Gartengestaltung

Der Zauber orientalischer Gärten

Von Ina Sperl
22.09.2020
, 11:31
Ob Alhambra oder Taj Mahal – orientalische Gärten haben einen ganz eigenen Reiz. Woher der rührt und warum die Vorstellung vom Paradiesgarten falsch ist, ergründet ein neues Buch.

Das Wasser kommt aus den Bergen. Ein Kanal bringt es zum Palast. Es füllt Becken und Wasserläufe, bringt Fontänen zum Sprudeln. Es kühlt, schafft Atmosphäre und zeugt von Luxus und Macht. Denn Wasser ist lebensnotwendig in heißen, trockenen Regionen wie Andalusien. Wer es kontrollieren und durch seinen Palast leiten kann, wie einst die Herrscher der Alhambra, ist mächtig.

Besucher, die aus der flirrenden Hitze Granadas in die kühlen Innenhöfe der Burganlage kommen, fühlen sich leicht in eine Welt aus 1.001 Nacht versetzt: Marmor und Fliesen, feinziseliert ausgearbeitete Gewölbe der maurischen Architektur und immer wieder: Wasser. Der Löwenhof wird bestimmt von einem zentralen achteckigen Brunnen, von dem schmale Rinnen in die vier Himmelsrichtungen führen. Entstanden ist er, genau wie der Myrtenhof mit seinem 240 Quadratmeter großen Wasserbecken, im 13. und 14. Jahrhundert, als die muslimisch-maurischen Herrscher die Alhambra erweiterten. Auch im benachbarten Sommerpalast Generalife spielt Wasser eine zentrale Rolle, etwa im Hof mit dem Bewässerungskanal. Dort plätschern zwei Reihen schlanker Fontänen in ein rund 50 Meter langes Becken.

Wasser ist ein entscheidendes Merkmal des orientalisch-persischen Gartens. Denn Wasser ist Leben: Von einem guten Kanalsystem hängt in trockenen klimatischen Zonen alles ab. Ideal ist, wenn es fließt, daher haben die schmalen Kanäle meist ein leichtes Gefälle. Sie bilden die Achsen des Gartens. Aus einer Längs- und einer Querachse ergibt sich eine Vierteilung, die neben dem Wasser eines der wichtigsten Kennzeichen dieser Anlagen ist.

Wasser, Milch, Wein und Honig

Oftmals wird in Bezug auf die vier Flüsse von Wasser, Milch, Wein und Honig, die im Koran erwähnt sind, von einem „Paradiesgarten“ gesprochen. Eine Interpretation, die laut Gartenhistoriker Jochen Wiede nicht zutreffend ist. Zwar mag ein subjektiver paradiesischer Eindruck entstehen, wenn Menschen aus der Hitze in den Schatten kommen und Wasser, Kühle, vielleicht Düfte von Pflanzen sinnlich erleben. Auch bedeutet Wasser Reinheit, die im Islam wichtig ist, und vier Kanäle wie die des Löwenhofs mögen vier Flüssen gleichen. Doch um bewusst angelegte Paradiesgärten handelt es sich nicht, stellt Wiede klar. In seinem Buch über die orientalisch-persische Gartenkultur (marixverlag 2020) geht er der Entstehungsgeschichte dieser Gärten nach.

Die so typische Vierteilung der Wassergärten hat ihren Ursprung in den Anlagen von Nutzgärten, für die die Kanäle unentbehrlich waren.

Die Anfänge der Gartenkultur liegen im alten Ägypten. Pharaonen wie Echnaton ließen Nutz- und Ziergewächse anpflanzen. Wasser war von immenser Bedeutung nicht nur für den Anbau, sondern auch, weil es das lebenspendende Licht der Sonne – den Gott Aton – reflektiert. Mehr als 3.000 Jahre alte Bildnisse aus der Tempelanlage Maru-Aton zeigen blühende Pflanzen, die zum Nutzen oder zur Zierde gezogen wurden: Papyrus, Lotos und Wein. Auch Datteln, Granatäpfel, Mandeln und Akazien gab es, was Ausgrabungen belegen. Wasser und Pflanzen blieben das bestimmende Element der ägyptischen Gärten, die meist einem Palast oder einem anderen Gebäude zugeordnet waren.

Die Perser, die um 500 bis 300 vor Christus in Ägypten herrschten, müssen sich von diesen Gartenanlagen haben inspirieren lassen – im Umgang mit Pflanzen, in der Zuordnung zu einem Gebäude und in der Idee eines Pavillons, schreibt Wiede. Auch mit Rom und Byzanz wird es einen kulturellen Austausch gegeben haben. Doch erst als sich die persisch-islamischen Reiche im 10. Jahrhundert festigten, konnte eine eigene Gartenkultur heranreifen. Zunächst entwickelte sie sich in Andalusien, denn in Persien selbst stagnierten Wirtschaft und Kunst zu Beginn der islamischen Epoche ab dem 7. Jahrhundert. Die kulturelle Blüte ereignete sich auf der Iberischen Halbinsel, in al-Andalus, wo die Mauren von etwa 700 bis 1.500 regierten. Hier mischten sich westliche und östliche Einflüsse, sowohl in der Kunst als auch in der Architektur, und die Alhambra gehört zu den wichtigsten Baudenkmälern der Zeit.

In Persien, dem Kernland des heutigen Iraks und Irans, lebte die Gartenkultur erst allmählich auf. Vom 11. Jahrhundert an entstanden Anlagen vornehmlich als Orte der Zurückgezogenheit, bestimmt durch strenge Wasserachsen und Baumreihen, die die Nutzpflanzen beschatteten. Erst Jahrhunderte später wurden die Gärten laut Wiede symbolisch mit den vier Strömen des Korans in Verbindung gebracht.

Die viergeteilte Struktur führt zu Kreuzungs- und Endpunkten, die durch Bauten bestimmt werden. Sie geben dem Garten seine Bedeutung, denn sie sind Sitz des Herrschers oder auch seine letzte Ruhestätte. Besonders eindrucksvolle Beispiele sind die Mogulgärten in Indien, Gipfel der islamischen Gartenkultur. Das im 17. Jahrhundert entstandene Taj Mahal etwa ist als Totengarten mit einem riesigen Mausoleum zu verstehen. Doch Pavillon, Wasserkanäle und Gliederung finden sich auch dort wieder. Hier mag der Paradies-Aspekt im Sinne des Jenseits hinzukommen, aber auch solche Anlagen dienen in erster Linie der Demonstration von Macht.

Möglich, dass die islamischen Gärten auch die europäischen des frühen 20. Jahrhunderts beeinflusst haben, über den Umweg Indiens. Der britische Architekt Edwin Lutyens pflegte enge Beziehungen zur Kronkolonie, von 1912 bis 1930 war er an den städteplanerischen Entwürfen Neu-Delhis beteiligt. Jahre zuvor hatte er gemeinsam mit Gertrude Jekyll Gärten im Geiste des Arts and Crafts Movements angelegt. Hier flossen schon seine Eindrücke der Mogulgärten ein, sagt Jochen Wiede – verwendete Lutyens doch in den modernen englischen Projekten Wasserkanäle als strukturierendes Element, zum Beispiel in Hestercombe House: Das abgesenkte Parterre liegt nicht allzu fern von der Idee des viergeteilten islamischen Gartens, vor allem aber sind es die langen, schmalen Wasserkanäle und steinernen Becken, die einen Einfluss der Mogulgärten nahelegen.

Wasser, die Verbindung zu einem Gebäude oder Palast, die klare Struktur mit einer Vierteilung sind die Besonderheiten des persisch-orientalischen Gartens. Pflanzen spielten hingegen eine untergeordnete Rolle, im Vergleich zur großen Bedeutung, die sie in unseren heutigen Gärten haben. An einer Wertschätzung von Blumen und Gehölzen fehlte es jedoch nicht. Dem Propheten Mohammed wird der Satz zugesprochen: „Hätte ich zwei Laibe Brot, würde ich einen verkaufen und mir für den Erlös Hyazinthen erstehen, um damit meine Seele zu nähren.“ Doch drückte sich die Liebe zu den Pflanzen eher im Kunsthandwerk aus, in Stuckornamenten von Palästen, in Miniaturen, auf Fliesen und Textilien.

Während der abendländische Garten sich nach dem Mittelalter von einem nach innen gewandten hortus conclusus zu einem nach außen geöffneten Gelände entwickelte, das in den Dialog mit der Außenwelt trat, findet so eine Wendung in den persisch-orientalischen Anlagen nicht statt. Der Garten ist vom Außen abgegrenzt und setzt sich nicht direkt mit der umgebenden Landschaft auseinander, orientiert sich vielmehr zum Palast hin. Er flößt Ehrerbietung ein, ähnlich wie einst die europäischen Barockgärten.

Private Gärten zur Erholung kamen erst im 19. Jahrhundert auf, wurden von wohlhabenden Kaufleuten angelegt. Heute gibt es zahlreiche neu gebaute Gärten, die die klassischen Strukturen und Merkmale aufgreifen – nicht nur in Kairo oder Hyderabad, sondern auch in Berlin, wo in den „Gärten der Welt“ 2005 der „Orientalische Garten“ eröffnet wurde. Säulen und Bögen, Fliesen und Ornamente schmücken die Anlage, angepflanzt sind Rosen und Granatäpfel, Oliven und Maulbeeren. Das wichtigste Element bleibt jedoch das Wasser, das im „Garten der vier Ströme“ über kleine Fontänen kunstvoll in flache Becken plätschert. Es schafft nicht nur an Sommertagen eine paradiesisch anmutende Atmosphäre.

Jochen Wiede: Orientalisch-Persische Gartenkultur; marixverlag 2020

Quelle: F.A.S.
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