Kolumne Hütten & Paläste

Albträume in Acryl

Von Ursula Kals
23.09.2021
, 12:15
Buntes Sammelsurium
Leere Wände sind zu kahl, da soll etwas hängen, findet die Familie. Nur was? Sich zu einigen, ist nicht so einfach.
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Weiße Wände lassen kleine Butzen größer wirken, sind modern, aber auch ein bisschen seelenlos. Was hängen wir auf? Das Sammelsurium an Schnappschüssen gilbt vor sich hin. Der Nachwuchs geniert sich für die Planschbeckenfotos, von Opa in Serie geschossen, verheerend fürs Teenagerimage. Die Kitakrikeleien sind längst ins elterliche Schlafzimmer verbannt. Selbst die Großen sehen sich kritisch auf den Familienbildern, von Jahr zu Jahr weniger Haare, mehr Falten, mehr Kilos, nö, runter mit der peinlichen Galerie. Streng tagt das Familiengericht: Fotos werden scharf zensiert, das Wort vom „Recht am eigenen Bild“ wird bissig vorgetragen. Aufnahmen, auf denen sich alle gefallen, haben Seltenheitswert, vier schaffen es in die Endauswahl und finden in den gleichen Rahmen im Quadrat am Treppenaufgang diskret ihren Platz.

Der kleinste gemeinsame Nenner fürs Wohnzimmer sind Natur- und Architekturaufnahmen. Die gibt es serienweise im Möbelhaus, das mit seinem individualistischen Image wirbt und konfektionierte Kunst von der Stange bietet: Da schweben die berühmten Bauarbeiter über den New Yorker Wolkenkratzern in Butzbach-Süd, und die Sehnsuchts-Skyline von Sydney befeuert im Sauerländischen die Reiselust. Seltsam ist es schon, den gängigen Bildmotiven allerorten zu begegnen. Weichgezeichnete Entschleunigungsachtsamkeitsmotive haben es in die Bäder geschafft – Tautropfen großgezoomt wie Melonen, Kieselsteine in Topform als Hintergrund für Steinbuddhas. Die Sinfonien in Grün sind immer noch angenehmer, als sich plötzlich mit dem Gipsabdruck des Neun-Monats-Bauchs einer hormongesteuerten Mutti konfrontiert zu sehen. Letzter Ausweg Gästeklo. Die ganz, ganz originellen Dekorateure – Achtung, Ironie – hängen sich den röhrenden Hirsch oder die dunkelhäutige, lockenumwallte Schönheit im Goldrahmen übers Sofa.

Kreative greifen selbst zu Pinsel und Leinwand, um ihr Heim zu verschönern. Manchmal gebiert so viel Schaffensfreude überraschende Originale, bei denen sich der Laie ernsthaft fragt, warum es diese Bilder nicht ins Museum geschafft haben. Eine Heldinnengeschichte im Bekanntenkreis nahm so ihren Lauf – da bewunderte ein Besucher die Bilder, der kannte wiederum einen Galeristen. Eine kleine Künstlerinnenkarriere nahm Fahrt auf. Das dürfte die Ausnahme der Ausnahme sein. Oft sind die Versuche Albträume in Acryl: Überdimensionierte Äpfel auf schräger Schale, ein Sonnenuntergang in schreiendem Pink, eine grottenschlechte Van-Gogh-Kopie. Wüste Linien, wilde Striche – „das war die Phase, als ich mich von Klaus-Dieter getrennt habe“. Es muss eine sehr, sehr unglückliche Zeit gewesen sein. Zurück zu den Anfängen. Dann lieber auf kahle Wände starren. Bei den Kumpels hängen angeblich kaum Bilder. Stattdessen gibt es einen riesigen Flachbildschirm, schwenkbar, kinosaalmächtig. „Das wäre mein Lieblingsbild“, sagt das jüngste Mitglied des Haushalts. Notfalls könne er ja per Stick Gemälde der Art Gallery aufspielen. „In Ultra High Definition!“

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Quelle: F.A.S.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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