FAZ plus ArtikelMehrgenerationen-WG

Wohnen für Hilfe

Von Henrik Rampe
06.05.2021
, 09:55
Lieber gemeinsam statt einsam, dachte sich Walter Tießler und gründete mit über 80 Jahren eine WG. Über ein Konzept, von dem Jung und Alt profitiert.

Es gibt eine WG-Regel, die ist für Walter Tießler nicht verhandelbar: „Ich möchte hier im Haus von niemandem mit Herr Tießler angesprochen werden. Wir duzen uns.“ Der heute 91-Jährige hat sich mit dieser Forderung seit Jahren erfolgreich gegen jeden Widerstand seiner Mitbewohner durchgesetzt. Walter ist Walter, auch für Aldina Imamović, die vor knapp einem Jahr in die Dreier-WG nach München-Forstenried gezogen ist. Am Anfang ging ihr das Du nur schwer über die Lippen, erzählt die Auszubildende. Die 58 Jahre Altersunterschied, der Respekt vor dem Alter. Aber dann hätte Walter nur gesagt: „Ach komm, so ein Schmarrn. Wir wohnen jetzt zusammen.“

In der oberen Etage hat sie ihr Zimmer bezogen. 19 Quadratmeter groß und möbliert. Im Nebenzimmer wohnt Jasmina, die dritte Bewohnerin der Wohngemeinschaft. Drei Menschen teilen sich Küchentisch, Kühlschrank und Garten. So weit, so normal. Deutschlandweit leben knapp fünf Millionen Menschen in Wohngemeinschaften. Dabei steht das Kürzel WG oft synonym für Partynächte, nächtliche Lernschichten und ungespülte Teller.

Testen Sie unser Angebot.
Jetzt weiterlesen.

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

Diese und viele weitere Artikel lesen Sie exklusiv mit F+
Darum geht es

Das Konzept „Wohnen für Hilfe“ führt zwei Generationen zusammen: Junge Menschen, die auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum sind, und zumeist Senioren, die sich Unterstützung im Alltag wünschen. Grundidee der Wohnpartnerschaft ist, dass Studierende oder Auszubildende ein Zimmer im Haus von Senioren mietfrei bewohnen. Im Gegenzug verpflichten sich die jungen Mitbewohner, kleinere Dienste im Alltag zu übernehmen. Unterstützung bei Computerfragen, Gartenarbeit, Einkaufen, Hofeinfahrt kehren, Chauffeurdienste oder kleinere Reparaturen, wie genau die Hilfsleistungen aussehen, besprechen beide Parteien im Regelfall vorab. Als grobe Orientierung gilt: pro Quadratmeter privater Wohnfläche wird eine Stunde Hilfe im Monat geleistet. Bei einem Zimmer von 15 Quadratmetern entsprechend 15 Stunden monatlich. Nebenkosten wie Wasser, Strom oder Gas werden üblicherweise separat abgerechnet.

Das Modell „Wohnen für Hilfe“ ist an sich nicht neu, aber erfreut sich insbesondere in Universitätsstädten steigender Beliebtheit. Von Konstanz bis Kiel, von Aachen bis Potsdam, in mittlerweile mehr als 30 deutschen Städten ist die Wohnpartnerschaft etabliert. Den Anfang machte Darmstadt, wo 1992 eine Studentengruppe der Fachhochschule die generationsübergreifende WG-Form initiierte. Schon damals zeichnete sich ab, dass die Melange aus steigenden Studierendenzahlen und steigenden Mietpreisen zu einem angespannten Wohnungsmarkt führen würde. Heute geben Studierende nicht selten die Hälfte ihres Budgets für Mietzahlungen aus. In München beispielsweise liegt die monatliche Warmmiete für eine 30-Quadratmeter große Studentenwohnungen mittlerweile bei 724 Euro und übersteigt damit die maximale Bafög-Wohnzulage von 325 Euro um Längen. Ältere, oft alleinstehende Menschen mit Wohneigentum hingegen hegen oftmals den Wunsch, möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Im besten Fall führt „Wohnen für Hilfe“ beide Seiten und ihre Wohnvorstellungen zusammen. Die Vermittlerfunktion zwischen Jung und Alt übernehmen zumeist Studierendenwerke oder Wohlfahrtsverbände in der Stadt.

Senioren sind zwar die mit Abstand häufigste, aber nicht die einzige Zielgruppe. Auch Alleinerziehende sowie Menschen mit Handicap gehen auf Wohnpartnersuche. Nicht anders als bei anderen WG-Formen auch, lernen sich beide Seiten vor dem Einzug erstmal kennen. In manchen Fällen wird auch ein Probewohnen vereinbart, um zu schauen, ob beide Seiten in puncto Alltagsroutinen, Geräuschpegel und Ordnungssinn und auf einer Wellenlänge liegen.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot