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Aufräumen als Familientherapie

Hempels auf der Couch

Von Anne-Christin Sievers
 - 12:34

Eine Wohnung, die blitzt und blinkt, in der alles seinen Platz hat und die Ordnung einer zwingenden Logik folgt, wer möchte das nicht? Aufräumgurus wie Marie Kondo mit ihrer „Konmari“-Methode oder Werner Küstenmacher mit seinem Bestseller „Simplify your life“ zeigen allen, die sich nach einem aufgeräumten Zuhause sehnen, wie man seine Unterwäsche und Handtücher so faltet, dass sie in kleine Boxen passen, oder wie man sich von Überflüssigem trennt.

Viele Menschen sind darum bemüht, ihre vier Wände aufgeräumt und in Ordnung zu halten, und dennoch gelingt es mindestens genauso vielen nicht. Sie haben zu viele Sachen, die obendrein in der Wohnung keinen festen Ort finden. Das sorgt für Chaos und führt zum Dauerstreit um die Frage, wer wann und wo hier mal endlich Ordnung machen sollte.

Den wenigsten kommt in den Sinn, dass die scheinbar störende Unordnung ihnen eigentlich ganz nützlich ist. Wie das? Gereiztheit hin, Genervtheit her: Unordnung im Haus kann eine unbewusste Strategie sein, um Reibungen zu vermeiden und Konflikte zu verbergen, die eigentlich hinter dem alltäglichen Gezeter über den nicht gemachten Abwasch, die dreckigen Wäscheberge oder den vollgestellten Keller liegen. Wer darüber zankt, hat ein Thema, über das er ohne große Folgen streiten kann.

Sich zu weigern, in der eigenen Wohnung aufzuräumen, kann auch ein Weg sein, Konflikte auf eine verschobene Art auszuleben. Litt der Vater unter kontrollhaftem Ordnungszwang, der schon jede stehengelassene Tasse als Angriff auf sein Harmonieempfinden erscheinen ließ, mag sich das Kind, wenngleich längst erwachsen, absichtlich in der Unordnung eingerichtet haben. Als stiller Akt der Rebellion und um den Vater zu ärgern, der zwar gar nicht mehr anwesend ist, im eigenen Kopf aber umso präsenter.

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Weg mit den Rumpelecken!

Ständig neue Baustellen

Unabsichtlich und absichtlich zugleich verstellt man sich auch deshalb den Weg und den Blick mit Unterlagen, Dingen, Erinnerungsstücken, Spielzeug und Möbeln, weil eine klare Sicht unangenehme Wahrheiten zutage bringen würde und ein freier Weg dazu einlädt, ihn zu gehen und die Umstände zu verändern. Wer weiß, vielleicht verlässt mich meine Frau, wenn wir uns nicht mehr mit den Dingen um uns herum ablenken können und nach dem Aufräumen wirklich deutlich wird, wie unglücklich wir in dieser Beziehung sind? Vielleicht braucht das Kind die mütterliche Hilfe und damit die Mutter in ihrer bisherigen Rolle nicht mehr, wenn es seinen Haushalt selbst in Schuss halten kann?

Räume geben einem Haus oder einer Wohnung Struktur. In einem Zimmer wird geschlafen, im anderen gearbeitet, im dritten gespielt. Räume haben auch eine symbolische Bedeutung und bringen Botschaften über die Beziehungen zueinander, das Zusammenleben zum Ausdruck, so etwa das gemeinsame Schlafzimmer der Eltern, die eben nicht nur Eltern, sondern auch Paar sind. Lässt sich diese Aufteilung durch die zunehmende Menge an Dingen und Chaos nicht mehr aufrechterhalten, so stellt das für die Beteiligten oft eine Grenzverletzung dar. Die Möglichkeit und Fähigkeit, den eigenen Raum abzugrenzen und damit auch die eigenen Interessen, Bedürfnisse und Persönlichkeit zu wahren, geht verloren. Stellt die Mutter, anstatt auszumisten, ihre Kleiderschränke ins Kinderzimmer, oder verteilt der Partner seine Hobby-Utensilien wie Angelzubehör oder alte Autoteile aufs ganze Haus, sagt das auch etwas darüber aus, was und wer im Haus wie viel Raum einnehmen darf und warum. Und wenn das Elternschlafzimmer zur Abstellkammer verkommt und das Ehebett unter Massen an Kinderspielzeug nicht mehr zu sehen ist, wird augenfällig, welcher Beschäftigung sich das Paar abends ganz sicher nicht mehr widmet – und vielleicht ist das gerade Sinn der Sache.

Begreift ein Paar sein Haus als gemeinsames Projekt, das zusammenschweißt, tun sich ständig neue Baustellen auf – erst das Bad renovieren, dann die Küche erneuern, als Nächstes wird der Dachboden ausgebaut und im Garten ein Teich angelegt. Immer gibt es etwas zu tun. Hauptsache, dieses Projekt hört niemals auf, denn das würde heißen, man ist fertig mit dem Haus und damit auch miteinander. „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod“, sagt ein türkisches Sprichwort.

Warum halten wir an Objekten fest?

Sich von Dingen zu trennen fällt zudem besonders schwer, wenn sie eben aus einem bestimmten, wenn auch verborgenen Grund noch da sind. So plagt vielleicht die Kinder, die das Haus vom Vater geerbt haben, das schlechte Gewissen, seine Sachen im Keller einfach wegzuwerfen – so als würde man undankbarerweise den Vater selbst und die Erinnerung an ihn gleich mit entsorgen. Bevor diese Gedanken und Gefühle aufkommen, lässt man daher lieber alles unangetastet. Wir identifizieren uns stark mit den Dingen, die uns umgeben: Der Stuhl hat der verstorbenen Mutter gehört, das Bild hat die Tochter am Tag der Einschulung gemalt, und die Jacke hat man beim ersten Date getragen, auch wenn sie lange nicht mehr passt. Für ihre Besitzer sind sie mit vielen Emotionen aufgeladen und bedeuten weit mehr als ihr materieller Wert – das ist auch schön, wenn es sich um ausgewählte Stücke handelt. Doch wer die Masse nicht mehr differenzieren kann und all die persönlichen Reliquien behalten muss, versperrt sich die Zukunft. Zudem sind Andenken, Möbel, Klamotten nicht wir, genauso wenig wie der silberne Ring identisch ist mit der großen Liebe, von der wir ihn einst bekommen haben und die uns später verlassen hat.

Wir halten an diesen Objekten fest, gerade weil wir Menschen nicht gehenlassen wollen, die schon lange gegangen sind, weil wir einen Teil von ihnen bewahren wollen und uns nicht darauf verlassen können, dass die Erinnerung auch ohne materielle Stütze auskommt. Weil wir nicht zulassen wollen, dass die Erinnerung verblasst, auch wenn das manchmal sogar das Beste wäre. An diesen Dingen festzuhalten kann ein Weg sein, sich von einem Lebensabschnitt nicht verabschieden und nicht weitergehen zu müssen.

Doch manchmal nimmt man die Menschen, die tatsächlich um uns herum sind, erst wieder richtig wahr, wenn all das Überflüssige aus dem Sichtfeld verschwindet. Dann muss man sich wieder miteinander beschäftigen, anstatt die Energie auf Nebenschauplätzen zu verschwenden. Sich mit dem anderen auseinanderzusetzen, Verhältnisse zu klären und über Probleme zu sprechen bietet gleich zwei Chancen: erstens wieder in glücklicheren Beziehungen zum Partner und der Familie zu leben und zweitens in einem schönen Zuhause zu wohnen, in dem man sich von Altem trennen kann und Neues seinen Platz findet, weil man die Unordnung einfach nicht mehr braucht.

Quelle: F.A.S.
Anne-Christin Sievers
Redakteurin in der Wirtschaft.
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