päonie und zu dem Rechen. Statt klassischen Beet- und Balkonsortiments, mit dem fast jede Gärtnerei punktet, suchte Schulze nach etwas Speziellem und entdeckte mit der Pfingstrose als langlebiger und pflegeleichter Kultur eine perfekte Nische. Angeregt wurde er auch in einer der schönsten Päonien-Gärtnereien der Welt. Ihr Name: Pivoines Rivière im südfranzösischen Crest.

Die Neuausrichtung der elterlichen Gärtnerei war damals ein Traum. Fast zwanzig Jahre später ist er erfüllt, aber längst noch nicht ausgeträumt. Pfingstrosen sind für Schulze etwas Bleibendes. „Sie haben Charakter, Schönheit, werden bei guter Pflege mit dem Besitzer gemeinsam alt“, sagt er. „Dennoch bin ich in meiner Gärtnerzunft ein Exot.“ Wo andere in einer immer schneller werdenden Zeit ganz saisonal denken, da geht er den Weg der Entschleunigung. Die Pfingstrose braucht Zeit. Die bekommt sie. Während seine Kollegen im Frühjahr verkaufen und vermarkten, schlendert er im Mai an seinen Schauwochenenden gelassen mit Busladungen voller Menschen durch seinen Pfingstrosengarten und notiert sich später die Wünsche und Bestellungen. Manch eine Kreuzung ist so zufällig entstanden wie plötzlich begehrt. In diesem Jahr ging eine Handvoll Pflanzen zum Stückpreis von knapp 500 Euro an Sammler. In solchen Momenten wird nicht nur Schulzes Können, sondern auch seine Geduld belohnt.

Quelle: F.A.S.
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