Leseraktion

Wie Nachbarn sich verzetteln

Von Christa Rosenberger
17.05.2022
, 12:05
Manche Nachbarn werden beste Freunde, andere entpuppen sich als Feind hinter der Thujahecke.
Böse Briefe und Tritte gegen die Mülltonne: Was sich in einer Reihenhaussiedlung im Taunus zuträgt, könnte überall spielen. Erzählen auch Sie uns Geschichten aus der Nachbarschaft!
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Im Sommer vor zweiunddreißig Jahren, als im Garten der Wildkirschenbaum prächtige rote Früchte trug, bezog das Ehepaar Schmidt, das eigentlich anders heißt, das Haus der verstorbenen Eltern in dem Mikrokosmos einer Reihenhaussiedlung im vorderen Taunus. Beide freuten sich auf ein künftiges Wohnerlebnis am Rande von Wiesen und Feldern inmitten der Natur und waren schon neugierig auf ihre Nachbarschaft.

Es waren keinerlei Hürden und keine Fallstricke vorhanden, die einem guten Verhältnis im Weg hätten stehen können. Die Tochter erwachsen, sie lebte auswärts, der Pflegehund ein braves, zurückhaltendes Tier, und das Ehepaar selbst bevorzugte lieber kleine Gästeeinladungen statt rauschender Partys. Zudem waren die Nachbarn zur Linken langjährige Freunde und die Nachbarn zur Rechten, ein pensionierter Richter mit seiner Frau, sympathische, verträgliche und überaus friedfertige Zeitgenossen.

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Doch es dauerte genau eine Woche, bis Herr Schmidt einen handgeschriebenen Zettel in seinem Briefkasten vorfand. Eine Familie W., die an dem hinteren Privatweg wohnte, schrieb von den zermanschten Wildkirschen vom Baum der Eheleute Schmidt und von Vogelsch. . . und dass es eine Zumutung sei, dass dieser Dreck in ihren gepflegten Vorgarten und somit auch in ihr gepflegtes Haus getragen würde. Sie verlangten eine tägliche Reinigung – und dass der Kirschbaum gefällt werden müsse.

Die Sache mit dem Zettel war erst der Anfang

Nach dem ersten Schreck machten sich die Schmidts kundig über das Nachbarrecht in Hessen, 19. Auflage, und schrieben zurück, dass nach Paragraph 906 ff., Absatz 15 die „Beeinträchtigung“ durch vom Nachbargrundstück herüberfallende kleine Beeren oder Früchte eine ortsübliche und zumutbare Einwirkung sei, die toleriert werden müsse. Sie verwiesen auf entsprechende Gerichtsurteile und empfahlen Familie W., vor ihrem Grundstück öfter mal den Besen selbst in die Hand zu nehmen.

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Man ahnt. Die Sache mit dem Zettel war erst der Anfang, es sollten Jahre vergehen und unzählige Briefe hin- und herwandern, bis die W.s ihr Haus verkauften und in eine andere Gegend zogen, der Wildkirschenbaum indessen weiter wuchs, blühte und rote Früchte trug, die die Amseln zu schätzen wussten.

Auch ein weiterer Nachbar machte dem Ehepaar Schmidt das Leben schwer. Ein pedantischer alleinstehender Rentner, der als Nörgler in der ganzen Reihe bekannt war und der mit dem Metermaß in der Hand die Efeuranken der Schmidts argwöhnisch belauerte, ob diese nicht bald seinen Balkon in Besitz nehmen würden.

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Auch eine als freundlich empfundene Nachbarin vom Eckhaus wurde später entzaubert, als sie sich laut zeternd über die ihrer Meinung nach unordentlich platzierten Mülltonnen der Schmidts beschwerte und den Hindernissen einen kräftigen Tritt verpasste, weil die Tonne ihr beim Einparken die Sicht versperrten.

Die Zeit verging, viele Eigenheimbesitzer(innen) mieteten sich in Seniorenheimen ein, wurden alt, krank, pflegebedürftig oder starben.

Kinderjuchzen störte plötzlich niemanden mehr

Junge Familien mit kleinen Kindern wohnten jetzt in den Reihenhäusern und setzten auf eine erfrischende, andere Art Impulse einer Nachbarschaft. Kinderjuchzen störte plötzlich niemand mehr und auch keine Bratwurstdünste vom Grill und kein fröhliches Lachen nach 22 Uhr.

Aber ausgerechnet im Corona-Jahr 2020 kam es bei den Schmidts noch einmal zu einer unschönen und zugleich traurigen Situation, die sie noch lange beschäftigen sollte.

Zwei Jahre zuvor waren neue Nachbarn in die Siedlung gezogen. Mit kleinen Kindern und zwei Katzen.

Die Schmidts luden die Familie zu einem Willkommenstrunk ein, und fortan erschienen täglich die beiden Kater und machten ihre Aufwartung. Schon bald fühlten sich die tierliebenden Schmidts als Pflegeeltern und warteten mit Leckerlis auf ihre Besucher. Abends schlüpften die Katzenbrüder durch ein Loch im Zaun zurück in ihr eigentliches Zuhause. Eines Tages adoptierten die Nachbarn einen Hund. Einer der Kater freundete sich sofort mit dem Rüden an, während der schüchterne Kater Leo Angst hatte. Vermutlich deshalb blieb er irgendwann einfach bei den Schmidts und weigerte sich, nach nebenan zu gehen. Die Wahlherrchen schlugen vor, dass man gemeinsam versuchen sollte, das verängstigte Tier langsam an den Hund im eigenen Haus zu gewöhnen, aber sie stießen mit all ihren Bemühungen auf taube Ohren. „Einfach rausjagen und nicht wieder reinlassen“ hieß die Parole der Besitzer für das Problem.

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Die Schmidts aber brachten es nicht übers Herz, den Kater vor ihrer Terrassentür stehen zu sehen, dort, wo er mit großen fragenden Augen die Welt nicht mehr verstand.

Sie versuchten wieder und wieder, mit den Nachbarn darüber ins Gespräch zu kommen, um eine Lösung zu finden, aber deren Ton wurde rauer und unfreundlicher, und schließlich war der Rest nur Schweigen.

Dann klingelte es an einem Abend bei den Schmidts, und zwei Polizeibeamte standen vor der Tür. „Sie haben den Kater Ihrer Nachbarn gekidnappt“, sagten sie vorwurfsvoll, „und wir sind jetzt gekommen, ihn zu holen.“ Sie zerrten das Tier, das sich verkrochen hatte, aus seinem Versteck hervor und trugen es wie eine Beute zu seinen Besitzern zurück.

Anderntags betonierte der Nachbar alle Schlupflöcher zu, und seitdem hat das Ehepaar Schmidt nie mehr eine der Katzen zu Gesicht bekommen und nie mehr ein Wort mit den Nachbarn gewechselt.

Frühjahr 2022

Putin hat die Ukraine überfallen, ein Despot will ein Nachbarland mitten in Europa auslöschen.

Bestürzende, apokalyptische Bilder von Tod, Leid, Schmerz und Verwüstung. Ein Himmel, schwarz vor Rauch, verstörte Kinderaugen, weinende Mütter, Männer in Kampfanzügen, ein brennendes Krankenhaus zwischen zerschossenen Panzern und verkohlten Autowracks.

In das leer stehende Reihenhaus neben den Schmidts sind für eine unbestimmte Zeit ukrainische Flüchtlinge eingezogen. Eine Mutter mit einer Tochter und zwei halb erwachsenen Söhnen nebst ihren betagten Eltern.

Frau Schmidt hat eine Tüte mit Süßigkeiten an die Haustür der Neuankömmlinge gehängt und mittels Google-Übersetzer Grüße und Wünsche in ukrainischer Sprache auf einem Bogen Papier ausgedruckt, mit einem gelb-blauen Herz und einer weißen Friedenstaube. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. An Ostern fanden die Schmidts vor ihrer Haustür einen Schokohasen und ebenfalls eine Nachricht. Sie lasen: „brauchen sich nicht Sorgen machen. Uns geht gut in Häusern 38, ihre neue Nachbarn“!

Mitmachaktion: Meine lieben Nachbarn

Liebe Leserinnen und Leser, wir alle kennen das: Manche Nachbarn werden beste Freunde, andere entpuppen sich als Feind hinter der Thujahecke. Darüber hinaus ist in diesem Verhältnis Platz für zwischenmenschliche Nuancen jedweder Art. In Treppenhäusern, von Balkon zu Balkon, Wand an Wand und bei Begegnungen in der Einfahrt kommen wir mit den Menschen aus unserem allernächsten Wohnumfeld auf besondere Art und Weise in Kontakt. Überraschungen sind garantiert.

Wussten Sie, dass es einen Tag der Nachbarn gibt? In diesem Jahr wird er am 20. Mai gefeiert. Aus diesem Anlass interessieren uns Ihre schönsten, schlimmsten, kuriosesten und unerwartetsten Erlebnisse mit der Nachbarschaft.

Lassen Sie uns teilhaben und schreiben Sie uns an:

wohnen@faz.de

Wir stellen eine kleine Auswahl in einer der nächsten Ausgaben vor.

Quelle: F.A.S
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