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Vom Pilz erleuchtet

Von BIRGIT OCHS

02.03.2018 · Naturnahe Einrichtung hieß bisher vor allem: Holz. Auf die Dauer ganz schön langweilig. Denn auch aus Kräutern, Moos und sogar Pilzen lassen sich Stühle, Teppiche und Lampen herstellen.

Moosleuchte Moosalisa Foto: Freund GmbH

D ie Nase hat für gewöhnlich nichts zu melden, wenn es gilt, einen Raum einzurichten. Bei der Auswahl entscheidet das Auge. Erst hinterher ist das Riechorgan gelegentlich gefragt. Dann nämlich, wenn mit den neuen Möbeln ein strenger, chemischer Geruch im Wohnzimmer Einzug hält oder die frisch tapezierten Wände den olfaktorischen Sinn der Bewohner strapazieren. Bei den Produkten von Organoid ist das anders. Da geht es bei der Auswahl immer der Nase nach. Denn die Kunden können gar nicht anders, als an Lampenschirmen zu schnüffeln, an Tapeten oder den Dekorbeschichtungen, mit denen sich zum Beispiel Kommoden und Küchentresen verkleiden lassen. Was sie riechen? Brennnessel und Sternanis, Löwenzahn und Salbei, Minze und Gänseblümchen. Almwiesen. Je nach Mischung und Art der Verarbeitung.

Aktuell hat der Hersteller aus Tirol nach eigenen Angaben 500 natürliche Rohstoffe im Sortiment, aus denen er Oberflächen für Lampen, Mobiliar und Wandverkleidungen fertigt, darunter auch exotische Zutaten wie Almrose, Kaktusblume und Silberflechte. Ob Blüten, Gräser, Gewürze oder Samen – Hauptsache natürlich und in der Möbelproduktion nicht üblich, so könnte man das Motto der Organoid Technologies GmbH zusammenfassen. Die duftenden Ingredienzien werden getrocknet, teils gemahlen, gesiebt und gepresst und zu Oberflächen verarbeitet wie zum Beispiel Akustikdecken und Handyhüllen. Aber auch in die Sitzschale eines Stuhls eingearbeitet, indem Naturfaservliese mit den natürlichen Oberflächen beschichtet und entsprechend geformt werden. „Eigentlich kann man damit alles verkleiden“, sagt die Ingenieurin Stefanie Friedel. Und selbstverständlich würden Kräutermix und Blütenpotpourri nur mit Bindemitteln verarbeitet, die frei von Bioziden, Weichmachern und Lösemitteln seien.

Der Londoner Designer Sebastian Cox experimentiert mit Myzelien, aus denen Champions und Baumpilz sprießen. Foto: Hersteller
Ein Pilz zum Hinhocken Foto: Hersteller
Auch Lampen werden aus Pilzmasse in Form gepresst. Foto: Hersteller

In der großen Möbelwelt zählt ein Angebot wie das des österreichischen Herstellers eindeutig zu den Exoten. Auch wenn der Trend zur „Natur“ schon einige Jahre währt, als große Mode beschränkt er sich fast ausschließlich auf ein einziges Material: Holz. Der Baustoff ist allgegenwärtig, sympathisch, vertraut bietet er in den eigenen vier Wänden die Gewissheit, dass doch noch alles beim Alten ist, derweil die Welt und das Leben immer digitaler und vernetzter werden. Holz ist so etwas wie das ästhetische und haptische Gegenprogramm zu den gläsern-glatten Oberflächen. Die grünlich-körnige Waldwiesenmix-Tapete von Organoid, die dort klebt, wo der Beamer eine Netflix-Serie an die Wand werfen könnte, wäre dann so etwas wie ein Akt der Verweigerung.

Auf jeden Fall ist es aber eine kreative Auseinandersetzung mit Materialien aus anderen nachwachsenden Rohstoffen. Organoid Technologies gehört damit zu den immer zahlreicher werdenden Vertretern des sogenannten biophilen Designs, das versucht, die Verbindung des Menschen zur Natur auch in der gebauten Umwelt zu intensivieren. Das ist eine Nische, doch sie wächst – und grünt dazu. Im wahrsten Wortsinn und in Form von Moos. Die mal weichen, mal knubbeligen harten Polster sind im Innenraum nicht wirklich eine Neuheit, wenn man bedenkt, dass die Firma Freund aus Berlin schon seit 35 Jahren damit wirbt, die „Natur in die Räume zu bringen“. Aber momentan spielt den Anbietern der Trend in die Karten. Wenn Grün an Hochhausfassaden wie der des Bosco Verticale in Mailand oder in Singapur plötzlich als non plus ultra gilt, um etwas fürs Stadtklima zu tun oder der Betonwüstenästhetik zu trotzen, warum dann nicht auch den Wald ins Wohnzimmer oder den Flur holen? Freund jedenfalls verzeichnet seit sechs Jahren nach eigenen Angaben kontinuierlich ein jährliches Wachstum von 30 Prozent.

Stuhl mit Wiesenoptik von Organoid Foto: Organoid Technologies

Anders als im Außenraum ist die Begrünung der heimischen vier Wände absolut pflegeleicht. Der Renner ist das weiche, hellgrüne Islandmoos, es gibt aber auch Polstermoos und flaches Waldmoos. Die Mooswände werden nach Ernte und Reinigung nicht nur mit natürlichen Farbmitteln behandelt, sondern zudem so konserviert, dass sie weder Wasser, Düngung noch Licht brauchen. Nur ums Abstauben wird man sich wohl Gedanken machen müssen. Hersteller wie Hydroflora, Mosswall und Moospaneele bieten nicht nur großflächige Wandverkleidungen, sondern auch individuell gefertigte Wandbilder. Kontrastreiche Farbkombinationen sind begehrt, heißt es bei Freund. Und eine Dschungeloptik herzustellen, sei kein Problem.

Dass der Stoff des Waldes sich gut in Innenräumen macht, hat neben der beruhigenden Optik auch mit seinen positiven Auswirkungen auf die Raumakustik zu tun: Mooswände absorbieren nach Angaben der Anbieter Schallwellen zwischen 500 und 3000 Hertz und sind damit als Schallschlucker ziemlich effektiv. Das bringt sie nicht nur in Arztpraxen und Hotels als Ausstattungszutat ins Spiel, sondern macht sie auch in Zeiten offener Grundrisse interessant. Damit nicht genug. Die Manufaktur aus Berlin setzt darauf, das Produkt Moos (und daneben auch Baumrinde) zunehmend vom bloßen Gestaltungswerkstoff hin zum Designobjekt zu entwickeln, vor allem in der Kombination mit Leuchten.

Wandbild mit Gras, Moos und Federn von Effi Home Couture Foto: Effi Home Couture

Kräuter, Gewürze, Rinden und Moos sind jedoch fast schon konventionell und längst salonfähig, verglichen mit dem jüngsten Naturwerkstoff, mit dem bisher vor allem angelsächsische Designer im Möbelbau experimentieren: Pilze. Genauer Myzel, also jenes Fasergeflecht im Boden, aus dem Champions und Baumpilz überhaupt erst sprießen. Der Londoner Designer Sebastian Cox etwa hat gemeinsam mit einer Forscherin ein Verfahren entwickelt, um aus eben jenem Ausgangsstoff ein robustes Material herzustellen. Vermengt mit Resten aus dem Holzbau wird die Pilzmasse in eine Form gepresst. Nach einigen Wochen sind die Zutaten nicht nur getrocknet, sondern auch miteinander verwachsen. Noch sind der Stuhl und die Lampe, die Cox auf diese Weise gefertigt hat, Prototypen. Doch das Interesse ist groß, heißt es. Und dass mit dem Werkstoff Pilz noch zu rechnen sein könnte, zeigt auch das junge Unternehmen Ecovative aus New York, das ebenfalls mit Myzel arbeitet und gemeinsam mit dem Start-up Bio Manson immerhin schon Pilzmöbel auf den Markt gebracht hat. Ein Stuhl ist für 250 Dollar zu haben. Zum Vergleich: Ein Sitzmöbel von Organoid Technologies kostet etwa um die 400 Euro.

Einen weniger experimentell-innovativen Weg als die Myzel-Möbelmacher beschreitet hingegen das deutsche Start-up Effi Home Couture, hinter dem die 25 Jahre alte Eva Zimmerbeutel steht. Die junge Textildesignerin aus Remscheid hat sich ebenfalls dem biophilen Design verpflichtet und setzt in ihren handgefertigten Webprodukten Materialien wie zum Beispiel Bananenblätter, Moos und Straußenfedern künstlerisch-spielerisch in Szene. Zu Produkten wie Kissenbezüge, Plaids, Teppiche und Wandbilder verarbeitet Effi Home Couture ausschließlich organische Materialien oder recycelte Werkstoffe. So entstehen Wohlfühlstücke in allen möglichen Formaten, darunter mit 20 mal 20 Zentimetern kleine Werke, die oft weniger als 100 Euro kosten und nach Angaben der Gründerin vor allem auch bei ihren Altersgenossen gut ankommen. Während die großen Formate beziehungsweise die Meterware wie auch Kräutertapete, Wildblumendekor und Mooswände der anderen Hersteller in erster Linie über Innenarchitekten und Raumausstatter ins Innere der Häuser gelangen, verkauft Effi Home Couture die kleinen Produkte vor allem an Endverbraucher.

Quelle: F.A.S.